Nachrichten Januar 2014


KRIEGSVERBRECHEN: Verfahren gegen Siert Bruins eingestellt

Hagen. MWE/NRC/TR/VK/Zeit Online. 09. Januar 2014.

Siert Bruins Zoom

Siert Bruins bei seiner Ankunft vor dem Hagener Gerichtsgebäude im Jahr 1979, Quelle: NA (930-5156)/Anefo/Koen Suyk/cc-by-sa

Der Prozess gegen den niederländischen NS-Kriegsverbrecher Siert Bruins vor dem Landgericht Hagen ist gestern ohne Ergebnis zu Ende gegangen. Der 92-Jährige stand wegen Mordes am niederländischen Widerstandskämpfer Aldert Klaas Dijkema, den er im Jahr 1944 begangen haben soll, vor Gericht. Das Verfahren wurde jedoch eingestellt, da der Tathergang nicht eindeutig rekonstruiert werden konnte.

Die Erschießung Dijkemas hatte bisher als Totschlag gegolten und war erst 2012 als Mordfall neu aufgerollt worden (NiederlandeNet berichtete). Da in den Jahren seit der Tat jedoch entscheidende Beweise verloren gegangen sind und Bruins nicht nachgewiesen werden konnte, dass er selbst auf heimtückische Weise die Schüsse abgegeben hatte – und nicht, wie von ihm behauptet, sein Vorgesetzter – fehlte die Grundlage für eine Verurteilung wegen Mordes. Bruins wurde jedoch auch nicht freigesprochen, da er nach wie vor des Totschlags schuldig sei, auch wenn dieser nach deutschem Recht nach 20 Jahren verjährt.

Bruins, der aus Groningen stammt, meldete sich mit 20 Jahren zur Waffen-SS und beteiligte sich an der Bekämpfung des niederländischen Widerstandes. Nach dem Krieg wurde er wegen mehrerer Tötungsdelikte zum Tode verurteilt, das Urteil wurde jedoch in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt. Bruins konnte sich nach Deutschland absetzen und besaß dort als ehemaliger SS-Mann die deutsche Staatsbürgerschaft. Die deutsche Justiz wurde erst auf ihn aufmerksam als ihn Simon Wiesenthal, damals Leiter des jüdischen Dokumentationszentrums in Wien, Ende der 70er Jahre aufspürte. Wegen Beihilfe zum Mord an zwei jüdischen Brüdern wurde Bruins zu einer Freiheitsstrafe von sieben Jahre verurteilt – die Erschießung Dijkemas galt jedoch als Totschlag und war damit bereits verjährt.

Erst durch ein Urteil des Landgerichts Aachen, das SS-Mann Heinrich Boere 2010 in einem ähnlichen Fall wegen Mordes verurteilte, änderte sich die Ausgangslage. Da Mord nicht verjährt und sowohl niederländische als deutsche Medien kritisch nachfragten, rollte die Staatsanwaltschaft in Dortmund den Fall neu auf und brachte ihn in Hagen erneut vor Gericht (NiederlandeNet berichtete).

Zu einem früheren Zeitpunkt sagte Bruins über seine Tätigkeit bei der Waffen-SS: „Ich bedaure nicht, was ich im Krieg getan habe und ich habe keine Sekunde deswegen wach gelegen. Es wurde mir durch meine Vorgesetzten aufgetragen. Es war meine Arbeit.“ Bislang hatte man angenommen, dass Bruins der letzte noch lebende Niederländer sei, der sich für ein Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs verantworten muss, da andere niederländische Kriegsverbrecher inzwischen verurteilt oder verstorben sind. Die Liste, laut derer Bruins der letzte niederländische Kriegsverbrecher sein soll, hat aber den Haken, dass sie nur Kriegsverbrecher aufführt, die sich in den Niederlanden befanden. Dadurch konnten viele, die an Kriegsverbrechen außerhalb der Niederlande beteiligt waren, einer Verurteilung entkommen. Der Historiker Cees Kleijn spürte zusammen mit dem Journalisten Stijn Reurs in einem Zeitraum von vier Jahren rund 400 niederländische Nazis auf, von denen die Mehrheit allerdings keine Kriegsverbrechen begangen hat. Und doch zeigt sich, dass Siert Bruins bei Weitem nicht der letzte noch lebende Niederländer ist, der trotz seiner Taten während des Zweiten Weltkriegs heute in Freiheit lebt.


Impressum | © 2016 NiederlandeNet
NiederlandeNet
Alter Steinweg 6/7
· 48143 Münster
Tel.: +49 251 83285-16 · Fax: +49 251 83285-20
E-Mail: