Nachrichten März 2012


MISSBRAUCH: Kastrations-Vorwürfe gegenüber der katholischen Kirche in den Niederlanden  [UPDATE]

Den Haag. AF/NRC/TR/VK. 21. März 2012.

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Die römisch-katholische Kirche in den Niederlanden sieht sich mit Kastrations-Vorwürfen konfrontiert, Quelle: Thomas Kohler/cc-by-sa

Genau wie in Deutschland sah sich die römisch-katholische Kirche auch in den Niederlanden in den letzten Jahren mit Vorwürfen über sexuellen Missbrauch an Kindern in katholischen Einrichtungen konfrontiert. Die Untersuchungskommission Deetman lieferte für die Niederlanden im Dezember vergangenen Jahres einen umfänglichen Bericht über die Missbrauchsfälle von 1945 bis 2010 ab. Vergangenes Wochenende veröffentlichte das NRC Handelsblad nun einen Artikel, der an der Vollständigkeit des Berichtes zweifeln lässt: Laut Information der Zeitung ließ die römisch-katholische Kirche in den Niederlanden im Jahre 1956 den sexuell missbrauchten Henk Heithuis kastrieren.

Der Artikel über die Kastration des jungen Henk Heithuis stammt von dem Journalisten Joep Dohmen, der bereits öfter über die Missbrauchsfälle in der römisch-katholischen Kirche in den Niederlanden berichtet hat. Dohmens Kronzeugen im Falle Heithuis sind die beiden Brüder Cornelius und IJsbrand Rogge, 79 und 82 Jahre alt, die Heithuis 1957 kennenlernten. Heithuis erzählte den Rogges über sein Leben als Pflegekind in katholischen Kinderheimen, Internaten und psychiatrischen Einrichtungen. „Er war von den Ordensbrüdern sexuell missbraucht worden und hat darüber bei der Polizei ausgesagt. Anstatt ihm zu helfen, warf man ihm vor, die Mönche verführt zu haben“, so IJsbrand Rogge. In der Folge wurde Heithuis in die römisch-katholische Psychiatrie Huize Padua eingewiesen und dort kastriert.

Gibt es Beweise für die Kastrations-Vorwürfe?

Dohmen hat im Archiv der Staatsanwaltschaft tatsächlich die Anzeige, die Henk Heithuis am 30. Januar 1956 gegen die Ordensbrüder erstattete, wiedergefunden. Sein Vorwurf richtete sich gegen die Brüder des Internats Harreveld, wo er als Schüler zwischen 1951 und 1953 mehrfach sexuell missbraucht worden sei. 1955, nach Schulabschluss, kehrte er an den Wochenenden ins Internat zurück, da seine Familie ihn nicht aufnehmen wollte. Auch an diesen Wochenenden fanden sexuelle Handlungen zwischen Ordensbrüdern und Schülern statt. Bruder Gregorius, der Oberste der Brüder, wurde einige Wochen nach Heithuisʼ Anzeige nach Kanada strafversetzt, jedoch nie strafrechtlich verfolgt.

Auch für Heithuisʼ Aufenthalt in die Psychiatrie legt Dohmen Beweise vor. Die Patientenakte aus dem Krankenhausarchiv gibt den 2. Februar 1956 als den Tag seiner Einlieferung an. Die Diagnose lautete „Psychopat“. Bei seiner Entlassung notierten die Ordensbrüder, dass er „eugenatisiert“, sprich kastriert, worden sei.

Der chirurgische Eingriff fand laut Dohmens Quellen im St. Joseph-Krankenhaus in Veghel statt. Heithuis war damals 20 Jahre und nach damals geltendem Recht minderjährig. Es war bereits bekannt, dass im St. Josephs damals häufiger Kastrationen vorgenommen wurden. Ein Mann, der ebenfalls bereits als Junge kastriert wurde, trat 1997 in einer Dokumentation über Kastration in den Niederlanden auf. Er war vom Pastor seines Dorfes zur Operation geschickt worden. Genau wie Heithuis sollte er so von seiner (vermeintlichen) Homosexualität geheilt werden.

Cornelius und IJsbrand Rogge erinnern sich, dass Heithuis von weiteren missbrauchten Jungen erzählt hatte, die kastriert wurden. 1957 erstatte Heithuis erneut Anzeige, dieses Mal wegen der Kastration. Thea Rogge schrieb ihrem Sohn IJsbrand im Oktober 1957, dass die Klage abgewiesen worden wäre, da sie für eine öffentliche Verhandlung ungeeignet sei. In einem Brief, einige Tage später, ließ sie wissen, dass Heithuisʼ Anwälten neun weitere Fälle von missbrauchten und kastrierten Männern bekannt seien. Offizielle Dokumente hierüber konnte Dohmen allerdings nicht vorlegen.

Heithuis selbst starb 1958 aufgrund eines Autounfalls – seine Zivilklage gegen die Einrichtung Huize Padua war zu diesem Zeitpunkt noch nicht behandelt  worden. Eine Artikelserie über sein Schicksal, die eigentlich in der Zeitung Het Parool erscheinen sollte, wurde nie veröffentlicht.

Zweifel an Vollständigkeit des Berichts der Kommission Deetman

Bereits vor Dohmens Artikel über Heithuisʼ Kastration war bekannt, dass Priester, die sich sittenwidrig verhalten hatten, manchmal „freiwillig“ kastriert wurden. Die Kommission Deetman, welche die Missbrauchsfälle in der römisch-katholischen Kirche in den Niederlanden von 1945 bis 2010 untersucht hat, berichtet hierüber in ihrem Endbericht. Neu sind jedoch Dohmens Vorwürfe, dass die römisch-katholische Kirche auch minderjährige Jungen, die Missbrauchsopfer waren, kastrieren ließ.

Ebenfalls nicht im Endbericht der Kommission findet sich der Versuch des prominenten katholischen Politikers Vic Marijnen (KVP), für die Ordensbrüder, die bereits verurteilt waren, eine Begnadigung zu erwirken. Später, zwischen 1963 und 1965, sollte Marijnen niederländischer Premier sein.

Dohmen unterstellt der Kommission, bewusst Informationen zurückgehalten zu haben. Die Zeitung Trouw erklärte vergangenen Dienstag, diese Unterstellung ginge zu weit. Der Fall sei der Kommission bekannt gewesen, doch sah man an dieser Stelle keinen Grund für weitere Nachforschungen, da das Thema außerhalb des Rahmens der Untersuchung gelegen hätte.

Der niederländische Justizminister Ivo Opstelten (VVD) erklärte inzwischen, eine interne Ermittlung anstellen zu lassen, inwiefern Staatsanwalt und Polizei damals am Fall Heithuis beteiligt waren. Die Zweite Kammer hat in Bälde eine Fragestunde mit Wim Deetman, dem Vorsitzenden der Kommission Deetman, anberaumt.

[UPDATE, 04. April 2012, AF: Die Zweite Kammer will untersuchen lassen, ob es noch mehr Kastrationsfälle in den 50er und 60er Jahren gab. Dies meldete das NRC Handelsblad heute Mittag. Der Artikel über den Fall Heithuis war vom niederländischen Parlament zum Anlass genommen worden, die Kommission Deetman sowie den Journalisten Dohmen heute zu einer Anhörung vor die Zweite Kammer zu bitten. An der Integrität der Kommission bestünden keine Zweifel, so die Parlamentsmitglieder. Die Kommission wurde mit einer weiteren Studie betraut, die untersuchen soll, inwiefern Mädchen und Frauen Missbrauchsopfer der katholischen Kirche wurden.]


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