Nachrichten Februar 2012


EUTHANASIE: Ambulante Teams übernehmen Sterbehilfe zu Hause

Den Haag. RH/De Gelderlander/Nieuwsuur/NRC/RP/taz/VK. 07. Februar 2012.

Petra de Jong
Petra de Jong: Vorsitzende des NVVE setzt sich für ambulante Sterbehilfe ein, Quelle: World Economic Forum/cc-by-sa

Sechs Spezialistenteams aus Den Haag sollen in den Niederlanden ab dem 1. März ambulante Sterbehilfe leisten. Wie die „Niederländische Vereinigung für ein freiwilliges Lebensende“ (NVVE) mitteilte, sollen jeweils ein Arzt und ein Pfleger die Betroffenen zu Hause aufsuchen und dort die lebensbeendenden Maßnahmen durchführen. Grund für die Einführung der Teams sei, dass Menschen, die Sterbehilfe zu Hause wünschten, immer wieder Schwierigkeiten hätten, einen Arzt dafür zu finden. Diese Menschen erfüllten ansonsten jedoch alle Kriterien des Euthanasie-Gesetzes der Niederlande. Schätzungen zufolge werden pro Jahr Anfragen im fünfstelligen Bereich von Menschen eingereicht, die sich zu den lebensbeendenden Maßnahmen im eigenen Heim entschieden haben.

Der größte Unterschied zwischen dem deutschen und dem niederländischen Gesundheitssystem ist, dass fachärztliche Hilfe grundsätzlich nur nach Überweisung durch einen Hausarzt in Anspruch genommen werden kann. Die Hausärzte sind die Torwächter des Gesundheitsversorgungssystems. Obwohl es eine freie Arztwahl gibt, werden die Arztkosten nur übernommen wenn der Hausarzt zuvor mit der Versicherung des Patienten eine Vereinbarung geschlossen hat. In der Regel herrscht zwischen Arzt und Patient eine solide Vertrauensbasis, da das Arzt-Patienten-Verhältnis bereits mehrere Jahre oder sogar Jahrzehnte besteht. Ist der Arzt jedoch gegen die Euthanasie, hat der Patient mit seinem Wunsch nach Strebehilfe ein Problem, denn er kann sie ohne Einwilligung des Arztes nicht durchführen lassen.

Ergänzend zu den ambulanten Besuchen soll im Laufe des Jahres auch eine Sterbeklinik in Den Haag durch die NVVE errichtet werden, in der jährlich rund 1.000 Niederländer Sterbehilfe in Anspruch nehmen könnten. Das lebensbeendendes Handeln findet überwiegend zu Hause statt: von den 2.331 im Jahr 2008 gemeldeten Fällen wurde die Lebensbeendigung auf Verlangen in 2.083 Fällen vom Hausarzt durchgeführt. Bei 1.851 Patienten fand die Euthanasie durch einen Hausarzt bei den Patienten zu Hause statt. In der Klinik werden Betten für Menschen zur Verfügung stehen, die nicht zu Hause sterben möchten oder können. Innerhalb von drei Tagen kann die Euthanasie hier durchgeführt werden. Zuvor müssen die Patienten jedoch langwierige Aufnahmeprozeduren durchlaufen, die zeigen ob ein Patient wirklich für den freiwilligen Tod bereit ist. Das ambulante Spezialistenteam führt ein sogenanntes „Screening“, bestehend aus mehreren Gesprächen zwischen den Ärzten und Pflegern sowie möglichweise dem Hausarzt des Patienten durch, wobei geprüft werden soll ob es sich um eine ausweglose, untragbare Leidenssituation für die jeweilige Person handelt. Danach wird jeder Fall durch eine unabhängige Kommission geprüft. In den Niederlanden gibt es fünf dieser speziellen Kommissionen.

Lode Wigersma, Vorsitzender des Ärzteverbandes KNMG sieht die kurze Aufenthaltsdauer in der Klinik kritisch. Drei Tage seien nicht genug, sagte er im Interview mit dem niederländischen Nachrichtenprogramm Nieuwsuur. Viele Menschen bräuchten mehr Zeit, um sich für diesen schwierigen Schritt zu entscheiden. Auch sei ein vertrauensvoller Umgang zwischen Arzt und Patient Voraussetzung für die Sterbehilfe, der bei ambulanten Teams nicht gegeben ist.

Ganz anderer Meinung ist Petra de Jong, Fachärztin für Lungenkrankheiten. Sie war auch als Zweitgutachterin mit Fällen von Euthanasie und Hilfe zur Selbsttötung befasst. Seit August 2008 ist sie Direktorin der NVVE, die in Amsterdam ansässig ist und rund 130 Mitglieder hat. De Jong erläuterte in einem Interview mit der deutschen Tageszeitung taz im Jahr 2010 über die Pläne der NVVE: „Die Generation, die jetzt alt wird, ist geprägt durch die Haltung ̗ ‚Ich will es selbst regeln können. Ich möchte nicht von jemand anders abhängig sein, der für mich festlegt, ob ich oder ob ich nicht sterben darf. ‘ Diese Generation hat auf unsere Initiative gewartet.“

Petra de Jong hält auch weitere Veränderungen bezüglich der Sterbehilfe für möglich. Bisher gibt es drei mögliche Szenarien. Einer könnte sein, dass sich Ärzte des Problems „vollendetes Leben“ annehmen. Es würde als „untragbares und aussichtsloses Leiden“ klassifiziert, sodass im Rahmen des Gesetzes Euthanasie oder Hilfe bei der Selbsttötung erlaubt wären. Ein zweiter Weg wäre die Einführung sogenannter Sterbebegleiter. Dafür plädiere die Bürgerinitiative. Sie denke an Helfer, die nicht Ärzte sind, sondern zugelassene Sterbebegleiter, die Regeln unterliegen, damit die Überprüfbarkeit und die Sorgfalt sichergestellt seien. Um dies zu realisieren, müsse man die Gesetzgebung ändern. Der dritte Weg wäre der autonome. Wer über 75 ist - oder welche Altersgrenze auch immer gelten würde -, könnte mithilfe einer sogenannten „Letzte-Wille-Pille“ selber beschließen, wann er sterben will.

Früher handelte es sich bei Euthanasiepatienten hauptsächlich um Krebspatienten. Jetzt könnten laut des NVVE auch Menschen mit einer beginnenden Demenz  und Menschen mit einer unheilbaren psychischen Erkrankung das Euthanasie-Gesetz in Anspruch nehmen. Der KNMG ist jedoch der Meinung, dass man Menschen mit psychischen Erkrankungen in erster Linie therapieren sollte und nicht bei ihrem Wunsch nach Sterbehilfe unterstützen sollte.

Auch im Falle einer Demenz-Erkrankung ist die Frage um Sterbehilfe strittig. Im vergangenen Jahr wurde bei einer schwer dementen Frau Euthanasie durchgeführt. Der Fall wurde in den Medien unter anderem deshalb kontrovers diskutiert, weil zum ersten Mal einer dementen Person Sterbehilfe geleistet wurde. Laut des behandelnden Arztes war es der letzte Wille der Frau gewesen, Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen – dies hatte sie auch schriftlich festgelegt. Angesichts ihrer fortgeschrittenen Erkrankung konnte sie diesen Wunsch vor ihrem Tod allerdings nicht erneut aussprechen.

Seit beinahe einem Jahrzehnt ist die rechtliche Lage bei Euthanasiegesuchen in den Niederlanden geklärt, denn mit dem Inkrafttreten des „Gesetzes über die Kontrolle der Lebensbeendigung auf Verlangen und der Hilfe bei der Selbsttötung“ im Jahr 2002 ist der juristische Hintergrund für Ärzte und Patienten in unserem westlichen Nachbarland festgelegt. Dennoch gibt es in den Niederlanden immer noch Gegner der Sterbehilfe. Bei der Eröffnung der Sterbeklinik erwartet man somit zahlreiche Proteste.

Mehr zum Thema Sterbehilfe in den Niederlanden finden Sie hier.


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