Zum Profil des Promotionskolleg Literaturtheorie als Theorie der Gesellschaft


Zur Verortung des Kollegs


Die soziale Relevanz von Literatur und Literaturwissenschaft wurde v.a. in den von gesellschaftlichen Protestbewegungen getragenen 1960er-Jahren proklamiert, obwohl, wie Tilmann Köppe und Simone Winko betonen, bereits Autorinnen und Autoren wie Johann Gottried Herder, Friedrich Schiller und Anne Louise Germaine de Stael um 1800 begannen, die Literatur in einem gesellschaftlichen Zusammenhang zu betrachten (vgl. Köppe/Winko 2008, 149). Doch erst im 20. Jahrhundert und verstärkt in der 68er-Zeit entstanden Ansätze wie Sozialgeschichte der Literatur, Literatursoziologie und Marxistische Literaturwissenschaft, die sich dezidiert dem Verhältnis von Literatur und Gesellschaft widmeten und mit ihrem Forschungsinteresse häufig auch politische Anliegen verbanden. So wollte man z.B. über die Aufarbeitung der Arbeiterliteratur bzw. die Erforschung der Darstellung sozialer Verhältnisse in der Literatur unterprivilegierten Bevölkerungsschichten, die von den traditionellen Literaturgeschichten wenig berücksichtigt worden waren, zu historischer Anerkennung und Recht verhelfen.
 
Weil sich die politisch-gesellschaftlichen Hoffnungen der 1968er-Generation nicht erfüllten, erfolgte auch in der Literatur und der Literaturwissenschaft der 1970er-Jahre mit den Strömungen der ,Neuen Innerlichkeit' bzw. der ,Neuen Subjektivität' eine Abkehr von gesellschaftlichen und politischen Fragestellungen. Man suchte nach neuen wissenschaftlichen Orientierungen und im Zuge der in den 1980er-Jahren erstarkenden Postmoderne-Bewegung setzte in der deutschen Literaturwissenschaft ein Theorieimport vornehmlich aus den USA und Frankreich ein: Poststrukturalismus, Dekonstruktion, Diskursanalyse, Semiotik, Intertextualitätsforschung, Psychoanalytische Literaturwissenschaft, Systemtheorie so lauteten die neuen Ansätze, die von der jüngeren Wissenschaftler/innen-Generation propagiert wurden und die den wissenschaftlichen Blick eher auf textimmanente Strukturen und abstrakte Theoriemodelle denn auf konkrete gesellschaftliche Bezüge richteten. Für die Literaturwissenschaft waren diese neuen Ansätze überaus produktiv und wichtig, weil sie die Loslösung von alten Widerspiegelungstheorien, die Literatur als Abbild der Wirklichkeit betrachten, beförderten und die kritische Aufmerksamkeit auf die Rolle der Sprache in Bezug auf Darstellung und Konstruktion der ,Wirklichkeit' - ein Begriff, der seither problematisiert wurde - richteten.
 
In den 1990er-Jahren entstand jedoch ein neues Bedürfnis nach Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Bedeutung der Literatur und es kam zum sog. Cultural-Turn in den Geisteswissenschaften, der die Fächergrenzen öffnete und ,Kultur' zur neuen Leitkategorie machte. So wurde in diesem Zusammenhang z.B. der von dem amerikanischen Literaturwissenschaftler Stephen Greenblatt begründete New Historicism, der Text-Kontext-Relationen in den Mittelpunkt stellt, auch in der deutschen Literaturwissenschaft bekannt (vgl. Baßler [Hg.] 2001; Baßler 2005). Für die Literaturwissenschaft bedeutete die kulturwissenschaftliche Wende, dass der literarische Text in einem engen Wechselverhältnis mit anderen kulturellen Erscheinungen gesehen wurde und bestimmte soziokulturelle Themenkomplexe wie ,Gedächtnis', ,Körper', ,Mode' u.a. quer durch die Disziplinen und in enger Verbindung mit außerliterarischen Erscheinungen und Dokumenten analysiert wurden. Der ,Kultur'-Begriff wurde dabei oftmals in einem sehr weiten und nicht immer klar konturierten Verständnis gebraucht. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist nun wiederum ein verstärktes Interesse am Sozialen und am Politischen festzustellen. Zurückzuführen ist dies sicherlich zum Teil auf die weltpolitischen Veränderungen seit 1989, die zur Auflösung der überlieferten politischen und ideologischen Blockbildungen führten. Globalisierung, weltweite Migration und eine immer umfassendere mediale Durchdringung der Welt lassen einmal mehr nach dem Stellenwert des ,Realen' fragen und fordern gerade die Wissenschaften heraus, die wie die Literaturwissenschaft seit je in einem kritischen Wechselverhältnis mit der sog.
,Wirklichkeit' gestanden haben. Postkoloniale Theorieansätze, die sich zwar ebenfalls bereits in den zurückliegenden Jahrzehnten in den nichteuropäischen Wissenschaftskulturen entwickelt hatten, wurden nun auch in Deutschland verstärkt rezipiert. In der postkolonialen Theorie artikuliert sich ein deutlicher politischer und sozialer Impuls, da im Postkolonialismus, der sich mit Namen wie Edward W. Said, Homi K. Bhabha, Gayatri Chakravorty Spivak u.a. verbindet, ehemals kolonialisierte Subjekte die Stimme gegen die früheren Kolonialmächte und deren Denkkategorien erheben. Der am beantragten Kolleg beteiligte Kollege Mark Stein ist ein profilierter Vertreter der postkolonialen Theorie  (Döring/Schäfer/Stein [Hgg.]  1996;  Banerjee/Heide/Stein [Hgg.] 2001; Stein 2004; Reichl/Stein [Hgg.] 2005). An diese Entwicklungen und Debatten kann das geplante Hans-Böckler-Promotionskolleg anknüpfen. Dabei wird es darum gehen, das bislang nicht hinreichend geklärte Verhältnis der Paradigmen ,Kultur' und ,Gesellschaft' näher zu bestimmen.

Derzeit machen literaturwissenschaftliche Strömungen auf sich aufmerksam, die un-ter dem Stichwort einer ,Empirischen Kulturwissenschaft' kognitionswissenschaftliche sowie neurowissenschaftliche Konzepte aufgreifen. Sie verfolgen das Ziel, "ihre Verfahren und Ergebnisse dem Anspruch der Nachvollziehbarkeit und Nachprüfbarkeit zu unterstellen und der ethisch-politischen Forderung eines gesellschaftlichen Nutzens gerecht zu werden" (vgl. Köppe/Winko 2008, 293). Das geplante Promotionskolleg wird diese aktuellen Ansätze kritisch sichten und überprüfen, ob und inwiefern Anspruch und Ergebnisse dieser Forschungen übereinkommen.

Das PK LiTG trägt der Tatsache Rechnung, dass am Beginn des 21. Jahrhunderts, bedingt durch weltwirtschaftliche Entwicklungen, das Individuum wieder stärker in seinen sozialen Kontexten wahrgenommen wird als in den zurückliegenden Jahrzehnten. Die literarische Auseinandersetzung mit der Realität sucht und findet heute andere Ausdrucksmittel als in der Vergangenheit. Dass dies auch die Literaturtheorie vor neue Herausforderungen stellt, liegt auf der Hand. Während der sozialgeschichtliche Ansatz der Literaturwissenschaft in den 1960er-Jahren noch davon ausging, dass ,Gesellschaft' ein klar abgegrenztes, statisches Untersuchungsobjekt ist, denken neuere sozialwissenschaftliche Theorien ,Gesellschaft' als prozesshaft und heterogen. Entsprechende begriffliche Differenzierungen sind vorgenommen worden, wie z.B. ,Zivilgesellschaft' (Kebir 1991; Gosewinkel/Rucht/Daele/Kocka [Hgg.] 2004; Adloff 2005, Walker/Thompson 2008), ,Risikogesellschaft'  (Beck 1986, 1991), ,Freizeitgesellschaft' , ,Weltgesellschaft' (z. B. Luhmann 1975, Stichweh 2000, Bornschier 2008) oder auch ,Netzwerkgesellschaft' (Castells 2003). Es stellt eine spezifische Herausforderung für die Literaturtheorie dar, neuere sozialwissenschaftliche Entwicklungen zu berücksichtigen. Nur so kann sie sich als Theorie der Gesellschaft profilieren. Dass auch sozialwissenschaftliche Ansätze inzwischen vom Konstruktcharakter der Gesellschaft ausgehen, rückt sie in die Nähe literarischer und literaturwissenschaftlicher Betrachtungsweisen, für die Inhalte und Bedeutungen der Literatur stets sprachlich bzw. zeichenhaft vermittelt sind. Ob und inwiefern eine Nähe zwischen literarischen und gesellschaftlichen Konstruktionsprozessen besteht, ist in der Forschung bislang noch nicht hinreichend untersucht worden. Genau hier setzt das beantragte Promotionskolleg an, wenn es ihm darum geht, den neuen Gesellschaftsbezug von Literatur und Literaturwissenschaft theoretisch und praktisch zu untermauern.

Literaturhinweise:


•    Adloff, Frank, Zivilgesellschaft. Theorie und politische Praxis, Frankfurt a. M. 2005.
•    Banerjee, Mita, Markus Heide, Mark Stein (Hgg.), Postcolonial Passages: Migration and Its Metaphors. Special issue of Zeitschrift für Anglistik und Amerikanistik: A Quarterly of Language, Literature and Culture 49.3 (2001).
•    Baßler, Moritz (Hg.), New Historicism. Literaturgeschichte als Poetik der Kultur. Mit Beiträgen von Stephen Greenblatt, Louis Montrose u.a., Tübingen, Basel 22001 (Erstausgabe Frankfurt a. M. 1995).
•    Ders., Die kulturpoetische Funktion und das Archiv. Eine literaturwissenschaftliche Text-Kontext-Theorie, Tübingen: 2005.
•    Beck, Ulrich, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt a. M. 1986.
•    Ders., Politik in der Risikogesellschaft, Frankfurt a. M. 1991.
•    Bornschier, Volker, Weltgesellschaft. Grundlegende soziale Wandlungen, erw. Neuausg., Zürich 2008.
•    Castells, Manuel, Das Informationszeitalter, 3 Bde., Bd.1: Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft, Bd. 2: Die Macht der Identität, Bd. 3: Jahrtausendwende, Opladen 2001-2003.
•    Döring, Tobias, Uwe Schäfer, Mark Stein (Hgg.), Can 'The Subaltern' Be Read? - The Role of the Critic in Postcolonial Studies. Acolit Sonderheft 2 (1996).
•    Gosewinkel, Dieter, Dieter Rucht, Wolfgang van den Daele, Jürgen Kocka (Hgg.), Zivilgesellschaft - national und transnational. WBZ-Jahrbuch 2003, Berlin 2004.
•    Kebir, Sabine, Antonio Gramscis Zivilgesellschaft. Alltag, Ökonomie, Kultur, Politik, Hamburg 1991.
•    Köppe, Tilmann, Simone Winko, "9. Gesellschaftswissenschaftliche Literaturtheorien", in: dies., Neuere Literaturtheorien. Eine Einführung, Stuttgart, Weimar 2008, 149-200.
•    Luhmann, Niklas, "Weltgesellschaft", in: ders., Soziologische Aufklärung, Bd. 2, 6. Aufl., Wiesbaden 2009, 63-88. [Erstpublikation 1975].
•    Reichl, Susanne, Mark Stein (Hgg.), Cheeky  Fictions: Laughter and the Postcolonial. Amsterdam, New York 2005.
•    Stichweh, Rudolf, Die Weltgesellschaft. Soziologische Analysen, Frankfurt a. M. 2000.
•    Walker, James W. St. G., Andrew S. Thompson (Hgg.),  Critical  Mass.  The  Emergence  of Global Civil, Waterloo 2008. 





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