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DR. THOMAS LENTES

Forschungen


Die Schwerpunkte der Forschungen liegen bei der Religionsgeschichte sowie der Geschichte von Zeichen im Mittelalter. Im Vordergrund stehen dabei Fragen, wie unterschiedliche Medien - seien diese nun mehr religiöser (Bilder, Abendmahl) oder mehr profaner Art (Strafzeichen, Banner etc.) - zu unterschiedlichen Zeiten verstanden und gebraucht wurden. Gegenstand der Untersuchung sind freilich weniger die theoretischen Reflexionen über Zeichen als die mit ihnen verbundene religiöse und soziale Praxis. Im einzelnen sind Arbeiten zu folgenden Themenbereichen entweder bereits erschienen oder in Vorbereitung:

Die Reichweite des Sehens - Blickrituale

Sowohl die Geschichte des Abendmahl- als auch des Bilderstreites lässt sich vor allem als eine Geschichte des Streites um die Präsenz des Heiligen in seiner medialen Vermittlung begreifen. Dabei schwanken im Mittelalter die Positionen zwischen einem extremen Realismus auf der einen Seite und der Konzeption eines extremen Symbolismus auf der anderen Seite. Während dies üblicherweise lediglich anhand der theoretischen Auseinandersetzungen nachgezeichnet wird, verspricht die Untersuchung der konkreten Praxis von Sehen und Berühren des Abendmahls wie von Bildern ganz neue Aufschlüsse darüber, wie hoch das Sehen in der kulturellen Semantik mittelalterlicher Gesellschaften überhaupt veranschlagt war. Dabei sind vor allem Ergebnisse für die gegenwärtige Debatten über die Präsenzannahmen im Mittelalter zu erwarten. Letztlich gilt es dabei zu prüfen, wie weit die visuelle Grundthese der mittelalterlichen Theologie und Philosophie - nämlich von der Präsenz der Invisibilia in den Visibilia - die religiöse Praxis prägte und sich noch auf andere soziale Felder auswirkte.
Hierzu laufen sehr unterschiedliche Forschungen etwa zum Auge des Herrschers im frühen Mittelalter, zu den Problemen der sog. Schaufrömmigkeit bis hin zur Untersuchung von Bild- und Blickritualen - sei es anhand von konkreten Sehanweisungen oder aber der Blicksteuerung innerhalb von Bildern.

Gebet, Liturgie und Imagination

In mehreren Detailstudien wird der Frage nachgegangen, welchen Stellenwert im Rahmen des mittelalterlichen Gebetes dem Bild wie der Imagination zukamen. Außer der Rekonstruktion der konkreten Praxis und dem Versuch ihrer sozialen Typologisierung (städtische Frömmigkeit, Nonnenkloster etc.) geht es dabei vor allem um die Frage nach der Ausdifferenzierung zwischen 'privater' und sakramental-öffentlicher Frömmigkeit. Am Beispiel gerade des Bildgebrauches im persönlichen Gebet sowie dem Zusammenhang von Vision und Liturgie im späten Mittelalter lässt sich dabei zeigen, dass es einerseits eine Tendenz zur 'Privatisierung der Liturgie' (vor allem im 14. Jahrhundert), andererseits aber spätestens im 15. Jahrhundert auch eine 'Liturgisierung des Privaten' gab, die den gängigen Thesen von einer 'Zersetzung der spätmittelalterlichen Frömmigkeit' aufgrund ihres privaten und subjektiven Charakters widerspricht.
Zudem entstehen Studien zur Frage nach dem bildhaften und mimetischen Charakters der mittelalterlichen Liturgie überhaupt. Ausgangshypothese ist hierbei, dass die römische Liturgie als ein amtlicher Vollzug relativ bildlos ist und lediglich an manchen Stellen nachspielend, mimetisch wird (z.B. Karfreitag). Erst durch die liturgische Allegorese, nicht aber durch die liturgische Aufführung selbst wurde die Liturgie selbst im Laufe des späten Mittelalters zu einem mimetischen Nachvollzug des Lebens und Leidens Jesu Christi.

Ablassbilder - Bildablässe

Angestoßen durch die Neuauflage des umfangreichen Werkes von Nikolaus Paulus zum Ablass im Mittelalter wir am Beispiel des Zusammenhanges von Ablass und Bild zu zeigen versucht, wie hier ein neuer Kultbildtypus entstand, der nicht von der (Heils-)Materialität der Bilder selbst geprägt war, sondern dem Bild erst durch das Gebet vor dem Bild eine Gnadenvermittlung zusprach. Solche 'Auratisierung durch Performanz' lässt erkennen, wie sehr die religiöse Praxis des Mittelalters durchaus um unterschiedliche Stufungen der Präsenz des Heiligen wusste. Zudem soll dabei die historische These erprobt werden, dass die spätmittelalterliche Frömmigkeit am Vorabend der Reformation keineswegs 'antipapistisch' war, wie dies bis heute noch immer behauptet wird, sondern gerade mittels der Ablassbilder eine papstzentrierte Frömmigkeit bis ins Privathaus hinein vordrang.

Königszeichen, Hexenmal und Taufmarkierung. 
       Studien zur Körpermarkierung im Mittelalter

Im Habilitationsprojekt wird ein erster Überblick über die unterschiedlichen Formen der Körpermarkierung, deren Funktionen und der Veränderungen von Körper- und Zeichenmodellen im Mittelalter versucht. Ausgehend vom Tätowierungsverbot im 7./8. Jahrhundert wird gezeigt, wie die anthropologische Grundthese der mittelalterlichen Theologie und Philosophie vom Menschen als einer imago Dei und deren Veränderungen praxisrelevant wurden. Untersuchungsfelder sind: Tätowierungsverbot und die Diskussion um die Tätowierung als Zeichen kultureller Inferiorität; die Materialität der Königs-, Tauf- und Priestersalbung; die kommunikative Funktion von Körper- und Gewandmarkierung; die Geschichte der Brandmarkierung; das Verhältnis von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit von Körperzeichen; die Entwicklung der Tätowierung im hohen und späten Mittelalter seit den Kreuzzügen; die Personenkonstitution durch Körperzeichen.

Studien zur Stadtgeschichte

Am Beispiel kommunaler Banner und sog. Bannergesellschaften vor allem im deutschsprachigen Raum soll gezeigt werden, wie Herrschaftszeichen von ganz ähnlichen Logiken wie religiöse Medien lebten. Während sie einerseits lediglich der Repräsentanz der jeweiligen Stadtherrschaft dienten, konnten sie andererseits mit dieser selbst identifiziert werden. Der konkrete Gebrauch von Bannern (beim Herrschereinzug, im Turnier etc.), ihre Entstehung wie ihr Schutz und der Streit um sie soll daraufhin untersucht werden, welche Bedeutung dem materiellen Zeichenträger jeweils zugesprochen wurde.

Studien zur Schriftlichkeit

In unterschiedlichen, zum Teil umfangreicheren Studien werden zentrale Fragen des Schriftgebrauches in der mittelalterlichen Religiosität bearbeitet. Erschienen bzw. in Arbeit sind Untersuchungen zur Überlieferungsgeschichte des Psalters, zum Zusammenhang von Schriftlichkeit und Disziplinierung sowie zum rituellen Gebrauch Heiliger Texte.