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DR. GEORG HENKEL
Forschungen
Rhetorik
und Inszenierung des Heiligen. Eine kulturgeschichtliche Untersuchung zu
barocken Gnadenbildern in Predigt und Festkultur des 18. Jahrhunderts
Das
Dissertationsprojekt wurde 2002 abgeschlossen. Über die theologie- wie
mediengeschichtliche Fragestellung ist es gelungen, die sogenannten Gnadenbilder
im Kontext der Predigtzeugnisse und ihrer repräsentativen Zurschaustellung
(z. B. im Rahmen von Jubelfeiern) systematisch zu beschreiben. Herausgearbeitet
wird dabei das komplexe, von unterschiedlichen Interessen und Wahrnehmungsweisen
bestimmte Spannungsfeld, in der die Gnadenbilder jeweils ihre spezifische
Gestalt gewannen:
R
eligionsgeschichtlich als numinose, virtusgeladene, handlungs- bzw. wundermächtige
Subjekte mit einer besonderen Aura, die 'heiliger' als andere 'heilige
Bilder' erschienen (numinose Signifikanz und Mirakulosität, ontologisch:
Liminalität – das Gnadenbild als 'Schwellenwesen' zwischen Diesseits- und
Jenseits).
Dogmatisch
als
Objekte, die von den eigentlich restriktiven, ausschließenden theologischen
Fixierungen Trients ('Bilderdekret') nur unzureichend – nämlich nur als
‚heilige Bilder‘ – erfaßt werden konnten und in der Predigt über Analogieschlüsse,
Metaphern und Entlehnungen aus der Sakramentenlehre in den lehramtlichen
Rahmen integriert werden mußten (z. B. 'virtuelle Präsenz' des Heiligen
im Gnadenbild statt sakramentale Realpräsenz unter den eucharistischen
Gestalten). Die Spannung wird deutlich im Gegensatz von konfessioneller
Indienstnahme (Propganda, Jubelfeste) auf der einen Seite und 'Disziplinierung'
(Desakralisierung zugunsten der kirchlichen Sakramente) auf der anderen
Seite.
Religionsästhetisch
als 'heilige Bilder', deren Medialität – bzw. ihre ‚Bildlichkeit‘ – gegenüber
ihrer Sakralität aufgewertet wurde: Auch Gnadenbilder hatten nun der Belehrung,
der frommen Erbauung (Affektregie) sowie der Erinnerung der Heilsgeschichte
(Memoria) zu dienen. Dazu bedurfte es einer homiletischen wie ästhetischen
Aufwertung und Exegese mit Auswirkungen auf die Produktions- wie Rezeptionsästhetik.
Die Prämissen der barocken Wirkungsästhetik wurden auf die Gnadenbilder
übertragen. Dies läßt sich anhand der Predigten (Steuerung der Blicke,
Bildbeschreibung und -deutung, Affektregistrierung und -kontrolle) und
ebenso bei den Festapparaten mit ihren komplexen emblematischen und typologischen
Programmen (die Inszenierung als anschauliche Predigt) zeigen.

Darüber
hinaus hat man in der Predigt- und Andachtsliteratur immer auch die besondere
numinose Aura der Gnadenbilder beschworen: Stets ‚blickt‘ aus dem Bild
der himmlische Prototyp auf den Betrachter; das Gnadenbild wird gleichsam
'durchsichtig' auf sein Urbild, es hat eine epiphane Natur. So wendet sich
Maria als wundermächtige Gottesmutter mit einem überwältigenden 'sakralen
Eros' ihren Schutzbefohlenen mütterlich zu als Helferin, Trösterin, Mahnerin,
Lehrerin und Erzieherin. Ziel war eine ‚Einbildung‘ des Bildes beim Betrachter,
damit dieser durch den dadurch vermittelten Kontakt mit dem Prototypen
wesenhaft ‚umgebildet‘ werden und Anteil an der ungetrübten Gottesebenbildlichkeit
Mariens gewinnen konnte.
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Durch
eine rhetorische Aktivierung wurde das Gnadenbild zum Aufhänger für
die integrale Darstellung bzw. Auslegung der katholisch-christlichen Glaubens-
und Heilslehre. Es vermochte als Teil für das Ganze einzutreten. In diesem
Potential, nicht nur eine heilige Person, sondern das in dieser Person
aufscheinende Offenbarungs- bzw. Heilswissen zu repräsentieren, lag ein
wesentlicher Aspekt seiner ‹Gedächtnisleistung›.
Rezeptionsgeschichtlich aufschlussreich sind die Äußerungen zu Erscheinung
und Wirkung der Gnadenbilder: Ihre ‹Aura› wird als ergreifende numinose
Macht erfahren, der ‹Blick aus dem Bild› trifft die Gläubigen ins Herz,
der ‹Blick auf das Bild› bedeutet Partizipation an einer übernatürlichen
Wirklichkeit, die den gläubigen Betrachter wesenhaft verwandelt.
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