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FORSCHUNGEN

Kulturgeschichte des Sehens


Visualitätskonzepte und Visualitätsstrategien im Christentum

Angestrebt ist eine Geschichte des Sehens, die der Frage nachgeht, inwieweit Bildpraxis und -theorie sowie deren historische Veränderungen den Wahrnehmungsstrategien sowie der Wahrnehmungsphilosophie der jeweiligen Gesellschaften unterlagen. Hierfür sollen nicht nur die historischen Veränderungen in der Bewertung der äußeren Sinne, insbesondere die grundlegende Opposition von Hören und Sehen und ihre sich jeweils verschiebenden Hierarchisierungen, in den Blick genommen werden. Darüber hinaus sind die praktischen Konsequenzen für das Sehen und die ihm zugeschriebene Reichweite zu erforschen. Gerade für das Mittelalter dürfte das hohe Vertrauen in das Sehen als einer Brücke zwischen Diesseits und Jenseits geradezu konstitutiv für den Bildgebrauch gewesen sein. Wie die Bilder oftmals als In-Erscheinung-Treten des Jenseits verstanden wurden, so konnte das Sehen als Technik gedeutet werden, um mit dem leiblichen Auge das Jenseits zu erreichen. 

Die visuelle Grundthese mittelalterlicher Philosophie und Theologie vom Unsichtbaren zum Sichtbaren erhielt im menschlichen Blick ihr rezeptionsästhetisches Pendant. Forschungen zu Mystikern wie dem Dominikaner Heinrich Seuse (+ 1366) geben Aufschluss darüber, wie das Sehen unter der Bedingung unterschiedlicher religiöser Funktionen jeweils als Blick in die andere Welt oder aber als ein abstrahierendes Sehen verstanden werden konnte, das den Sehenden auf sich selbst zurückverwies. Zwei Grundpositionen zeichnen sich derzeit für die mittelalterlichen Sehkonzeptionen ab: Während die einen dem menschlichen Blick zutrauten, das in der Welt Gegebene auf die Transzendenz hin zu durchschauen, wollten andere den Blick dergestalt begrenzen, dass der Betrachter vor seinem inneren Auge das Gesehene lediglich auf das Jenseits hin abstrahierend überstieg.

Im Rahmen der angestrebten Geschichte des Sehens in der Religion gilt es insbesondere, das dem Christentum eigene Personenkonzept des Menschen als einer imago Dei in seinen historischen Wandlungen und seinen Konsequenzen für die Bewertung der Wahrnehmung sowie seinen kulturellen und sozialen Auswirkungen zu untersuchen. Immerhin steht zu vermuten, dass durch die Konzeption des Menschen als einer imago Dei die Gesichthaftigkeit überhaupt zu einer Leitkategorie religiösen Handelns und Denkens werden konnte.

Schließlich wird dabei die zunehmende Thematisierung und Problematisierung des Sehens und seiner Leistungsfähigkeit in Bildwerken des Mittelalters sowie der "Sattelzeit" zwischen dem 14. und 17. Jahrhundert zu betrachten sein. Für solche Klärung ist ein weit gefasstes Themenspektrum in Angriff genommen: Andacht, Andachtsbild, Bildandacht und Imagination sind entsprechend nach den Wechselwirkungen von Stellenwert des Sehens, künstlerischer Praxis und religiösem Verhalten zu beschreiben. Zudem gilt es, an Formen der Verhüllung und Enthüllung wie der Einbindung von religiösen Bildwerken in religiöse und politische Rituale zu demonstrieren, welche Bedeutung dem Sehen und Zeigen für gesellschaftliche Praxis zu unterschiedlichen Zeiten zugesprochen wurde. Gleichermaßen gilt es zu prüfen, in welcher Weise eine religiöse Rezeptionsästhetik künstlerische Produktion bestimmte bzw. von dieser gar beerbt werden konnte.