© 2001 - Kultbild
Design - J.Clasen

  

 

  

FORSCHUNGEN

Ästhetik des Unsichtbaren


In den unterschiedlichen kulturwissenschaftlichen Disziplinen werden derzeit Fragen nach Erstellung, Funktion und Wesen von Präsenz und Repräsentation diskutiert. In Forschungen zu politischen, juristischen oder religiösen Erscheinungen geht es dabei vorwiegend um Fragen der Leistungsfähigkeit von Zeichen und der Bedingungen ihres Gelingens bzw. Scheiterns. Aufgabe der Forschergruppe ist es, die Geschichte des Bildes im Christentum entsprechend einer semiotischen Relektüre zu unterziehen und aufzuzeigen, wie mittels innerbildlicher Strategien, der Materialität des Bildes sowie seiner Inszenierung, weiter durch Bildtheorien und Verhandlungen über den Status des Bildes seine Zeichenhaftigkeit überhaupt, sowie sein Verhältnis zu anderen Medien des Religiösen (Schrift, Sakramente; Bild-Text-Zusammenhänge etc.) in den Blick rückte.

Neben einer grundsätzlichen zeichentheoretischen Aufarbeitung der unterschiedlichen historischen Bildtheorien gilt es, eine detaillierte Semiose des Bildes zu erarbeiten, die der Verhältnisbestimmung von Künstler, Dargestelltem, Darstellungsform und Betrachter ebenso nachgeht wie den sozialen Bedingungen solcher Konzepte (etwa dem Verhältnis von Auftraggeber bzw. Kunstmarkt und Bildkonzept). Dabei sollen sich die Forschungen allerdings nicht auf die konzeptionellen Fragen beschränken, sondern bei konkreten Bildern, Bildritualen und Bildbeschriftungen, künstlerischen Innovationen (z.B. Perspektive, Porträt) und Gattungsdifferenzen ansetzen und von solch praktischen Phänomenen her die diesen inhärente Theorie beschreiben. Insgesamt ist damit eine Verhältnisbestimmung von religiöser und ästhetischer Erfahrung angezielt, die die wenig bearbeitete These einer wechselseitigen Abhängigkeit von kultureller Zeichenpraxis, künstlerischer Innovation und Produktion sowie theologischer Bilddebatte erprobt. Letztlich dürfte ein solcher Ansatz dazu verhelfen, Bildgebrauch und Bildproduktion als immer schon theoretisch fundierte Leistungen zu erweisen.

Theologischerseits stellt sich mit der Frage nach der Leistung von Zeichen das Problem der Offenbarung selbst. Immerhin geht es dabei um die leitenden Fragen nach der Präsenz des Göttlichen in Welt und Geschichte wie nach der Inkarnation als christlichem Grunddogma. Zu beschreiben, wie sich solche Vorstellungen auf Bilderfindungen und Bildkonzepte niederschlugen, ist eines der Ziele der Gruppe. Darüber hinaus ist damit weit mehr als ein immanent theologisches Problem formuliert. Die Frage nach der Offenbarung wird ja zugleich zur Frage nach dem Bild; gerät doch sofort auch die Frage nach der Wahrheit des ikonischen Mediums in den Blick. 

Die Repräsentation des Unsichtbaren durch das Sichtbare, welche für das christlichen Offenbarungsdenken vom Neuen Testament her grundlegend ist, kann somit auch als Strukturprinzip des Mediums Bildkunst gelten. Theologisch ist dies im Neuen Testament insofern formuliert, da dort von Christus als dem „Ebenbild des unsichtbaren Gottes“ (Kol 1,15) die Rede ist und dieser selbst nach Ausweis des Johannesevangeliums von sich sagt: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.“ (Joh 14,9) Damit freilich ist Offenbarung keineswegs auf Repräsentation begrenzt. Ganz im Gegenteil scheint im Medium der Offenbarung das Offenbarte selbst auf. Medium und Repräsentiertes geraten so, ohne sich gegenseitig aufzuheben, in ein Verhältnis wechselseitiger Präsenz.

Dieses komplexe Verhältnis von Repräsentanz und Präsenz, das alle theologischen Debatten sowohl über die Offenbarung als auch über Sakramente und Bilder während des gesamten Mittelalters prägte, dürfte gleichzeitig als Strukturprinzip der Bildkunst gelten. „Als Erscheinung und nicht als Abbild“, so Adorno, „sind Kunstwerke Bilder“. Der reinen Offenbarung und Enthüllung setze das Bild jeweils neu den reflexiven Widerstand seiner Existenzform als Verhüllung, seine eigene Materialität eben, entgegen.