Kreative Pause als Form des Protests?
Ein Kommentar zu den Studierendenprotesten im Rahmen des Bildungsstreiks1 112009 2009 ruft das Bündnis Bundesweiter Bildungsstreik 2009 an Universitäten und Schulen zu Streiks auf. Auslöser der Proteste ist die Umsetzung der Bologna-Erklärung durch die Einführung des Bachelor-/Mastersystems an den Universitäten. Auch Lehrpersonal protestiert gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern: Für freie Bildung und gegen den hohen Leistungsdruck, das Abitur nach der 12. Klasse sowie zu volle Klassen.
An der Universität Münster wurden zum Wintersemester 2006/2007 fast alle Studiengänge auf das neue Bachelor-/Mastersystem umgestellt – mit Ausnahme der Rechtswissenschaftlichen und der Medizinischen Fakultät. Mit der Umsetzung der Bologna-Reform, die insbesondere einen „gemeinsamen europäischen Hochschulraum“2 mit vergleichbaren Abschlüssen schaffen soll (siehe Info-Kasten), ändern sich die Studienbedingungen. Viele Fehler der Konzeption werden erst in der praktischen Umsetzung sichtbar. Änderungen der Studienordnungen während des Semesters können so manchmal nicht vermieden werden. Dies sollte aber nicht zu Lasten der Studierenden geschehen, indem ihnen etwa Hausarbeiten im Nachhinein aberkannt werden oder sie zusätzliche mündliche Prüfungen bestehen müssen.
Die unverhältnismäßig hohe Zahl an Klausuren und Prüfungen pro Semester führt bei vielen Studierenden zu erhöhtem Leistungsdruck und Überforderung. Spätestens wenn Studierende bereits in den ersten Semestern unter dem Burnout-Syndrom leiden oder ihnen ein Hörsturz attestiert wird, weil die Leistungsansprüche der Universität sie überfordern, wird deutlich, dass bei einigen Aspekten der Bachelor-/Master-Reform Korrekturen nötig sind.
Bei den Protesten in Münster fordern die Studierenden neben weniger Leistungsdruck mehr Mitbestimmung. Sie fordern, dass finanzielle Gründe niemandem den Weg an die Uni versperren dürfen und deshalb die Studiengebühren abgeschafft werden müssen. Laut Website des Bildungsstreik-Bündnisses3 soll auch der Einfluss der Wirtschaft verhindert werden, um die Unabhängigkeit der Universität zu sichern. Zudem ist nach Ansicht der Studierenden die Situation der Bachelorabsolventen, die einen Platz im Master-Studiengang keineswegs sicher haben, verbesserungsbedürftig.
„Pause machen als Protest“
Genauso wichtig wie – teils schon umgesetzte – Änderungen in den Studienordnungen ist der alltägliche Umgang mit der Studiensituation, die häufig von Stress geprägt ist. Neben Yoga-Kursen, die zum Beispiel beim Hochschulsport kostengünstig angeboten werden, kann auch Malen, Zeichnen oder Fotografieren helfen, den Stress zu ordnen und vielleicht doch einmal über das eigene Studium und individuelle Bedürfnisse, Ängste und Wünsche nachdenken zu können.
Aufgrund der in einigen Studiengängen straffen Stunden- und Modulpläne und teilweise bis zu 40 Semesterwochenstunden reiner Anwesenheitszeit scheint es fast unmöglich, zusätzlich noch kreativ zu sein und sich an der Universität kulturell und künstlerisch zu engagieren. Unabhängig von Nebenjobs, Zusatz-Sprachkursen etc. muss hierfür aber Zeit bleiben: Kunst und Kultur soll Teil des Studiums und nicht nur privates Hobby sein. Um das zu ermöglichen, gibt es an der Universität ein vielfältiges Kunst- und Kulturangebot.
„Weg vom Schreibtisch und rein ins Atelier – auch ohne Vorkenntnisse“
Neben aktuellen Kunst- und Kulturprojekten, die unter anderem vom Universitätsausschuss für Kunst und Kultur bzw. dem Kulturbüro organisiert werden, gibt es zahlreiche kulturelle Gruppen, die auf verschiedene Art und Weise attraktiv sind – und die vielleicht nicht jeder kennt (eine Übersicht finden Sie hinten im Heft). So kann man sich entweder eher unauffällig unter die über 70 Studierenden eines Chors mischen oder auch beim Theater Spielen auf der Bühne stehen. Vorkenntnisse werden meistens nicht vorausgesetzt. Um das kulturelle Angebot zu garantieren, unterstützt die Universität Münster die kulturellen Gruppen mit finanziellen Mitteln. So kann bei den meisten Veranstaltungen freier Eintritt gewährleistet werden.
Auch wenn die Begriffe Kunst und Kultur etwas sperrig erscheinen können: Gemeint ist zunächst die Möglichkeit, kreativ zu sein und den Kopf für eigene Überlegungen frei zu bekommen – ohne Klausurendruck! Kunst und Kultur kann entspannend sein und den Kopf frei machen, da man zum Beispiel beim Zeichnen, Singen oder Debattieren andere Eindrücke bekommt als beim Arbeiten am Schreibtisch. Auch Wünsche und Ängste können so manchmal leichter ausgedrückt werden.
Es stellt sich aufgrund der knappen Zeit, die vielen Studierenden neben dem Studium oft nur bleibt, die Frage, ob auch die kulturellen Angebote in „Bologna-Zeiten“ angepasst werden müssten und kürzer oder effizienter sein sollten. Aber genau das, was die kulturellen Gruppen bieten, ist das Gegenstück zum Lernen: Etwas ohne Leistungs- und Zeitdruck zu tun. In dieser Hinsicht bedeuten Kunst- und Kulturangebote die Möglichkeit, extremen Stress-Situationen entgegenzuwirken.
Trotz eines immer härteren Wettbewerbs zwischen Universitäten um einen guten Ruf und Fördergelder dürfen die Studierenden, um die es ja eigentlich gehen sollte, nicht auf der Strecke bleiben. Auch in Bologna-Zeiten muss neben der fachlichen Ausbildung freie Zeit übrig bleiben. Die von der Universität finanzierten kulturellen Gruppen stellen hier eine Möglichkeit dar, sich trotz knapper Zeit kreativ auszuleben.
„Gespräche statt Missverständnisse“
Die Proteste 2009 zeigen Wirkung. Durch eine flächendeckende Berichterstattung in allen Medienkanälen werden die Forderungen der Studierenden über Twitter, Tagesschau.de und YouTube öffentlich sichtbar. Auch die Verwaltung der Universität Münster reagiert. Neben der Rücknahme von Strafanzeigen gegen Hörsaal-Besetzer an der Universität Münster wird als Antwort auf die Demonstrationen und Hörsaalbesetzungen ein Bologna-Tag im Januar 2010 veranstaltet. Laut Website der Universität nehmen ca. 200 Studierende, Professoren und Mitglieder des Rektorats teil. Den Protokollen über den Bologna-Tag zufolge sollen die Prüfungsleistungen stark verringert werden. Zusätzliche Beratungs- und Anlaufstellen, an die sich Studierende bei Problemen mit dem Studienverlauf wenden können, werden eingerichtet. Auch die Wahlmöglichkeiten der Studierenden innerhalb der Module und Wiederholungsmöglichkeiten sollen verbessert werden. Ob diese Ergebnisse des Bologna-Tages umgesetzt werden und für bessere Studienbedingungen sorgen, bleibt abzuwarten.
Für 2010 sind weitere Protestaktionen angekündigt. Um zukünftige Missverständnisse zu vermeiden, ist ein regelmäßiger Dialog wie etwa beim Bologna-Tag wünschenswert. So könnten Kompromisslösungen gefunden werden, die sowohl einen europäischen Hochschulraum mit vergleichbaren Abschlüssen als auch ein kulturelles Engagement ermöglichen und gleichzeitig einen Hörsturz verhindern. | JT
1 Redaktionsschluss: 01. Februar 2010
2 Quelle: Bundesministerium für Bildung und Forschung:
http://www.bmbf.de/de/3336.php#historie
3 Quelle: http://www.bildungsstreik.net

