„Gehorche keinem“ kontrovers diskutiert


Das Kunstwerk GEHORCHE KEINEM von Babak Saed ist nicht zu übersehen: Der 2,20 m hohe, rote Leucht-Schriftzug ist über Eck an die Fassade der Universitätsbibliothek angebracht und regt nach wie vor kontroverse Diskussionen an.

Gehorche keinem
Der Schriftzug an der ULB Münster | Foto: Pressestelle der ULB

Wir haben Emanuel Hübner, Dozent am Institut für Sportwissenschaft, und Matthias Kayß, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der ULB, eingeladen, in einem schriftlichen Interview ihre Zustimmung oder Bedenken gegenüber diesem Kunstwerk zusammenzufassen.

Welche Reaktionen löst das Kunstwerk bei Ihnen aus? Welche Reaktionen von anderen haben Sie mitgeteilt bekommen?

KayssMatthias Kayß: Ich war sofort begeistert, weil ich es trotz der vordergründig negativen Botschaft als freche, aber zeitgemäße Formulierung eines positiven Wissen-schaftsideals wahrgenommen habe. Eine solche Aufforderung in überdimensionalen Buchstaben, die abends und nachts auch noch rot leuchten, an der Fassade der Unibibliothek – großartig!
Mit diesem programmatischen Verständnis bin ich allerdings dem Kunstwerk zunächst selbst auf den Leim gegangen. Das wurde mir erst nach der Diskussion mit Kolleginnen und Kollegen klar, die dem Entwurf zum Teil sehr kritisch gegenüber standen. Einige hatten Probleme mit dem Wort „Gehorche“, weil es durch die deutsche Geschichte als belastet empfunden wurde. Andere wollten keinen linken Sponti-Spruch als Motto der Bibliothek. Ein Kollege beeindruckte in seiner Kritik mit einem philosophischen Referat über die Freiheitsausübung, die ohne eine Rückbindung an den Gehorsam gegenüber den eigenen Pflichten sinnlos sei.
Mit diesen zwei kleinen Worten in deutscher Sprache, an exponierter Stelle angebracht, fühlen sich eine Menge Leute herausgefordert – doch keineswegs auf die gleiche Weise. Ich dachte immer, irgendwie ist doch klar, was gemeint ist. Gelernt habe ich, wie kompliziert und vielschichtig doch eine Kunst ist, die so mit Sprache und Kommunikation arbeitet!

Sind zum Teil heftige Reaktionen und Diskussionen Ihrer Meinung nach ein wesentlicher Bestandteil der Auseinandersetzung mit Kunst?

MATTHIAS KAYß: Nein, ich denke, das wäre ein zu enges Verständnis von Kunst. Es gibt ja auch anspruchsvolle Werke, die einen, im Gegenteil, zur Kontemplation herausfordern. Andere laden uns eher zu einem spielerischen Umgang mit ihnen ein und vermitteln so überraschende Einsichten. Außerdem ist historisch betrachtet wahrscheinlich der größte Teil der Kunst ohne Streit und Debatten entstanden. Trotzdem ziehen wir heutzutage oft noch eine ganze Menge daraus.

Wie nehmen Sie die vom Künstler Babak Saed formulierte Aussage wahr, dass der Schriftzug „auf die Fähigkeit zur kritischen Nutzung von Informationen, welche zum Handwerkszeug junger Menschen gehören sollte, verweise“? (MZ vom 26. Oktober 2009)

MATTHIAS KAYß: Ja, das ist interessant: Wir haben vorher gar nicht mit Herrn Saed darüber gesprochen. Und doch hat er mit dieser Aussage auf etwas hingewiesen, das uns als wissenschaftliche Bibliothek in der praktischen Arbeit wichtig ist: die Informationskompetenz. Für die meisten jungen Menschen hört das Recherchieren bei Google und Wikipedia auf – übrigens oft nicht aus Ignoranz oder Faulheit, sondern weil der große Zeitdruck zu einem schnellen Ergebnis zwingt. In unseren Schulungen versuchen wir zu vermitteln, dass zum wissenschaftlichen Arbeiten ebenso das richtige Rechercheinstrument gehört wie ein kritischer Blick auf alle Informationen, die man findet. Man muss aber dazu sagen: Das gilt für Texte im Internet genauso wie für Gedrucktes in Büchern und Zeitschriften.

Wie stehen Sie zu den Vorwürfen, dass der Schriftzug zur Anarchie aufrufe und Gotteslästerung sei?

MATTHIAS KAYß: Ich kann den ersten Impuls nachvollziehen; nicht aber die offenbar fehlende Bereitschaft, sich mit einem Kunstwerk dieser Art auseinanderzusetzen. Ich denke, wer persönlich davor steht und wirklich schaut, muss merken, dass sowohl der Text als auch die Form eine ganz andere Sprache sprechen. Vielleicht verleitet auch die Textform dazu, die Kunst nur in den Worten zu suchen und nicht darauf zu achten, wo diese Worte angebracht sind und wie sie wirken. Und diejenigen, die zudem den offensichtlichen Selbstwiderspruch im reinen Wort-Werk nicht oder nicht als Bestandteil der Kunst erkennen, können dem Ganzen gar nicht mehr gerecht werden. Manche Reaktionen erinnerten mich jedenfalls an das Klischee eines pensionierten Oberstudienrates, der sich freut, mal wieder seinen Rotstift zu zücken, ohne zu verstehen, dass er gar kein Aufsatzheft vor sich hat.

Stellt das Kunstwerk für Sie im universitären Kontext eher eine Bereicherung oder ein Ärgernis dar?

MATTHIAS KAYß: Gerade in der Anstößigkeit von Babak Saeds Kunstwerk sehe ich eine große Bereicherung für die Universität. In Zeiten, in denen sich die konkurrierenden Hochschulen zunehmend zu gut geölten Qualifizierungs- und Exzellenzmaschinen entwickeln, stellt sich GEHORCHE KEINEM erst einmal quer und erinnert vielleicht einige daran, um was es in der Wissenschaft eigentlich geht: um den Anspruch auf Geltung und Wahrheit. Mag sein, dass wir diesem letztlich nicht voll gerecht werden können; ohne diesen Anspruch allerdings macht ein wissenschaftlicher Diskurs meines Erachtens gar keinen Sinn. Das bedeutet eben auch: Es darf immer nur zählen, was gesagt wird, nicht wer was sagt – gehorche keinem.
Das ist meine Sicht auf das Kunstwerk. Andere, wie gesagt, sehen das anders. Ich denke, mein Vorschlag, sich mit dem Werk von Saed daran zu erinnern, dass die Universität ein Ort für den wissenschaftlichen Diskurs sein und bleiben muss, kann da ganz gut mithalten.

Falls Sie die Entscheidung, ob das Kunstwerk an der ULB angebracht werden soll, hätten beeinflussen können, hätten Sie zugestimmt?

MATTHIAS KAYß: Nun, ich finde den Entwurf sehr gut und die Realisation, die diesen voll umsetzt, ebenso. Die Kontroversen um das Werk können wir schwerlich als Schaden ansehen. Sie gehören dazu und lassen diese Art von Kunst erst richtig lebendig werden. Und schließlich ist das Werk in seiner Vielschichtigkeit nicht dazu geeignet, auf irgendjemandes Kosten zu wirken. Wer sich daran stößt, muss argumentieren. Das ist, glaube ich, nicht zu viel verlangt und gerade für eine Universitätsbibliothek wohl angemessener als die gefällige Unauffälligkeit der Kunst am Bau, die man von manch anderen öffentlichen Einrichtungen gewohnt ist.

Wie bewerten Sie die bisherige Diskussion über das Kunstwerk? Wie haben Sie die Diskussionsrunde in der Petrikirche und den Schriftzug HORCHE HIN an diesem Gebäude wahrgenommen?

MATTHIAS KAYß: Die Auseinandersetzung, die in der Presse geführt worden ist, hat zwar Aufmerksamkeit geschaffen, aber ich hätte mir mehr Niveau gewünscht – in erster Linie bei den Argumenten, manchmal auch beim Stil. Wirklich spannend fand ich dagegen die Art der öffentlichen Kommunikation zwischen Petrikirche und ULB. Ich habe mich gefreut über diesen Versuch, christlich auf das Kunstwerk zu antworten. Und die Diskussionsrunde warf ein sehr breites Spektrum an Fragestellungen und Themen auf. Ich weiß nicht, wann das letzte Mal ein Kunstwerk Menschen zur Diskussion zusammengeführt hat, die sonst kaum etwas miteinander zu tun haben. Und dann ging es gleich um Autonomie, um Gehorsam und natürlich auch um das richtige Kunstverständnis. An einigen Punkten hätte ich mir auch eine Fortsetzung gewünscht. Wir haben oft nur angerissen und konnten nicht tiefer gehen. Nun, ein Anfang ist gemacht.

Wenn Sie ein Kunstwerk an der ULB in Form eines Schriftzugs hätten gestalten dürfen, was hätten Sie dort geschrieben?

MATTHIAS KAYß: Oje, ich bin kein Künstler und will es auch nicht werden. Herr Saed hat hier etwas Tolles geschaffen. Was soll ich mir noch wünschen?

Was macht für Sie ein gelungenes Kunstwerk aus?

MATTHIAS KAYß: Ich bin auch kein Kunsttheoretiker, aber ich denke, es muss mich irgendwie sinnlich und intellektuell berühren und es muss mir als Betrachter immer etwas voraus sein. Keineswegs sollte es sich in Dienst nehmen lassen für die erstbesten Antworten, die mir einfallen. All das erfüllt GEHORCHE KEINEM.






Welche Reaktionen löst das Kunstwerk bei Ihnen aus? Welche Reaktionen von anderen haben Sie mitgeteilt bekommen?


HuebnerEmanuel Hübner: Laut Aussage des ausführenden Künstlers soll das „Kunstwerk“ nicht nur schlichtweg provozieren, sondern eine konkrete Intention verfolgen: „den Blickwinkel zu ändern, einmal erlernte Regeln in Frage [zu] stellen und durch deren Bruch Neues entstehen [zu] lassen.“ („Kunst soll Studenten irritieren“, WN, 17.9.2009) Auch solle auf die Fähigkeit zur kritischen Nutzung von Informationen hingewiesen werden.
Immer, wenn ich die Universitäts- und Landesbibliothek (ULB) heutzutage von der Ostseite (aus Richtung Fürstenberghaus) her ansteuere, lese ich in großen Lettern über dem Eingang das Wort „KEINEM“. Andere Universitäten tragen an ihren wichtigen Gebäuden ebenfalls Inschriften, wenn auch nie so plakativ wie nun in Münster. Über ihnen stehen entweder ihr Name oder ein Leitsatz wie „Der Forschung, der Lehre, der Bildung“ in Hamburg. Im münsterschen Motto spiegelt sich dagegen deutlich die gewandelte Einstellung der in der Politik Verantwortlichen unserer Tage, denn es handelt sich ja um eine Stiftung der nordrhein-westfälischen Staatskanzlei mit ausdrücklicher Billigung der münsterschen Universitätsleitung: Die münstersche Bibliothek scheint gegenwärtig „KEINEM“ mehr verpflichtet, nicht einmal mehr dem wissenschaftlichen Zugewinn. Sie könnte also gleichsam einfach abgeschafft werden, so darf man fast folgern. Einladend wirken die gigantomanischen Lettern somit nicht!
Es bleibt, wie so häufig, auch in diesem Falle auf andere Zeiten zu hoffen, in denen Wissenschaft, auch wenn diese nicht profitorientiert ist, von den politischen Entscheidungsträgern wieder höher geachtet wird; ja vielleicht irgendwann den Sonntagsreden über die Notwendigkeit der wissenschaftlichen Nachwuchsförderung, wozu gerade eine Universitätsbibliothek in hohem Maße beiträgt, Taten folgen. Die Sanierung und Erweiterung des ULB-Gebäudes war dazu ein gutes Zeichen, das aber nun, besonders nach Einbruch der Dunkelheit, von der milden Gabe der Staatskanzlei buchstäblich überstrahlt wird.
Diese Einstellung deckt sich mit den Reaktionen zahlreicher Studenten und Dozenten, die mir in der Zeit kurz nach Anbringung des „Kunstwerkes“ zu Ohren gekommen sind: Ja, das Kunstwerk hat tatsächlich zu einem Prozess des Nachdenkens geführt. Allerdings ist mir kein einziger Fall bekannt, in dem dieser Prozess des Nachdenkens auch nur ansatzweise in die vom Künstler beabsichtigte Richtung ging. Äußerst zahlreich waren dagegen die Personen, die das Kunstverständnis der politischen Entscheidungsträger mit einem Kopfschütteln hinterfragten. Häufig blieb es dabei nicht bei einem Hinterfragen des Kunstverstandes…

Sind zum Teil heftige Reaktionen und Diskussionen Ihrer Meinung nach ein wesentlicher Bestandteil der Auseinandersetzung mit Kunst?

EMANUEL HÜBNER: Meiner Meinung nach darf über Kunst gerne und auch durchaus heftig gestritten werden. Allerdings ist Kunst nicht immer gleich Kunst. Sie befindet sich ja nie im abgehobenen, der Umwelt entrückten Raum. Sie wirkt immer auch auf das Objekt/Bauwerk, in dessen Nähe oder an dem es angebracht ist, zurück und umgekehrt. Gerade im öffentlichen Raum sollte deshalb mit der sogenannten Kunst am Bau und auch der Aufstellung von Kunstwerken mit großem Bedacht vorgegangen werden. Dies gilt im Besonderen dann, wenn das Kunstobjekt durch Steuergelder finanziert worden ist. Deshalb stellt auch die Aussage, dass das „Kunstwerk“ ja nicht durch Studiengebühren finanziert worden sei, sondern eine Schenkung der Staatskanzlei darstelle („Provokation gelungen“, WN, 28.10.2009), eine Zumutung dar. Als ob dieser Umstand die Angelegenheit besser mache! Die 65.000,- Euro für das „Kunstwerk“ stammen ja wohl kaum aus der Privatschatulle des Herrn Staatssekretärs! Sie stammen aus Steuereinnahmen, die ebenso wie Studiengebühren eine Zwangsabgabe darstellen. Beide sollten für sinnvolle Aufgaben verwandt werden, durchaus auch gerne für Kunst. An einer öffentlichen Hochschule angebracht, „gestiftet“ von einer Staatskanzlei, sollte diese Kunst allerdings nicht zur Anarchie aufrufen, so wie sie es nun an der ULB tut. Denn – und das scheint den Befürwortern entgangen zu sein – ein Nicht-Gehorchen zieht nicht zwangsläufig ein Nachdenken nach sich! Anarchie kann auch einfach nur Anarchie sein. Dies ist der kardinale Denkfehler der Verantwortlichen. Anders herum kann aber ein Nachdenken durchaus zu einem freiwilligen Gehorsam führen, was allerdings die Staatskanzlei und die Universitätsleitung mit Ihrem „Kunstwerk“ ja kategorisch ausschließen wollen.
Siehe auch Beantwortung der vierten Frage.

Wie nehmen Sie die vom Künstler Babak Saed formulierte Aussage wahr, dass der Schriftzug „auf die Fähigkeit zur kritischen Nutzung von Informationen, welche zum Handwerkszeug junger Menschen gehören sollte, verweise“? (MZ vom 26. Oktober 2009)

Emanuel Hübner: Siehe Beantwortung der ersten Frage.

Wie stehen Sie zu den Vorwürfen, dass der Schriftzug zur Anarchie aufrufe und Gotteslästerung sei?


Emanuel Hübner: Dass ein öffentliches Gebäude per Gesetz Kunst am Bau aufweisen muss, ist an sich positiv zu bewerten und soll auch in Zukunft so bleiben. Doch sollte diese Kunst, wenn sie denn an einem öffentlichen Gebäude angebracht und zudem mit Steuergeldern finanziert worden ist, Neutralität wahren oder sich – besser noch – zur Demokratie bekennen. Natürlich gilt die im Grundgesetz verankerte Freiheit der Kunst (Artikel 5). Jedoch übt der Aufstellungs- bzw. Anbringungsort eines Kunstwerkes unausweichlich einen Einfluss auf das Kunstobjekt aus, genau wie anders herum immer auch durch das Kunstobjekt auf seinen Präsentationsort, in diesem Falle eines der zentralen Gebäude der hiesigen Universität, Einfluss ausgeübt wird.
In dieser Hinsicht ist das im Oktober 2009 angebrachte „Kunstwerk“ gleich in mehrfacher Weise völlig fehlplatziert. Denn was soll mit der unmissverständlichen Aufforderung „Gehorche keinem“ mit seinem Ausschließlichkeitsanspruch ausgedrückt werden? Welch tieferer Sinn, den man an einer solch prädestinierten Stelle wohl erwarten darf, steckt dahinter? Die Forderung nach zivilem Ungehorsam, nach rechtsfreien Räumen?
Als Wissenschaftler bin ich selbstverständlich den Grundsätzen wissenschaftlichen Arbeitens verpflichtet, muss ihnen also gleichsam gehorchen. Zudem habe ich bei Dienstantritt als Teil des wissenschaftlichen Personals der Universität Münster selbstverständlich einen Eid leisten müssen, der mich an die demokratische Verfassung und ihre demokratischen Grundsätze bindet. Da frage ich mich doch nun bei jedem Betreten der Bibliothek, warum ich diesen Amtseid überhaupt leisten musste!
Münster ist ausgewiesener Lehrerausbildungsstandort. Eine Vielzahl der Studenten und damit der Besucher der ULB wird in Zukunft als Lehrer an Schulen ihrem Beruf nachgehen. Auch sie werden – natürlich im Rahmen der rechtlichen Grundlagen – von ihren Schülern verlangen, dass diese gehorchen, d. h. ihre Schulaufgaben erledigen, Klassenarbeiten schreiben usw. Vielleicht wird der eine oder andere Schüler sogar erkennen, dass es notwendig ist, den Anweisungen des Lehrers zu gehorchen, um ein Lernen für das Leben zu gewährleisten. Das „Kunstwerk“ an der ULB setzt da ein falsches Zeichen!
Um es in aller Deutlichkeit zu sagen: Gegen antidemokratische Aktivitäten sollte sich jeder zur Wehr setzen. Ich bin durch meinen Eid sogar dazu verpflichtet, für die Demokratie einzutreten. Demagogen und Fanatikern sollte niemand folgen. Doch der Aufruf „Gehorche keinem“ fordert mit seinem Ausschließlichkeitsanspruch nun einmal dazu auf, auch den demokratisch legitimierten Volksvertretern und den Grundsätzen eines friedlichen Zusammenlebens nicht zu gehorchen, ja in letzter Konsequenz, nicht einmal seinem Gewissen, seinen Erkenntnissen und seiner Überzeugung zu folgen. Die Welt hat sich in den über 60 Jahren nach Ende des Zweiten Weltkrieges weitergedreht. Wer bei dem Wort „Gehorchen“ immer noch ausschließlich an die Gefahr blinden und fanatischen Gehorsams gegenüber Diktatoren und Demagogen in Deutschland denkt, der kann wohl nur als ewig gestrig bezeichnet werden. Das „Kunstwerk“ ist am falschen Ort angeschraubt! In einer richtigen Diktatur, von der es leider noch viel zu viele auf dieser Welt gibt, wäre das „Kunstwerk“ wesentlich besser plaziert als in Münster und könnte dort seine von den „Stiftern“ intendierte Aussage wohl endlich entfalten.
Das „Kunstwerk“ stellt somit nicht nur ein Ärgernis dar, sondern ist zudem ein signifikantes Zeichen billiger Effekthascherei; aber mehr kann man wohl heute nicht (mehr) erwarten.

Stellt das Kunstwerk für Sie im universitären Kontext eher eine Bereicherung oder ein Ärgernis dar?

Emanuel Hübner: Siehe Beantwortung der vierten Frage.

Falls Sie die Entscheidung, ob das Kunstwerk an der ULB angebracht werden soll, hätten beeinflussen können, hätten Sie zugestimmt?


Emanuel Hübner: Auf gar keinen Fall hätte ich der Anfertigung und Anbringung dieses „Kunstwerkes“ zugestimmt! Aber wie das in der heutigen Zeit nun einmal ist, entscheidet die politische Obrigkeit häufig an der Meinung der Bürger vorbei. Eine richtig verstandene Demokratie würde die Standpunkte aller gleichberechtigten Bürger zu berücksichtigen versuchen und sich bemühen, einen Konsens zu finden. Leider sieht es aber gegenwärtig häufig so aus, dass die Entscheidungsträger von oben herab die Bürger „beglücken“ und, wie in diesem Falle, „Kunstwerke“ stiften, ohne vielleicht einmal die „Betroffenen“, die tagtäglich als Studenten und/oder dienstlich die ULB aufsuchen, in den Entscheidungsprozess mit einzubinden. Vielleicht hätte sich dann ja gezeigt, dass die Mehrheit auch mit einer weitaus kleineren Stiftung der Staatskanzlei zufrieden gewesen wäre. Die 65.000,- Euro Steuergelder, die hier für Kunst verwandt worden sind, hätten durchaus für Kunst am Bau von Universitätsgebäuden ausgegeben werden können, deren dringende Sanierung auf diese Weise zumindest teilweise hätte finanziert werden können, die aber weitaus weniger publikumswirksam hätte in Szene gesetzt werden können, als dies bei der ULB der Fall gewesen ist. Damit wäre der Universität und auch der Kunst geholfen gewesen! Allerdings hätten sich die Entscheidungsträger damit kein weithin sichtbares Denkmal geschaffen. Deshalb schied diese Variante, die ich vorgeschlagen hätte, wohl von vornherein aus, und deshalb war auch ein Meinungsbildungsprozess unter Beteiligung weiter Mitarbeiter- und Studentenkreise der Universität gar nicht gewünscht. Bezeichnend für die Kommunikation zwischen Bürgern und Verwaltungsinstitutionen in unserer Demokratie ist auch, dass die Staatskanzlei auf meinen Hinweis auf die Problematik des „Kunstwerkes“ erst nach über einem Monat eine Reaktion zeigte; die wohl nicht zufällig gerade an dem Tag verfasst wurde, als erste kritische Stellungnahmen (meinerseits) Ende Oktober in der Presse erschienen waren. Vom ebenfalls im September 2009 angeschriebenen Hochschulrat der Universität Münster erhielt ich bis zum heutigen Tage keinerlei Reaktion. Auch dies ist bezeichnend!

Wie bewerten Sie die bisherige Diskussion über das Kunstwerk? Wie haben Sie die Diskussionsrunde in der Petrikirche und den Schriftzug HORCHE HIN an diesem Gebäude wahrgenommen?

Emanuel Hübner: Mittlerweile wird das „Kunstwerk“ an der ULB wohl gar nicht (mehr) groß als solches wahrgenommen; was zum einen daran liegen mag, dass es von einem einzigen Standpunkt allein nur sehr schwer in seiner Gesamtheit erfasst werden kann und zum anderen vor allem daran, dass es überhaupt gar nicht als Kunstwerk erkannt wird. Die meisten ULB-Besucher, die mittlerweile der Buchstaben gewahr werden, denken wohl einfach: „Was kümmert´s mich?“ So bliebe von den hehren Absichten der Stifter nicht mehr viel übrig außer ein paar unverständlicher Buchstaben.
Zur Zeit der Diskussionsrunde in der Petrikirche befand ich mich auf einer langfristig geplanten Dienstreise nach Berlin. Wie mir aber von Besuchern der Veranstaltung im Nachhinein mitgeteilt wurde, zogen die für das „Kunstwerk“ Verantwortlichen sowieso nicht in Betracht, ernsthaft über den Verbleib bzw. Nichtverbleib des Objektes zu diskutieren. Ich habe also nichts verpasst.

Wenn Sie ein Kunstwerk an der ULB in Form eines Schriftzugs hätten gestalten dürfen, was hätten Sie dort geschrieben?

Emanuel Hübner: Ich persönlich hätte ein Wiederanbringen desjenigen Schriftzuges befürwortet, der sich vor dem Umbau dort befunden hat. Jeder Besucher, auch der ortsunkundige, das Gebäude erstmals ansteuernde, hätte sehen können, dass es sich hier um die Universitäts- und Landesbibliothek handelte. Die Buchstaben hätte ich vielleicht etwas größer gewählt, aber nicht so überdimensioniert wie beim derzeitigen Schriftzug des „Kunstwerkes“. Dass Münster nicht nur Standort einer Universitäts-, sondern sogar einer Landesbibliothek ist, stellt meiner Meinung nach einen Umstand dar, auf den es sich schon allein hinzuweisen gelohnt hätte. Aber der Inhalt, der sich hinter der Bezeichnung solch einer Institution verbirgt, erschließt sich heutzutage wohl nicht jedem, besonders denjenigen nicht, denen es an der Universität mehr an Leuchttürmen und Clustern gelegen ist als an Inhalten. Deshalb bedurfte es offenkundig dieses pseudo-kritischem „Kunstwerkes“.
Wenn es aber unbedingt ein Sinnspruch sein sollte, der sich mahnend dem sich der Bibliothek Nähernden entgegenbieten sollte, würde ich für „Denkt nach!“ plädieren. Denn am Nachdenken, dem wirklichen In-sich-Aufnehmen und kritischen Reflektieren von (wissenschaftlichen) Inhalten krankt es im Bachelorzeitalter nur allzusehr. Aber so wie es schon wieder eine Reform der letzten Universitätsreform gibt, so kommen die Verantwortlichen vielleicht auch irgendwann zu der Einsicht, dass das „Kunstwerk“ an der ULB dringend reformbedürftig ist, wobei die Hoffnung auf eine Reform in diesem Falle ausnahmsweise einmal eine grundlegende Verbesserung erwarten ließe.

Was macht für Sie ein gelungenes Kunstwerk aus?

Emanuel Hübner: Siehe Beantwortung der vierten Frage.

Vielen Dank für das Interview!  
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