Auch ohne Filmhochschule und großes Budget originelle Geschichten erzählen
Das Kurzfilmprojekt “5xAbschied” von Münsteraner Studierenden im Portrait
Mit ihrer Kurzfilmreihe “5xAbschied” will eine Gruppe münsterscher Studierender zeigen, dass man auch ohne großes Budget oder den Besuch einer Filmhochschule originelle Geschichten erzählen kann. Die ersten vier Kurzfilme (“Schimmer”, “Heimkehr”, “Wände” und “Taucher”) hat die Produktionsgemeinschaft RocketSheepBoom in insgesamt drei Jahren gedreht. Am fünften Teil “Äon” wird noch gearbeitet. In allen Filmen geht es um das Thema Abschied.
Wie stellt man als Studierender sein eigenes Filmset auf die Beine? Dies verraten Regisseur Anil Kunnel und die beiden Produzentinnen Britta Strampe und Elisabeth Weydt im Gespräch mit Pascal Bovée.
Pascal Bovée: Eure Kurzfilme sind No-budget-Produktionen. Dafür sind sie aber ziemlich ansehnlich geworden. Das muss doch etwas gekostet haben...?
ELISABETH WEYDT: Ja klar, ein bisschen Geld hat es schon gekostet. Wir haben aus lokalen Spendentöpfen hier und da ’mal 50 oder 100 Euro zusammenbekommen. Aber vor allem haben wir viel gespendet bekommen: Besonders Arbeitskraft von vielen Freiwilligen, aber auch Geräte und Equipment. Schimmer z. B. war schon ein recht aufwändiger Film – aber die Kostüme dafür haben wir aus dem Theaterfundus bekommen, das Haus wurde vom Heimatverein zur Verfügung gestellt, die Tiere aus dem Präparationsgeschäft geliehen.
ANIL KUNNEL: Für den letzten Kurzfilm werden wir aber etwas mehr Geld brauchen, das soll ein Science-Fiction-Film werden. Das Budget dafür müssen wir noch zusammenkriegen. Gerade überlegen wir, ob es dafür passende Spendenmöglichkeiten gibt. Trotzdem finde ich wichtig, dass es keine zu teure Produktion wird. Wir wollen ja gerade zeigen, dass es auch selbstgemacht geht.
Pascal Bovée: Wie seid ihr denn bisher an die freiwilligen Helfer gekommen? Sind das alles Freunde von euch? Die Liste der Mitwirkenden im Abspann der Filme ist ja doch ganz schön lang.
BRITTA STRAMPE: Es hat so Wellen geschlagen. Das hat auch mit einer gewissen Online-Aktivität zu tun.
Pascal Bovée: Mit Facebook oder wie?
BRITTA STRAMPE: Ja, solche Netzwerke ließen sich dafür gut nutzen. Und in Münster geht es dann halt auch schnell sich zu treffen.
Pascal Bovée: Aber es haben auch einige mitgeholfen, die gar nicht in Deutschland wohnen, oder?
ANIL KUNNEL: Mit Manna aus den Niederlanden zum Beispiel, die die Musik für Schimmer gemacht hat, lief eigentlich alles über MySpace und Skype. Am Anfang war es auch noch gar nicht so leicht, Helfer für die Filme zu gewinnen, vor allem fremde Leute. Als wir den ersten Film gedreht haben, wollte eigentlich außer den Schauspielern noch fast keiner mitmachen. Aber seit wir Anschauungsmaterial hatten, wurde es einfacher.
Pascal Bovée: Eure Filme nutzen ziemlich unterschiedliche Darstellungsformen – von einem dokumentarischen, Dogma-ähnlichen Stil ohne künstliche Beleuchtung über eine Webcam-Perspektive bis zu ganz surrealen Traumsequenzen oder der zeichnerischen Nachillustration von Szenen. Trotzdem handeln die Filme alle auf ihre Weise vom selben Thema: Abschied. War das von vornherein so geplant?
ANIL KUNNEL: Nein, es war alles zuerst ein Gewusel aus verschiedenen Ideen. Aber es fügt sich so langsam zusammen. Zuerst gab es das Drehbuch zu Heimkehr, dann das von Wände. Es war nicht vorher der Plan, über drei Jahre hinweg eine große Geschichte zu erzählen. Das haben wir gar nicht versucht.
Premiere | Foto: RocketSheepBoom
Pascal Bovée: Aber irgendwie ist es dann trotzdem ein bisschen so eine zusammenhängende Geschichte geworden, oder? Ich habe die ersten Filme direkt hintereinander geschaut und dachte: Man könnte sie auch gut als Abschnitte eines Episodenfilms sehen.
ANIL KUNNEL: Das stimmt. Die Filme wirken anders, wenn man sie direkt hintereinander guckt. Zusammen ist es eigentlich fast ein ganzer Spielfilm geworden.
ELISABETH WEYDT: Darum haben wir die vier Teile, die bis jetzt fertig sind, dann auch auf einer DVD zusammengestellt. Die ist allerdings auch als Dankeschön für die Mitwirkenden gedacht.
Pascal Bovée: Könnt ihr näher beschreiben, wie die Filme miteinander zusammenhängen?
ELISABETH WEYDT: Die fünf Geschichten könnten insgesamt ein Leben darstellen, zumindest vom Alter her. Der erste fängt mit einem kleinen Mädchen an, der letzte endet mit dem Tod. Du findest einzelne Motive in allen Filmen wieder, aber es geht nicht durchgängig um eine Person.
ANIL KUNNEL: Trotzdem hat man am Ende das Gefühl, dass man einem Leben gefolgt ist. Jeder Film beschreibt eine andere mögliche Lebensphase.
Pascal Bovée: Also, Schimmer beschreibt die Kindheit, richtig? Da erscheint noch nicht alles so klar und stringent. Der Film lässt von allen am meisten Interpretationsspielraum, finde ich.
ANIL KUNNEL: Ja, Schimmer könnte auch von einem Kind gemacht sein. Der Film ist nicht wirklich logisch, die Ebenen verschwimmen miteinander, der Film ist einfach spielerischer. Wenn man einem Kind Geld geben würde und sagen „Hey, erzähl uns ’mal eine Geschichte!“, dann würde vielleicht so etwas wie Schimmer dabei rauskommen.
Beim zweiten Film Heimkehr geht es dann um die Konfrontation mit der Realität. Da gibt es die Kinder, die gegen die Eltern wettern.
Pascal Bovée: In Heimkehr gibt es so eine Szene, die mir gut gefallen hat. Da sitzen die beiden Jugendlichen oben auf dem Dach im Freien und reden über ihren Bruder, der abgehauen ist. Aber die Eltern stehen direkt unter ihnen, im Garten vor demselben Haus. Da merkt man, wie die Familie so beieinander ist, an einem Ort, und trotzdem sind sie nicht zusammen dort.
ANIL KUNNEL: Ja, in dem Alter kann man sich sein Zuhause nicht aussuchen. Anstatt mit einem großen Knall und Streit am Ende des Films kann man das auch auf diese Weise zeigen.
Pascal Bovée: In dem nächsten Film Wände sind die Protagonisten dann etwas älter. Um welche Lebensphase geht es da?
ANIL KUNNEL: In Wände ist es die erste große Liebe, die zu Ende geht, der Film zeigt so ein bisschen das Lebensgefühl eines Mittzwanzigers. Man sieht dabei auch, wie unterschiedlich die Qualität und die Stile der einzelnen Filme sind. Wände haben wir zuerst gedreht, da ist die Bildqualität einfach schlechter. Aber das passt auch zu der Machart von 5xAbschied – immer in kleinen Schritten.
Pascal Bovée: Und inwiefern haben die beiden letzten Filme mit dem Thema Abschied zu tun?
ANIL KUNNEL: In Taucher geht es um das Ende einer Familie oder einer Ehe, um eine Situation, aus der es keinen Ausweg mehr gibt und die ein großer Einschnitt ist. Und in Äon geht es um den Tod – ich würde eher sagen, um das Lebensende, weil der Film auch ein bisschen Hoffnung hat. Es sind zwei Menschen, die in einem Konflikt miteinander stehen am Ende ihres Lebens und vielleicht zu stolz sind.
Pascal Bovée: Möchtet ihr noch was zum Abschied loswerden?
BRITTA STRAMPE: Wir verabschieden uns jetzt aus Münster...
Britta Strampe, Anil Kunnel und Elisabeth Weydt haben gerade ihr Magisterstudium der Kommunikationswissenschaft sowie Germanistik abgeschlossen bzw. stehen davor. Die Zeit, die sie nebenher in ihr Kurzfilmprojekt investiert haben, scheint alles andere als verloren. Weitere „filmische Konsequenzen” im Lebenslauf bahnen sich an.
Wer 5xAbschied unterstützen will oder sich für die DVD mit den ersten vier Kurzfilmen von RocketSheepBoom interessiert, kann sich an diese Adresse wenden: 5Goodbyes@web.de oder sucht auf Facebook nach 5xAbschied.
Vielen Dank für das Interview. | PB

