Können solche Blütenträume doch mal reifen
oder ist nach
Bologna alles anders?
Braucht die Universität Kunst und Kultur? Anmerkungen zu einer Vortragsreihe
Braucht die
Universität Kunst und Kultur? Keine Frage! Die Antwort scheint nahe
liegend, gänzlich selbstverständlich. Als vor 20 Jahren der
Senatsausschuss für Kunst und Kultur eingerichtet, also ins Leben
gerufen wurde, gingen wir fraglos davon aus: Natürlich braucht unsere
Universität Kunst und Kultur!
Und heute? Ist heute, „nach
Bologna“ alles anders? Ist heute, „nach Bologna“ überhaupt noch Zeit,
sprich Muße für so etwas wie Kunst und Kultur? Und was ist das
überhaupt? Und wofür braucht man so was?
Solche Fragen wurden
im vergangenen Semester aus Anlass des 20jährigen Jubiläums des
Senatsausschusses für Kunst und Kultur in drei Vorträgen gestellt, hin
und her gewendet und je nach Standpunkt der Vortragenden unterschiedlich
beleuchtet und keineswegs bloß rhetorisch genommen.
Professor
Dr. Marius Reiser, der seit 1991 Neues Testament am Fachbereich
Katholische Theologie der Universität Mainz lehrte und diese Professur
aus Protest gegen die Hochschulreform niederlegte, ging hart mit dem
Bologna-Prozess ins Gericht und beschwor das altehrwürdige Ideal der
Universität in ihrer Prägung durch Wilhelm von Humboldt. Sein Vortrag
„Die Universität, ihr Menschenbild und ihre Leitidee“ hinterließ
irgendwie den Eindruck, dass da jemand mit großer Sachkenntnis zwar,
aber eben doch die Uhr zurückdrehen wollte, weg vom bloß auszubildenden
und wieder hin, nun eben zum „umfassend gebildeten“ Menschen.
Jürgen
Kaube, als Feuilleton-Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für
Fragen der Bildungs-, Wissenschafts- und Gesellschaftspolitik
zuständig, hatte die Praxis des universitären Alltags im Blick, der
durch das Studium der Wissenschaften, die Aneignung und den Nachweis von
Kenntnissen bestimmt ist, und ging darauf im Zusammenhang mit dem
Wandel von Kunst und Kultur ein, den er in den letzten Jahrzehnten
beobachtete, etwa die Pluralisierung der Kunstformen oder die Einebnung
von „E“ und „U“. Den ungemein zahlreichen kulturell, in den Künsten,
Theater, Musik, Film, Malerei, Video tätigen studentischen Gruppierungen
und universitären Einrichtungen, die Semester für Semester im
UniKunstKultur-Heft präsent sind und nicht zuletzt auch die
Stadtgesellschaft zu ihren Veranstaltungen einladen, maß Jürgen Kaube
einen unverzichtbaren Stellenwert bei, nicht zuletzt als, sagen wir, ein
Komplement zur Ausbildung in den Wissenschaften.
Schließlich
ging Professor Bazon Brock, der lange Jahre Ästhetik an der Bergischen
Universität Wuppertal lehrte, auf Wissenschaft und Kunst, ihr je Eigenes
und ihr Verhältnis zueinander und in dieser Perspektive wiederum auch
auf den je eigenen Stellenwert beider im kulturellen Kontext ein und
betonte, dass Kunst und Kultur nicht ohne Weiteres gleichzusetzen seien.
Ein Schwerpunkt seines Vortrags war die einstige Nähe, ja
Ununterschiedenheit von Wissenschaft und Kunst. Überblickt man den
abendländischen Kulturkreis, so wurden bis zur Renaissance ebenso wie in
der Antike und im Mittelalter die bildenden Künste wie auch Musik und
Dichtung verschiedenen Wissenschaften und handwerklichen Tätigkeiten
zugeordnet. Unter Kunst wurde ein Kanon von Regeln verstanden, der dazu
anleiten sollte, etwas herzustellen. Das Handwerk des Schuhmachers, die
Kochkunst und die Kunst des Jongleurs, Grammatik und Arithmetik waren so
gesehen nicht weniger und in keinem andern Sinn Kunst als Malerei,
Bildhauerei, Dichtung oder Musik, auch Architektur. Erst die
neuzeitliche Bindung an das Schöne brachte die Trennung dieser Künste
von den Wissenschaften und vom Handwerk mit sich.
Die Vorträge
boten viel Stoff zur Diskussion, zum Nachdenken. Was bedeutet zum
Beispiel „umfassend gebildet“, und welche Rolle spielt oder kann die
Kunst dabei spielen?
Sind „Bologna-Menschen“ anders?
Weil
wir soeben ein Schiller-Gedenkjahr abgehakt haben – in seinen „Briefen
über die ästhetische Erziehung des Menschen“ (1795), die er unter dem
Eindruck der beginnenden Industrialisierung und der Ideale, aber auch
des Terrors der französischen Revolution geschrieben hat, geht Schiller
auf seine Vorstellung vom umfassend gebildeten Menschen ein und eröffnet
die weiter gefasste Bedeutung und Perspektive ästhetischer Erziehung
oder ästhetischer Bildung, d. h. einer Bildung durch Kunst.
Beide,
Erziehung und Bildung, gehören in den Kontext des deutschen Wortes
Bildung, dessen Bedeutungsvielfalt über die in anderen Sprachen
vorherrschende Bedeutung von Erziehung im Sinn von Ausbildung
herausgehoben und daher unübersetzbar ist.
Bildung hat eine
umfassendere Bedeutung als Erziehung und hat etwas mit Selbsttätigkeit,
auch Sichentwickeln zu tun, unterstreicht Rudolf Vierhaus in seinem
einschlägigen Artikel „Bildung“ im Handbuch „Geschichtliche
Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in
Deutschland“, das Werner Conze, Reinhart Koselleck u. a. 1972-1997
herausgegeben haben. Ursprünglich der theologischen Sprache entstammend,
hat Bildung zunächst etwas mit der Gottebenbildlichkeit des Menschen zu
tun. Die allmähliche Enttheologisierung der Bestimmung des Menschen,
die „Erfindung des Menschen“ (Michel Foucault), geht einher mit der ihm
zugedachten Humanitas und ist gleichbedeutend mit einer
anthropologischen Wende: Bildung meint nun die Entwicklung des Menschen
zum Menschen und erhält, orientiert an der Idee der Humanität, in der
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine emanzipatorische Funktion, die
den Gedanken der ästhetischen Bildung und Erziehung, einer Bildung durch
Kunst nachhaltig geprägt hat und – bei aller kritischen Differenzierung
– letztlich doch auch heute noch prägt.
Das semantische Feld
des neuzeitlichen, humanistisch geprägten deutschen Bildungsbegriffs,
anders gesagt, das Ideal einer Bildung durch Kunst – darauf kommt es
hier an – erfährt durch Schiller, die deutsche Klassik und dann auch
durch Wilhelm von Humboldt in der Rücksicht auf den ganzen Menschen eine
Erweiterung durch die Forderung nach Ausbildung nicht allein unserer
intellektuellen, sondern auch unserer sensitiven Fähigkeiten und damit
auch der ästhetischen Kompetenz des Menschen.
Sind wir alle
Künstler, wie Joseph Beuys meint?
Allerdings: Der Gedanke,
das Ideal einer Bildung durch Kunst, ausgearbeitet in einem Jahrhundert
des Übergangs von der höfischen zur bürgerlichen Gesellschaft, wird im
19. Jahrhundert, in dem sich die bürgerliche Gesellschaft und ihre
Sozialstruktur formieren, nachhaltig in Frage gestellt. Die Kunst
verliert ihre herausragende Bedeutung als ein die Bildung des Menschen
fördernder Wirklichkeitsbereich und büßt ihr von Schiller und Wilhelm
von Humboldt behauptetes Potenzial zur Veränderung der Gesellschaft ein.
An die Stelle des klassischen Ideals einer Bildung durch Kunst tritt
der Gedanke der musischen Erziehung und Bildung. Dieser, der
Reformpädagogik geschuldete Gedanke, versteht „das Musische“
anthropologisch und will – man lese und staune – im 19. Jahrhundert
bereits der Gefährdung des Menschen durch „Technokratie“,
„Leistungsdenken“, „Vermassung“ und der „Hast des Lebens“ in der
modernen Welt entgegen treten.
Ist jeder Mensch ein Künstler? –
über den Zusammenhang von musischer und künstlerischer Bildung wird
debattiert und über die Abgrenzung beider Bereiche voneinander,
nachzulesen im Sammelband „Vom Geist musischer Erziehung“, der 1973 von
Norbert Kluge herausgegeben worden ist. Vor allem aber geht es um die
Frage, welchen Stellenwert das humanistische Verständnis vom Menschen
und der Bildung in einer durch Arbeit und Technik geprägten sozialen und
gesellschaftlichen Wirklichkeit beizumessen ist.
Der durchaus
richtigen Einsicht, dass Bildung nicht unabhängig von
historisch-sozialen Voraussetzungen und gesellschaftlichen Bedingungen
verstanden werden kann, stand allerdings (damals schon!) entgegen, dass
Bildung zunehmend als ein Privileg einer „Geisteselite“ verstanden wurde
und die humanistische Zielvorstellung in der gebildeten Schicht des
Bürgertums mehr und mehr zum bloßen Statussymbol verkam – unnachsichtig
prangerte Nietzsche den „Bildungsphilister“ seiner Zeit an.
Während
sich die Herrschaft der die Zeit prägenden Tendenzen der Politik, der
Industrialisierung und der Wissenschaft vollzieht, wird die Kunst
abgedrängt auf die Bildung „schöner Innerlichkeit“. Die musische tritt
der intellektuellen Bildung nicht nur entgegen, sondern sieht sich ihr
gegenüber in einer Vorrangstellung. Betont wird „die Welt des Herzens“,
eine Welt, die sich von der wirklichen Welt nur allzu leicht in Dienst
nehmen lässt – sowohl der Nationalsozialismus als auch die
Kommunistische Internationale profitierten vom so genannten „musischen
Leben“, wie im zitierten Sammelband von Norbert Kluge zu Recht
festgestellt wird.
Luxus oder ungenutzte Ressource?
Angesichts
des Trends der westlichen Industriegesellschaften zur
Wissensgesellschaft und zur Kultur- und Erlebnisgesellschaft stellt sich
nun aber nicht erst heute, sondern vielmehr bereits seit 1945 die Frage
nach der Möglichkeit und nach dem Umgang mit der Kunst, also die Frage
nach dem Stellenwert der ästhetischen Bildung und Erziehung, der Bildung
durch Kunst noch einmal neu.
Die Leistungsfähigkeit des musischen
Ansatzes beispielsweise wird seit einiger Zeit nicht nur in den
angelsächsischen Ländern, sondern auch in Deutschland im Zusammenhang
mit der Kreativitätsforschung untersucht. Unter Vermeidung ihrer
Irrationalismen kommen auch reformpädagogische Bildungsvorstellungen in
der Kreativitätsforschung zum Tragen, wenn nach den Bedingungen und nach
den Möglichkeiten gefragt wird, auf unser emotionales und kognitives
Verhalten einzuwirken. Dabei geht es um den Abbau von Vorurteilen, die
als Bildungsbarrieren wirken und kreativen Prozessen der Veränderung im
Wege stehen; es geht um die Förderung der Wendigkeit im Auffassen und
Darlegen von Sachverhalten, auch um die Ausbildung der Urteils- und
Entscheidungsfähigkeit. Selbstsicherheit und die Freiheit von Angst
gehören zudem ebenso zu den Themen und Zielen der Kreativitätsforschung,
wie die Förderung sachorientierter anstelle personenorientierter
Einstellungen und Normen. Aufgrund dieser Gesichtspunkte, verbunden mit
der Förderung und Stärkung von Phantasie und Sensibilität gewinnt die
Kreativitätsforschung, wie z. B. Bernd Rebmann in seinem Buch
„Visionäres Management aus der Sicht der Ästhetik“ (1996) darlegt, eine
immer gewichtigere Bedeutung für das Management in der Wirtschaft.
Und
die klassischen Bildungskonzepte mit ihrer Vorstellung von einem
bildsamen, entwicklungsfähigen Individuum werden heute zwar durch
erkenntnis- und vernunftkritische Ansätze, aber auch, mit Wolfgang
Welsch gesagt, durch eine Ästhetisierung des Denkens in Frage gestellt.
Die Medienwirklichkeit, verschärft durch Videokonsum,
Verkabelungsprojekte, Computertechnik stellt jedoch sowohl eine
Herausforderung als auch eine Chance für die Herstellung und den Umgang
mit den Künsten dar. Nicht nur jeder Rundgang in der Kunstakademie am
Leonardo-Campus führt das alljährlich exemplarisch vor Augen.
Der
Stellenwert der Kunst ist heute keineswegs nur nebenbei in einer
politischen Dimension zu sehen. So hebt Jürgen Habermas ihren
„öffentlichen Charakter“ hervor, den ja auch Schiller der Kunst
beigemessen hatte. Wenn die Kunst den Menschen ergreifen und bilden
soll, so Habermas, muss sie die Lebensform der Menschen zwar teilen, sie
aber auch „verwandeln“: „Es kommt auf die kommunikative, Gemeinschaft
stiftende, solidarisierende Kraft der Kunst an.“ Darin sieht Habermas
„einen Punkt der Orientierung“, wenn er die Kunst „eine genuine
Verkörperung der kommunikativen Vernunft“ nennt. Dabei freilich denkt
Habermas nicht an eine Ästhetisierung der Lebensverhältnisse, sondern an
„eine Revolutionierung der Verständigungsverhältnisse“. Damit aber
spricht Jürgen Habermas dem Umgang mit der Kunst eine emanzipatorische,
befreiende Wirkung zu. Denn die ethische Perspektive, die hier versucht
wird zu eröffnen, betrifft auch und gerade die Handlungsfähigkeit des
Menschen in konfliktreichen Situationen.
Können solche
Blütenträume reifen? Hat die Kunst, hält der Umgang mit ihr Ressourcen
bereit, die nur gehoben werden müssen? Gehört dazu auch eine kritische
Auseinandersetzung zwischen Kunst und Wissenschaft, des künstlerischen
mit dem wissenschaftlichen Denken?
Mehr Fragen als Antworten! Eine
Gesprächsrunde des Universitätsausschusses für Kunst und Kultur arbeitet
daran, Antworten zu finden. Denken Sie mit! Und schreiben Sie uns!
Kulturbüro
der Universität Münster
Robert-Koch-Str. 29 | 48149 Münster
oder
via E-Mail: kultur@uni-muenster.de
| Dr. Ursula Franke

