Tausende Menschen pendeln täglich über Landesgrenzen zur Arbeit. Auch in Zeiten der EU achten viele nationale Gesetze nicht genug auf Grenzgänger, sagt Hans-Jürgen Werner. Herr Werner, Sie beraten schon seit 16 Jahren Menschen, die zum Arbeiten ins Ausland fahren. Sind die Hürden hoch?
Nach meiner Erfahrung in der Euregio Maas-Rhein, also im Grenzgebiet
von Belgien, Deutschland und den Niederlanden, scheitern
Arbeitsverträge eher an den Vertragsmodalitäten als an
Grenzschwierigkeiten.
Ist das Pendeln über die Grenze einfacher geworden als früher?
Rechtlich nicht. In den Grundzügen gelten seit 1971 die gleichen
Regeln. Zwar gibt es immer wieder neue Gesetze. Doch jedes nationale
Gesetz, das ein Problem abschafft, bringt auch eventuell ein neues.
Gesetze müssten noch mehr daraufhin überprüft werden, ob sie mit denen
anderer EU-Staaten in Einklang stehen.
Was muss man beachten, wenn man jenseits der Grenze arbeitet?
Grundsätzlich gilt: Abgaben und Steuern zahlt man im Arbeitsland,
Leistungen erhält man im Wohnland. Aber es ist zum Beispiel auch
möglich, in beiden Ländern zum Arzt zu gehen. Allerdings unterscheiden
sich die Leistungskataloge teilweise. Jeder sollte sich daher
entsprechend seiner individuellen Situation vorab gut informieren.
Wie sieht es bei der Rente aus?
Wer in den Niederlanden oder Belgien arbeitet, baut dort eine Rente
auf, die im Rentenalter zusätzlich zur deutschen Rente gezahlt wird.
Pendeln ebenso viele von Deutschland in die Niederlande und nach Belgien wie andersherum?
Früher sind hauptsächlich Arbeitnehmer aus den Niederlanden nach
Deutschland gekommen; inzwischen hat sich der Trend umgekehrt: Die Zahl
deutscher Grenzpendler in die Niederlande ist in den vergangenen Jahren
stark angestiegen. Für die Niederländer hingegen lohnt es sich nicht
mehr, in Deutschland zu arbeiten. Und zwischen Belgien und Deutschland
gibt es vergleichsweise wenige Grenzgänger.
Verdient man in Holland besser?
Normalerweise ist der Bruttoverdienst in den Niederlanden geringer als
in Deutschland. Dort fällt allerdings der Unterschied zum
Nettoverdienst kleiner aus, weil Abgaben und Steuern niedriger sind.
Letztlich kommt es aber auf den Einzelfall an. So gibt es
beispielsweise in den Niederlanden keine Steuerklassen, was das
Arbeiten dort vor allem für Ledige interessant macht.
Wo treten die meisten Probleme auf?
Besonders schwierig ist es beim Kindergeld. Arbeitet ein Elternteil in
Deutschland, der andere jenseits der Grenze, ändert sich nichts. Dann
bleibt der Anspruch auf deutsches Kindergeld bestehen. Arbeitet ein
Elternteil beispielsweise in den Niederlanden und der andere Elternteil
ist nicht erwerbstätig, dann bekommt die Familie den niederländischen
Regelsatz. Weil dieser unter dem deutschen liegt, stockt der deutsche
Staat ihn aus seinem Budget auf den vollen deutschen Satz auf. Arbeiten
aber beide Elternteile in den Niederlanden, so bekommt die Familie nur
den niederländischen Satz. Er wird dann nicht aufgestockt. Das zu
vermitteln ist sehr schwierig.
Wo können sich die Grenzpendler über solche Schwierigkeiten informieren?
Das Informationsangebot für Grenzgänger hat sich in den vergangenen
Jahren stark verbessert. Für das Dreiländereck Deutschland, Belgien und
die Niederlande gibt es zwei Eures-Berater bei der Aachener Agentur für
Arbeit; die Regio Aachen - der deutsche Teil der Euregio Maas-Rhein -,
mit der wir intensiv zusammenarbeiten, unterhält eine
Grenzgängerberatungsstelle. Und Unternehmer können sich außerdem beim
Euro-Info-Center der IHK Aachen informieren. Sie hat im Jahr 2000
zusammen mit der Kamer van Koophandel Zuid-Limburg außerdem den
Deutsch-Niederländischen Business-Club gegründet. Und natürlich gibt es
auch auf niederländischer Seite entsprechende Angebote.
Haben Sie Kontakt mit den Kollegen jenseits der Grenze?
Ja, natürlich. Wir telefonieren regelmäßig und treffen uns auch immer
wieder. Zum Beispiel, um gemeinsame Aktivitäten wie die
zwischenstaatlichen Grenzgängersprechtage zu planen.
Wie sieht es aus, wenn man in Deutschland arbeitet, aber im Ausland wohnt?
Man muss sich bewusstmachen, dass man beim Umzug ins Nachbarland aus
Deutschland auswandert. Solange man arbeitet, ändert sich kaum etwas.
Wird man aber arbeitslos, erhält man alle Leistungen nur noch im
Wohnland. Obwohl das Arbeitslosengeld in den Niederlanden meist sogar
höher als in Deutschland ist und länger gezahlt wird, ist es für viele
ein psychologisches Problem, dass sie die Leistungen nicht in
Deutschland beziehen.
Das Gespräch führte Claudia Isabel Rittel.

