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Das niederländische Bildungswesen im Überblick

Die Niederlande besitzen ein Bildungssystem, das dem deutschen auf den ersten Blick sehr ähnlich sieht: Nach dem Besuch der Grundschule besucht man eine der weiterführenden Schulen und danach eine Berufsschule oder Hochschule. Doch auf den zweiten Blick entdeckt man viele Unterschiede. Worin diese bestehen, darum geht es in den folgenden Materialien.

M1: Grundsätzliches

Der niederländische Staat hat zwar die Aufsicht über die Bildung, besitzt jedoch kein Bildungsmonopol. Es gibt weder staatliche Schulen noch übergeordnete Instanzen, die Lehrer einstellen. Diesem stark dezentralisierten Bildungswesen liegt das Prinzip der „Freiheit des Unterrichts" zugrunde, d.h. jede religiöse oder sonstige Gruppe hat das Recht, eigene Schulen zu gründen, und jeder Bürger kann frei bestimmen, auf welche Schule sein Kind gehen soll. Daher gibt es in den Niederlanden sehr viele verschiedene Schulträger (rund 6.000) und sehr viele weltanschaulich ausgerichtete Schulen und Hochschulen, z.B. katholische, protestantische, jüdische, islamische und hinduistische, aber auch reformpädagogische Schulen wie Montessori- oder Waldorfschulen. All diese privaten Schulen werden unter dem Begriff bijzondere scholen („besondere Schulen") zusammengefasst.

Derzeit besuchen rund 70% aller niederländischen Schüler eine dieser Schulen. Daneben gibt es auch publieke scholen (öffentliche Schulen), die meist von der Gemeinde getragen werden. Um eine finanzielle Gleichstellung der privaten und öffentlichen Schulen zu gewährleisten, erhalten alle Schulen staatliche Zuschüsse in gleicher Höhe.

Ähnlich wie in Deutschland gibt es verschiedene Schularten, wobei sehr viele Möglichkeiten zum Wechsel oder zum Seiteneinstieg bestehen.

Eine Besonderheit des niederländischen Schulsystems ist der lange Besuch der Basisschool. Diese Schule ist am ehesten vergleichbar mit der deutschen Grundschule und wird von den Schülern acht Jahre besucht. Mit vier Jahren werden die Kinder eingeschult und mit ca. 12 Jahren wechseln die Schüler auf eine der weiterführenden Schulen.


M2: Das niederländische Bildungssystem

(Quelle: Eurydice)

M3: Weitere Besonderheiten des niederländischen Bildungssystems

Finanzierung von Schule, Ausbildung und Studium

Schule und Ausbildung sind nur bis zum Ende des schulpflichtigen Alters kostenlos. Danach müssen (Hoch-)Schüler für ihren Unterricht zahlen. Das Schulgeld bzw. die Studiengebühr ist für alle Ausbildungsformen gleich und wird jedes Jahr neu festgesetzt. Für das Schul- bzw. Studienjahr 2009/2010 betragen die Gebühren € 1013 (Schule) bzw. € 1620 (Studium). Alle Schüler über 16 Jahre sowie alle Studierenden erhalten jedoch vom Staat ein einheitliches Grundstipendium, das durch ein leistungs- und elterneinkommensabhängiges Darlehen (dies richtet sich auch danach, ob man noch bei seinen Eltern wohnt) aufgestockt werden kann. Wer in einem Unterrichts- bzw. Studienjahr – aus welchen Gründen auch immer – weniger als 50% der vorgeschriebenen Kurse absolviert, dessen Stipendium wird für das betreffende Jahr automatisch in ein Darlehen verwandelt, d.h. er muss es irgendwann zurückzahlen. Schüler und Studierende mit Anspruch auf staatliche Förderung erhalten zudem die ‚OV-kaart‘, eine Jahreskarte, mit welcher alle öffentlichen Verkehrsmittel in den Niederlanden gratis oder zu reduzierten Preisen genutzt werden können.

Freiwillige Elternbeiträge

Auch wenn bis zum 16. Lebensjahr der Unterricht kostenlos ist, wird von den Eltern erwartet, dass sie jedes Schuljahr Beiträge zu Exkursionen, Schulfesten, Theateraufführungen u. ä. zahlen, deren Höhe vom Einkommen abhängt. An Grundschulen liegten diese Beträge derzeit bei durchschnittlich € 75, an den Sekundarschulen bei € 70 bis 100 pro Jahr und Kind. Niemand kann gezwungen werden, dieses Geld zu bezahlen – aber wer nicht bezahlt, muss damit rechnen, dass sein Kind an bestimmten Schulaktivitäten nicht teilnehmen darf.

Schul- und Studienbücher

Eltern und Schüler müssen für Schreibwaren und Schulbücher selbst aufkommen. Die meisten Schulen haben jedoch einen einfachen Weg gefunden, unnötig hohe Kosten hierfür zu vermeiden: Entweder kauft die Schule die Bücher und verleiht sie gegen eine Gebühr an die Schüler oder die Schule organisiert zu Beginn jedes Schuljahres eine Art Bücherflohmarkt, wo jeder Schüler seine alten Bücher an seine Mitschüler verkaufen kann. Auch Studenten müssen sich ihre Bücher selbst kaufen, sofern sie sie nicht aus der Bibliothek leihen können oder wollen. Da niederländische Bücher deutlich teurer als deutsche oder englische Bücher sind (selbst ein kurzer Roman in Taschenbuchausgabe ist kaum unter € 12 zu bekommen), wird häufig auf englische Fachbücher und auf von den Dozenten selbst zusammengestellte Reader zurückgegriffen.

Schulpflicht

Auf die Erfüllung der Schulpflicht sowie auf pünktliches Erscheinen zum Unterricht wird in den Niederlanden sehr geachtet. Während der Grundschulzeit haben die Eltern dafür zu sorgen, dass ihr Kind jeden Tag zur Schule geht und dort auch pünktlich ankommt. Mit dem Wechsel auf die Sekundarschule ändert sich dies: Von nun an ist der Schüler selbst für sich verantwortlich. Wer sein Kind nicht zur Schule gehen lässt oder wer als Sekundarschüler regelmäßig schwänzt, riskiert eine Geldbuße und kann im Extremfall sogar mit einer Gefängnisstrafe belegt werden.

Notensystem

Die niederländischen Schul- und Hochschulnoten reichen von 1 bis 10, wobei die 10 die Bestnote bezeichnet. Mit der Note 6 hat man gerade noch bestanden, alles darunter gilt als mangelhaft bzw. ungenügend.

Jobben

Mehr als die Hälfte aller Schüler über 15 Jahre jobben neben der Schule, um sich bestimmte Dinge leisten zu können. Meist handelt es sich um Jobs mit einer Wochenarbeitszeit von 8-12 Stunden, z.B. Aushilfe im Reisebüro, Pizza-Kurier, Reinigungskraft, Samstags-Verkäuferin, Tankstellen-Wochenenddienst. Auch unter Studenten ist das Jobben sehr verbreitet. Allerdings darf man im Jahr nicht mehr als € 9.400 verdienen, sonst verliert man seinen Anspruch auf die staatliche Schul-/Studienfinanzierung.