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Zweisprachiges Brüssel

Brüssel, die Hauptstadt Belgiens, war einst eine niederländischsprachige Stadt. Doch im Laufe der Zeit, besonders ab dem Ende des 19. Jahrhunderts, gewann die französische Sprache dort immer größeren Einfluss. Dies verstärkte sich noch, als immer mehr Wallonen in die Stadt, die im flämischen Teil Belgiens liegt, zogen. Ab den 1960er und 1970er Jahren kamen außerdem viele Immigranten der Mittelmeerstaaten sowie viele Mitarbeiter internationaler Organisationen (z.B. EU und NATO) und Firmen nach Brüssel. Beide Gruppen, die überwiegend Französisch als Verkehrssprache bevorzugten, stellen gemeinsam etwa ein Viertel der Bevölkerung der belgischen Hauptstadt. Mittlerweile ist aus der einstigen niederländischen Stadt de facto zum Großteil eine französischsprachige geworden. Etwa 80 bis 90 Prozent der Einwohner betrachten sich als französischsprachig. Offiziell ist die Hauptstadt aber zweisprachiges Gebiet (siehe auch M2 im vorherigen Kapitel zur Sprachsituation in Belgien), d.h. die niederländische Sprache ist rechtlich gegenüber der französischen gleichberechtigt.

M1: Lexikonartikel über Brüssel

Brüssel (französisch Bruxelles, flämisch Brussel), Stadt in Belgien, Hauptstadt und größte Stadt des Landes sowie Hauptstadt der Provinz Brabant, am Fluss Zenne gelegen.
Als Sitz der Europäischen Union und der NATO (North Atlantic Treaty Organization: Nordatlantikpakt) ist die Stadt mit ihren baumbestandenen Boulevards, ausgedehnten Parks, beeindruckenden Monumenten und schönen Bauwerken von internationaler Bedeutung. Sehenswert sind neben der Kathedrale Saint-Michel (ehemalige Stiftskirche Saint-Gudule) die Kirchen Nôtre-Dame-de-la-Chapelle und Saint-Jean-Baptiste-au-Béguinage. [...] Der Name der Stadt leitet sich wahrscheinlich von Broekzelle ab, einem niederländischen Wort mit der Bedeutung „Dorf der Sümpfe". Die Stadt entwickelte sich aus einer gallisch-römischen Siedlung in den Sümpfen des Tales der Zenne vor dem 7. Jahrhundert v. Chr. 1383 löste Brüssel Louvain als Hauptstadt des Herzogtums Brabant ab und blieb Regierungssitz für die nächsten vier Jahrhunderte.
Brüssel wurde 1530 unter den Habsburgern neu befestigt. 1576 schloss sich die Stadt dem niederländischen Aufstand an. Im Jahr 1585 wurde die Stadt von der spanischen Armee unter General Alessandro Farnese eingenommen und erneut der habsburgischen Souveränität unterstellt. Während der französischen Revolutionskriege kam die Stadt 1795 unter französische Herrschaft. Seit 1815 gehörte Brüssel dem Vereinigten Königreich der Niederlande an und war neben Den Haag dessen zweite Hauptstadt. Die Stadt war Ausgangspunkt der Revolution, die 1830 zur Bildung des Königreiches Belgien führte. Während des 1. und 2. Weltkrieges besetzten die Deutschen Brüssel (von August 1914 bis November 1918 und von Mai 1940 bis September 1944). [...] Die Einwohnerzahl beträgt 951 580 (1995).

Quelle: Microsoft Encarta Enzyklopädie 2000, Stichwort „Brüssel“ (gekürzt).


M2: Beispiele für die Zweisprachigkeit in Brüssel

Zweisprachigkeit Brüssel

Zweisprachiges Parkverbotsschild.

Zweisprachiges Werbetransparent für einen Ausverkauf.

Quelle: NEDWEB (5. März 2006).


M3: Die Französisierung Brüssels

In sehr kurzer Zeit (weniger als 150 Jahre) hat sich in Brüssel eine erhebliche Sprachverschiebung vom Niederländischen zum Französischen hin ergeben. Das Ausmaß der „verfransing“, der Französisierung, ist eng verbunden mit der Urbanisierung und den hiermit verbundenen Migrationsprozessen. Immer mehr Gemeinden wurden bei der Ausdehnung der Stadt einbezogen und wurden französischsprachig. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte die Ausdehnung der Urbanisierung nicht mehr innerhalb der bestehenden Verwaltungsgrenzen gehalten werden und setzte sich daher fort im Randgebiet des Brüsseler Großraums. Dies hat in großem Maße zur Französisierung ursprünglich rein niederländischsprachiger Gemeinden beigetragen.
Da ein offizielles Messinstrument fehlt, ist es schwierig zu schätzen, wie groß momentan die Anzahl der niederländischsprachigen Personen im Großraum Brüssel und der französischsprachigen in den Brüsseler Randgebieten ist. Man kann nur feststellen, dass die niederländische Sprachgruppe in der Region Brüssel deutlich kleiner ist als die französische und dass die französische in den Brüsseler Randgebieten ziemlich groß ist. [...] Zudem muss man die Schätzungen vor dem Hintergrund interpretieren, dass zwei weitere Gruppen in Brüssel anwesend sind, nämlich die Pendler und die Ausländer. Die Pendler verstärken vermutlich die Präsenz der Niederländischsprachigen, die Ausländer die der Französischsprachigen.
Auf dem Arbeitsmarkt sind die zwei ethnolinguistischen Gruppen nicht in allen Sektoren gleich verteilt. Während die Sprachgesetzgebung vorsieht, eine gleichmäßigere Verteilung von Positionen in den Ministerien und der Stadtverwaltung einzuführen, werden in der Privatwirtschaft die höchsten Positionen noch immer in erster Linie von Französischsprachigen besetzt. Die Nachfrage nach Zweisprachigkeit und selbst Mehrsprachigkeit nimmt aber in der Privatwirtschaft zu, was vermutlich zu einer Verstärkung der Position der Niederländischsprachigen auf dem Arbeitsmarkt führt.
Die Situation der Niederländischsprachigen im Schulbereich hat sich seit den 1950er Jahren stark verbessert (obwohl die Sekundarschulen eine Ausnahme bilden). Auch die sozialkulturelle Infrastruktur hat sich verbessert. Im Gesundheitsbereich ist die Situation hingegen deutlich weniger günstig.

Ursachen der Französisierung

Bis 1960 war die Französisierung vor allem die Folge sozialen und psychologischen Drucks.
Ein erster Faktor in diesem Zusammenhang war die Französisierung des öffentlichen Lebens. Während der französischen Regierung (1795-1814) war Brüssel stark französisiert worden, ein Prozess, der nach 1830 fortgesetzt wurde als Reaktion auf die Versuche des niederländischen Königs, Niederländisch zur einzigen Amtssprache zu erheben. Französisch wurde die einzige offizielle Sprache der Verwaltung, Justiz, des Militärs und der Schule. Ein zweiter Faktor war der Zustand der belgischen Wirtschaft. Flandern stellte in dieser Hinsicht eine untergeordnete Region dar, während die Schwerindustrie im französischsprachigen Gebiet mit Unsummen voll zur Entfaltung kam. Französisch wurde dadurch eine Sprache mit Prestige und der Gebrauch dieser Sprache war ein Mittel zum sozialen Aufstieg für die mittlere und untere Klasse. Ein dritter Faktor war die Sprachpolitik der Regierung. Die Position des Französischen wurde dadurch verstärkt. Die Sprachgesetzgebung von 1898 bis 1932 traf nur bescheidene Maßnahmen bezüglich der Gleichstellung von Niederländisch und Französisch. [...]

Quelle: Marleen Brans u. Hugo van Hassel (1992): De Vlaamse Gemeenschap in Brussel. De toepassing van art. 65 en 66 van de Brusselwet. Leuven: Acco, 9-11 (eigene Übersetzung).


M4: Anteil der niederländischsprachigen Personen pro Gemeinde in der Region Brüssel im Jahre 1847


M5: Anteil der niederländischsprachigen Personen pro Gemeinde in der Region Brüssel im Jahre 1947

Der niederländische Sprachwissenschaftler Riemer Reinsma wanderte entlang der niederländisch-französischen Sprachgrenze in Belgien. In seinem Buch „Wandelen langs de taalgrens“ („Spazieren gehen entlang der Sprachgrenze“) beschreibt er seine Erfahrungen und gibt Antwort auf zahlreiche Fragen, die mit dieser Grenze, die Belgien zweiteilt, zu tun haben. In M6 ist ein Auszug abgedruckt, der sich mit dem Weg von Halle nach Beersel (bei Brüssel) beschäftigt.

M6: Riemer Reinsma: „Wandelen langs de taalgrens“: Halle-Beersel

[...] Kurz bevor ich das Dorf Alsemberg erreiche, sehe ich, dass jemand auf seinen Briefkasten einen Zettel geklebt hat:
„Postbode!! Vogelnest in brievenbus. Dank u om de post in groene doos (achterzijde) te plaatsen. Moeder Mus.” [„Postbote!!! Vogelnest in Briefkasten. Bitte die Post in die grüne Schachtel (Rückseite) legen. Vielen Dank. Mutter Spatz.“]
Mehr Friedlichkeit kann man sich entlang einer Sprachgrenze nicht wünschen.
Zwischen Dworp und Beersel viel Wald und viele Hohlwege. Unglaublich, so viel Natur so dicht bei der Großstadt und so unbelgisch gut erhalten.
In einem Straßencafé in Beersel merke ich das soundsovielte Mal, dass auch Flamen einander grüßen mit „ça va?“ – „ça va bien“. Worauf sie das Gespräch auf Niederländisch fortsetzen. Dieses Café in der Dorfmitte ist ein Musterbeispiel der perfekten Zweisprachigkeit. Man denkt, dass jemand ein Wallone ist, aber hört ihn kurze Zeit später niederländisch sprechen. Fast alle sind sie Stammgäste, die sich gut kennen. Dauernd wird die Sprache gewechselt. Warum, das ist schwierig festzustellen. Der Dialekt hier ist kaum zu verstehen, ich weiß nicht im Entferntesten, worum es geht.
Ich werde es nie lernen – so ein Gespräch, bei dem jeder Teilnehmer an seiner eigenen Sprache festhält. Während ich in Beersel alleine frühstücke, kommt ein Mann herein, der mich begrüßt mit „Bonjour monsieur“. Und was mache ich, entgegen all meinen Prinzipien? Ich grüße auf Französisch zurück und bin daraufhin unzufrieden mit mir selbst. Während ich mein Frühstück verspeise, nehme ich mir vor, das sofort, wenn ich aufbreche, zu ändern. Ich stehe auf, schiebe meinen Stuhl ordentlich an den Tisch und wünsche meinem französischen Gast „smakelijke voortzetting“, einen „weiterhin guten Appetit“. Und dann zeigt sich, dass er es sehr wohl kann: in seiner eigenen Sprache weitersprechen. Ohne einen Bruchteil einer Sekunde lang nachzudenken, sagt er etwas auf Französisch zurück. Nicht schlecht.
Beersel, eine Gemeinde mit einer sprachlichen Sonderregelung, liegt im so genannten „Flämischen Rand“, jener Kreis von einsprachig flämischen Gemeinden und flämischen Gemeinden mit sprachlicher Sonderregelung rundum Groß-Brüssel. Nach einer französischsprachigen Quelle ist die Bevölkerung zu 22 Prozent französischsprachig, aber – betrachtet man die Website der Gemeinde – hat die flämische Mehrheit sicher nicht vor, sich tatenlos einer Französisierung zu unterziehen. „Höflich und gastfreundlich, stolz, eine flämische Gemeinde zu sein, möchten wir offen sein für alle Kulturen. Jeder ist hier willkommen, aber wir bitten alle, die mit uns leben, mit uns unsere Sprache, Niederländisch, zu sprechen und unsere Kultur zu achten. So bewahren wir gemeinsam den Charakter unserer Gegend.“ Deutliche Worte und doch ein angenehmer Ton. Aber ob es hilft? [...]

Quelle: Riemer Reinsma (2005): Wandelen langs de taalgrens. Amsterdam/Antwerpen: Contact, S. 103-106 (eigene Übersetzung).