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Niederländisch in Belgien

Was spricht man eigentlich in Belgien? Würde man diese Frage bei einer Straßen-Umfrage in deutschen Städten stellen, gäbe es wohl einen Haufen unterschiedlicher Antworten. Manche würden sicher „Französisch“ angeben, andere „Flämisch“, einige „Niederländisch“. Vielleicht gibt ein Befragter auch „Deutsch“ an – oder gar „Belgisch“.

M1: Überblick - Niederländisch in Belgien

Die Sprachsituation in Belgien ist deutlich komplizierter [als in den Niederlanden]. Durch das Land verläuft eine jahrhundertealte französisch-niederländische Sprachgrenze, vom Westhoek (die Umgebung von Duinkerken), dicht unterhalb Brüssels Richtung Osten, bis unterhalb von Maastricht. Seit 1962 ist diese Sprachgrenze gesetzlich festgelegt und fällt im Westen mehr oder weniger mit der Grenze zwischen Frankreich und Belgien und im übrigen mit Provinzgrenzen zusammen. Im Gebiet nördlich dieser Sprachgrenze ist Niederländisch durch die Jahrhunderte hindurch immer Umgangssprache der allgemeinen Bevölkerung gewesen. Die Elite sprach jedoch Französisch, die Sprache der katholischen Kirche war Latein, und akademischer Unterricht wurde auf Latein und später auf Französisch gegeben. Auch war in den ‚südlichen Niederlanden‘ nie die Rede von einem gemeinsamen niederländischen Sprachstandard; in jeder Gegend wurde ein eigener Dialekt gesprochen. Das kurze pro-niederländische Intermezzo während der Vereinigung der nördlichen und südlichen Provinzen in einem Königreich zwischen 1815 und 1830, als Niederländisch zur offiziellen Sprache des ganzen Südens erklärt wurde, tat der dominanten Position des Französischen faktisch keinen Abbruch. Französisch blieb die vorherrschende Sprache des öffentlichen Lebens. Erst ab dem späten neunzehnten Jahrhundert gelang es der ‚Flämischen Bewegung‘ (Vlaamse Beweging) allmählich, mehr Rechte für das Niederländische zu erlangen. 1898 wurde Niederländisch als offizielle Sprache in Flandern anerkannt. Flandern entwickelte sich langsam von einer offiziell einsprachig französischen Provinz zu einer zweisprachigen Provinz. [...] Heute ist Belgien ein föderaler Staat, der aus einem faktisch einsprachig niederländischen Flandern, einem einsprachig französischen Wallonien und einem zweisprachigen Brüssel besteht. Außerdem ist Deutsch die offizielle Sprache in Eupen-St. Vith. Die Position des Niederländischen in Flandern ist stark, die verschiedenen Dialekte spielen noch immer eine große Rolle im täglichen Leben. Daneben existiert eine übergreifende, südlich gefärbte Umgangssprache, eine 'tussentaal' (Zwischensprache) (auch 'Verkavelingsvlaams' (Flurbereinigungs-Flämisch) oder 'Soap-Vlaams' (Soap-Flämisch) genannt). Auf die Frage, nach welcher Norm man sich in Flandern richten soll – dem 'nordniederländischen' Standard [...] oder einem eigenen, südlichen Standard – gibt es noch immer keine eindeutige Antwort.

Quelle: Matthias Hüning (Projektleitung): „Das Niederländische – Status und Verbreitung“, in: Nederlands online/neon (03.03.06), geringfügig überarbeitet.  


M2: Heutige Sprachgebiete in Belgien

Karte Sprachgebiete

Quelle: Ministerie van de Vlaamse Gemeenschap (Legende hinzugefügt).



Bis die Sprachgebiete in Belgien so festgelegt wurden, wie in M2 schematisch dargestellt, war es ein langer Weg. Ende des 18. Jahrhunderts, vor allem aber im 19. Jahrhundert entwickelte sich ein heftiger Streit um die Sprache(n).

M3: Streit um die Sprache(n) in der Geschichte Belgiens

[...] Sofort nach der Machtübernahme [1815] warf die französischsprachige Elite im neuen belgischen Staat das Ruder um. Während [König] Willem I. versucht hatte, das Niederländische zur Staatssprache zu machen, bemühte man sich nun, das Französische als „einzige offizielle Sprache Belgiens“ durchzusetzen. [...] Die Flämische Bewegung, die schon zur Zeit des Vereinigten Königreichs unter Jan Frans Willems für die Anerkennung einer allgemeinen niederländischen Kultursprache für den Norden und den Süden gekämpft hatte, sah sich nun vor eine fast unmögliche Aufgabe gestellt. Es gab in Flämisch-Belgien keine flämische oder niederländische kulturelle Identität. Das Volk war arm, politisch unmündig und in Glaubensfragen gespalten. Man kann tatsächlich sagen, daß die Flämische Bewegung zu Anfang gar keine Bewegung war, sondern lediglich der „Versuch, Flandern von der Notwendigkeit einer Flämischen Bewegung zu überzeugen“. [...] Erst langsam, als es eine Regelung für Orthographie gab, als also die ersten „Waffen“ für den Kampf um die Anerkennung durch die französischsprachigen Landesgenossen und die Niederländer geschmiedet waren, konnten auch gesellschaftliche Fortschritte erzielt werden. In den siebziger und achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts [des 19. Jahrhunderts] wurden erste Sprachgesetze verabschiedet, die den Flamen das Recht auf den Gebrauch der eigenen Sprache vor Gericht garantierten (1873), den Sprachgebrauch für die Zentralverwaltung regelten (1878) und das Niederländische als Unterrichtssprache in einigen Fächern in staatlichen weiterführenden Schulen vorschrieben (1883). In der Praxis waren diese Regelungen nur schwer durchzusetzen. Nicht nur, daß die Vorschrift für den Gebrauch des Niederländischen in weiterführenden Schulen in den sogenannten freien, d.h. kirchlichen Schulen ohnehin erst 1910 übernommen wurde. Man versuchte auch bewußt, den Gebrauch des Niederländischen einzudämmen. [...]
Wirklich begannen sich die Flamen aber erst während des Ersten Weltkrieges mit der Flämischen Bewegung zu identifizieren. Bis dahin war ihr Wirkungskreis vor allem auf die Mittelschicht und den niederen Klerus beschränkt geblieben. Während des Weltkrieges aber, insbesondere während des grauenhaften Stellungskrieges im Norden, wo vor allem Flamen [...] von französischsprachigen Offizieren in französischer Kommandosprache in den Tod geschickt wurden, wuchs das Bewußtsein rasch, daß etwas zu geschehen hätte. Vor dem Krieg vorwiegend „eine Bewegung von Individualisten“ wurde die Flämische Bewegung während des Weltkrieges eine politische und soziale Massenbewegung. [...]
Insbesondere durch weitere Sprachgesetze, die den Status des Niederländischen in Belgien verbesserten, konnte Terrain gewonnen werden. 1932 und 1935 wurde die doppelte Einsprachigkeit, d.h. der Gebrauch des Niederländischen bzw. des Französischen an Grund- und weiterführenden Schulen und als Gerichtssprache in den jeweiligen Landesteilen geregelt, und 1938 wurde auch der Sprachgebrauch in der Armee per Gesetz festgelegt, was die Trennung von niederländisch- und französischsprachigen Einheiten nach sich zog.
Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die beiden Sprachgruppen, nicht zuletzt auch durch die Diskussion, die sich wegen des Verhaltens des belgischen Königs Leopold III. während des Krieges entzündet hatte und die das Land in zwei Lager zu spalten drohte, so weit voneinander entfremdet, daß eine Föderalisierung bald der einzig mögliche Ausweg schien. [...] 1962 und 1963 wurden die Sprachgrenzen gesetzlich festgelegt [...]

Quelle: Herbert van Uffelen (1995): „In Belgien spricht man Belgisch“, in: Chr. Noe u. A. Noe (Hrsg.): Fachsprachenunterricht und betriebliche Praxis. Frankfurt et al., 25-40 (Abdruck hier nur auszugsweise und ohne bibliographische Angaben).


Im Dezember 1970 sprach sich das Parlament in Belgien für eine Verfassungsänderung aus, die die Abkehr vom Einheitsstaat Belgien vorsah. Die Föderalisierung schritt langsam, aber tief greifend voran. Zum föderalen Staat wurde Belgien mit der Verfassungsänderung von 1993.