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Niederländisch, Niederdeutsch und Hochdeutsch
M1: Harm Poppinga
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Niederländisch:
Harm Poppinga zit op een bank en kijkt over’t wad. Een dunne mist
hangt in de lucht. Zijn zoon en zijn dochter komen naar hem toe en spreken
druk met elkaar. “He, jullie beiden,” zegt Harm, “gaat
maar bij mij op de bank zitten.” Dan neemt hij potlood en papier
uit de zak en begint te tekenen. De kinderen gaan nieuwsgierig dichterbij
zitten en kijken wat hij doet. [...]
Gronings (Hogelandster Gronings):
Haarm Poppingoa zit op ’n baank en kikt oet over ’t wad. Een
diezige dook hangt ien lucht. Zien zeun en dochter komen op hom of en
proaten drok mit ’n ander. “Hé joe twei baaidend!”
zegt Haarm, “kom ais bie mie op baank zitten.” Din nimt hai
potlood en pepier oet buus en begunt te taiken. De kiender schoeven neisgierig
wat stoever bie om te kieken wat of e dut. [...]
Plattdeutsch (Nörder Platt):
Harm Poppinga sitt up ’n bank und kikt in ‘t Watt. ‘n
fienen Daak hangt in d’ Lücht. Sien Söhn un Dochter kamen
up hum an un proten ieverg mitnanner. „Na ji beiden“, seggt
Harm, „gaat man em bi mi up Bank sitten.” He nimmt Pottlood
un Pepier ut Task un fangt an t’ malen. De Kinner krupen neeisgierig
nader un kieken wat he deit. [...]
Hochdeutsch:
Harm Poppinga sitzt auf einer Bank und guckt ins Watt. Ein dünner
Nebel hängt in der Luft. Sein Sohn und seine Tochter kommen auf ihn
zu und sprechen eifrig miteinander. „Na, ihr zwei“, sagt Harm,
„setzt euch doch zu mir auf die Bank.“ Dann nimmt er Bleistift
und Papier aus der Tasche und beginnt zu zeichnen. Die Kinder rücken
neugierig näher und gucken, was er tut. [...]
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| Berend Eden
u. Stefan Höschen (1987): Sprachformen der Region Ostfriesland-Groningen.
Materialien und Unterrichtsvorschläge. Aurich: KBZ, M 5.1-M 5.4. |
In M1 ist derselbe Inhalt in vier Sprachvarietäten wiedergegeben: 1. der niederländischen Standardvarietät (Standardsprache), 2. einer bestimmten Groninger Varietät (Dialekt des Niederländischen), 3. einer bestimmten niederdeutschen Varietät (Dialekt des Deutschen) und 4. der deutschen Standardvarietät (Standardsprache).
Wie du vermutlich festgestellt hast, ähneln sich die vier Varietäten zum Teil sehr. Die Ähnlichkeit ist eine Tatsache, die sich aus der bereits angesprochenen Sprachverwandtschaft (siehe
Einführung Sprachgeschichte)
erklärt. Sie hat aber vor allem auf deutscher Seite immer wieder zur falschen Auffassung geführt, das Niederländische sei – wie das Niederdeutsche – eine deutsche Mundart.
M2: Klaas Heroma: Niederländisch und Niederdeutsch (Auszug)
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[Es] kann leicht ein sprachsozilogisches Mißverständnis
entstehen, nämlich daß das Niederländische wie auch „das“
Niederdeutsche eigentlich eine „deutsche“ Mundart sei, das
heißt, eine mit der hochdeutschen Kultursprache koexistierende Mundart.
Es gibt kaum etwas, das dem Verhältnis zwischen Deutschland und den
Niederlanden so viel Schaden zufügen kann als dieses Mißverständnis,
das in einigen deutschen Kreisen leider noch immer nicht getilgt worden
ist. Wenn niederdeutsche Mundartsprecher [...] fröhlich konstatieren,
daß sie unser Niederländisch oder Flämisch auch ohne ausdrückliches
Studium so leicht verstehen können, dann kann das uns als Niederländern
und Flamen schwerlich eine Freude machen, weil es solche Äußerungen
sind, die dem sprachsoziologischen Mißverständnis Nahrung geben,
daß das Niederländische [...] im Grunde doch nur eine deutsche
Mundart sei. |
| Klaas Heeroma (1984):
Niederländisch und Niederdeutsch. 4. Auflage. Bonn: Königl. Niederl.
Botschaft, S. 12. |
Vielleicht hast du ja auch schon mitbekommen, dass jemand gesagt hat: „Niederländisch ist ja praktisch Plattdeutsch. Ich spreche Platt, deshalb verstehe ich Niederländisch.“ Richtig ist, dass Plattsprecher wenig(er) Mühe haben, Niederländisch oder niederländische Dialekte zu verstehen. Man darf nur nicht den Schluss daraus ziehen, das Niederländische sei deswegen ein Teil des Deutschen. Wenn die Sache so einfach wäre, könnte ein Niederländer ja ebenso gut behaupten: „Das Deutsche ist dem Niederländischen sehr ähnlich, deshalb ist das Deutsche eine Mundart des Niederländischen.“
Historisch betrachtet, haben das Niederländische und Deutsche (Hochdeutsche) einen gemeinsamen Ursprung: das Westgermanische (siehe die Abschnitte
1 und 2).
Sie können daher sie als Schwestersprachen angesehen werden. Außerdem – und das wäre die Perspektive aus heutiger Sicht – sind das Deutsche und das Niederländische jeweils selbstständige, in sich komplette europäische Kultursprachen. Das Niederländische ist Amtssprache unter anderem in den Niederlanden und Belgien. Es wird an der Schule gelehrt und gelernt und in allen offiziellen Zusammenhängen verwendet (z.B. in Behörden, vor Gericht, im Rundfunk, in offiziellen Schriftstücken usw.). Genauso verhält es sich mit dem Deutschen – in Deutschland, Österreich, der Schweiz und in Teilen Norditaliens und Belgiens. Insofern sind das Niederländische und Hochdeutsche völlig gleichwertig.
Einen anderen Status hat das
Hogelandster Gronings,
das in M1 verwendet wurde. Es handelt sich dabei um einen Dialekt des Niederländischen. Er wird vor allem in informellen Situationen gebraucht und vor allem in der gesprochenen Sprache, auch wenn man ihn – wie oben geschehen – auf Papier bringen kann. Informelle Situationen sind etwa Gespräche unter Freunden und innerhalb der Familie. In offiziellen Zusammenhängen (etwa vor Gericht) findet er in der Regel keine Anwendung. Außerdem ist diese Varietät regional begrenzt. Nur ein Teil der Niederländer in der Provinz Groningen beherrscht diesen Dialekt.
Und das Niederdeutsche? Da wird die Sache schon schwieriger... Aus heutiger Sicht muss man Niederdeutsch als Oberbegriff für verschiedene Dialekte des Deutschen betrachten, in denen die Zweite Lautverschiebung nicht stattgefunden hat. Die niederdeutschen Mundarten – wie das Nörder Platt aus M1 – sind Dialekte des Deutschen. Ihr Gebrauch beschränkt sich vor allem auf informelle Situationen und die gesprochene Sprache. Amtliche Schriftstücke werden in aller Regel nicht auf Niederdeutsch verfasst. Schwieriger wird die Sache aber deshalb, weil das Niederdeutsche in der Vergangenheit – etwa bis zum 16. und 17. Jahrhundert - durchaus als eigenständige Sprache angesehen werden kann. Zur Blütezeit der Hanse verwendete man das Niederdeutsche sogar als internationale Verkehrssprache. Hinzu kommt, dass die niederdeutschen Dialekte sich sprachlich stärker vom Deutschen unterscheiden, als die niederländischen Dialekte vom Niederländischen. Denn im Niederdeutschen hat die Zweite Lautverschiebung nicht stattgefunden – im Deutschen, d.h. in der deutschen Standardsprache, sehr wohl. Das führt zu der etwas befremdlichen Situation, dass die niederdeutschen Dialekte – also die Dialekte des Deutschen – den niederländischen Dialekten und mit Einschränkungen auch der niederländischen Standardsprache ähnlicher sind als der deutschen Standardsprache, wie aus M1 hervorgeht. Wer Plattdeutsch beherrscht hat also durchaus Vorteile, wenn es um das Verstehen des Niederländischen geht.
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Eine Sprachreise...
Klaas Heeroma beschreibt in seiner Abhandlung „Niederländisch und Niederdeutsch“ einen fiktiven Engländer, der die ganze Nordseeküste von Dünkirchen bis zur dänischen Grenze kennen lernen will, indem er den ganzen Weg wandert. Wenn er sich vorher überlegt, wie er sich mit den Menschen verständigen kann, findet er drei Möglichkeiten heraus:
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Er kann davon ausgehen, dass die Menschen Englisch gelernt haben. Somit muss er keine neue Sprache lernen.
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Er könnte sich die Mühe machen, die jeweiligen Landessprachen Französisch, Niederländisch, Friesisch (offizielle Amtssprache in der Provinz Friesland in den Niederlanden) und Hochdeutsch zu lernen.
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Der Engländer könnte aber auch auf eine ganz unwahrscheinliche Form das Gespräch suchen. Er lernt im französischen Dünkirchen die dortige südwestflämische Mundart, einen Dialekt, der dem Niederländischen sehr nahe ist. Was er dabei lernt, hilft ihm auf dem ganzen Weg, wie Klaas Heeroma (1984:8ff.) zeigt.
M3: Klaas Heeroma: Niederländisch und Niederdeutsch (Auszug)
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Er beginnt eben außerhalb Dünkirchens, noch
auf französischem Gebiet, einer südwestflämischen Mundart
zuzuhören. Wenn er es soweit gebracht hat, daß er dieser Mundart
folgen kann [...], wird es ihm wenig Mühe machen auch auf belgischem
Staatsgebiet Gespräche in den örtlichen westflämischen
Mundarten zu führen. Er wird zwar feststellen, daß er in jedem
weiteren Ort, den er besucht, etwas dazu lernen, aber auch jeweils etwas
vergessen muß, jedoch: er wird nicht das Gefühl haben, daß
er irgendwo zwischen zwei Dörfern eine Sprachgrenze überschreitet.
Dieses Gefühl hat er auch nicht, wenn er aus dem belgischen Westflandern
ins niederländische Zeeuws¬flandern überwechselt, selbst
dann nicht, wenn er die Schelde überquert von Zee[u]wsflandern zu
den Inseln Zeelands [...] Das Westflämische geht ins Zeeländische
über, das Zeeländische geht anschließend über ins
Südholländische, das Südholländische wiederum ins
Nordholländische. Wenn unser Tourist dann über den Abschlußdeich
gezogen ist, muß er sein Ohr allerdings ganz und gar neu einstellen
[, denn das Friesische] kann er nicht ohne Weiteres aus dem nordholländischen
Dialekt ableiten, den er gesprochen hatte, bevor er den Abschlußdeich
betrat. Zwar erkennt er auch im Friesischen eine Anzahl Wörter beim
ersten Hören wieder, er kann aber nicht daran zweifeln, daß
er nun eine echte Sprachgrenze überschritten hat. [...] Wenn unser
Tourist nach Kollum kommt, muß er wieder umschalten: hier spricht
man, das hört er sofort, eine Art Holländisch. Er hat also wiederum
eine Sprachgrenze überschritten, aber er ist zugleich wieder auf
einem mehr oder weniger bekannten Terrain, muß dann also [...] konstatieren,
daß das Gebiet der friesischen Dialekte [...] eine Enklave in dem
großen Gebiet der „niederländischen“ Mundarten
bildet. [...] Inzwischen folgen wir ihm weiter auf seiner Reise, vom zwar
in Friesland gelegenen, aber doch „holländisch“ sprechenden
Kollum ostwärts, ins Groningerland hinein. Unser Tourist muß
hier, von Ort zu Ort fortschreitend, eine Menge Neues lernen, neue Wörter
und eine andere Aussprache von Wörtern, die er schon kannte. Sind
all diese Unterschiede groß genug um ihm das Gefühl zu geben,
er passiere, beispielsweise im Groninger Westerkwartier, eine Sprachgrenze,
qualitativ vergleichbar mit der friesischen? Nein, denn die Unterschiede,
die er feststellt, sind zweifelsohne nicht größer als zum Beispiel
die zwischen den zeeländischen und den südholländischen
Mundarten. [...] Unser Reisender überquert den Dollart und kommt
in das deutsche Ostfriesland. Er will aber kein Deutsch sprechen, er will
Ostfriesisch sprechen, und er stellt fest, daß er nach seinen Spracherfahrungen
im Groningerland damit besonders wenig Mühe hat. Das Ostfriesische
ist eigentlich eine Art „Gronings“, denkt er, wenn auch an
bestimmten Elementen des Wortschatzes wohl zu merken ist, daß die
ostfriesischen Mundarten nicht mit der niederländischen, sondern
mit der hochdeutschen Kultursprache koexistieren. [...] Und weiter zieht
unser Sprachtourist entlang der deutschen Nordseeküste. Er überquert
die Weser, er überquert die Elbe, er kommt nach Schleswig-Holstein.
Die Mundarten ändern sich fortwährend, aber für ihn [...]
ist dennoch nirgends ein Übergang zu erkennen, den er eine Sprachgrenze
würde nennen können. Alle diese örtlichen Mundarten sind
miteinander verwandt, sie alle sind „Niederdeutsch“. [...] |
| Klaas Heeroma
(1984): Niederländisch und Niederdeutsch. 4. Auflage. Bonn: Königl.
Niederl. Botschaft, S. 8 f. |
Heeroma beschreibt die Sprachreise des fiktiven Engländers noch weiter über Flensburg, Mecklenburg bis nach Stettin und Danzig.
Reisekarte - Weg des Touristen
Eden/Höschen (1987): Sprachformen der Region Ostfriesland-Groningen. Aurich: KBZ, M 6.4d.
M4: Grobschema der ndl. Dialekte und des Friesischen
Quelle:
C. und G. Hoppenbrouwers
Die obige Karte zeigt die Grobgliederung der niederländischen Dialekte und des Friesischen. Der nördliche Teil des Gebietes, das hier „(Neder)saksisch“ genannt wird, bezeichnen Heeroma und andere Sprachwissenschaftler als „Gronings“. Das Friesische wird im Allgemeinen nicht als Dialekt des Niederländischen betrachtet, sondern als eigene Sprache.
M5: Das Friesische
In der niederländischen Provinz Friesland wird neben Niederländisch
auch Friesisch gesprochen. Aus dem Kontakt zwischen den beiden Sprachen sind
darüber hinaus im Lauf der Zeit Friesisch-Niederländische Mischdialekte
entstanden, wie das Stadtfriesische und das Bildts.
Die Provinz Friesland (Fryslân) hat ca. 600.000 Einwohner. Ungefähr
die Hälfte davon hat nicht Niederländisch, sondern Friesisch als
Muttersprache. Das Friesische wird für gewöhnlich nicht als Variante
des Niederländischen, sondern als eigene Sprache innerhalb der westgermanischen
Sprachfamilie betrachtet. Diese Auffassung basiert auf einer langen friesischen
Schrifttradition (die ersten altfriesischen Texte sind aus dem 13. Jahrhundert
überliefert), einem systematischen Standardisierungsprozess (das Friesische
verfügt über eine einheitliche Rechtschreibung), der offiziellen
Anerkennung des Friesischen (Friesisch ist die zweite offizielle Sprache Frieslands)
und auf der Meinung des überwiegenden Teils des Sprecher des Friesischen,
die es als eigene Sprache betrachten.
Quelle: Matthias Hüning (Projektleitung): „Sprachen und Dialekte
in Friesland“, in: Nederlands online/neon
M6: Zeichnung - Deutsch und Niederländisch
Quelle: Eden/Höschen (1987): Sprachformen der Region Ostfriesland-Groningen. Aurich: KBZ, Titelseite.
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