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Mittelniederländisch

Die nächste Periode der niederländischen Sprache ist das Mittelniederländische, die etwa für den Zeitraum 1100 bis 1500 angesetzt wird. Worin unterscheidet sich nun das Mittelniederländische vom Altniederländischen? Es gibt verschiedene Entwicklungen in der niederländischen Sprache, die es rechtfertigen, von einer neuen Periode auszugehen. Ein wichtiges Merkmal ist, dass Vokale in unbetonten Silben abgeschwächt wurden. Das klingt sehr theoretisch - vielleicht erkennt man den Unterschied ganz gut an dem Liebesvers des flämischen Mönchs. Er hatte noch geschrieben Die zweite Silbe -ban ist unbetont, dennoch steht noch ein a dort. In mittelniederländischer Zeit wurden solche Vokale abgeschwächt zu zum Beispiel hebben.

Altniederländisch ca. 700-1100  Mittelniederländisch ca. 1100-1500  (Neu-)Niederländisch ca. ab 1500 
hebba hebbe hebbe
vogala  vogele  vogels 
singi singe zing! 
namo name(n)  naam 
sulu sulle zulle

Für das Mittelniederländische gilt dieselbe Bemerkung wie für das Altniederländische. Der Begriff ist eine Sammelbezeichnung für verschiedene regionale Varianten. Es gibt im Mittelalter noch keine allgemeine, einheitliche Sprache (vgl. van der Wal 1994:108). Man kann diese mittelniederländischen Varianten einteilen in Flämisch, Brabantisch, Holländisch, Limburgisch und östliches Niederländisch. Diese Varianten sind in unterschiedlichem Umfang überliefert.

  • Die amtlichen niederländischen Texte vor 1300, die uns überliefert sind, wurden vor allem in Flandern geschrieben, später auch in Holland. In Brabant, Limburg und dem Ijsselgebiet hielt man dagegen länger an der lateinischen Sprache fest.
  • Die meisten literarischen Texte kamen aus dem Süden und weisen flämische oder brabantische Merkmale auf oder eine Kombination aus beiden. Die limburgischen literarischen Texte stammen aus einer frühen Zeit und sind beschränkt in ihrer Anzahl. Die holländischen literarischen Texte tauchen ziemlich spät auf, die meisten stammen aus dem 15. Jahrhundert. Dasselbe gilt auch für die wenigen Texte des östlichen Niederländisch.

Der älteste bekannte mittelniederländische Text ist in einer limburgischen Variante geschrieben worden und stammt von Hendrik van Veldeke. Seine „Sint Servaes“-Legende, die um 1170 entstanden sein muss, ist in einer Handschrift aus dem 15. Jahrhundert erhalten.


M1: Hendrik van Veldeke: Sint Servaes

Hi sprack: ‘ich ben eyn keersten man
ende wille, ofs mich God gan,
gherne keerstelike leven
ende mijne ziele weder gheven
Gode, mijnen sceppere,
die doer ons, arme sondare,
vander maghet waert gehboren
ende verloeste die waren verloren
doer Adams sonden [...]’  

M3: Zum Vergleich die deutsche Übersetzung

Er sprach: ‘Ich bin ein Christ
und will, wenn Gott es mir vergönnt,
gerne christlich leben
und meine Seele wieder geben
an Gott, meinen Schöpfer,
der unsertwegen, [für uns] arme Sünder,
von der Jungfrau wurde geboren
und diejenigen erlöste, die verloren waren
wegen Adams Süden [...]’
Quelle: Hendrik van Veldeke: Sint Servaes, nach Marijke van der Wal (1994): Geschiedenis van het Nederlands. 2., überarb. Ausg. Utrecht, S. 111 (eigene Übersetzung).