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Einführung - Entstehung der niederländischen Sprache

Im Abschnitt „Niederländisch zwischen Deutsch und Englisch“ ist deutlich geworden, dass diese drei Sprachen über viele Gemeinsamkeiten im Wortschatz und in der Grammatik verfügen. In diesem Abschnitt sollen die Gründe für diesen Zusammenhang erklärt werden.

M1: Die Sprachen Europas

Unbenanntes Dokument

Das Niederländische, Englische, Deutsche, Friesische und die skandinavischen Sprachen (Dänisch, Norwegisch, Schwedisch, Isländisch) sind germanische Sprachen; sie gehören zur germanischen Sprachfamilie, die in einen west- und nordgermanischen Zweig aufgeteilt wird. Die ostgermanische Gruppe ist ausgestorben [...]. Das Französische bildet mit dem Spanischen, Katalanischen, Italienischen, Portugiesischen, Rumänischen und Rätoromanischen die romanische Sprachengruppe. Das Russische, Polnische und Tschechische sind slawische Sprachen, das Lettische und Litauische baltische. Die Sprachen, die zu einer bestimmten Sprachgruppe gehören, haben neben Unterschieden viele Merkmale gemeinsam. Die Übereinstimmungen sind auf einen gemeinschaftlichen Ursprung in der Vergangenheit zurückzuführen. [...]

Quelle: Marijke van der Wal (1994): Geschiedenis van het Nederlands. 2., überarb. Ausgabe. Utrecht, S. 47 (übersetzt und gekürzt).


M2: Vereinfachtes Stammbaummodell

Abbildung verändert nach Titus.


Zweite Lautverschiebung

Hochdeutsch, Niederländisch, Niederdeutsch (Plattdeutsch), Englisch und Friesisch gehören zur westgermanischen Sprachfamilie und haben damit einen gemeinsamen Ursprung. Dennoch klingen Wörter, die es bereits vor der Entstehung der einzelnen Sprachen gab, heute in den verschiedenen Tochtersprachen des Germanischen unterschiedlich. So heißt es im Niederländischen etwa helpen, im Englischen
to help und im Hochdeutschen helfen. Die Laute stimmen also zum Teil nicht überein, obwohl noch immer deutlich zu erkennen ist, dass dieses Wort einen gemeinsamen Vorläufer gehabt haben muss.
Dass wir heute im Deutschen helfen sagen und nicht wie die Niederländer helpen oder die Briten help, hat mit einer besonderen Lautveränderung zu tun, die es innerhalb der westgermanischen Sprachfamilie nur im Hochdeutschen gab: die so genannte Zweite Lautverschiebung. Dabei wurden die Konsonanten p, t und k im Hochdeutschen zu pf/ff/f, tz/z/ss/s und ch „verschoben“, in allen anderen westgermanischen Sprachen blieben sie dagegen erhalten.

M3: Folgen der Lautverschiebung

Unbenanntes Dokument
Englisch  Niederländisch  Niederdeutsch  Hochdeutsch 
pepper  peper  Peper  Pfeffer 
open  open  open  offen 
(to) help  helpen  helpen  helfen 
pound  pond  Pund  Pfund 
(to) sit  zitten  zitten  sitzen 
heart  hart  Hart  Herz 
water  water  Water  Wasser 
book  boek  Book  Buch 
(to) make  maken  maken  machen 


M4: Zweite Lautverschiebung: Die Regeln

Quelle: Marijke van der Wal (1994): Geschiedenis van het Nederlands. 2., überarb. Auflage. Utrecht, S. 86 (übersetzt, teilw. bearbeitet).

Es ist anzunehmen, dass die Zweite Lautverschiebung zwischen dem 5. und 7. Jahrhundert stattgefunden hat. Über den räumlichen Ursprung und die Ausbreitung der Lautverschiebung gehen die Meinungen auseinander.
Fest steht aber, dass die Lautverschiebung damals nicht das ganze deutsche Sprachgebiet erfasste. Im Süden wurde sie am stärksten „umgesetzt“, im Norden am geringsten. Deshalb sind die entsprechenden Laute in den heutigen norddeutschen Dialekten, die man unter dem Begriff „Niederdeutsch“ zusammenfassen kann, auch immer noch unverschoben – genauso wie die in der niederländischen Sprache. Von daher sind sich das Niederländische und Niederdeutsche in dieser Hinsicht viel ähnlicher als das Niederdeutsche und Hochdeutsche.

M5: Grenzen der Zweiten Lautverschiebung

............... Staatsgrenzen ------------ Sprachgrenzen
Quelle: Marijke van der Wal (1994): Geschiedenis van het Nederlands. 2., überarb. Auflage. Utrecht, S. 88.

Die Kenntnis der Zweiten Lautverschiebung kann eine große Hilfe beim Verstehen und Erlernen des niederländischen Wortschatzes sein – guckt euch doch noch einmal das Modul Wortschatz an! Denn wer zum Beispiel die Teilregel p > pf / f(f) kennt, kann leicht ableiten, dass das niederländische Wort peper mit dem hochdeutschen Pfeffer korrespondiert. Aber Vorsicht: Auch wenn man auf diese Art und Weise herausfindet, welche hochdeutschen Wörter von ihrem Aussehen her zu welchen niederländischen gehören – die Bedeutung der Wörter kann in den beiden Sprachen durchaus unterschiedlich sein. Beim Pfeffer ist das allerdings nicht der Fall.