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Jüdische Schriftsteller der zweiten GenerationDie Verarbeitung des Zweiten Weltkriegs in der niederländischen Nachkriegsliteratur beschränkt sich nicht auf die Generation, die den Krieg selbst miterlebt hat. Ein besondere Gruppe innerhalb der jungen, ab 1950 geborenen Autoren bildet die so genannte „zweite Generation" jüdischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Diese Autoren haben den Holocaust zwar nicht am eigenen Leib erlebt, sind aber auf indirektem Weg dennoch zu dessen Opfern geworden, da das Leid der Eltern, deren KZ-Erfahrungen und der Verlust von Angehörigen sich nachhaltig auf die Kinder auswirkten. Zu dieser Gruppe sind u.a. Jessica Durlacher, Carl Friedman, Arnon Grunberg, Marcel Möring und Leon de Winter zu rechnen. Am bekanntesten in Deutschland ist wohl Leon de Winter, der sich häufig als Gastkommentator in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften, so u.a. im Spiegel, zu verschiedenen Themen der Kultur und der Weltpolitik äußert.
M1: Über Carl Friedman Carolina Friedman (Rufname: Carl) wurde am 29. April 1952 in Eindhoven als Tochter jüdischer Eltern geboren. Ihre Familie, zu der neben den Eltern auch noch zwei Brüder gehörten, wurde beherrscht vom KZ-Syndrom des Vaters. Während ihrer Schulzeit begann Carl Bücher über den Zweiten Weltkrieg zu lesen, vor allem Augenzeugenberichte. Nach der Schule machte Friedman eine Übersetzer-Dolmetscher-Ausbildung, die sie jedoch nicht abschloss. Sie wohnte eine Zeit lang in Breda, wo sie u.a. als Journalistin arbeitete. Um ihren 1979 geborenen Sohn versorgen zu können, tauschte die Alleinerziehende den Journalismus ein gegen eine Arbeit als Übersetzerin. 1980 besuchte Carl Friedman einige ehemalige Konzentrationslager. Ihre Eindrücke verarbeitete sie in einer Reihe von Gedichten, die zum Teil in literarischen Zeitschriften publiziert wurden. Der Verleger Van Oorschot, der ihre Poesie nicht in sein Repertoire aufnehmen wollte, regte sie dazu an, den Roman Vater (nl. Tralievader ) zu schreiben. Mit diesem Werk debütierte sie im Jahr 1991. Im Jahr 1992 schrieb sie ihren zweiten Roman Zwei Koffer (nl. Twee koffers vol ), der 1998 in hochkarätiger Besetzung (u.a. Isabella Rosselini, Jeroen Krabbé, Maximilian Schell, Marianne Sägebrecht) unter dem Titel Kalmanns Geheimnis (Original: Left Luggage ) verfilmt wurde. Regie: Jeroen Krabbé. (Quelle: Die Angaben basieren u.a. auf dem Artikel von G.F.H. Raat über Carl Friedman (Nov. 1995) in der Loseblattsammlung Kritisch literatuur lexicon)
M2: Aus dem Klappentext zu „Vater“ Carl Friedman erzählt in Vater von den Fünfzigerjahren in einer niederländischen Kleinstadt, von einer Familie mit drei heranwachsenden Kindern, für die der Zweite Weltkrieg immer noch andauert, denn der Vater hat „Lager", wie andere Menschen Zahnschmerzen oder Fieber haben. „Lager haben", diese sprachliche Wendung hilft den Kindern, das Unbegreifliche zu verstehen, es Außenstehenden zu erklären oder zu entschärfen, was der Vater von seiner Haft im Konzentrationslager erzählt. Ausgelöst von oft harmlosen Fragen der Kinder oder familiären Sorgen, werden seine Geschichten zu einem ständigen Schatten, der über der Familie liegt und manchmal selbst ein harmloses Sonntagsfrühstück zu einer Nervenprobe werden lässt. Hier liegt die Kraft des Buches, das erkundet, wie man mit solchem Leid umgehen kann. „Ich habe das Buch aus Sympathie, aus Solidarität mit meinem Vater geschrieben", sagte Carl Friedman in einem Interview. In einer einfachen, glasklaren Sprache, mit den lakonischen Fragen und dem wissenden Blick der Kinder, gelingt es der Erzählung zu zeigen, wie die Familie zu dem Vater findet und ihm größtmögliches Verständnis und Liebe schenken kann.
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M3: Ausschnitt aus „Vater“Lager bekommt man nicht davon, dass man aus Pfützen trinkt. Man bekommt kein Lager, wenn man ohne Jacke draußen spielt oder wenn man sich nie die Hände wäscht. Ich weiß nicht, wovon oder warum mein Vater Lager hat. Ich glaube, er hat es, weil er anders ist als die meisten Leute, die ich kenne. Weil er anders ist, ist auch meine Mutter anders. Und weil sie beide anders sind, sind Max, Simon und ich anders als normale Kinder. Zu Hause fällt das nicht auf, aber in der Schule. „Ein Herr, der fliegt!“, lacht die Lehrerin und beugt sich über meine Zeichnung. „Er fliegt nicht“, sage ich, „er hängt. Schau nur, er ist tot, seine Zunge ist blau. Und diese Gefangenen da müssen ihn zur Strafe anschauen. Mein Vater steht auch dabei, hier, der mit den großen Ohren." „Schön", sagt die Lehrerin. „Überhaupt nicht schön," sage ich. „Sie haben nämlich Hunger, und jetzt müssen sie ganz lange auf ihre Suppe warten." Aber sie ist schon zum nächsten Tisch weitergelaufen. „Zwei Wichtelmännchen auf einem Pilz", ruft sie aus und klatscht in die Hände. „Das ist jetzt aber hübsch!" Grimmig kratze ich tiefe Striche über meine Zeichnung und drehe das Papier um. Was ist denn so hübsch an ein paar Wichtelmännern? Ich male viel mehr als zwei: fünf im Schnee und noch einen hoch oben im Wachturm. (Quelle für M2 und M3: Carl Friedman, „Vater“ , Amman Verlag, Zürich 1993. M3: S. 9 f.)
M4: Über „Das Gewissen“ von Jessica Durlacher Sie sieht ihn zum ersten Mal an der Universität: Er ist wie sie jüdischer Abstammung, beide Familien haben traumatische Kriegserinnerungen, sie erkennt in ihm ihren Seelenverwandten. Mit aller Wucht schmeißt sich die junge Edna in die Katastrophe einer Liebe, die sie für die ihres Lebens hält. Ein bewegendes Buch über eine Frau, die erst lernen muss, ihr Leben und Lieben in die richtige Bahn zu lenken. Anmerkung: Jessica Durlacher wurde 1961 in Amsterdam geboren. Sie ist verheiratet mit Leon de Winter und hat zwei Kinder. Neben Das Gewissen liegt mit Die Tochter ein weiteres Werk von ihr in deutscher Übersetzung vor. Die Autorin ist die Tochter des 1928 in Baden-Baden geborenen Soziologen und Schriftstellers G.L. Durlacher, der 1937 mit seinen Eltern nach Rotterdam flüchtete. Gerhard Durlacher überlebte als einziger seiner Familie das KZ Auschwitz-Birkenau.
M5: Über den Roman „Supertex“ und dessen Autor Leon de Winter Max, ein holländischer Jude, 36 Jahre alt, Erbe des Textilimperiums SuperTex, muss sich auf die Couch einer Analytikerin begeben, nachdem er mit seinem Porsche einen chassidischen Juden, der sich auf dem Weg in die Synagoge befand, angefahren hat. Er, der bisher sein Yuppie-Dasein genoss, sieht sich plötzlich mit Fragen konfrontiert: Warum kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen mit dem Vater, der das KZ mit knapper Not überlebte? Was veranlasste seine große Liebe, die sephardische Jüdin Esther, den orthodoxen Glauben anzunehmen? Wie kommt sein Bruder Boy dazu, sich in eine marokkanische Jüdin aus einer bettelarmen, gläubigen Großfamilie zu verlieben? Es sind Fragen, die schließlich in eine einzige Frage münden: Was bin ich eigentlich, ein Jude, ein Goij, was ist der Sinn meiner Existenz?
Leon de Winter wurde 1954 in 's-Hertogenbosch als Sohn niederländischer Juden geboren und begann als Teenager, nach dem Tod seines Vaters, zu schreiben. Er arbeitet seit 1976 als freier Schriftsteller und Filmemacher in Holland und den Vereinigten Staaten. Einige seiner Romane wurden für Kino und Fernsehen verfilmt, so z.B. Der Himmel von Hollywood unter der Regie von Sönke Wortmann.
(Quelle für M4 und M5: www.buch.de)
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