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Thea Beckman (1923-2004)

Eine der Jugendbuchautorinnen, die niederländische Schüler sehr oft auf ihre „Leseliste“ (eine Liste zu lesender Bücher, die die Schüler selbst zusammenstellen) setzen, ist Thea Beckman. Beckmans Werk ist zum Teil auch ins Deutsche übersetzt worden.

M1: Biographie

theabeckmanAls im Jahr 2003 ihr neuestes Buch erschien, erklärte Thea Beckman in verschiedenen Interviews, dass dies wahrscheinlich auch ihr letztes sein würde. Ihre Vorahnung hat sich bestätigt: Am 5. Mai 2004 verstarb sie im Alter von 80 Jahren. Die Autorin wurde vor allem bekannt durch ihre historischen Jugendromane, von denen 'Kreuzzug ins Ungewisse' der berühmteste ist.
Thea Beckmann wurde 1923 in Rotterdam als Theodora Petie geboren. Die Familie verfügte nur über geringe Mittel, da ihr Vater seine Anstellung bei der Holland-Amerikalinie während der Wirtschaftskrise verlor. Nach einer wenig erfolgreichen Ausbildung zur Näherin, ging sie schließlich zur Mittelschule. Da es am nötigen Geld für eine weitere Ausbildung fehlte, arbeitete sie nach Beendigung ihrer Schulzeit als Büroangestellte. Nach ihrer Heirat mit Dick Beckmann im Jahr 1945 gab sie diese Arbeit auf. Sie begann jedoch recht bald, trotz Kindererziehung und Haushalt, Texte für Jugendzeitschriften zu schreiben. [...] Als Autorennamen wählte sie, so kurz nach dem Krieg, auf Anraten ihres Herausgebers den Namen „Beckman“, statt „Beckmann“.
Erst in den Siebzigerjahren, als ihre Kinder schon etwas älter waren, kam ihre Karriere richtig in Gang. Ein Buch über Kinderkreuzzüge, das sie gelesen hatte, war für sie der Anlass, sich verstärkt mit dem Mittelalter zu befassen. Sie reiste zu den relevanten Orten in Deutschland, Frankreich, der Schweiz und Italien und las viel über den Alltag in jener Zeit. Die Publikation von 'Kreuzzug ins Ungewisse' im Jahr 1973 stellte für sie den Durchbruch dar. Dieses Buch erschien 2003 in der 70. Auflage, wobei insgesamt mehr als eine halbe Million Exemplare verkauft wurden. Beckman machte sich inzwischen daran, die in der Jugend verpassten Gelegenheiten doch noch zu ergreifen. 1975 machte sie das Abitur nach und studierte anschließend. 1981, im Alter von 58 Jahren, schloss sie ihr Studium der Sozialpsychologie mit einer Arbeit über den Einfluss von Jugendbüchern auf Kinder ab. Laut dieser Untersuchung ist der Einfluss übrigens nur sehr gering. [...]
Beckman hat im Laufe ihres Lebens 1,75 Millionen Bücher verkauft. Ihr Werk wurde in viele Sprache übersetzt. Sie gewann eine große Anzahl von Literaturpreisen; 1974 z.B. den Gouden Griffel * für 'Kreuzzug ins Ungewisse'. Dennoch hat sie nie den bedeutendsten Preis auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendbücher, den Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur, erhalten. Dies ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass die Literaturkritiker ihre eindimensionalen Charaktere und ihren schlechten Stil bemängelten. Es gab einen großen Unterschied zwischen den erwachsenen Jurymitgliedern und der jugendlichen Leserschaft. Beckman selbst nahm sich den Mangel an offizieller Anerkennung nicht allzu sehr zu Herzen angesichts der Anerkennung, die ihr ihre Leser zuteil werden ließen, so etwa mit den Preisen der Niederländischen Kinderjury. [...]
Im Jahr 2003 wurde Beckmans achtzigster Geburtstag ausgiebig gefeiert. [...] Zudem wurde angekündigt, das ihr Werk 'Kreuzzug ins Ungwisse' unter dem Titel Crusade in Jeans verfilmt werden soll. Wenngleich sie das Ergebnis der Bemühungen nicht mehr zu Gesicht bekommen wird, wurde das Szenario für diesen Film noch ausführlich mit Thea Beckman besprochen.
* Der Gouden Griffel (dt.: Goldener Griffel) ist eine der bedeutendsten Auszeichnung im Bereich der niederländischen Kinder- und Jugendliteratur. Er wird seit 1971 während der Kindbuchwoche für das beste Buch des Vorjahres vergeben.


(Quelle übersetzt nach: Königliche Bibliothek Den Haag: „Dossier Thea Beckman (1923-2004)“)



M2: Thea Beckman im Interview mit jungen Leserinnen

 

Wie beginnen Sie ein Buch ? (Katrien)

Ich fange nicht an zu schreiben, sondern Material zu sammeln. Je mehr desto besser. Erst dann kann ich mich ans Schreiben machen. Zunächst schreibe ich ein Manuskript. Das arbeite ich vollständig aus, manchmal an die dreihundert Seiten und dann sehe ich es durch. Danach erstelle ich ein zweites Manuskript, denn es ändert sich noch alles Mögliche. Mit dem zweiten Manuskript passiert das gleiche wie mit dem ersten und anschließend kommt die dritte Version. Das dritte Manuskript bezeichne ich als „das Netz“. Das geht an den Verlag. Ich schreibe also jedes Buch mindestens drei Mal. Das ist ziemlich viel Arbeit. Manchmal geht es schneller, manchmal nicht so schnell. Doch je älter ich werde, umso langsamer geht es.


Warum kennen Sie sich so gut in Geschichte aus? (Sophie)

Ich kenne mich gar nicht so gut in Geschichte aus. Aber ich finde es sehr interessant. Wenn ich über eine bestimmte Zeit schreiben will, sammle ich darüber jede Menge Informationen. Die studiere ich und dann kann ich darüber schreiben. Darüber hinaus verreise ich auch. Für eines meiner Bücher bin ich z.B. in den Archiven in Zierikzee gewesen, aber auch in Tunesien. Ich bin durch ganz Tunesien gereist, um Material zu sammeln; zusammen mit meiner Tochter, die sich mir der Geselligkeit halber angeschlossen hat.


Haben Sie selber an den Geschehnissen in Ihren Büchern teilgenommen? (Jessica)

Nein, natürlich nicht. Ich habe mir alle Abenteuer ausgedacht. Aber ich muss mich schon ganz gut hineindenken. Außerdem verwende ich in meinen Büchern gern Personen, die wirklich gelebt haben. Das gefällt mir. So kommt in meinem neuen Buch z.B. ein „Simon van Utrecht“ vor. Den hat es wirklich gegeben. Ich finde es schön, solche Menschen in meinen Büchern zu verarbeiten.


(Quelle: Margreet Strijbosch: „Schrijven is heerlijk. Interview: Thea Beckman“, in: Radio Nederland Wereldomroep, WereldKIDS.nl – Sendung vom 02.07.2003)


Zum Inhalt von „Kreuzzug ins Ungewisse“: Der fünfzehnjährige Rolf Wega aus Amsterdam überredet den Erfinder Dr. Simiak, ihn eine Reise mit einer Zeitmaschine machen zu lassen. Laut Plan soll er für vier Stunden ins Mittelalter reisen, an einen Ort in Frankreich. Es läuft jedoch etwas schief und Rolf landet in Deutschland. Dort angekommen rettet er dem Studenten Leonardo das Leben, als dieser von Räubern überfallen wird. Gerade als Rolf wieder zum verabredeten Platz gehen will, um die Zeitreise zurück anzutreten, kommt eine riesige Gruppe von Kindern des Wegs und versperrt ihm den Zugang.
Statt Rolf wird eines dieser Kinder ins zwanzigste Jahrhundert „gebeamt“ und Rolf kann nicht mehr zurück. Bei den Kindern handelt es sich um Teilnehmer an einem angeblichen Kinderkreuzzug, der nach Jerusalem führen soll. Rolf und Leonardo schließen sich der erschöpften Gruppe an. Gemeinsam erleben sie viele Abenteuer.

M3: Leseprobe aus 'Kreuzzug ins Ungewisse'

Aber wie er sich auch bemühte, tief in seinem Inneren war er überzeugt, dass der andere an seiner Stelle ins 20.Jahrhundert geholt worden war und dass es für ihn, Rolf Wega, zu spät war. In seinen Ohren dröhnte plötzlich die Stimme von Dr. Simiak: „Misslingt dieser Versuch, stehst du in diesem Augenblick nicht an der richtigen Stelle, dann kannst du für den Rest deines Lebens im Mittelalter umherirren.“
Rolf holte tief Atem und zwang sich, die Augen zu öffnen. Er warf einen Blick auf seine Uhr. Schon sechs Minuten nach fünf. Er blieb stehen, noch immer hoffend, alles möge nur ein Irrtum sein. Die Minuten krochen träge dahin, es geschah nichts. Jetzt hatte er die Gewissheit: Ich bin gestrandet, ich habe die Rückkehr verpasst. Meine einzige Chance ist dahin ... [...]
Todmüde und verzweifelt sank Rolf zu Boden. Blicklos starrte er auf die Kinder, die immer noch vorbeikamen, viel langsamer jetzt, mit Lücken in ihren Reihen. Müde, nicht mehr in der Lage, zu singen, Späße zu machen oder auch nur zu beten, schlurften sie vorüber: Die meisten, die zurückblieben, waren Mädchen oder kleinere Kinder, in Lumpen gehüllt, die mageren Gesichter schmutzig und verhärmt.


(Quelle: Thea Beckmann, „Kreuzzug ins Ungewisse“, Arena-Tachenbuch, 2003, S. 28 f.)