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Niederländische Kinder- und Jugendliteratur

In den Niederlanden gibt es seit langem eine sehr rege Kinder- und Jugendbuchszene. Seit einem halben Jahrhundert findet jedes Jahr im Oktober für jeweils zehn Tage die Kinderbuchwoche (nl. Kinderboekenweek) statt, an der sich landesweit viele Bibliotheken, Schulen und Buchläden mit verschiedenen Aktivitäten beteiligen. Die Kinderbuchwoche steht immer unter einem bestimmten Motto. Im Jahr 2004 z.B. lautet das Thema „Musik!".

M1: Einführung in das Thema

Ein in den Niederlanden sehr bekanntes Kinderbuch von Annie M.G. Schmidt, das (noch) nicht in deutscher Übersetzung erschienen ist, heißt „Jip en Janneke". Auch in deutscher Sprache erhältlich sind „Minusch" und „Wiplala".
Es ist nicht unbemerkt geblieben, dass die niederländischsprachige Jugend- und Kinderliteratur in den letzten Jahrzehnten einen ganz eigenen Ton und Stil entwickelt hat. Daher braucht es uns auch nicht zu wundern, dass andere Länder die Entwicklungen in den Niederlanden und in Flandern gespannt verfolgen. Der deutsche Jugendbuchautor Arnulf Zittelmann formuliert es folgendermaßen: „Was wären wir in den sechziger Jahren ohne die niederländische Kinderliteratur gewesen?" [...]
Ab den Sechzigerjahren kommt es in der niederländischen Jugend- und Kinderliteratur zu einem Entwicklungsschub. Diese ununterbrochene Erfolgsstory ist aus einer erhöhten Sensibilität für die pädagogischen und gesellschaftlichen Erneuerungen sowie aus den Talenten aufeinander folgender Generationen von Jugendbuchautoren heraus zu erklären.
Die Erneuerung in der niederländischen Jugendliteratur beginnt kurz nach dem Zweiten Weltkrieg mit Autorinnen wie Annie M.G. Schmidt und An Rutgers-Van der Loeff.
Schmidt, eine Feministin-avant-la lettre, öffnet die Fenster und lässt alles Fade und Muffige aus der Kinderpoesie verschwinden. Ik ben lekker stout (Ich bin ganz schön schlimm) lautet der Titel eines ihrer bekanntesten Gedichte, in dem nur das Kind zu Wort kommt. In spielerischen Reimen und Bildern stellt die Dichterin die Welt auf den Kopf. Ihre Gedichte erobern die Schulbücher. Auch in ihren Geschichten schafft sie lebhafte, temperamentvolle Kinderfiguren. Jip und Janneke, Pluk, Floddertje und Otje sind selbstsicher und verschaffen sich bei den Erwachsenen Respekt. [...]
Auch Schmidts Zeitgenossin An Rutgers van der Loeff hat ein sicheres Gespür für gesellschaftliche Veränderungen. Mit großer Einfühlungsgabe beschreibt sie realistische, oft aus aktuellem Anlass entstandene Problemsituationen so scharf, dass die jungen Leser gefordert sind, über die Folgen von Krieg, technischem Fortschritt oder persönlichem Leid nachzudenken. [...]
In den Siebzigerjahren gewinnt das gesellschaftliche Engagement die Oberhand. Die Niederlande folgen dem allgemeinen europäischen Trend und bestimmen diesen mit dem realistischen Problembuch und dem neuen historischen Roman mit. Mit dem erstgenannten Genre verbindet man vor allem Miep Diekmann. Sie hat den richtigen Blick für die Dritte Welt – viele ihrer Geschichten spielen auf Curaçao – und klagt Missstände an. Andere suchen ihre Themen weniger weit von daheim. Oosterschelde Windkracht 10 (Terlouw 1976; Windstärke 10 ) beschäftigt sich in verantwortungsbewusster Weise mit dem Problem der Umweltverschmutzung. [...]
Der Erfolg der niederländischsprachigen Jugendliteratur steht in direktem Zusammenhang mit der Darstellung des Kindes. Wenn wir uns die Geschichten ansehen, die die Weichen neu gestellt haben, so formiert sich ein langer Zug von Kinderbuchkindern, die einander über die Jahre hinweg mühelos die Hand reichen können. Es handelt sich dabei um fröhliche kleine Rebellen, aufgeweckt und unternehmend, aber auch widerspenstig und selbstsicher, manchmal geradezu frech und eigensinnig. Sie üben auf den Leser eine magische Anziehungskraft aus, genauso wie die Kinder aus der Rosenstraße, von denen es bei Han Hoekstra heißt:


Die Kinder aus der Rosenstraße (Han Hoekstra)
De kinderen uit de Rozenstraat
Hebben altijd vuile handen
Ze hebben meestal een gat in hun mouw
En ongepoetste tanden

    Die Kinder aus der Rosenstraße
Haben immer schmutzige Hände
Meist haben sie ein Loch im Ärmel
Und ungeputzte Zähne.
De kinderen uit de Rozenstraat
Hebben altijd slordige haren
Ze hebben vaak een splinter in hun hand,
En builen en bulten en blaren.

    Die Kinder aus der Rosenstraße
Haben immer unordentliche Haare
Sie haben oft einen Splitter in der Hand,
Und Beulen und Blasen.
De kinderen uit de Rozenstraat
Lopen meest op blote voeten,
Ze zijn de hele dag op straat
Alsof ze nooit eten moeten.

    Die Kinder aus der Rosenstraße
Laufen meist barfuß
Sie sind den ganzen Tag auf der Straße
Als müssten sie nie essen.
De kinderen uit de Rozenstraat
Schijnen zich nooit te verschonen
Ze mogen alles wat ik niet mag
'k wou soms wel in de Rozenstraat wonen.

    Die Kinder aus der Rosenstraße
Scheinen sich nie umzuziehen
Sie dürfen alles was mir verboten ist
Ich wünschte manchmal, ich würde in der Rosenstraße wohnen.




Diese antiautoritären Kinderbuchfiguren gehen meist ihre eigenen Wege, dennoch gelingt es ihnen, bei den Erwachsenen Sympathien zu wecken. Ihr naiver Kinderblick entlarvt Scheinheiligkeit und deckt wunde Stellen in der Gesellschaft auf. Das phantasievolle rebellische Kind steht in krassem Kontrast zu den ‚altgeborenen Kindern‘ seiner Umgebung, die träge den ausgetretenen Pfaden folgen und der Phantasie keine Chance geben. [...]
Auch in Romanen für ältere Leser, in denen die Hauptfigur ein Jugendlicher oder sogar ein Erwachsener ist, behaupten sich diese rebellischen Charaktere. Jan zonder Vrees, Jet aus Schoolidyllen (Top Naeff), Ella und Pit aus Zomerzotheid (Cissy van Marxveldt), Marije aus Geef me de ruimte (Thea Beckman, Gib mir die Zügel ), Stag aus Koning van Katoren (Jan Terlouw, Kampf um Katoren ) bieten den Lesern kein traditionelles, sondern eher ein progressives Identifikationsmodell an: Sie wollen die Gesellschaft verändern, erneuern.
Eine zweite Konstante, mit der die niederländischsprachige Jugendliteratur den Ton angibt, ist die Literarität oder allgemeiner gesagt, der Kunstcharakter der Bücherproduktion. Ab den Achtzigerjahren wird mit viel Einsatz an der Aufwertung der Jugendliteratur innerhalb der Literaturlandschaft gearbeitet. Widerspenstige Autoren, Illustratoren und Büchermacher verschaffen sich Respekt und Anerkennung, indem sie sich weigern, sich auf das Niveau der jungen Leser herabzulassen. Ohne in Bezug auf Sprache, Stil oder Illustrationen Konzessionen zu machen, schreiben sie Jugend- und Kinderbücher, die ihnen selbst gefallen. Die Grenze zwischen Jugendliteratur und Erwachsenenliteratur verwischt sich allmählich, was zu mit mehr Prestige verbundenen Auszeichnungen und zu Arbeitsstipendien für Autoren führt.


(Quelle: Rita Ghesquière, „Der rebellische Reiz des niederländischsprachigen Kinderbuches"; Niederlandistik - Universität Wien)