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M1: Überblick Der Zweite Weltkrieg und die Besatzungszeit zwischen Mai 1940 und 1945 hat sich nicht nur sehr in das kollektive Bewusstsein der Niederländer eingeprägt, sondern auch in zahllosen fiktionalen Publikationen im niederländischen Sprachraum niedergeschlagen. Mit etwa 1.000 Romanen, Erzählungen, Tagebüchern und anderen Egodokumenten, Kinder- und Jugendbüchern, Theaterstücken und Spielfilmen ist der Zweite Weltkrieg zu einem der beliebtesten Themen der niederländischen Nachkriegsliteratur geworden. [...] Da die Niederlande – im Gegensatz zu Belgien – den Ersten Weltkrieg nur als neutrale Zuschauer am Rande der Ereignisse miterlebt hatten, kam der Einmarsch der deutschen Besatzungstruppen am 10. Mai 1940 wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel. Als dann nach 5 Kriegstagen durch die Bombardierung von Rotterdam und der Anordnung weiterer Vernichtungsschläge auf die Bevölkerung die Kapitulation erzwungen wurde, die Königin und die gesamte Regierung nach London ausgewichen waren, befand sich die niederländische Bevölkerung in einem Schockzustand. [...] Das literarische Klima der Niederlande wurde nach Kriegsende durch die Nachwirkungen der Ereignisse zwischen 1940 und 1945 geprägt, doch sind hierbei gewisse Wellenbewegungen in Bezug auf das Interesse der Autoren- und Leserschaft an diesem Thema erkennbar. Kurz nach dem Krieg erhielt eigentlich nur Het achterhuis, das Tagebuch der Anne Frank, ein nennenswertes Maß an Aufmerksamkeit, die auch andere, fiktionale Werke aus dieser Zeit, wie z.B. Simon Vestdijks Roman über eine Gruppe niederländischer Untergrundkämpfer Pastorale 1943, verdient hätten. Die Restauration der Vorkriegsgesellschaft hielt die konservativen Kräfte, die das zerstörte Land auf die Beine brachten, im Bann. Alles war auf den Wiederaufbau konzentriert, niemand wollte zurückschauen und über den Krieg lesen. Zur Verarbeitung des Zweiten Weltkrieges in der fiktiven Prosa der Nachkriegsjahre bietet sich eine thematische Zweiteilung an: Die eine Richtung thematisiert den Terror, die Unterdrückung, den Widerstand und die Befreiung. Die andere Richtung benutzt den Krieg als Hintergrund für philosophisch vom populären französischen Existentialismus beeinflusste literarische Werke.

Szenenfoto aus der Verfilmung von Het meisje met het rode haar mit Renée Soutendijk. Zur ersten Richtung zählt Theun de Vries Het meisje met het rode haar (Das Mädchen mit den roten Haaren), der damit im Jahre 1956 der Untergrundkämpferin Hannie Schaft ein Denkmal setzte, und das ein Jahr später erschienene Erstlingswerk Marga Mincos Het bittere kruid (Das bittere Kraut). Diese Novelle beschreibt aus der Sicht eines jungen Mädchens die Unterdrückung der Juden während der Besatzungszeit. Das Überleben und das Weiterleben nach dem Krieg beschäftigt die Autorin in zahlreichen anderen Romanen bis zu ihrem Tod.
Der bekannteste Vertreter der zweiten Richtung ist W.F. Hermans. Mehrere seiner Romane und Novellen spielen während des Zweiten Weltkriegs, wobei Krieg und Besatzung die ideale Kulisse für die Darlegung seiner philosophischen Weltanschauung bilden. In Zeiten des Chaos verliert der Mensch seine Fassade und sucht vergebens nach einer Ordnung oder nach der Wahrheit. In seinem 1949 erschienenen Roman De tranen der acacia's (Die Tränen der Akazien) sind Betrügereien und Missverständnisse an der Tagesordnung, zusätzlich wird die Integrität des organisierten Widerstands in Zweifel gezogen. 1958 kam dann von ihm De donkere kamer van Damocles (Die Dunkelkammer des Damokles) heraus und dieser Roman gilt allgemein als einer der unbestrittenen Höhepunkte dieses Autors. Es liest sich wie ein spannender Kriegsroman über Kollaboration und Illegalität. Durch die außergewöhnlich raffinierte Erzähltechnik, die Einführung des Doppelgänger-Motivs und die Ambiguität der auf der Wirklichkeitsebene vermittelten „Tatsachen“ bleibt der in die Irre geführte Leser bis zum Ende auf der faszinierenden Frage sitzen: Ist die Hauptfigur nun ein Widerstandskämpfer oder ein Verräter? Das dritte Buch, das jahrzehntelang das Bild der Niederländer vom Zweiten Weltkrieg prägen sollte, ist Het stenen bruidsbed (Das steinerne Brautbett) von Harry Mulisch. Es wurde zuerst 1959 veröffentlicht und ist ein weiterer Höhepunkt niederländischer Nachkriegsliteratur. In diesem Roman thematisiert der gebürtige Harlemmer bereits sein persönliches Dilemma: Harry Mulisch wurde 1927 als Sohn einer jüdischen Mutter und eines mit den Deutschen kollaborierenden höheren Bankangestellten aus der österreichisch-ungarischen Donaumonarchie geboren. In diesem Buch bringt er ein moralisch-ethisches Dilemma zur Sprache, das ihn immer wieder fesselt: Die Frage nach der Schuld und der Eigenverantwortung des Individuums. (Quelle: Marina Henselmans, Die Verarbeitung des zweiten Weltkriegs in der niederländischen Literatur, in: NiederlandeNet)
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M2: Klappentext zu „Die Dunkelkammer des Damokles“
Henri Osewoudt, dessen Mutter in einem Anflug von Wahnsinn den eigenen
Mann erstach, ist von seinem Onkel Bart erzogen worden. Mit der sieben
Jahre älteren Cousine Ria hat er schon früh die Wonnen der Liebe erlebt.
Gerade achtzehn geworden, beschließt Osewoudt, die junge Frau zu
heiraten und den Tabakwarenladen seines Vaters weiterzuführen.
Schicksalhaft wird für ihn die Begegnung mit dem Offizier Dorbeck, der
eines Tages das Geschäft betritt. Er hält ihn zur Mitarbeit im
Widerstand an. Osewoudt führt Dorbecks Aufträge aus und verstrickt sich
immer tiefer in Gewalt und Mord.
Als sich Osewoudt nach der Befreiung vor Gericht verantworten soll,
könnte der geheimnisvolle Auftraggeber die Unschuld bezeugen. Allein
Dorbeck bleibt verschwunden, und Osewoudts Unschuldsbeteuerungen werden
für die niederländische Polizei immer fadenscheiniger. ...
M3: Fragment (Seite 1) aus „Die Dunkelkammer des Damokles“
... Tagelang trieb er auf seinem Floß umher, ohne etwas zu trinken. Er
war schon fast verdurstet, denn das Wasser des Ozeans war salzig. Er
hasste das Wasser, das er nicht trinken konnte. Doch als ein Blitz in
das Floß einschlug und es in Brand steckte, schöpfte er das verhasste
Wasser mit den Händen und versuchte das Feuer zu löschen!
Der Lehrer begann als erster zu lachen, schließlich lachte die ganze Klasse mit.
Dann läutete es. Die Kinder standen von ihren Bänken auf. Henri
Osewoudt war einen halben Kopf kleiner als die anderen Jungen. Im
Gänsemarsch gingen sie durch den Korridor, und als sie das Schulhaus
verlassen hatten, rannten sie los.
Während er noch über die Geschichte des Lehrers nachdachte, kam eine
blaue Straßenbahn angefahren und trennte Osewoudt von den anderen
Kindern. Er gab sich keine Mühe, sie einzuholen, als die Tram vorbei
war. Sein Blick fiel auf das Schild ÜBERHOLEN VERBOTEN, das er jeden
Tag las, wenn er aus der Schule kam. Es steht am Anfang der schmalen
Hauptstraße von Voorschoten. Die Straße ist so schmal, dass die Gleise
der Straßenbahn aufeinander zu kriechen und sich übereinander legen.
Nie können zwei Bahnen in der Dorfmitte aneinander vorbeifahren.
Der Tabakladen von Osewoudts Vater lag am Ende des Dorfs, [...]
(Quelle M2 und M3: Willem Frederik Hermans, „Die Dunkelkammer des Damokles“, Leipzig 2001.)
M4: Klappentext zu „Das steinerne Brautbett“
Zwölf Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg fährt Norman Corinth zu einem
Kongress in das zerstörte Dresden. Begegnungen und Auseinandersetzungen
stürzen den Amerikaner, der als Mitglied einer Bomberbesatzung an dem
schicksalhaften Angriff auf Dresden beteiligt war, in Verwirrung. Noch
einmal erlebt Corinth Anflug und Abschuss des Bombers – bis sich die
Krise in einem Heilschlaf löst...
M5: Fragment (Seite 1) aus „Das steinerne Brautbett“
Ein Mensch arbeitet, liebt, schläft, isst – und überall auf der Welt
wird währenddessen mit den dreizehn Buchstaben seines Namens Alchimie
betrieben. Norman Corinth aus Baltimore, Maryland, fand die Einladung
zu dem Kongress eines Morgens im September auf dem Frühstückstisch.
Keuchend und verschwitzt kam er aus dem Garten, die Sonne lag auf dem
Tischtuch ... Zwei Monate später, in der vibrierenden Maschine über dem
Ozean und bemuttert von Stewardessen, die ihn bei seinem Namen nannten
(„Ah, Mister Corinth", „Oh, Mister Corinth"), dauerte jener Morgen
immer noch an. Das Meer unter ihm gehörte schon zu Europa. Wie dreizehn
Jahre zuvor sah er es unter sich weg gleiten; ein Konvoi lag erstarrt
im unbewegten Wasser. Mit hochgezogenen Augenbrauen schaute er aus dem
Fenster und wunderte sich, dass sie die einzigen in der Luft waren und
dass die Luft nicht um seinen Kopf brauste in der Kuppel aus Geist,
Glas, Plastik. Er wusste nicht, was in ihm vorging, und er wusste es
immer noch nicht, als er in Tempelhof, in West-Berlin, aus der Luft
fiel, auf der Betonpiste stand und über den Flugplatz sah: ein Mann von
fünfunddreißig, schon nicht mehr ganz jung, ein wenig grau und schwer
und müde. Er trug einen kleinen schwarzen Hut. Von seinen
zusammengekniffenen Augen aus zogen sich im grellen Licht tiefe Falten
durch sein großes Gesicht; ...
(Quelle M4 und M5: Harry Mulisch, „Das steinerne Brautbett“, Frankfurt am Main 1995.)
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