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Deutschland und die Deutschen in der niederländischen Literatur



M1: Einführung in das Thema

Das Thema Deutschland in der niederländischen Literatur steht seit 1945 im Zeichen der traumatischen Erfahrung des Zweiten Weltkriegs. Es ist nicht verwunderlich, dass nach dem Krieg erst einmal mit den Verbrechen der NS-Herrschaft abgerechnet wurde. Aber schon kurze Zeit nach dieser heftigen Reaktion auf den Krieg entstanden Romane, die die niederländische Opfer- und Heldenrolle relativieren. Seit Mitte der siebziger Jahre dann ließen von einer mythologisierenden Faszination des Schreckens geprägte Romane Deutschland, die Deutschen und die deutsche Kulturgeschichte zur Metapher des Bösen werden. Neben dem zaghaften Versuch, die niederländische Kollaboration zu thematisieren, erschienen in den achtziger Jahren auffallend viele Romane, die sich mit dem Gedenken an die Opfer des deutschen Terrors 1940 bis 1945 auseinandersetzen. Erst die Werke aus den neunziger Jahren konnten sich aus dem Bann des historischen Traumas lösen.
(Quelle: Bernd Müller, „‚Die kleine kalte Front' - Deutschland in der niederländischen Literatur", in: Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.): Deutschland – Niederlande. Heiter bis wolkig, Bonn 2000, S. 108)

M2: Aus dem Klappentext des Romans „Die Zwillinge“ von Tessa de Loo:

Nach über vierzig Jahren treffen sie sich als Vierundsiebzigjährige durch Zufall im belgischen Kurort Spa wieder, die Zwillingsschwestern Anna und Lotte. 1916 in Köln geboren, werden sie nach dem frühen Tod der Eltern auseinander gerissen. Anna kommt auf den westfälischen Bauernhof des Großvaters, wo sie ein karges, liebloses Leben erwartet. Die lungenkranke Lotte wird von niederländischen Verwandten gesund gepflegt. Doch mehr noch als die räumliche Entfernung sind es die politischen Turbulenzen der Zeit, die ein Wiedersehen der beiden Schwestern verhindern. Und so widerfährt Anna ein für die Zeit typisch deutsches Schicksal, während Lotte denken und fühlen lernt wie eine Holländerin. [...]
Tessa de Loo vergibt in ihrem Roman nicht einseitig Sympathien, teilt die Welt nicht in Gut und Böse. Vielmehr zeigt sie, wie aus der starren Haltung der beiden Schwestern wenn schon kein Verzeihen, so doch ein wechselseitiges Verstehen wird.
Anmerkung:
Die niederländische Originalausgabe dieses Romans erschien 1993 unter dem Titel De Tweeling . In den Niederlanden ist das Buch immer noch ein Verkaufsschlager. Im Jahr 2003 rangierte es auf Platz 12 der Bestsellerliste, die angeführt wurde von ausländischen Autoren wie J.K. Rowling, Nicci French und John Grisham. Unter den niederländischsprachigen Autoren nimmt Tessa de Loo mit De Tweeling 2003 sogar den fünften Rang ein.


 

M3: Fragment aus dem 9. Kapitel des Roman „Die Zwillinge“

Wortlos gingen sie nebeneinander her. [...] Sie setzten sich in eine Konditorei am Place Albert 1 und bestellten sich Baisertörtchen mit Birnen. Im Hintergrund erklang ein Potpourri bekannter Melodien.
Lotte sah auf. Ihr Blick verriet ein Wiedererkennen. „Ist das nicht ... ‚Lili Marlen‘?"
„Der Hit aus der Kriegszeit", sagte Anna schmunzelnd.
„Ja ... ich kann mich noch gut erinnern, wie sie Furore gemacht hat, die Marlene Dietrich. Die hat alles kommen sehen und Deutschland rechtzeitig verlassen."
„Du meinest wohl, sie konnte in Hollywood Karriere machen."
Wieder diese Skepsis. Ohne zu ahnen, welches Feuer sie schürte, sagte Lotte gereizt: „Ich kann es bis heute nicht begreifen, dass es keiner von euch vorhergesehen hat. Bei uns hätte Hitler keinen Fuß an den Boden bekommen, trotz der Wirtschaftskrise."
„Euch hatte man ja auch nicht das Selbstwertgefühl genommen. Er, dieser Popanz, hat es uns wiedergegeben. Mit seinen Aufmärschen, mit den Parteitagen, den Reden. Mit der beeindruckendsten Olympiade aller Zeiten. Die Ausländer haben auf der Tribüne gejubelt, und Herr Hitler war Gastgeber für die ganze Welt. Damals hat keiner zu ihm gesagt: Du taugst nichts. Alle sind sie gekommen. Und dann die Zeitungen, die Illustrierten, das Radio, die Wochenschau – überall nur die eine Botschaft, man hörte und sah nicht anderes. Man hat es in sich aufgenommen, jeden Tag, es gab nur eine Lesart, es hat sich ins Unterbewusstsein geschlichen wie heute die Werbung. Langsam, aber sicher hat es sich immer mehr in unsere Köpfe eingeschliffen. Ach, du kannst dir das ja gar nicht vorstellen." [...]
„Es gab aber doch auch Ausnahmen, Leute, die nicht den Verstand verloren haben!" Lotte redete gegen den Wind, die Worte wurden ihr ins Gesicht zurückgeweht, so schwach fühlte sie sich in ihrer Abwehr. „Es gibt doch in jedem Volk Ausnahmen, auch wenn fast jeder den Verstand verloren hat."
„Sicherlich. Aber die politische Opposition hatten sie ja schon gleich am Anfang aus dem Weg geräumt, das weißt du doch, ihre Gegner haben sie gründlich beseitigt. Die noch übrig waren, die Intellektuellen, die Nachdenklichen, Leute, die Kontakte ins Ausland hatten und dadurch auch an andere Informationen kamen, oder jemand wie Onkel Heinrich, der intuitiv dagegen war: Sie alle waren in größter Gefahr, wenn sie den Mund aufmachten. Deshalb hörte man keinen Widerspruch. Alle Hände waren in dieselbe Richtung ausgestreckt, in die eine Richtung ..."
„Aber du, Anna, warum hast du nichts unternommen?"
„Ich war ein Dienstmädchen, das Dienstmädchen von, jemand, der nicht mitzählt. Ich musste immer für die gnädige Frau da sein; wenn sie etwas von mir wollte, musste ich springen. Hitler war mir zwar unsympathisch, aber sonst war mir alles recht – im Grunde genommen war es mir egal." Lotte stieg das Blut in den Kopf. Irgendwie wurde Anna immer ungreifbarer – trotz ihrer vordergründigen Offenheit zog sie sich hinter eine Nebelwand zurück. Aber Lotte ließ sich nichts vormachen.
„Und die Juden", sagte sie in scharfem Ton, „ihr plötzliches Verschwinden, die Kristallnacht?"
„Die offizielle Antwort war: Wir haben sie in Schutzhaft genommen, sonst wären sie dem Volkszorn zum Opfer gefallen [...]"
„Hör mal, du kannst diese Fragen nur stellen, weil du weißt, was alles geschehen ist. Wir wussten damals nicht, wohin es führen würde, also haben wir solche Fragen nicht gestellt. Warum siehst du mich denn so an?"
„Wir haben es nicht gewusst, wie lange hören wir das jetzt schon."
Anna zerdrückte mit ihrer Kuchengabel den Boden des Törtchens; offenbar war sie wütend. Das Gemansche ging Lotte auf die Nerven, es fehlte nicht viel, und sie wäre auch wütend geworden.
„Ihr könnt immer nur mit dem Finger auf uns zeigen", sagte Anna schnippisch, „und das nun schon seit fünfundvierzig Jahren, ihr macht es euch leicht. Warum hat das deutsche Volk es zugelassen, ruft ihr. Aber ich drehe den Spieß um und frage: Warum habt ihr im Westen es zugelassen? [...]"
„Ach so, wir sind also an allem schuld."
„Ich frage dich nur, warum."
Lottes Augen funkelten. [...] Wütend stand sie auf. „Lass nur, ich zahle", sagte sie von oben herab. Sie nahm ihren Mantel von der Stuhllehne und ging schwankend zu der jungen Frau an der Kasse. Jetzt machten sich die Folgen des Spaziergangs unangenehm in den Waden bemerkbar.


(Quelle: Tessa de Loo, „Die Zwillinge“, München 1995, S. 157 ff.)
Hinweis: Weitere Informationen und Materialien zum Deutschlandbild in der niederländischen Literatur gibt es in der Unterrichtsreihe Deutsch-niederländische Beziehungen.