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Multatuli
Der niederländische Schriftsteller Eduard Douwes Dekker (1820-1887), besser bekannt unter seinem Pseudonym Multatuli (lat.: „Ich habe viel erlitten"), ist auch in Deutschland kein unbeschriebenes Blatt. In Ingelheim am Rhein widmet sich die „Internationale Multatuli Gesellschaft“ dem Werk des Autors, der dort die letzten Jahre seines Lebens verbracht hat.
M1: Der Autor und sein berühmtester Roman
Multatuli.
[...] Eduard Douwes Dekker, alias Multatuli, wurde kürzlich offiziell zum bedeutendsten Autor der niederländischen Literatur erklärt. Er ließ damit Vondel, Hermans, [...] Couperus und Reve hinter sich. Und nicht nur das: Sein berühmtestes Werk
Max Havelaar
(1860) wurde in einer Umfrage unter den Mitgliedern der Niederländischen Literaturgesellschaft obendrein auf Platz eins der Klassiker gewählt, vor
Van den Vos Reynaerde*
und
Die Abende
von Reve.
Zu Recht natürlich. Douwes Dekkers literarische Anklage der Missstände, die er als Resident-Assistent in Lebak (West-Java) erlebte, ist nach fast 150 Jahren immer noch witzig, anrührend und bissig. Der Zahn der Zeit hat kaum einen Abdruck darauf hinterlassen, und der so variantenreiche Charakter des Werkes – teils Satire, teils Anklage, teils romantisches Epos – erfreut sich heutzutage sogar noch größerer Beliebtheit als im neunzehnten Jahrhundert. Schließlich hat sich der moderne Leser an die Postmoderne in der Literatur gewöhnt. Ein Autor, der, wie Multatuli am Ende des Romans, sein eigenes Werk betritt, gehört zum alltäglichen Geschäft und eine Romanfigur, die, wie der Kaffeemakler Droogstoppel, genau das sagt, was der Schriftsteller nicht meint, wird erkannt als Beispiel höchster Ironie.
Batavus Droogstoppel, der die Rahmenerzählung über den gescheiterten Idealisten Havelaar wie eine außer Rand und Band geratene Kaffeemaschine kommentiert, ist einer der Höhepunkte dieses Romans. Seine Tiraden gegen die Anmaßungen in der Kunst und die Lügen in der Literatur sind nicht nur urkomisch, sondern auch ein perfektes Beispiel für das „lebendige Holländisch", das Multatuli zu schreiben beabsichtigte und mit dem er seiner Zeit weit voraus war. Doch
Max Havelaar
hat noch mehr zu bieten: denkwürdige Rhetorik (in Havelaars Ansprache an die Häupter von Lebak), ein Märchen („Der japanische Steinmetz"), eine romantische Erzählung über Liebe bis zum Tod („Saïdjah und Adinda"), ein politisches Intrigendrama über Machtmissbrauch und die typisch niederländische Vertuschungskultur, und – gewissermaßen als Motto – ein „unpubliziertes Theaterstück" über einen unschuldig Verurteilten, das sich zusammenfassen läßt als „Lothario muss hängen". [...]
Multatuli fühlte sich verkannt. Als die Publikation des „Max Havelaar“ nicht zur erhofften Reform der niederländischen Ostindien-Politik führte, bemerkte er enttäuscht: „Sie hielten es für ein schönes Buch, aber sie unternahmen nichts." In literarischer Hinsicht hatte er jedoch keinen Grund, sich zu beklagen. Sein
Max Havelaar
hat Generationen von Schriftstellern beeinflusst; er wurde mehrere Dutzend Mal neu aufgelegt und ist – um es in Batavus Droogstoppels Worten auszudrücken – fast das einzige Werk aus dem neunzehnten Jahrhundert, „das Sie lesen sollten, wenn Sie Makler in Kaffee sind oder etwas anderes."
* Van den Vos Reynaerde
, ein mittelalterliches Versepos, ist vielen deutschen Lesern sicherlich besser bekannt in der deutschsprachigen Bearbeitung von Goethe mit dem Titel Reineke Fuchs.
(Quelle übersetzt nach: Pieter Steinz, „Hij heeft niet te klagen", in: NRC,
voetsporen door de literatuur)
M2: Beginn des ersten Kapitels des Romans „Max Havelaar“ – Batavus Droogstoppel erzählt:
Niederländische Kaffeemarke für fairen Handel.
Ich bin Makler in Kaffee und wohne an der Lauriergracht No. 37. Es gehört nicht zu meinen Gewohnheiten, Romane zu schreiben oder ähnliche Dinge, und es hat auch lange gedauert, bis ich dazu überging, einige Ries Papier zusätzlich zu bestellen und das Werk zu beginnen, das Sie, verehrter Leser, soeben zur Hand genommen haben, und das Sie lesen sollten, wenn Sie Makler in Kaffee sind oder etwas anderes. Nicht nur schrieb ich nie so etwas wie einen Roman, ich liebe es nicht einmal, solches zu lesen, da ich ein Mann der Geschäfte bin. Seit Jahren frage ich mich, wozu solche Dinge dienen, und ich wundere mich über die Unverfrorenheit, mit der ein Dichter oder ein Romanerzähler, Ihnen etwas weiszumachen wagt, das nie geschah und meistens nie geschehen kann. Wenn ich in
meinem
Beruf – ich bin Makler in Kaffee und wohne an der Lauriergracht No. 37 – einem Prinzipal – ein Prinzipal ist jemand, der Kaffee verkauft – eine Aufstellung machen würde, in der nur ein kleiner Teil der Unwahrheiten vorkäme, wie sie in Gedichten und Romanen die Hauptsache ausmachen, würde er unverzüglich zu Busselinck & Waterman gehen. Das sind ebenfalls Makler in Kaffee, doch ihre Adresse brauchen Sie nicht zu wissen. Ich achte schon darauf, dass ich keine Romane schreibe oder andere falsche Angaben mache.
M3: Fragmente aus dem achten Kapitel
Der Roman wurde 1976 verfilmt.
Havelaar hatte den Kontrolleur gebeten, die Häupter, die in
Rangkas-Betong
anwesend waren einzuladen, hier bis zum nächsten Tag zu verweilen, um der
Sebah
beizuwohnen, die er einberufen wollte. [...]
Es ist wahr, dass er selbst, der bei solchen Anlässen sprach wie ein Apostel, wie ein Seher, später nicht recht wusste, wie er gesprochen hatte, und seine Beredtheit hatte auch eher die Eigenschaft, Erstaunen und Betroffenheit hervorzurufen als durch Bündigkeit der Argumentation zu überzeugen. [...]
Havelaar muss also in etwa so gesprochen haben:
„Herr
Radhen Adhipatti,
Regent von
Bantan-Kidul,
und Ihr
Rhadens Dhemang
, Häupter der Distrikte in dieser Provinz, und Ihr,
Radhen Djaksa
, der Ihr die Justiz zu Eurem Amt habt, und auch Ihr,
Rhadens, Mantries
und alle Häupter in der Provinz
Bantan-Kidul
, ich begrüße Euch!
Und ich sage Euch, dass ich Freude in meinem Herzen verspüre, da ich Euch alle hier versammelt sehe, den Worten meines Mundes zu lauschen.
Ich weiß, dass es unter Euch einige gibt, die hervorragen in Kenntnis und Aufrichtigkeit des Herzens: ich hoffe, meine Kenntnis durch die Eure zu mehren, denn sie ist nicht so groß wie ich es mir wünschte. Wohl liebe ich die Aufrichtigkeit, doch oft bemerke ich, dass in meinem Gemüt Fehler sind, welche die Aufrichtigkeit überschatten und ihm danach das Wachstum nehmen... Ihr alle wisst, wie der große Baum den kleine verdrängt und tötet. Darum werde ich auf diejenigen unter Euch achten, die herausragen an Tugend, um zu versuchen, besser zu werden als ich es bin.
Ich begrüße Euch alle sehr herzlich.
Als der Generalgouverneur mir auftrug, zu Euch zu gehen, um Resident-Assistent der Provinz zu sein, war mein Herz erfreut. [...]
Ich habe der Frau, die meine Sorgen teilt und mein Glück vergrößert, gesagt: ‚Freue Dich, denn ich sehe, dass Allah seinen Segen auf das Haupt unseres Kindes legt! Er hat mich an einen Ort gesandt, an dem nicht alle Arbeit getan ist, und er hielt mich für würdig, dort zu sein noch vor der Erntezeit. Denn nicht im Schneiden der
Padie
liegt die Freude: Die Freude liegt im Schneiden der
Padie
, die man selbst gepflanzt hat. Und die Seele des Menschen wächst nicht durch den Lohn, sondern durch die Arbeit, die den Lohn verdient.’ [...]
Häupter von
Lebak
, es gibt viel zu tun in Eurem Land!
Sagt mir, ist nicht der Landmann arm? Reift nicht die
Padie
oftmals zur Nahrung von dem, der sie nicht gepflanzt hat? Gibt es nicht viele Missstände in Eurem Land? Ist nicht die Zahl Eurer Kinder gering? Ist nicht Scham in Euren Seelen, wenn der Bewohner von
Bandung
, das dort im Osten liegt, Eure Gegenden besucht und fragt: ‚Wo sind die Dörfer und wo die Landarbeiter? Und warum höre ich nicht den
Gamelang
, der Freude kundtut mit kupfernem Mund, noch das Stampfen der
Padie
eurer Töchter?’ [...]"
(Quelle für M2 und M3: Multatuli: Max Havelaar. Oder die Kaffeeversteigerungen der niederländischen Handelsgesellschaft, Köln, 1993, S. 9 (M2) und S. 152 ff.)
Erläuterungen zum Wortschatz:
Havelaar benutzt in seiner Rede mehrere maleiische Wörter, darunter
Rhaden Adhipatti
(ein Adelstitel, Bezirksoberhaupt),
Dhemang
(Provinzoberhaupt),
Djaksa
(Polizeioffizier),
Mantrie
(einheimischer Aufseher),
Padie
(junger Reis) und
Gamelang
(Orchester bzw. eines der Instrumente). Alle weiteren kursivierten Begriffe sind Ortschaften auf der Insel Java.
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