 |
Die Niederlande und die Juden vor Beginn der Besatzung
Am Samstag hielten die Juden wegen der Feier des Sabbats ihre Geschäfte geschlossen. Am Sonntag aber war für sie ein ganz normaler Werktag. In der Uilenburgstraat im Amsterdamer Judenviertel war an jedem Sonntag Markt, der sich auch bei Nicht-Juden großer Beliebtheit erfreute.
Im Mai 1940 lebten in den Niederlanden insgesamt 160.000 Juden, davon 137.000 Juden mit niederländischer Staatsbürgerschaft, 16.000 Juden aus Deutschland und 8.000 Juden aus anderen Ländern (alle Zahlen inkl. der so genannten „Halb-“ und „Vierteljuden“); rund 60 Prozent der Juden lebten in Amsterdam.
M1: Der Historiker Lou de Jong über die Situation der Juden in den Niederlanden vor Beginn des Zweiten Weltkrieges
[Es war so,] dass sich die Juden in unserem Land in einer Position befanden, um die sie Juden in anderen Ländern beneideten, dass Gewalttaten gegen sie unbekannt waren, dass ihre gesellschaftlichen Möglichkeiten beinahe dieselben waren wie die der Nicht-Juden, dass ihre Anpassung an das nicht-jüdische Milieu weit fortgeschritten war, dass die meisten nicht-jüdischen Niederländer in ihrem Verhalten keinen Unterschied zwischen Juden und Nicht-Juden machten – das ist alles wahr. Genauso wahr ist, dass auf der anderen Seite die Situation doch nicht als eine der vollkommenen Harmonie bezeichnet werden kann. Gewiss, in einigen Kreisen herrschte diese Harmonie, vor allem in Amsterdam. Doch während in diesen Kreisen das Anders-Sein der Juden als Bereicherung der Gesellschaft gesehen wurde, hatte in anderen Kreisen die Einstellung gegenüber den Juden einen viel negativeren Akzent. Man betrachtete die Juden als fremd, exklusiv, geheimnisumwittert, unsympathisch, abstoßend, feindlich ... Ein latenter Antisemitismus, den man, verglichen mit der Einstellung von Nicht-Juden in anderen Ländern, als sehr mild charakterisieren kann, war weit verbreitet. Und dieser Antisemitismus war vielen Juden auch keineswegs unbekannt, auch wenn sie ihn nicht als Gefahr betrachteten, höchstens als ein unangenehmes Element in einem Leben, das ansonsten ungefährdet erschien.
(übersetzt nach: Lou de Jong: Het Koninkrijk der Nederlanden in de Tweede Wereldoorlog, Bd. 4, Den Haag 1972, S. 746)
|
 |
M2: Zeitungsbericht vom November 1938 (kurz nach der Reichspogromnacht)
In der Zweiten Kammer hat der Ministerpräsident heute Mittag den Standpunkt der Regierung hinsichtlich der Frage der jüdischen Flüchtlinge und der zu treffenden Maßnahmen dargelegt. Dr. Colijn [der Ministerpräsident, d. Red.] sprach vom „traurigsten Drama dieser Zeit“ und teilte mit, dass der Justizminister seine Aufmerksamkeit fortwährend einer eventuellen Verschärfung der Beleidigungs-Bestimmungen widmet. Es sei jetzt auf eine großzügigere Aufnahme jüdischer Flüchtlinge gedrängt worden. Die Regierung habe hinsichtlich dieses Problems von Anfang an alle notwendigen Aktivitäten entfaltet. Es seien sofort die am stärksten unter Druck stehenden Juden über die Ostgrenze in unser Land gelassen worden. Dabei handele es sich um mehrere Hundert Menschen. Zudem sei die Prozedur zur Untersuchung der Fälle soweit wie möglich beschleunigt worden.
Das Ausland halte seine Grenzen absolut geschlossen, auch in Belgien würden keine neuen Maßnahmen zur Aufnahme von Flüchtlingen vorbereitet. Sollten wir unsere Grenzen also ohne Einschränkung öffnen, würden alle Flüchtlinge durch diese eine Öffnung in die Niederlande kommen. Natürlich würden nicht alle 600.000 Juden aus Deutschland hierher kommen, aber warum sollte eine Zahl von 100.000 nicht realistisch sein? Schon dies wären viel zu viele Flüchtlinge. Man solle dieses Problem nicht vorschnell abtun. Darum habe die Regierung Kontakt nach Dänemark, England, Belgien, Frankreich und in die Schweiz aufgenommen Dieser Schritt sei heute noch einmal telegrafisch wiederholt worden, doch liege bisher noch keine Antwort vor. [...] Auf jeden Fall, so Colijn, können wir nicht unbegrenzt weiter ausländische Juden hier aufnehmen. Dies liege auch im Interesse der niederländischen Juden. Schließlich sei auch unser Land leider nicht vollkommen frei von Antisemitismus.
(übersetzt nach: Documentaire Nederland in de Tweede Wereldoorlog, Zwolle 1990, S. 164)
Bis auf die Tschechoslowakei und Frankreich gab es kein Land, das so viele deutsche Flüchtlinge aufnahm wie die Niederlande. Dabei beharrte die Regierung auf strengen formalen Regeln, und so kam es immer wieder vor, dass Juden, die sich illegal in den Niederlanden aufhielten, über die Grenze nach Deutschland abgeschoben wurden.
|