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Die niederländische Kolonialzeit

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Niederländisch-Indien

Herrschaftsübernahme durch den Staat und Einführung des cultuurstelsels

Nach der Auflösung der VOC gingen ihre ostindischen Herrschaftsgebiete in die Hände des niederländischen Staates über. Es begann die Periode, in der aus dem indonesischen Archipel Niederländisch-Indien wurde. Doch faktisch konnte man den Besitz erst 1816 von den Briten übernehmen. Die Herrschaft bedeutete für die Niederlande anfänglich ein Verlustgeschäft. Der Staat übernahm nicht nur bei der Nationalisierung der Kompanie Schulden in Höhe von 140 Millionen Gulden, sondern wegen verschiedener Rückschläge, unter ihnen der Krieg mit dem javanischen Führer Dipo Negoro 1825-1830, stiegen diese um weitere 35 Millionen Gulden. Die niederländische Regierung sah sich daher gezwungen, in ihrer Kolonialpolitik wirtschaftlichen Gesichtspunkten oberste Priorität einzuräumen. Das Umsteuern manifestierte sich im cultuurstelsel (siehe M1 im Abschnitt „Welche Ziele wurden im 19. Jahrhundert mit der niederländischen Kolonialpolitik in Ostindien verfolgt?“). Johannes van den Bosch hatte es entworfen und er selbst setzte seine Ideen als Generalgouverneur in Niederländisch-Indien zwischen 1829 und 1834 in die Tat um. Tatsächlich wurde das ostindische Herrschaftsgebiet durch diese Reformen profitabel: Schon 1834 erwirtschaftete man einen Jahresgewinn von 10 Millionen Gulden und in der Folgezeit stieg dieser bis auf 20 Millionen Gulden.

Liberales Umsteuern

1870 gelang es den Liberalen, ihre Vorstellungen in Sachen Kolonialpolitik durchzusetzen. Dies bedeutete neuen Freiraum für privatwirtschaftliche Initiativen bei Zurückhaltung des Staates. Der Wert des Imports aus, wie auch des Exports nach Niederländisch-Indien wuchs in der Folgezeit kräftig, wodurch auch die niederländische Dampfschifffahrt aufblühte. Doch zeigte sich, dass individuell wirtschaftende Pflanzer auf Dauer zumeist nicht konkurrenzfähig waren. So wurden nach einer Krise in den 1880er Jahren die meisten Plantagen in Aktiengesellschaften umgewandelt.

Entwicklung und Realisierung eines imperialistischen Konzepts

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts hatte die faktische Unterwerfung des Archipels außerhalb der Kerninseln Java und Madura keine Priorität. Die Niederländer beschränkten sich weit gehend darauf, von lokalen Fürsten ihre formale Oberherrschaft anerkennen zu lassen. Dies geschah in der Hoffnung, dass diese Rechtstitel von anderen Kolonialmächten wie den Briten anerkannt würden. So war auch das Ziel des 1873 begonnenen Krieges gegen das Fürstentum Aceh im Nordteil Sumatras ursprünglich nicht die Okkupation dieses Gebietes, sondern ein Auftreten gegen die grassierende Piraterie, welche die Seefahrt in der Straße von Malakka gefährdete. Doch blieb das niederländische Vorgehen über Jahrzehnte ohne Erfolg, und der Historiker E.H. Kossmann konstatiert für das Jahr 1890 den vollkommenen Bankrott der Kolonialpolitik in den „Außenregionen“.
Der Islamwissenschaftler und Experte für östliche Sprachen C. Snouck Hurgronje riet ebenso wie General J.B. van Heutsz, den Aceh-Krieg durch offensives Auftreten zu beenden - was erst 1904 gelang. Unter anderem hieraus entwickelte sich die niederländische Form eines kapitalistischen Imperialismus. Ab 1898 wurde Niederländisch-Indien in einen Staat umgeformt, der von Batavia aus verwaltet wurde und ein Kolonialreich unter effektiver, wenn auch zum Teil indirekter, niederländischer Herrschaft darstellte.


Die „ethische Politik“

Waren es konkrete Probleme vor Ort, die Snouck Hurgronje und Van Heutsz zu ihren Lösungsvorschlägen bewegten, so wurde die Theorie, die der Kolonialpolitik in der Folgezeit zugrunde lag, in den Niederlanden entwickelt. Die „ethische Politik“ entsprach einem nationalistischen und paternalistischen Missionsdrang, der zum Teil christlich geprägt war: Eine unreife Bevölkerung sollte mittels der Erziehung durch eine kulturell überlegene Nation ein höheres Niveau erreichen, ein langsamer Prozess zur Verselbstständigung der Einheimischen war das Ziel. So ist auch zu erklären, warum dem Ausbau des Bildungssystems (zunächst vor allem der Elementarschulen) besondere Aufmerksamkeit galt. Doch gelang es nie, die Kinder in der schnell wachsenden Bevölkerung tatsächlich flächendeckend zu erreichen.
Die „ethische Politik“ entsprang ursprünglich tatsächlich moralisch geprägten Überlegungen. So trug der für dieses Konzept Grund legende Artikel von C.Th. van Deventer den Titel „Eine Ehrenschuld“ und forderte die Rückzahlung der in der Zeit des cultuurstelsels erzielten Gewinne an das ostindische Kolonialreich. Wie etwa an den Reaktionen auf den Rhemrev-Bericht (siehe M4 im Abschnitt „Die kolonialen Arbeitsverhältnisse in Niederländisch-Ostindien im 19. Jahrhundert“) abzulesen, war die Verbesserung der Lebenssituation der Einheimischen und Kulies eines der Ziele dieser Politik. Bei aller Unsicherheit gilt es als wahrscheinlich, dass sich die wirtschaftliche Position der Einheimischen trotz des starken Bevölkerungswachstums zwischen 1904 und 1914 verbesserte. Zugleich traf es sich, dass dank der in diesem Rahmen ausgeführten Eingriffe zur infrastrukturellen bzw. wirtschaftlichen Entwicklung der Kolonie zumindest bis 1920 die Gewinne der niederländischen Kolonialisten auf ein neues Rekordniveau stiegen. Der ethische Imperialismus brachte einen ökonomischen Erfolg für das Mutterland mit sich.