Diversitas religionum. Zur Grundlegung eines europäischen Diskurses religiöser Diversität im 13. Jahrhundert

Diversitasfoto




Quelle: Wikimedia, http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Way-of-salvation-church-militant-triumphant-andrea-di-bonaiuto-1365.jpg?uselang=de

Forschungsprojekt 2012-2017, als Dilthey Fellowship gefördert von der Volkswagen Stiftung im Rahmen der Initiative Pro Geisteswissenschaften.
 
Im Rahmen des Projekts arbeiten Junior-Prof. Dr. Sita Steckel  und zwei Nachwuchswissenschaftlerinnen, Stephanie Kluge M.Ed. und Andra-Nicoleta Alexiu M.A. zusammen.

Zur Thematik:
Dem christlich-lateinischen Mittelalter als Inbegriff vormoderner Religiosität ist religiöse Pluralität und Dynamik lange abgesprochen worden. Tatsächlich schien ihm sogar eine abstrakte, plurale Konzeption von 'Religionen' zu fehlen, da der Begriff religiones nicht auf Religionen, sondern Orden und religiöse Lebensformen verweist. Doch mittlerweile hat sich gezeigt, dass mittelalterliche Autoren verschiedene Religionen durchaus konzeptuell zu fassen wussten, etwa als leges. Auch ist deutlich, dass in vielen Regionen Europas und des Mittelmeerraumes religiöse Pluralität alltägliche Wirklichkeit war und sich vielfache Prozesse der religiösen Integration und Abgrenzung fassen lassen.


Doch wie hängen innere Entwicklungen des regional weit ausgreifenden lateinischen Christentums mit der religiösen Pluralität in den Kontaktzonen zusammen? Falls die Bereiche von religiones und Religionen den Zeitgenossen vergleichbar erschienen, müsste auch die moderne Forschung ‚religiöse Bewegungen’, Reformen und Divergenzen innerhalb der lateinischen Kirche mit Abgrenzungsbewegungen gegen Häretiker, Heiden, Juden und Muslimen zusammensehen.


Das Forschungsprojekt verfolgt dieses Ziel anhand polemischer Diskurse, in denen sich innerchristliche und inter-religiöse Wahrnehmungskategorien und Begrifflichkeiten zu verknüpfen scheinen. Gerade am Begriff der religiones, der im Spätmittelalter zumeist 'religiöse Lebensformen' bezeichnete, entstand offenbar ein spezifischer Diskurs religiöser Diversität – allerdings zunächst stark polemisch und auf innerchristliche Vielfalt bezogen. Das Projekt setzt an dieser innerchristlichen Polemik an, die sich als zunehmend verflochten mit Argumenten gegen Häretiker, Heiden, Juden und Muslime erweist und so letztlich doch eine Grundlage der Wahrnehmung von 'Religionen' bildet.


Schwerpunkt der Arbeit ist derzeit die kommunikative Einbettung polemischer Diskurse, die durch Verknüpfung unterschiedlicher Kommunikationsnetzwerke auch auf die Konstitution mittelalterlicher Öffentlichkeiten zurückwirkten. In einem zweiten Schritt wird das Projekt die Verflechtung bestimmter Wissensbestände der anti-monastischen, anti-mendikantischen, anti-häretischen und anti-islamischen Polemik erforschen. Wie sich gut am Beispiel von Polemiken zu Geschlecht – insbesondere Männlichkeit – und Sexualität zeigen lässt, scheint sich im 13. Jahrhundert durch die massive Sammlung und Ordnung von gelehrten Texten ein Wissensarchiv zur Religionswahrnehmung zu formieren, das bis weit in die Neuzeit als Bezugspunkt religiöser Polemiken diente. Im Rahmen des Forschungsprojekts sollen die argumentativen Repertoires des 13. Jahrhunderts kontextualisiert, in ihrer Konstitution erforscht und für vergleichende Forschungen lesbar gemacht werden, um sie als Faktor religionsgeschichtlicher Dynamik würdigen zu können.

Im Rahmen ihres Dissertationsprojekts erforscht Stephanie Kluge M.Ed. spezifisch „Religiöse Polemik über Geschlechterordnungen. Unkeuschheit und Unmoral als Argumente in innerchristlichen Auseinandersetzungen des 13. Jahrhunderts anhand dominikanischer und franziskanischer Quellen“ (Arbeitstitel). Ihr Projektteil erforscht damit einen wichtigen thematischen Strang polemischer Diskurse des 13. Jahrhunderts.


Das Dissertationsprojekt von Andra Alexiu fragt nach der Charakteristik, Rezeption und Adaptation der polemischen Texte Hildegards von Bingen. An ihnen zeigt sich exemplarisch die Verlagerung von Argumenten zwischen anti-häretischen und anti-mendikantischen Diskursen und die Verknüpfung unterschiedlicher Kommmunikationsnetzwerke.

Eine Kurzdarstellung des Projekts finden Sie auf dem Blog Diversitas Religionum.