Forschungsschwerpunkte

  • Geschichte der USA im 20. Jahrhundert
  • Deutsche Geschichte mit Schwerpunk Nationalsozialismus,
  • Holocaust, Geschichte der beiden Weltkriege
  • Kultur- und Gesellschaftsgeschichte
  • Geschlechtergeschichte
  • Wissenschaftsgeschichte

SFB 1150: Kulturen des Entscheidens
Zwischen Privatheit und öffentlicher Debatte: Reproduktionsentscheidungen in Deutschland und den USA in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts

SFB Plakat


Das Projekt fragt danach, wie Reproduktion in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland und in den USA zum Gegenstand des privaten wie politischen Entscheidens wurde. Es erscheint als Kennzeichen der modernen Industriegesellschaft, dass Reproduktion als solche überhaupt entschieden werden konnte. Das lag an der Popularisierung medizinischen Wissens, den Fortschritten der modernen Reproduktionsmedizin und gesellschaftlichen Individualisierungs- und Liberalisierungsprozessen. Aber Paare und Individuen entschieden über ihre Reproduktion auch nicht im luftleeren Raum: Ihre Entscheidung wurde ermöglicht, kommentiert und manchmal auch gelenkt durch öffentliche Debatten, politisch-rechtliche Normierungsversuche und Experteninterventionen. Diese beiden Achsen – erstens die Ermöglichung von Entscheidungen und die Schaffung von Entscheidungsspielräumen, zweitens die Kommentierung und Lenkung von Reproduktionsentscheidungen durch Experten und öffentliche Debatten – bilden die Fragerichtung des Projektes. Dabei werden Narrative und Beobachtungen des Entscheidens als Ausdruck unterschiedlicher Diskurse um Familie, Bevölkerung, Religion, Moral, Sexualität und allgemein Moderne-Wahrnehmungen über die Zäsuren des 20. Jahrhunderts hinweg analysiert.

Projektleitung: Isabel Heinemann, Bearbeiterin: Claudia Roesch

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Buchmanuskript
Familienwerte im gesellschaftlichen Wandel: Öffentliche Debatten über Ehescheidung, Frauenarbeit und Reproduktion in den USA des 20. Jahrhunderts

Will man verstehen, wie sich der Normen- und Wertehaushalt westlicher Gesellschaften im 20. Jahrhundert entwickelte, welche Folgen die Durchsetzung der Moderne mit ihren Prozessen von Industrialisierung, Urbanisierung, Mobilisierung, Re-Interpretation der Geschlechterstereotypen, Pluralisierung der Lebensformen zeitigte, so ist es sinnvoll, nicht nur nach punktuellen Rollenveränderungen zu fragen, sondern vor allem nach dem längerfristigen Wandel von Familienvorstellungen. Die Analyse von Normveränderungen auf dem Feld der Familienwerte eignet sich besonders gut, um zu einem breiteren Verständnis gesellschaftlichen Wandels zu gelangen. Dies liegt erstens daran, dass die Familie während des gesamten 20. Jahrhunderts als wichtigste Mikroeinheit der Gesellschaft nach dem Individuum und als zentrale Instanz der Wertevermittlung an die nächste Generation galt. Öffentliche Debatten um die Familie, ihre Strukturen und ihre Werte unterstreichen stets deren Bedeutung für die Gesellschaft. Zweitens entfaltete das Familienideal der weißen „Middle Class“ im 20. Jahrhundert eine prägende Wirkung für alle US-Amerikaner/innen. Es diente als Projektionsfläche von Integrations- und Aufstiegshoffnungen, inspirierte aber auch Diversifizierungs- und Abgrenzungsstrategien.

In der historischen Literatur ist eine starke Fixierung auf die Nachkriegszeit (sowie einzelne Dekaden und Regionen), insbesondere die 1950er Jahre mit Babyboom, neuer Häuslichkeit und dem vermeintlichen „golden age of the family“ zu beobachten. Längsschnittuntersuchungen, wie sie im Rahmen des Emmy Noether Projektes angestrebt werden, stellen hingegen ein Forschungsdesiderat dar. Diese Begrenzung führt meist zu einer Reduktion auf das Interpretationsmodell der „isolated white middle class nuclear family“ (Talcott Parsons), welches sowohl die Werte als auch die Lebensformen ethnischer Minderheiten sowie abweichende soziale Realitäten (Alleinerziehende, arbeitende Mütter, Patchwork-Familien, Homosexuelle) dezidiert ausblendet. Gleichzeitig wirkt aber genau dieses Familienmodell als nationales Ideal, an dem sich viele Individuen und Familien in den USA während des gesamten 20. Jahrhunderts bewusst oder unbewusst ausrichteten – trotz seiner sozialen und ethnischen Exklusivität. Diese Spannung zwischen sozialer Realität und nationaler Norm, verstärkt durch ethnische und soziale Ungleichheit, soll hier am Beispiel öffentlicher Debatten und Expertendiskurse um Ehescheidung, Frauenarbeit und Reproduktion nachgezeichnet und problematisiert werden. An diesen drei Kernfragen der Ausformulierung des Familienideals (Verständnis von Ehe und Partnerschaft und der (Un)Aufkündbarkeit der Ehe, Frauenrechte und Stellung der Frau in der Gesellschaft, individuelle Entscheidungsfreiheit und Sorge für den Fortbestand der Nation) lässt sich gut zeigen, wie im Laufe des 20. Jahrhundert graduelle Veränderungen an der Ausformulierung der Geschlechterrollen, der Generationenbeziehungen und allgemein des Verhältnisses Staat-Individuum vorgenommen wurden, die tief in den Normenhaushalt der US-Gesellschaft eingriffen. Besondere Bedeutung kam in den entsprechenden Debatten den Äußerungen von Sozialexperten zu, welche nicht nur als Befürworter oder Kritiker des sozialen Wandels wirkten, sondern gewissermaßen als Seismographen der damit verbundenen normativen Aushandlungsprozesse im Bereich der Familienvorstellungen, an denen sie zugleich selbst beteiligt waren.

Quellen der Studie sind insbesondere die nationale Tages- und Wochenpresse, Grundsatzentscheide des Supreme-Court und ihre Begründungen, Statements von Präsidenten und ihrer Stäbe, Ratgeber-Literatur und zeitgenössische wissenschaftliche Publikationen sowie Veröffentlichungen religiöser Organisationen und sozialer Bewegungen. Als zentrale Untersuchungsachsen dienen die Kategorien „Race, Class, and Gender“ sowie die Frage nach der Gültigkeit des sozialwissenschaftlichen Postulats eines „Wertewandels“.