Vormoderne politische Verfahren zwischen symbolischer und technischer Form
Münster, 22.-24. September 1999

Vormoderne politische Verfahren zwischen symbolischer und technischer Form

Ausgangspunkt der Fragestellung ist die Beobachtung, daß vormoderne politische Zusammenkünfte stets in hohem, aus moderner Sicht irrationalen Maße mit Problemen der Rangordnung, des Vortritts und der Sitzordnung beschäftigt waren. Die Verfassungs- und Politikgeschichte stand diesen Phänomenen in der Regel verständnislos gegenüber, weil sie sich ihren Kategorien nicht fügten. Vor allem die - seit der Aufklärung geläufige - Unterscheidung zwischen zeremonieller, nur "äußerlicher" Form und "eigentlichem" politischen Kern der Dinge stand einem angemessenen Verständnis nachhaltig im Wege. Von der modernen Kulturanthropologie und -soziologie geht hingegen die Anregung aus, die Zeichenhaftigkeit allen politischen und sozialen Handelns ernst zu nehmen.

Aus dieser Perspektive erscheinen auch die bisher als irrational aufgefaßten Phänomene in einem neuen Licht. Hinzu kommt der Befund, daß vormoderne politische Versammlungen in geringerem Maße als moderne in der Lage waren, die von ihnen getroffenen Entscheidungen gegen Dissens auch nach außen durchzusetzen, also aus sich heraus verbindliche Entscheidungen zu erzeugen. Diese und andere auffällige Spezifika vormoderner politischer Versammlungen lassen sich womöglich u.a. darauf zurückführen, da8 ihnen noch keine strukturelle Autonomie gegenüber der sozialen und metaphysischen Ordnung zukam, in die sie eingebettet waren.

Folgende Themenkreise sind vorgesehen:

  • Spätmittelalterliche "Tage"
  • Konzilien
  • Wahlen Papstwahl, Königswahl im Reich, Bischofswahl, Abtwahl)
  • Ständeversammlungen (Reichstage und andere Formen reichsständischer Versammlungen, Bundestage ständisch heterogener Sonderbünde; Englisches Parlament; Etats généraux in Frankreich; Generalstaaten in den Vereinigten Niederlanden)
  • Städtische Ratsversammlungen (Reichsstädte, italien. Stadtrepubliken)
  • Europäische Friedenskongresse
Um tatsächlich Vergleichbarkeit herzustellen, wäre es wünschenswert, wenn die verschiedenen Beiträge sich zumindest grob an einem gemeinsamen Fragenkatalog orientierten. Folgende Fragen sollen zur ersten Orientierung dienen (wobei bewußt auf eine vorweggenommene Unterscheidung zwischen symbolisch-zeremoniellen und "technischen" Formen verzichtet wird, um die zentrale Frage, wie sich beides zueinander verhält, nicht zu präjudizieren)
1. Teilnehmerkreis
Offener oder geschlossener Kreis, Beteiligungsvoraussetzungen, Teilnahmemodus (Herrschaftsträger, Gesandte etc.). Erhalten die Teilnehmer ihre Rolle erst in dem und durch das Verfahren oder bringen sie ihre Rolle (ihren ständischen Rang etc.) immer schon mit?
2. Verfahrensformen der ganzen Veranstaltung, einschließlich der Einzüge, Empfänge, Prozessionen, Gottesdienste, gemeinsamer Tafeln, Legitimierung der Teilnehmer, Eide etc.:
räumliche Ordnung und Gruppierung der Teilnehmer, zeitlicher Ablauf, Organisationsleitung etc. Vor allem: in welchem Verhältnis stehen diese Bestandteile einer Zusammenkunft zu der Beratung im engeren Sinne? Markieren sie etwa Anfang und Ende und machen sie damit die Versammlung zu einer Einheit? Welche Rolle spielen sie für die Formalisierung der ganzen Veranstaltung?
3. Verfahrensformen der Beratung im engeren Sinne
Räumliche Ordnung, zeitlicher Verlauf, Versammlungsleitung, Formen wie Umfrage, Debatte, Abstimmung, Mehrheitsregel oder nicht etc. - Welche Bestandteile des Verfahrens sind hinsichtlich ihres Ausgangs offen, welche nicht und warum? Wie verhält sich die Herstellung von Entscheidungen zur Darstellung von Entscheidungen bzw. Entscheidungsprozessen?
4. Grad und Art der Formalisierung, deren Rechtscharakter
Kann man überhaupt von Formalisierung sprechen, seit wann und inwiefern? Wie geschieht formale Normierung: Gewohnheitsrechtlicher Usus, ganz oder teilweise schriftliche Fixierung als vertragliches oder gesetztes Recht etc.
5. Verfahrenskonflikte, deren Gründe und Lösungsmöglichkeiten.
Wie verhalten sich Verfahrenskonflikte zu Sachkonflikten? Wie lassen sich konfligierende Gruppen auf gemeinsame Regeln des Konfliktaustrags festlegen (oder nicht, warum/warum nicht)?
6. Öffentlichkeitscharakter der Versammlung bzw. einzelner Bestandteile, etwa:
- unmittelbare Öffentlichkeit des Agierens vor Publikum
- mittelbare Öffentlichkeit durch Publikation in Medien, wiederum weniger der Beratungsergebnisse als der Veranstaltung als solcher (etwa: Diarien, Teilnehmerverzeichnisse, bildliche Darstellungen etc.)
7. Bewertung der Verfahrensformen und ihrer symbolisch-zeremoniellen Dimension, vor allem unter dem Gesichtspunkt des historischen Wandels Funktion der symbolisch-zeremoniellen Verfahrensformen; Ansätze zu "technischen", sach- und personenneutralen Verfahrensformen; Verhältnis der Verfahrensformen zu den politischen und sozialen Funktionen der Versammlung; Art und Maß der politischen Integration durch die Versammlung, deren "Außenbezug", Autonomie der Versammlung gegenüber der ständischen Umwelt?, Repräsentationscharakter und -verständnis, "Legitimation durch Verfahren?" etc.

 

Programm zur Tagung


Vormoderne politische Verfahren zwischen symbolischer und technischer Form
22.-24. September 1999

Mittwoch, 22. September 1999
9.15 Uhr Barbara Stollberg-Rilinger, Münster
Begrüßung und Einleitung
10.00 Uhr Michael Sikora, Münster
"Der Sinn des Verfahrens. Soziologische Erklärungsansätze"
11.00 Uhr Kaffeepause
11.30 Uhr Gerd Althoff, Münster
"Beratungen über die Gestaltungen zeremonieller und ritueller Verfahren im Mittelalter"
13.00 Uhr Mittagspause
15.00 Uhr Klaus Schreiner, Bielefeld
"Wahl, Inthronisation, Degradation. Rechtstechnische Verfahren und religiöse Rituale bei der Ein- und Umsetzung kirchlicher Amtsträger im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit"
16.00 Uhr Sylvia Schraut, Tübingen
"Die Bischofswahl zwischen Westfälischem Frieden und Ende des Alten Reichees"
17.00 Uhr Kaffeepause
17.30 Uhr Johannes Helmrath, Berlin
"Rangordnung und Rangstreit auf dem Forum der Konzilien von Konstanz und Basel (1414-18 und 1431-49)"

Donnerstag, 23. September 1999
9.00 Uhr Johannes Kunisch, Köln
"Formen symbolischen Handelns in der goldenen Bulle von 1356"
10.00 Uhr Helmut Neuhaus, Erlangen
"Reichsständische Verfahrensformen"
11.00 Uhr Kaffeepause
11.30 Uhr Axel Gotthard, Erlangen
"Die Versinnbildlichung der kurfürstlichen Präeminenz in Verfahren undZeremoniell"
13.00 Uhr Mittagspause
15.00 Uhr Esther-Beate Körber, Berlin
"Landtage im Herzogtum Preußen"
16.00 Uhr Kaffeepause
16.30 Uhr Michael Kaiser, Berlin
"Ständische Sonderbünde im Alten Reich: Das Beispiel der katholischen Liga"

Freitag, 24. September 1999
9.00 Uhr Gerrit Walther, Franfurt/Main
"Der andere Körper des Königs. Zum politischen Verfahren der französischen Generalstände"
10.00 Uhr Lothar Schilling, Frankfurt/Main
"Krisenbewältigung durch Verfahren? Zu den Funktionen konsensualer Gesetzgebung im Frankreich des 16. und frühen 17. Jahrhunderts"
11.00 Uhr Kaffeepause
11.30 Uhr Roland Asch, Osnabrück
"Zeremoniell und Verfahren zwischen Normierung und Innovation: das englische Parlament 1560-1640"
13.00 Uhr Mittagspause
15.00 Uhr Dietrich Poeck, Münster
"Zahl, Tag, Stuhl: Zeichen der Ratswahl"
16.00 Uhr Ulrich Meier, Bielefeld
"'Nichts wollen sie tun ohne die Zustimmung ihrer Bürger'. Zur Rolle politischer Rituale und formalisierter Entscheidungsverfahren im spätmittelalterlichen Florenz"
17.00 Uhr Kaffeepause
17.30 Uhr Milos Vec, Franfurt/Main
"'Technische' gegen 'symbolische' Verfahrensformen?"