Tagungsbericht zum Workshop:
Ordnung und Distinktion. Praktiken sozialer Repräsentation in der ständischen Gesellschaft

Workshop des SFB 496 "Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme", Teilprojekt C1 "Zur symbolischen Konstituierung von politisch-sozialem Rang in der Frühen Neuzeit", Münster 26./27. September 2002

Am 26.-27.9.2002 veranstaltete das Teilprojekt C1 des Sonderforschungsbereichs 496 "Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme vom Mittelalter bis zur französischen Revolution" an der Universität Münster einen Workshop zum Thema "Ordnung und Distinktion. Praktiken sozialer Repräsentation in der ständischen Gesellschaft". Im Rahmen der Tagung wurden aktuelle Ergebnisse der eigenen Forschungsarbeit vorgestellt und im Zusammenhang mit ähnlich gelagerten Arbeiten auswärtiger Wissenschaftler diskutiert. Die einzelnen Sektionen wurden moderiert von MARTIN DINGES (Stuttgart), GERD SCHWERHOFF (Dresden) und MICHAEL SIKORA (Münster). In einem Grußwort führte BARBARA STOLLBERG-RILINGER (Münster) als Projektleiterin kurz in die Thematik der Tagung ein.

Ordnung stellte bekanntlich einen der Grundwerte der ständischen Gesellschaft dar. Jedem Einzelnen war seinem Stand oder Rang entsprechend ein fester Platz innerhalb eines Sozialgefüges zugewiesen, das man sich als statisches, streng hierarchisch gegliedertes Gebilde dachte. Von den zahlreichen Versuchen, sowohl der landesherrlichen Obrigkeit wie des gelehrten Diskurses von Rechts- und Zeremoniellwissenschaft, die sozialen Verhältnisse anhand einer linearen Rangfolge von oben nach unten zu ordnen, legt eine Fülle von Hof- und Rangordnungen beredtes Zeugnis ab. Doch bildeten diese Ordnungen die gesellschaftliche Wirklichkeit nicht etwa spiegelbildlich ab, sondern entsprachen vielfach eher dem Wunschdenken der Verfasser. Trotz der Fülle an Quellen wissen wir aber nach wie vor vergleichsweise wenig über die konkreten Praktiken sozialer Repräsentation, die individuelle Wahrnehmung sozialer Ungleichheit und die Funktionsweise und Implementierung sozialer Hierarchien in der ständischen Gesellschaft. Im Mittelpunkt des Workshops stand daher die Frage, wie sich Rang und Stand in der sozialen Praxis manifestierten.

Neuere Forschungen zur symbolischen Kommunikation in der Vormoderne haben deutlich gemacht, dass soziale Ordnung und Hierarchien, weitaus stärker als dies heute der Fall ist, auf Visualisierung und symbolische Inszenierung angewiesen waren. Dass es sich dabei aus Sicht der Zeitgenossen keineswegs um reine Äußerlichkeiten handelte, betonte GEORG WOLF (München) in seinem Referat über den Stellenwert von Rang- und Präzedenzfragen auf dem Gebiet der frühneuzeitlichen Diplomatie. Am Beispiel eines Streits zwischen Herzog Maximilian I. von Bayern und den österreichischen Habsburgern über den Vortritt bei Reichstagen und die Erteilung des Prädikats "Durchlaucht" legte er dar, welch hoher Stellenwert dieser Auseinandersetzung insbesondere von den spanischen Habsburger beigemessen wurde, die angesichts der potentiellen Ansprüche Maximilians auf den Kaiserthron ihre Interessen im Reich gefährdet sahen. Auch WOLFS zweites Beispiel, die Verweigerung einer Audienz für den kurpfälzischen Gesandten von Dohna in Paris im Jahre 1615, unterstrich die politischen Implikationen eines Streits um vermeintliche Äußerlichkeiten: der kurpfälzische Gesandte war nicht empfangen worden, weil er sich geweigert hatte, bei der Audienz den Hut zu ziehen. THOMAS MUTSCHLER (Gießen) beschäftigte sich mit einem Rangstreit zwischen den Reichsgrafen und Angehörigen des Kaiserhofes bei der Krönung Kaiser Karls VI. im Jahre 1711 und interpretierte ihn vor dem Hintergrund allgemeiner reichsgräflicher Strategien, die bedrohten ständischen Grenzen gegenüber Landsässigen-, Neu- und Titulargrafen aufrecht zu erhalten (Demonstration von Landesherrschaft und Reichsstandschaft). Das Streben der Reichsgrafen nach zeremoniellem Vorrang deutet er als Versuch, ihren reichspolitischen Bedeutungsverlust symbolisch zu kompensieren.

Stand und Rang, dies machten auch die anderen Referate deutlich, ergaben sich aber ganz offensichtlich nicht zwangsläufig aus scheinbar objektiven Dimensionen sozialer Ungleichheit, wie politische Partizipationsmöglichkeiten, rechtliche Privilegien, Vermögen, Subsistenzweise etc. Vielmehr musste der Platz des Einzelnen innerhalb der sozialen Hierarchie jedesmal aufs Neue in der symbolischen Praxis behauptet und verteidigt werden, und auch die gesellschaftliche Ordnung als Ganzes konstituierte sich erst auf diese Weise, als dynamisches Netz wechselseitiger Geltungsansprüche.
Am Beispiel des Wiener Hofes untersuchte ANDREAS PECAR (Rostock) die Strategien und Möglichkeiten der Inszenierung von sozialem Rang innerhalb des Hochadels. Während die ältere Forschung in der Tradition von Norbert Elias im Hofzeremoniell primär ein Instrument des Herrschers zur Domestizierung des Adels sah, betonte PECAR den symbolischen Nutzen, den Angehörige des Hochadels aus ihrer Anwesenheit am Hof zogen. Bestimmte Ehrenämter wiesen sie gegenüber anderen Angehörigen der Aristokratie als privilegierte Statusgruppe aus. Außerhalb des Hofes bedienten sie sich zusätzlich anderer Medien sozialer Distinktion, wie der repräsentativen Architektur. Gilt der frühneuzeitliche Fürstenhof gemeinhin als Paradebeispiel für die symbolische Inszenierung hierarchischer Ordnung, so werden die frühneuzeitlichen Ständeversammlungen als Vorläufer moderner Parlamente vielfach eher in eine demokratische Tradition gestellt. Dies gilt besonders für die eidgenössische Tagsatzung. MICHAEL JUCKER (Zürich) konnte indes zeigen, dass die regelmäßigen Treffen der Abgesandten der Schweizer Orte im 14. und 15. Jahrhundert keineswegs Treffen unter Gleichen darstellten, sondern stets auch der Demonstration von Rang und Status dienten, was sich an der Kleidung und Sitzordnung der Teilnehmer ebenso ablesen lässt wie an ihren körperlichen Praktiken.

Doch auch jenseits der Ebene der frühneuzeitlichen Diplomatie, des Hofes oder der vormodernen Ständeversammlungen spielten Formen ostentativen Konsums oder Auseinandersetzungen um Rang und Ehrentitel eine wichtige Rolle. Eine konkretere Erforschung der symbolischen Konstruktion von sozialem Rang, etwa in der Stadt oder an den Universitäten, stellt jedoch nach wie vor ein Desiderat dar. THOMAS WELLER und STEFANIE SCHLINGER (beide Münster) thematisierten Orte und Anlässe, die als Bühne sozialer Repräsentation im städtischen Raum fungierten. THOMAS WELLER beschäftigte sich in diesem Zusammenhang mit dem frühneuzeitlichen Beerdigungszeremoniell. Zeitgenössische Begräbnisfeiern dienten nicht nur den Ausrichtern zur Repräsentation ihrer sozialen Geltungsansprüche meist durch ostentative Prachtentfaltung, später aber auch im Rahmen ‚stiller' Beisetzungen. Vielmehr bot das Leichenbegängnis zugleich auch den Trauergästen die Gelegenheit, sich innerhalb des sozialen Raumes zu positionieren. Die durch die Trauerprozession hergestellte symbolische Ordnung stellte idealiter ein Abbild der sozialen Rangverhältnisse dar, weshalb die "Lozierung" der Teilnehmer immer wieder Anlass zu teilweise über Jahre andauernden Präzedenzstreitigkeiten gab. Am Beispiel der Lübecker Ratsherren ging STEFANIE SCHLINGER der Frage nach, welche Bedeutung der sakrale Raum als Bühne für die Repräsentation der städtischen Führungsschicht hatte und inwieweit sich diese im Übergang vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit veränderte. Im Gegensatz zu bisherigen Forschungen, welche die bürgerlichen Stiftungen zu mildtätigen und frommen Zwecken vornehmlich unter dem Aspekt der mittelalterlichen Memoria bzw. der Sorge um das Seelenheil interpretiert hatten, konnte hier an der Entwicklung des Stiftungsverhaltens gezeigt werden, welche grundlegende Bedeutung diesen Praktiken für die Etablierung sozialer Ordnung in der vormodernen Stadt zukam. Entsprechend der beanspruchten Stellung im sozialen Raum positionierten sich die Ratsherren mit ihren Kapellen und Grabdenkmälern in den Kirchen und Klöstern und sicherten sich damit eine dauerhafte Präsenz im städtischen Gedächtnis.

Neben den Anlässen und Orten wurden auch spezifische Formen der Repräsentation und Distinktion einzelner ständischer Korporationen oder Gruppen beleuchtet. MARIAN FÜSSEL (Münster) thematisierte die Rangkonflikte der Tübinger Universität mit Vertretern anderer ständischer Korporationen wie der Tübinger Adelsschule, dem Hofgericht oder dem Kommandanten der Tübinger Festung. Die Versuche der Universität, ihren Rang zu behaupten, waren Ausdruck ihres Ringens um institutionelle Autonomie, was vor allem in den Bestrebungen zum Ausdruck kam, innerakademische Ordnungskriterien auch gegenüber anderen sozialen Gruppen geltend zu machen. Angesichts fortschreitender territorialstaatlicher und administrativer Differenzierung vermochte die Universität dabei langfristig gesehen nicht ihre systeminternen Geltungsansprüche durchzusetzen. ANDREAS HANSERT (Frankfurt/Main) untersuchte einen Rangstreit zwischen den "Frauensteinern", einer der beiden Frankfurter Patriziergesellschaften, und den akademisch gebildeten Juristen und Medizinern anlässlich der Huldigung für Kaiser Josef I. im Jahre 1705. Bei der Auseinandersetzung ging es letztlich um die Frage, ob geburtsadelige Herkunft oder erworbener Verdienst das maßgebliche Kriterium hinsichtlich des Vorrangs darstellten. Der Konflikt anlässlich der Huldigung war jedoch nur der Auftakt zu einem bis 1732 währenden Streit um die Beteiligung an der Ratsmacht, in dessen Verlauf sich die Graduierten als eigenständige Korporation konstituierten.

Die lange Dauer solcher Konflikte, in deren Verlauf die Beteiligten immer wieder aufs Neue ihre Argumente austauschten, war nichts Ungewöhnliches. Auch der Rekurs auf Rechtsmittel führte in der Regel nicht zu einer schnellen Beilegung der Konflikte, sondern trug vielfach eher dazu bei, diese zu verlängern oder gar zu perpetuieren. In dieser Hinsicht weisen Präzedenzstreitigkeiten offensichtlich Parallelen zu zeitgenössischen Ehrkonflikten auf, wie RALF-PETER FUCHS (München) in seinem Referat am Beispiel frühneuzeitlicher Injurienprozesse darlegte. Allerdings scheint die immanente Logik der Injurienprozesse der sozialen Logik von Stand und Rang ehr zuwider gelaufen zu sein. Es entsprach der generalisierenden und vereinheitlichenden Tendenz des Strafrechts die Integrität jeder Person ohne Ansehung von Stand und Rang zu schützen. Nur in der Frage der Glaubwürdigkeit von Zeugen und bei der Quantifizierung des Schadens bei Ehrverletzungen kamen Rangunterschiede ins Spiel. Umgekehrt wurden Verstöße gegen die symbolische Ordnung von Stand und Rang eher nicht als Injurien vor Gericht gebracht.
Eine weitere Gruppe von Referaten beschäftigte sich mit den unterschiedlichen Medien, in denen sich die Mechanismen sozialer Distinktion entfalteten. Anhand von Gemälden und illustrierten Geschlechterbüchern des 16. Jahrhunderts zeigte HARTMUT BOCK (Frankfurt) die Bedeutung von goldenen Ketten und Wappenhelmen als Zeichen sozialer Distinktion. BOCK gelangte dabei zu einer Modifikation der von einer Bielefelder Forschergruppe entwickelten These zur unstandesgemäßen Aneignung entsprechender Statussymbole, die sich - so die These BOCKS - bei genauerem Hinsehen aber als durchaus im Einklang mit den geltenden obrigkeitlichen Normierungen von Policey- und Kleiderordnungen erwiesen. WOLFGANG SCHMID und BARBARA ROTHBRUST (beide Trier) stellten dar, wie sich im Medium der barocken Architektur Triers unterschiedliche Geltungsansprüche landesherrlicher und kommunaler Erinnerungskultur zum Ausdruck brachten. Durch die Anbringung von verschiedenen Herrschaftszeichen wie Wappentafeln, Siegeln etc. wurden markante Punkte städtischer Architektur, wie etwa der Georgsbrunnen oder die Ratsherrentrinkstube, zu wichtigen Teilen eines Koordinatensystems symbolisch aufgeladener Orte.
HEIKO DROSTE (Hamburg) thematisierte den Brief als Medium einer ständisch gegliederten Kommunikation. Briefe als "Kommunikation unter Abwesenden" wiesen nicht zuletzt in ihrer sozialen Funktion als Aufwartung eine enge Verwandtschaft zu anderen Formen symbolischen Handelns auf, die vor allem in Klientel- und Patronagebeziehungen eine fundamentale Rolle spielten. Aufgrund ihrer formalen Strenge von der Forschung lange Zeit als weitgehend unergiebige Quelle geschmäht, waren die Briefe, wie Droste an der Kommunikation im Umkreis der schwedischen Diplomatie des 17. Jahrhunderts darstellen konnte, kein bloßer Widerschein starrer sozialer Verhältnisse, sondern dienten in vielen Fällen als Vehikel sozialer Mobilität.

Eine Veröffentlichung der Beiträge ist geplant.

Thomas Weller / Marian Füssel, Münster