Reemda Tieben

Dissertation:

Politik von unten. Landstände, Bauern und unterbäuerliche Schicht im Ostfriesland der frühen Neuzeit (1594-1744)

In den letzten Jahren hat die historische Forschung zur Frühen Neuzeit (16.-18. Jahrhundert) ein intensives Interesse an kommunalen Strukturen auf dem Lande entwickelt. Meist beschäftigte man sich mit dem Widerstandspotential von ländlichen Gemeinden vornehmlich im Südwesten und der Mitte des Heiligen Römischen Reiches. Norddeutschland gilt bis jetzt in der Forschung nicht als Musterraum für autonome Gemeinden auf dem Lande.
Mein Promotionsvorhaben, das an meine Magisterarbeit "Dörfliches Konfliktverhalten im 17. Jahrhundert - der Fall Weener / Ostfriesland 1660" anknüpft, soll den Blick auf ländliche Gemeinden in Norddeutschland richten und die autonome Gemeindestruktur, die soziale Schichtung und das Verhältnis der Gemeinden zur landesherrlichen Obrigkeit im Territorium Ostfriesland im äußersten Nordwesten des Reiches untersuchen. Die historische Forschung zu bäuerlichem Widerstand und zum "Kommunalismus" (Peter Blickle) tendiert zu einer idealisierenden Vorstellung von Gemeinde als einer Gemeinschaft von Bauern, die sich geschlossen gegen den herrschaftlichen Zugriff von Grundherren oder Landesherren wehren konnte. Dabei wird ausgeblendet, daß die Gemeinden bei weitem nicht die ganze ländliche Bevölkerung integrierten, sondern eine schmale bäuerliche Besitzelite darstellten, die ihrerseits Herrschaft über die unterbäuerlichen Schichten ausübten. Diese unterbäuerlichen Schichten konnten sich gegen eine ungerechte Herrschaftsausübung der ländlichen Gemeinden zur Wehr setzen.
Der Schwerpunkt meiner Arbeit wird auf solchen innergemeindlichen Konflikten zwischen Bauern, die in den politischen autonomen Gemeindeverband integriert waren, und unterbäuerlichen Schichten, die von dieser gemeindlichen Herrschaft ausgeschlossen waren, liegen. Dabei werden mich besonders die Werte und Normen der handelnden Gruppen interessieren, um ihr Verständnis von gerechter Herrschaftsausübung ud möglicherweise gerechtfertigtem Widerstand herauszuarbeiten. Es wird also nach den bäuerlichen und unterbäuerlichen Deutungssystemen von Herrschaft und Widerstand gefragt, nach der "Kultur der Gewalt" in der Gemeinde.


Das Projekt ist mittlerweile abgeschlossen, die Dissertation kann online eingesehen werden.