Lehrveranstaltungen von Herrn Prof.Dr. Martin Kintzinger im WiSe 16/17


Vorlesung, Di 8-10
Wie man Geschichte schreibt. Historiographie im Mittelalte
r

Von geschehenen Dingen zu erzählen, war die Aufgabe der Geschichtsschreibung im Mittelalter (rerum gestarum narratio). Die heutige Forschung sagt, dass aus der Vergangenheit erst durch das Erzählen Geschichte konstruiert wird. Mittelalterliche Historiographen verstanden es schon genau so: Sie wollten nicht erzählen und aufschreiben, was „objekt“ geschehen war, sondern was an wichtigem, folgenreichem Geschehen berichtenswert schien und sie intepretierten und deuteten, was man daran erkennen und daraus lernen könne. Es war ihnen selbstverständlich, dass sie aus der Fülle der Überlieferten auswählen mussten, um Geschichte schreiben zu können und sie hatten immer eine klare Darstellungsabsicht vor Augen: Die Geschichte eines Königreiches, einer Stadt, eines Volkes oder der ganzen Welt. Entsprechend beauftragten Könige und Fürsten, kirchliche Institutionen, Stadträte oder Dynastien gelehrte Autoren damit, „ihre“ Geschichte zu schreiben. Die Geschichte der Historiographie ist ein erstrangiges Zeugnis für die Kultur- und Wissensgeschichte, die Mentalitäts- und Religionsgeschichte wie die Sozial- und politische Geschichte aller Jahrhunderte des Mittelalters.

Lit. Hans-Werner Goetz, Geschichtsschreibung und Geschichtsbewußstein im hohen Mittelalter (Orbis Mediaevalis, 1), Berlin 2009. Joachim Ehlers, Otto von Freising. Ein Intellektueller im Mittelalters, München 2013. Bernard Guenée, Comment on écrit l´histoire au XIIIe siècle. Primat et le Roman des roys, hrsg. v. Jean-Marie Moeglin, Paris 2016.

Hauptseminar, Mi 8-10
Könige und Territorialfürsten: Das römisch-deutsche Reich im Spätmittelalter.
Mit Exkursion: Ausstellung „Karl IV. Bayerisch-Tschechische Landesausstellung“ im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg

Das Verhältnis des Königs zu den Ständen prägte die Geschichte der politischen Verfassung im römisch-deutschen Reich des Mittelalters und führte zu einer signifikant anderen Entwicklung als in den übrigen europäischen Königreichen. Mit der Goldenen Bulle 1356 ist nur eines der bekanntesten Zeugnisse dieses Prozesses überliefert. Es gehört in eine Folge von Dokumenten, die seit dem späten 12. und bis zum Ende des 15. Jahrhunderts entstanden sind und die erst im europäischen Vergleich ihre in ihrer Bedeutung erkannt werden können. Karl IV., Kaiser von 1355 bis 1378, gehört zu den prägendsten Protagonisten jener Zeit und der Verflechtung des Reiches zwischen West- und Ostmitteleuropa. Das Seminar ist mit einer Exkursion zur Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg verbunden (letzte Januar/erste Februarwoche 2017).

Lit.
Die Goldene Bulle. Politik – Wahrnehmung – Rezeption, hrsg. v. Ulrike Hohensee u.a. (Berichte und Abhandlungen der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Sonderbd. 12), 1.2., Berlin 2009. Bernd Schneidmüller, Grenzerfahrung und monarchische Ordnung. Europa 1200-1500 (C. H. Beck Geschichte Europas), München 2011. Michael Menzel, Die Zeit der Entwürfe, 1273-1347 (Gebhardt, Handbuch der Deutschen Geschichte, 7a), Stuttgart 2012. Flyer zur Ausstellung

Hauptseminar Theorie, Mi 10-12
Zufall, Kontingenz, Irrtum und Scheitern im Mittelalter: Glanzlose Geschichten als Gegenstand moderner Ansätze in der Mittelalterforschung

Dass Geschichte heute nicht mehr die Geschichte der Sieger sein kann, ist inzwischen allgemein bekannt. Was bedeutet es aber, nicht (nur) nach Erfolgs- und Fortschrittsgeschichten zu fragen, sondern nach gescheiterten Versuchen oder Irrwegen, nach Zweifelsfragen und Sinnsuchen? War die erfolgreiche Durchsetzung von Eigeninteressen tatsächlich die dominante Form der Bewertung historischer Ereignisse im Mittelalter? Für mittelalterliche Selbstwahrnehmung war es ebenso denkbar, dass sich Ereignisse nicht stringent und geplant entwickelten, sondern aus Zufällen folgen konnten. Mit der Frage nach der Kontingenz als Deutungskategorie von Wirklichkeit ist ein grundsätzlicher methodischer Neuansatz in der historischen Mittelalterforschung verbunden. Erst indem Kontingenz denkbar wird, sind Zweifel, Irrtum und Scheitern mehr als die Kehrseite von Sieg und Erfolg, sondern ein eigenständiger Beitrag zur Geschichte menschlicher Intentionalität und Individualität und damit ein Aspekt einer modernen kulturwissenschaftlichen Wissensgeschichte des Mittelalters.

Lit.  Dominik Perler, Zweifel und Gewissheit. Spektische Debatten im Mittelalter, Frankfurt/M. (2. Aufl.) 2011. Ders., Theorien der Intentionalität im Mittelalter, Frankfurt/M. (2. Aufl.) 2004. Kein Zufall. Konzeptionen von Kontingenz in der mittelalterlichen Literatur, hrsg. v. Cornelia Herberichs, Susanne Reichlin (Historische Semantik, 13), Göttingen 2010. Fiasko. Scheitern in der Frühen Neuzeit. Beiträge zur Kulturgeschichte des Mißerfolgs, hrsg. v. Stefan Brakensiek, Claudia Claridge, Bielefeld 2015.

Masterseminar, Do 8-10
Intellektuellengeschichte des Mittelalters:  

Gab es Intellektuelle im Mittelalter? Schon der Unterschied von „Gebildeten“ und „Gelehrten“ in der mittelalterlichen Geschichte ist heute schwer zu beschreiben. Wer waren diejenigen, die das Wissen ihrer Zeit prägten, Entdeckungen machten, Erkenntnisse gewannen und die Wissenschaften entwickelten? Indem sie nicht nur wissenschaftliches Wissens formten, sondern auch politische Theorie und gesellschaftliche Deutungsmodell beschrieben, ihrer Zeit „Leitideen“ und Wertvorstellungen vorschlugen, nicht zuletzt Begriffe prägten, die fortan verwendet wurden, waren die Intellektuellen weit über ihren eigenen Kreis hinaus wirksam. Eine „Intellektuellengeschichte“ des Mittelalters ist insofern auch eine „intellektuelle Geschichte“ des Mittelalters – und eine aktuelle Herausforderung für die historische Mittelalterforschung.

Lit. Jacques Le Goff, Die Intellektuellen im Mittelalter, Stuttgart 1986. Jacques Verger, Les gens de savoir en Europe à fin du Moyen Age, Paris 1997. Joachim Ehlers, Otto von Freising. Ein Intellektueller im Mittelalters, München 2013.