Kirchhof-Projekt:
Profan und heilig: Kirchhöfe als Orte und Räume symbolischer
Kommunikation in der ländlichen Gesellschaft Westfalens (15.-18.
Jahrhundert)
Martin Luther über den Kirchhof zu Wittenberg
"das nicht gemeiner odder unstiller ort ist ynn der gantzen stad dann
eben der kirchhoff, da man teglich, ja tag und nacht uber leufft, beyde
menschen und viehe, und ein iglicher aus seinem hause ein thuer und
gassen drauff hat, und allerley drauff geschieht, villeicht auch solche
stuecke, die nicht zu sagen sind." (1527)
Das Projekt startete 2006 nach einer einführenden Tagung am Freitag, dem 4. März 2005 (Vgl. den Tagungsbericht im Bereich Downloads).
Die
Ausübung von Religion setzt eine Aufteilung in die Bereiche profan und
heilig voraus; sie werden "von den Menschen immer getrennt gedacht, wie
zwei Welten, zwischen denen es nichts Gemeinsames gibt" (Durkheim). Ein
Ort, an dem diese Pole gesellschaftlicher Ordnung aufeinander trafen
und an dem die Übergänge vollzogen wurden, war der Kirchhof, jener
Bereich also, der die Kirche umschloss, als Begräbnisplatz fungierte,
aber auch wegen seiner Randbebauung alltägliche Kommunikation
ermöglichte. Der Ort Kirchhof bedurfte der Rituale, die performativ
Heiligkeit begründeten. Der Ort Kirchhof bedurfte zudem der Zeichen, um
auf Heiligkeit zu verweisen. Das Projekt hat auf der Basis religions-
und raumsoziologischer Überlegungen die forschungsleitende Hypothese,
dass im Zeitalter der Konfessionalisierung die Ordnungskategorien
profan und heilig von den kirchlichen Eliten neu justiert und am
Kirchhof ausgehandelt wurden. Der Ort Kirchhof blieb, doch die sozialen
und religiösen Räume hatten sich verändert.
Das
Erkenntnisinteresse besteht darin, gesellschaftlichen Zusammenhalt und
Statuswechsel in der Vormoderne im Medium symbolischer und das heißt
hier rationaler Kommunikationsakte zu deuten. Diese Überlegungen sollen
für die ländliche Gesellschaft Westfalens in die Forschungspraxis
umgesetzt werden. Untersuchungsobjekt sind Dorfkirchhöfe in Westfalen.
In der ländlichen Gesellschaft war der Kirchhof der zentrale Ort der
Kommunikation: Er vereinte religiöse und profane Funktionen, die in der
Stadt Marktplatz, Rathaus und Kirchhof im Verbund übernahmen. Während
aber in den Städten die Kirchhöfe der Pfarreien im Gefolge der
Reformation an den Rand der Stadt verlegt wurden, blieb der Kirchhof
des Dorfes über den ganzen Untersuchungszeitraum hinweg zentraler Ort.
Weite
Teile des ländlichen Nordwestdeutschlands waren Streusiedlungsgebiet,
in denen seit dem Hochmittelalter Bauerschaften personale Bezirke
bildeten, um die sich Eschflur, Einzelfelder und Marken erstreckten.
Eine weitere Siedlungsinsel wurde durch die Kirche bestimmt; sie war
oftmals als Eigenkirche auf dem Boden eines Schulten-/Amtshofes
entstanden. Um Kirche und Amtshof entwickelte sich das Kirchdorf.
Dieses war zentraler Ort des Kirchspiels, jener mit der Pfarrei
identischen genossenschaftlich-herrschaftlichen Organisationsform der
Bauerschaften. Kirch- und Leichwege führten von den Bauerschaften
sternförmig zum Kirchdorf; Deputierte aus den Bauerschaften zeichneten
qua Kirchenfabrik für den Kirchhof im Hinblick auf Begräbnis, Unterhalt
und Baulast verantwortlich. Waren in der Bauerschaft die Vollerben
siedlungsprägend, so war das Kirchdorf oft mit kleineren Bauernstellen,
Handwerk und Tavernen besetzt. Bevorzugter Siedlungsort dieser für die
Arbeitsteilung im Kirchspiel so wichtigen Dienstleister war der
Kirchhofring. Unmittelbar am Kirchhof wohnte in der Regel auch der
Pfarrer im Pastorat; am Kirchhof befanden sich die Wohnung des Küsters,
seit dem 17. Jahrhundert auch die Schule und die Vikarien, gelegentlich
auch Armen- und Gildehaus.
Der Kirchhof war also in
Spätmittelalter und Früher Neuzeit für alle Bewohner des Kirchspiels
sowohl sakraler als auch lebensnotwendiger profaner Raum. Dadurch
konkurrierten Raumvorstellungen; die zu erwartenden
Aushandlungsprozesse und Kompromisslinien sind die Filetstücke des
Projektes.
1. Der Raum des Klerus/der Geistlichkeit: Wie
schlossen Visitatoren und Pfarrgeistlichkeit die auf Profanierung
abzielenden Rituale und Artefakte symbolischer Kommunikation aus?
Welche liturgischen Handlungen, z.B. Weihen und Exequien, und welche
Gegenstände erzeugten Heiligkeit?
2. Der Raum der Gemeinde:
Verwaltet durch die Provisoren aus den Bauerschaften war der Kirchhof
der Raum der Gemeinde. Bei welchen Handlungen besaß die Gemeinde eine
liturgische Potenz? Stellte die Gemeinde die geforderten
Ausstattungsgegenstände (Kalvarienberg, Beinhaus) gemäß der
vorgegebenen Sakralitätsdefinition zur Verfügung?
3. Der Raum
der Toten: Zu fragen ist nach dem Ablauf der Beerdigungen. Wurde das
Rituale Romanum eingeführt und eingehalten bzw. wurde den Vorgaben der
lutherischen Kirchenordnungen und Agenden entsprochen? Zu fragen ist
ferner nach der topographischen Anordnung der Begräbnisse und nach dem
Modus der Aufnahme der Gebeine in das Beinhaus.
4. Der Raum der
Lebenden: Die Bewohner des Kirchhofrings waren Handwerker,
Kirchenbediente oder führten eine Taverne. Das Leben am Kirchhofring
war voll der profanen Handlungen: Arbeit und Geschäft, Zerstreuung und
vermeintliche Ausschweifung. Verpuffte folglich die performative
Wirkung der Rituale und Ausstattungen?
Geplant ist, die
Kirchhöfe in Westfalen in zwei Unterprojekten zu untersuchen: Erstens
sollen anhand von ausgewählten Kirchspielen im Stift Münster sowie in
den lutherischen, später reformierten Grafschaften Bentheim und
Tecklenburg Unterschiede und Gemeinsamkeiten der (Neu-)Konstituierung
der Kirchhofräume aufgezeigt werden. Das zweite Unterprojekt soll
Kirchhöfe mit Simultannutzung von Lutheranern und Katholiken im
Fürstbistum Osnabrück und im Niederstift Münster untersuchen. Die
Direktiven von "oben" wurden durch die Konkurrenz der beiden
Konfessionskirchen am Ort Kirchhof gefiltert und austariert; die
jeweilige Konfessionspartei musste mit der Sakralitätsdefinition der
anderen Seite leben.
Derzeit werden die Kirchhöfe des Oberstifts Münster im Teilprojekt C6 des SFB 496 und die osnabrückischen Simultankirchhöfe in einem Teilprojekt des Graduiertenkollegs "Gesellschaftliche Symbolik im Mittelalter" untersucht.


