Projekt B4
Segen für die Mächtigen: Legitimität und Legitimation politischer Herrschaft in spätmittelalterlichen und neuzeitlichen Stadtprozessionen
in Kooperation mit:
Projektbeschreibung Mitarbeiter und Projektskizzen
Projektbeschreibung
Dass Bitt-, Fronleichnams- und Heiligenprozessionen Ratsherren, Fürsten und Staatsmännern den Segen Gottes bzw. die Hilfe der Heiligen vermittelten, gehört zu den Allgemeinplätzen historischer Forschung. Städtische und staatliche Führungseliten platzierten sich in der Nähe des Altarsakraments und trugen, festlich gekleidet, Baldachin, Bilder und Reliquienschrein. Epochenspezifisch angelegte Fallstudien thematisierten bisher die Widerspiegelung spätmittelalterlicher Stadtgesellschaft (Andrea Löther, Richard Trexler), den Stellenwert der Prozessionen in der Reformation (Bob Scribner), die Durchsetzung des frühmodernen Konfessionsstaates (Louis Châtellier, Werner Freitag), die Bewahrung katholischer Identität im Kulturkampf und die im Prozessionswesen zum Ausdruck kommende Resistenz gegenüber der menschenverachtenden NS-Ideologie (Barbara Stambolis).
Gemäß den Überlegungen des Exzellenzclusters soll diese isolierte Betrachtungsweise verlassen werden, um im Längsschnitt zu zeigen, wie im religiösen Ritual politische Ordnung geschaffen wurde und auf welche Weise städtische Repräsentanten, auch in Konkurrenz zu staatlichen Herrschaftsträgern, durch die Aura des Göttlichen Legitimität beanspruchten und bei den Gläubigen an Legitimation gewannen. Der Betrachtungszeitraum beginnt um 1400, als im Gefolge von Stadtkonflikten die patrizische Ratsherrschaft von den Zünften hinterfragt wurde, und endet in den 1960er/1970er Jahren, als die Vertreter der Politik zunehmend auf die Nähe des realpräsenten Gottessohnes und der Heiligen verzichteten.
Die große Prozession in Münster 1905 © LWL-Medienzentrum für Westfalen
Als Ausgangsüberlegung kann formuliert werden, dass sich die symbolische Darstellung des Ordnungssystems Religion langsamer änderte als die Regeln der Politik. Diese Aussage gilt freilich nur für den Katholizismus. Deshalb sollen die Auseinandersetzung um das Prozessionswesen in der Stadtreformation und das Überleben desselben in bikonfessionellen Städten der Frühen Neuzeit untersucht werden. Für die Neuzeit interessiert das Prozessionswesen in Industriestädten, um vor dem Hintergrund religiöser Pluralität unterschiedliche Legitimationsstrategien zu beleuchten. Es wird im Sinne einer Verlaufshypothese davon ausgegangen, dass sich das Gemeinwesen Stadt zunächst als Sakralgemeinschaft definierte. Das Aufkommen unterschiedlicher politischer Ordnungsvorstellungen, etwa das der autonomen Stadt in Konkurrenz zum frühmodernen, auf Mediatisierung abzielenden Fürstenstaat, sodann das Konzept kommunaler Selbstverwaltung in Konkurrenz zum „semifeudalen” (Hans- Ulrich Wehler) Deutschen Kaiserreich, führten zum Nebeneinander politischer Rechtfertigungsansprüche. Staatliche und städtische Vertreter suchten gemeinsam oder im Konflikt ihren Platz in der Nähe des Göttlichen, konnten ihn aber auch meiden, wenn der Katholizismus zu den “Inneren Reichsfeinden” (1871 bis um ca. 1900) gezählt oder wie von 1933 bis 1945 politisch ausgegrenzt und z.T. verfolgt wurde. Die Teilnahme an den Prozessionen erwuchs zur Demonstration gegen die politischen Ordnungskonzepte der Zeit.
Mitarbeiter und Projektskizzen
Károly Goda M.A.
Megumi Hasegawa M.A.




