Susanne Muhle
Kontakt: susannemuhle@hotmail.com
Dissertationsprojekt:
Auftrag: Menschenraub. Das Ministerium für Staatssicherheit und seine inoffiziellen Mitarbeiter im speziellen Westeinsatz.
Im Auftrag des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) wurden mehrere hundert Menschen aus West-Berlin und der Bundesrepublik von inoffiziellen Mitarbeitern (IM) in die DDR entführt. Dort wurden sie oftmals zu mehrjährigen Haftstrafen oder in Einzelfällen sogar zum Tode verurteilt. Nur wenige dieser Entführungsfälle sind bisher bekannt oder gar ausführlich dokumentiert. Erst die Öffnung der Archive nach der friedlichen Revolution 1989 ermöglicht eine detaillierte Untersuchung dieses Themenkomplexes, insbesondere eine bislang fehlende Analyse der beteiligten IM. In diesem Sinne widmet sich das Dissertationsprojekt den MfS-Entführungsaktionen als Kapitel der SED-Herrschaftspraxis und des Systemkonfliktes auf deutschem Boden (mit seinen nachrichtendienstlichen Auseinandersetzungen), aber auch als Beitrag zur Täterforschung in der Geschichtswissenschaft.
Als Hochphase des MfS-Menschenraubs bilden die 1950er Jahre einen Schwerpunkt der Studie, die den Zeitraum 1950–1989 umfasst und Ausblicke auf die juristische Strafverfolgung in den 1990er Jahren gewährt. Hauptsächlich auf Grundlage der Unterlagen des MfS und Ermittlungsakten west- bzw. bundesdeutscher Gerichte vor und nach 1990 sollen die Entführungsaktionen in ihren Varianten (Anwendung von Täuschungen, Betäubungsmitteln und/oder brutaler körperlicher Gewalt), Funktionen und Wirkungsweisen rekonstruiert werden. Anhand einer vergleichenden Untersuchung soll zudem ermittelt werden, welche Entwicklung diese spezielle geheimdienstliche/-polizeiliche Methode im Staatssicherheitsapparat aufweist.
Im Visier der MfS-Entführungskommandos standen vor allem Angehörige westlicher Geheimdienste, Regimegegner und -kritiker sowie geflohene Mitarbeiter aus den eigenen Reihen (MfS, Volkspolizei, DDR-Streitkräfte etc.). Ihre Hintergründe und Schicksale sollen überblickartig ebenso nachgezeichnet werden wie die Wahrnehmungen, Reaktionen und Auswirkungen in Ost und West.
Im Fokus der Analyse stehen jedoch die IM, die im Dienste der DDR-Staatssicherheit als Entführer agierten. Die Basis und Ausprägungen ihrer mitunter brutalen MfS-Arbeit sollen herausgearbeitet werden, indem Kategorien wie biographische Hintergründe und soziales Milieu, Mentalitäten und Motivstrukturen vergleichend analysiert werden. Weiterführend sind die Verhaltens- und Handlungsspielräume dieser IM angesichts der MfS-Normen und Alltagspraxis zu untersuchen. Dabei orientiert sich die Rekonstruktion ihrer Arbeitsbedingungen und -abläufe an Fragen nach den Methoden bei diesen Gewaltaktionen sowie nach den Einsatzfeldern und Weisungen der IM. Schließlich gilt es nach ihren Laufbahnen im MfS bzw. Lebenswegen nach der MfS-Tätigkeit und ihrer strafrechtlichen Verfolgung vor und nach 1990 zu fragen.
Pressemeldungen
Spiegel-Online vom 04.September 2009
FR-Online vom 07. September 2009

