Der Sonderforschungsbereich 231 (1986-1999)

Träger, Felder, Formen pragmatischer Schriftlichkeit im Mittelalter

an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster

(beendet am 31.12.1999)

Abschlussbericht

 

  1. Der Sonderforschungsbereich 231
  2. Literatur zum SFB 231
  3. Die Teilprojekte des SFB 231
    Auch in italienischer, englischer und französischer Sprache
  4. Adresse

English Fran#231;ais
Le Biccherne
Abb.: Le Biccherne. Tavole dipinte delle magistrature senesi (secoli XIII-XVIII)
a cura di Luigi Borgia, Enzo Carli et al., Roma, Le Monier 1984, S. 125.


I. Der Sonderforschungsbereich 231

Der Sonderforschungsbereich 231 wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster im Jahr 1986 probeweise, 1988 fest eingerichtet. Er endete nach der letzten Bewilligungsphase am 31.12.1999. In Anlehnung an die Fragestellungen des SFB 231 wurde 1990 an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster das Graduiertenkolleg "Schriftkultur und Gesellschaft im Mittelalter" eingerichtet, das von der DFG bis September 1999 gefördert wurde.

Der SFB 231 untersuchte, wie im lateinischen Abendland Schriftlichkeit für die Gesellschaft wie auch für den einzelnen neue, nunmehr lebensbestimmende Funktionen gewonnen hatte. Während die Schriftkultur im früheren Mittelalter nur wenige mit Religion und Herrschaft verbundene Bereiche erfaßte und nur wenigen zugänglich war, wird der Schriftgebrauch im Hoch- und Spätmittelalter für Geistliche und Laien zu einem immer weiter ausgreifenden Instrumentarium zweckgerichteter menschlicher Lebenspraxis; dabei gewinnen auch die Volkssprachen Anteil an der Schriftkultur, und in Rechtsleben und Verwaltung wird Schriftlichkeit vielfach zur verordneten Norm. Diese Entfaltung 'pragmatischer Schriftlichkeit' erweist sich als der dynamische Kernbereich der für die europäische Kulturentwicklung grundlegenden Prozesse der 'Verschriftlichung' und der 'Alphabetisierung'. Welche Personenkreise an der Ausweitung des Schriftgebrauchs teilhatten, welche Felder von ihr erfaßt wurden und welche neuen Formen mit ihr entstanden sind, wurde für die Zeit vom 11. bis 15. Jahrhundert, d.h. von der Aufbruchphase der abendländischen Literalität bis in die Frühzeit des Buchdrucks, erforscht.

Der benannte Zeitraum kann als historisch entscheidende Phase betrachtet werden, in welcher der Schiftgebrauch erstmals auf alle Gebiete des menschlichen Zusammenlebens ausgreift, traditionelle Bereiche mündlichen Handelns besetzt und in neue Gebrauchsräume vordringt. Der Sonderforschungsbereich unternahm es, den Prozeß der Verschriftlichung unter dem maßgeblichen Gesichtspunkt der Funktion des Schriftgebrauchs als Ganzes in seinen Dimensionen und komplexen Strukturen zu erfassen. Für das Forschungsziel erschienen als entscheidende, zugleich von anderen Forschungsansätzen unterscheidende Punkte:

  1. Konzentration auf die pragmatische Schriftlichkeit, welche - allen Arten zweckhaften Handelns, Erfordernissen der Lebenspraxis, der Information und Kommunikation, der Repräsentation und Tradierung dienend - als der dynamische Kernbereich der Verschriftlichung und die bedingende Basis dauerhafter und tendenziell allgemeiner Schriftkultur zu betrachten ist;
  2. Wahrnehmung des Prozesses der sich ausweitenden Schriftlichkeit im jeweils besonderen Zusammenhang ihrer Träger, Felder und Formen.

Präferenz des Pragmatischen besagt nicht die Beschränkung auf bestimmte Textsorten der Alltagswelt und damit die Ausgrenzung der wissenschaftlichen und literarischen Sphäre, da noch in der mittelalterlichen Entwicklung pragmatische wissenschaftliche und literarische Textproduktion vielfach in der Hand derselben Personen liegen, sich in ihren Formen überschneiden, gemeinsame Träger und Gebrauchsräume haben. Der Ausgang von pragmatischer Schriftlichkeit kann daher vielmehr an die Zusammenhänge, Wechselbeziehungen und Interferenzen aller Sektoren des Schriftgebrauchs und so an die sich entfaltende Schriftkultur als Gesamterscheinung heranführen.

In der Zusammenarbeit der Teilprojekte und im wissenschaftlichen Kontakt mit Außenstehenden hat sich - bestätigend, aber in dieser Deutlichkeit und in diesem Ausmaß doch überraschend - immer klarer abgezeichnet, daß der während des 11. und 12. Jahrhunderts eingeleitete Wandel kaum tief genug gesehen werden kann und daß bis zum Ende des Mittelalters wohl kein Lebensbereich von ihm unberührt blieb. Trotz des wachsenden Interesses an der Erforschung der mittelalterlichen Schriftkultur unter den neuen, auf die Lebensfunktionen der Schrift zielenden Fragen, sind die Voraussetzungen und Wirkungen dieser Ausweitung pragmatischen Schriftgebrauchs in der hoch- und spätmittelalterlichen Gesellschaft vielfach erst noch zu entdecken. Jedes Teilprojekt des SFB 231 erhellte die Entfaltung pragmatischer Schriftlichkeit exemplarisch aus einer eigenen, vom jeweiligen Fach und einem individuellen Frageansatz bestimmten Perspektive und zugleich im interdisziplinären Dialog mit den 'Nachbarprojekten' durch die Integration verschiedenartiger Ansätze und der Zusammenschau der Ergebnisse.

Es war das Anliegen des SFB 231, die Prozeßhaftigkeit des expandierenden Schriftgebrauchs im ganzen wie im einzelnen zu beschreiben, zu analysieren und dabei einen für die weitere Prägung der europäisch-westlichen Kultur grundlegenden Wandel zu erkennen, der sich in der mittelalterlichen Gesellschaft vollzog. Dabei ging es nicht nur um Erfassung und Erklärung der ungeheuren quantitativen Zunahme, sondern vor allem um die Einsicht in eine qualitative Veränderung des Schriftgebrauchs, der dem Geschriebenen einen neuartigen Stellenwert im Leben des Menschen gibt, und um die Klärung der historischen Bedingungen des kulturell-gesellschaftlichen Hintergrunds dieser Veränderung.


II. Literatur zum Sonderforschungsbereich 231:



Träger, Felder, Formen pragmatischer Schriftlichkeit im Mittelalter. Der neue Sonderforschungsbereich 231 an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, in: Frühmittelalterliche Studien 22, 1988, S. 388-409.

Hagen Keller, Die Entwicklung europäischer Schriftkultur im Spiegel der mittelalterlichen Überlieferung. Beobachtungen und Überlegungen, in: Geschichte und Geschichtsbewußtsein. Festschrift für Karl-Ernst Jeismann zum 65. Geburtstag, hg. v. Paul Leidinger - Dieter Metzler, Münster 1990, S. 171-204.

Hagen Keller, Vom 'heiligen Buch' zur 'Buchführung'. Lebensfunktionen der Schrift im Mittelalter, in: Frühmittelalterliche Studien 26, 1992, S. 1-31.

Hagen Keller - Klaus Grubmüller - Nikolaus Staubach (Hgg.): Pragmatische Schriftlichkeit im Mittelalter. Erscheinungsformen und Entwicklungsstufen (Münstersche Mittelalter-Schriften 65) München 1992.

Christel Meier - Dagmar Hüpper - Hagen Keller (Hgg.): Der Codex im Gebrauch (Münstersche Mittelalter-Schriften 70) München 1996.

Hagen Keller - Christel Meier - Thomas Scharff (Hgg.): Schriftlichkeit und Lebenspraxis. Erfassen, Bewahren, Verändern (Münstersche Mittelalter-Schriften 76) München [im Druck].

Über die Arbeit im Sonderforschungsbereich erscheinen seit 1990 Berichte in den 'Frühmittelalterlichen Studien'.


III. Die Teilprojekte des SFB 231 (auch ausgeschiedene Projekte mit Angabe ihrer Dauer):



Projekt A: [Versione italiana]
Der Verschriftlichungsprozeß und seine Träger in Oberitalien (11.-13.Jahrhundert.)
Leiter: Professor Dr. Hagen Keller (1986-1999).

Projekt B:
Die mittelalterliche Ars dictandi als Lehre pragmatischer und literarischer Schriftlichkeit
Leiter: Professor Dr. Franz Josef Worstbrock (1986-1990).

Projekt C:
Schriftlichkeit und Volkssprache im Bereich von Schule und Trivialunterricht
Leiter: Professor Dr. Klaus Grubmüller (1986-1993).

Projekt D:
Die Rolle der Enzyklopädie im Prozeß der Ausweitung pragmatischer Schriftlichkeit
Leiterin: Professorin Dr. Christel Meier-Staubach (1986-1999).

Projekt E:
Rechtsbücher als Ausdruck pragmatischer Schriftlichkeit
Leiterin: Professorin Dr. Dr. h. c. Ruth Schmidt-Wiegand (1986-1998).

Projekt F1:
Schriftkultur und Geschichtsüberlieferung im späten Mittelalter
Leiter: Professor Dr. Peter Johanek (1986-1999).

Projekt F2:
Pragmatische Schriftlichkeit im Umkreis des Hofes
Leiter: Professor Dr. Jan-Dirk Müller (1986-1992).

Projekt G:
Schriftlichkeit und adliges Selbstverständnis. Neue Felder und Formen der Geschichtsschreibung vom 10. bis 13. Jahrhundert
Leiter: Professor Dr. Gerd Althoff (1988-1991).

Projekt H:
Der Dialog im lateinischen Mittelalter als pragmatische Verschriftlichung mündlicher Interaktion
Leiter: Professor Dr. Peter von Moos (1991-1993).

Projekt I:
Pragmatische Schriftlichkeit im Bereich der Devotio moderna
Leiter: Professor Dr. Nikolaus Staubach (1991-1999).

Projekt K:
Gezählte Frömmigkeit. Schriftlichkeit als Instrument der Absicherung und Beförderung des Zählens von Frömmigkeitsakten
Leiter: Professor Dr. Arnold Angenendt (1992-1999).

Projekt L1:
Schriftlichkeit und Ordensorganisation vom 12. bis zum beginnenden 14. Jahrhundert
Leiter: Professor Dr. Gert Melville (1992 -1996).

Projekt L2:
Das Schriftlichwerden klösterlicher Lebensgewohnheiten im Mittelalter
Leiter: Professor Dr. Joachim Wollasch (1992-1995).

Projekt M:
Schriftlichkeit und Verhaltensnormierung: Anstands- und Ratgeberbücher im englischen Spätmittelalter
Leiterin: Professorin Dr. Gabriele Müller-Oberhäuser (1992-1994).

Projekt N:
Textierte Einblattdrucke im Deutschen Reich bis 1500 als Ausdruck pragmatischer Schriftlichkeit
Leiter: Professor Dr. Volker Honemann (1994-1999).


IV. Adresse

SFB 231
Salzstr. 41
48143 Münster
Deutschland

Telefon: 0049 (0)251 - 8327913 neu
Telefax: 0049 (0)251 - 8327911 neu
E-mail: sfb231@uni-muenster.de

Wartung: Frank Schweppenstette schwep@uni-muenster.de


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