PETRA KOCH, Rechtskonflikte der Kommune Vercelli - Zur Entstehung und zum Einsatz von Prozeßschriftgut, in: Kommunales Schriftgut in Oberitalien. Formen, Funktionen, Überlieferung, hg. v. Hagen Keller und Thomas Behrmann (Münstersche Mittelalter-Schriften Bd. 68) München 1995, S. 91-116.




Im 13. und 14. Jahrhundert ließ die Kommune Vercelli in ihren Konflikten um die Orte Trino, Piverone und Palazzo bzw. mit den Herren von Casalvolone, Burolo und Azeglio prozeßbezogene Angaben teilweise aus ganzen Serien von Büchern der kommunalen Finanzverwaltung und Rechtsprechung exzerpieren; so konnte die jeweilige Jurisdiktions- und Steuerhoheit von Vercelli über einen langen Zeitraum zurückverfolgt werden. Den im kommunalen Archiv aufbewahrten, oft jahrzehntealten Registern, deren Existenz häufig nur aus dieser abschriftlichen Überlieferung noch zu erschließen ist, wuchs so eine über ihre Verwendung in der laufenden Verwaltung hinausgehende Autorität für die Dokumentation vergangener Tatbestände zu. Im Verlauf der Verhandlungen produzierte man sowohl die eigentlichen Prozeßurkunden als auch (ab)schriftliche Beweise und fügte sie zu 'Prozeßakten' in Rotulusform zusammen. Daneben wurden aber auch solche Rotuli angelegt, die nicht den gesamten Prozeßablauf festhielten, sondern Abschriften älterer Verträge und Buchauszüge allein zu Beweiszwecken zusammenfaßten. Aus der Kenntnis um die Vorteile schriftlicher Aufzeichnungen kopierte man Texte oftmals sogar mehrfach und erstrebte eine systematische Erfassung und Verfügbarmachung von rechtssichernden Dokumenten in präventiver Absicht durch den Eintrag in die Urkundencodices der 'Biscioni'. Deren auffallendes Ordnungsschema - thematische Großgliederung ohne chronologische Ordnung - läßt sich zumindest in den dargestellten Fällen durch die Rekonstruktion der Prozeßzusammenhänge erklären.