Die Sakralarchitektur der kommagenischen Hierothesia und Temene

(Beginn 01.10.2014). Gefördert von der Fritz Thyssen Stiftung für Wissenschaftsförderung.

Unter den Denkmälern und Heiligtümern der antiken Kulturlandschaft Kommagene im Südosten Kleinasiens nehmen die hellenistischen Kultstätten der kommagenischen Könige eine herausragende Stellung ein. Im 1. Jh. v. Chr. errichtet König Antiochos I. Theos unter erheblichem finanziellen Aufwand die großen sepulkralen Kultstätten, deren königliche Grabmale gleichsam in einen Skulpturengarten mit kolossalen Götterbildern und zahlreichen Relief-und Inschriftenstelen eingebettet sind. Mit einem engmaschigen Netzregionaler Kultbezirke soll auch die Bevölkerung in die Kultausübungen integriert werden. Diese Filialheiligtümer sind bisher nicht durch größere Baukomplexe, sondern lediglich durch einzelne Kultreliefs nachgewiesen. Einzig das Grabheiligtum von Eski Kale / Arsameia am Nymphaios erlaubt bislang trotz seiner stark zerstörten Baubefunde und Architekturglieder eine ungefähre Vorstellung von der architektonischen Gestaltung einer Kultstätte des kommagenischen Königs- und Ahnenkultes. Partiell freigelegte Bauten hellenistischer Repräsentationsarchitektur in der kommagenischen Hauptstadt Samsat Höyük / Samosata, vor allem aber vermehrte, bislang unbekannte Neufunde hellenistischer Architekturglieder vom Dülük Baba Tepesi bei Doliche und aus Kâhta / Güzelçay sowie eine umfassende Materialuntersuchung zur hellenistisch-kaiserzeitlichen Bauornamentik der Kommagene bieten eine umfangreiche Grundlage für eine fundierte Untersuchung der späthellenistischen Architektur dieser Grenzregion. Zudem scheint vor dem Hintergrund der in den letzten Jahrzehnten verstärkt untersuchten seleukidischen, parthischen und graeco-baktrischen Repräsentations- und Sakralarchitektur eine grundlegende Überprüfung bisheriger Rekonstruktionen der Sakralbauten sowie eine umfassendere Neubetrachtung der architektonischen Gestaltung der kommagenischen Hierothesia und Temene möglich und sinnvoll. Deren Sakralarchitektur wird offenbar verstärkt durch das Kombinieren orientalischer Bautechniken mit einer gleichermassen von westlich-hellenistischen und orientalischen Dekorformen gestalteten Bauornamentik charakterisiert. Ein Phänomen, das sich architekturgeschichtlich überzeugender in einer überregionalen hellenistisch-mesopotamischen Bautradition verorten lässt. Aufgrund ihrer besonderen geographischen Lage bietet gerade die Kommagene ein geeignetes Beispiel, um kontaktinduzierte Veränderungen, Assimilations- und Abgrenzungsprozesse zu erfassen. Dabei bieten die neuen Befunde und Funde nicht nur die Möglichkeit, unsere Kenntnisse über die hellenistische Architektur Kleinasiens und des Vorderen Orients zu vertiefen, sondern durch die Betrachtung der Sakralarchitektur des kommagenischen Königs- und Ahnenkultes als zentrales Element für das Kultgeschehen eröffnet sich auch die grosse Chance, unser Wissen über den hellenistischen Herrscherkult insgesamt zu erweitern.