Profil des Germanistischen Instituts
Germanistik wird in den meisten deutschen Universitäten in drei Teilbereichen erforscht und unterrichtet: dem Bereich Literatur des Mittelalters (Mediävistik), dem Bereich Sprachwissenschaft (Linguistik) und dem Bereich Neuere deutsche Literaturwissenschaft. Hinzu kommen der Bereich Didaktik der deutschen Sprache und Literatur und in Münster darüber hinaus der Bereich niederdeutsche Sprache und Literatur.
Das Germanistische Institut der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster ist im Oktober 2004 durch den Zusammenschluss der ehemaligen Institute für Deutsche Philologie I und Philologie II sowie des Instituts für Deutsche Sprache und Literatur und ihre Didaktik neu gegründet worden.
Insgesamt sind für die am Germanistischen Institut angesiedelten Studiengänge zurzeit über 4.800 Studierende eingeschrieben (Quelle: Studiengangstatistik des Rektorats der WWU vom 31.5.2010). Studienanfänger werden in den Bachelor-Studiengängen jeweils zum Wintersemester aufgenommen (Zulassungsbeschränkung). Seit 2008 werden Master-Studiengänge angeboten, darunter drei nach Lehramt unterschiedene Master of Education und vier Master of Arts mit spezifischen Schwerpunkten.
Literatur des Mittelalters
Gegenstandsbereich der Germanistischen Mediävistik ist die deutsche Literatur einschließlich der nicht-dichterischen Texte von ihren Anfängen im 8. Jahrhundert bis zum Ende des 16. Jahrhunderts. Die in diesem Zeitraum entstehenden Texte unterliegen einem massiven Sprachwandel, weshalb sich Literatur in althochdeutscher (8.–11. Jh.), mittelhochdeutscher (12.–15. Jh.) und frühneuhochdeutscher Sprache unterscheiden lässt. Besonders interessant ist diese zeitlich bei weitem längste Epoche der deutschen Literatur aus mehreren Gründen: Das Deutsche emanzipiert sich, ausgehend von tastenden Anfängen im 8. Jahrhundert, zusehends vom Lateinischen, der Gelehrtensprache des Mittelalters, und entwickelt sich hin zu einer eigenständigen Literatursprache, in der sich am Ende des Mittelalters gewissermaßen »alles« ausdrücken lässt. Damit einher geht die Ausbildung einer deutschen Literatur, beginnend mit Wörterbüchern und Bibelerklärungen, über die geistliche Epik des Frühmittelhochdeutschen, die später als »klassisch« empfundenen, vielfach nachgeahmten Werke der mittelhochdeutschen Lyrik (Minnesang und Spruchdichtung) und Epik (höfischer Roman und Heldenepik), bis hin zum Schrifttum der Mystik und der geistlichen wie weltlichen Prosa des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit. Verbunden mit dem Ausgreifen auf neue Inhaltsbereiche und neue Gattungen ist die Entwicklung immer komplexerer ästhetischer Formen, die, nach den Höhepunkten der »Mittelhochdeutschen Klassik« (um 1200), im Spätmittelalter Werke von höchster poetologischer Artifizialität entstehen lässt. Dabei stehen Produktion und Rezeption der Literatur unter spezifischen, von denen der Moderne grundverschiedenen Bedingungen und sind damit gerade in ihrer Andersartigkeit gegenüber der Gegenwart von hoher Faszinationskraft.
Sprachwissenschaft
Die Sprachwissenschaft (der internationale Fachterminus lautet »Linguistik«) ist die Wissenschaft, die gesprochene und geschriebene Sprache untersucht. Sprache ist eine grundlegende Voraussetzung für Kommunikation zwischen Menschen, ob im privaten, beruflichen, wissenschaftlichen Bereich usw. Sprachforschung ist deshalb Grundlagenforschung.
Es lassen sich zwei Hauptrichtungen der Sprachwissenschaft unterscheiden: Die eine befasst sich damit, wie und wozu Sprache verwendet wird, die andere mit dem Aufbau der Sprache. Die erstgenannte Richtung stellt den kommunikativen Aspekt der Sprache in den Vordergrund. Wesentlich für das Verständnis von Kommunikation sind die Fragen, was wir tun und was wir erreichen wollen, indem wir uns bestimmter Äußerungsformen bedienen, und wie in der Kommunikation Handlungsrollen und Ziele verändert oder neue ausgehandelt werden. Dies ist der Gegenstand der linguistischen Pragmatik. Eng verbunden sind damit die Fragen, welchen konventionellen Mustern wir dabei folgen, welche sozialen Funktionen Äußerungen haben und von welchen gesellschaftlichen und anthropologischen Bedingungen und Gegebenheiten (Kultur- und Gruppenzugehörigkeit, Formalitätsgrad von Äußerungssituationen u. a.) diese abhängig sind. Diese sind Grundfragen der Soziolinguistik.
Um die Konventionen und Funktionen des Gebrauchs von Sprache beschreiben zu können, muss man ihre Struktur, also das zugrunde liegende Regelsystem, verstehen. Die Erforschung dieses Systems ist Gegenstand der zweiten Hauptrichtung. Der Aufbau der Sprache lässt sich auf verschiedenen, miteinander verwobenen Ebenen beschreiben. Diese sind: Phonetik und Phonologie (Laute, Silbenstrukturen, Intonationsmuster und deren systematische Verhältnisse und Funktionen in einer Sprache), Graphemik (Buchstaben und andere Schriftzeichen einer Sprache; Orthographie von Kultursprachen), Morphologie (Aufbau der Wörter nach Sinn- und Funktionseinheiten), Syntax (Aufbau von Sätzen und Satzgliedern, grammatische Beziehungen zwischen den Satzgliedern), Konversations- und Gesprächsanalyse (sequentieller Aufbau und Funktion von Gesprächen und Gesprächseinheiten in unterschiedlichen Kontexten), Textlinguistik (Aufbau und Funktion von Texten und Texteinheiten), Semantik (Bedeutung sprachlicher Einheiten). Fragen der zur systemaren Betrachtung quer liegenden Variation und des Wandels von Sprache sind Gegenstand der Variationslinguistik und der Sprachgeschichtsforschung. Hinzu kommen weitere, zum Teil in interdisziplinärer Zusammenarbeit entwickelte Teilbereiche wie Dialektologie, Interkulturelle Kommunikation, Lexikologie, Namenkunde, Psycholinguistik u. v. m.
Neuere deutsche Literatur
Der Gegenstandsbereich der Neueren deutschen Literaturwissenschaft (NDL) umfasst die Geschichte der deutschen Literatur von der frühen Neuzeit bzw. vom Barock bis zur Gegenwart. Die NDL versteht sich somit als historische Wissenschaft: Ein erheblicher Teil ihrer Gegenstände entstammt einer mehr oder weniger fernen Vergangenheit. Ingeborg Bachmanns Roman Malina (1971) kann ebenso zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Fragestellung werden wie Hans Jacob Christoffel Grimmelshausens Der abentheuerliche Simplicissimus Teutsch (Erstdruck 1668). In der Neueren deutschen Literatur geht es daher immer auch, wie in anderen Philologien, um die Rekonstruktion des »kulturellen Gedächtnisses« einer Epoche, also z. B. um die Analyse von Wissensformationen, Überlieferungsformen und »Speichermedien« (wie die Handschrift, das Buch oder die Bibliothek).
Die Erschließung des Vergangenen ist kein gegenwartsferner Selbstzweck. Der historische und kulturelle Vergleich zeigt, dass Konzepte wie ›Tradition‹ oder der literarische ›Kanon‹ auf einer gesellschaftlichen Konstruktion von Normalität und Konventionalität beruhen, die durch sprachliche Ordnungen (so genannte ›Diskurse‹) hergestellt werden. Die Literaturwissenschaft richtet sich folglich nicht ausschließlich auf die »Dichtung«; sie stellt auch Fragen wie beispielsweise: »Wodurch unterscheiden sich Textformen voneinander?« »Warum werden bestimmte Texte höher bewertet und überliefert (kanonisiert), andere aber nicht?« »In welchem Verhältnis stehen (literarische) Texte und Bilder zueinander, und wie verändern Bildmedien unser Verständnis von Texten?«
Basiskategorien wie z. B. Autor, Epoche, Gattung sowie verschiedene Methoden und Theoriemodelle (z. B. Diskursanalyse, Intertextualität) stellen ein ausdifferenziertes Instrumentarium zur Verfügung, mit dem diesen Fragen angemessen nachgegangen werden kann. Da im Zentrum der NDL als wissenschaftlicher Disziplin also nicht allein die Rezeption literarischer Texte, sondern die Reflexion sprachlicher und kultureller Vermittlungsprozesse steht, zeichnet sie sich schon über ihren Gegenstand und ihre Methoden durch große Aktualität aus. Diese Aktualität zeigt sich zudem in der Einbeziehung des Films und der Neuen Medien.
Sprachdidaktik
Die Aufgaben der Sprachdidaktik beruhen auf der theoretischen und empirischen Erforschung sprachlicher Gegenstände und Prozesse im Kontext von Lehren und Lernen der deutschen Sprache sowie auf der Entwicklung didaktischer Modelle für den Umgang mit Sprache im Deutschunterricht. Sprachdidaktik hat die Aufgabe, Lehramtstudierenden des Faches Deutsch / Germanistik sowohl wissenschaftlich fundiert als auch berufsbezogen Kompetenzen zu vermitteln, die auf Wissen und theoretischen Einsichten in die Struktur der Sprache beruhen. Dabei kann man heute nicht mehr davon ausgehen, dass Deutsch für alle Schülerinnen und Schüler die Erst- oder Muttersprache ist, sondern für ca. 20 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland ist Deutsch eine Fremd- oder Zweitsprache. Insofern erweitert die Didaktik der deutschen Sprache heute ihre Kompetenzen in Bezug auf den Umgang mit sprachlicher Vielfalt.
In Bezug auf das Fach Deutsch an den Schulen hat die Sprachdidaktik folgende Arbeitsbereiche: Mündliche Sprachkompetenz (Hörverstehen und Sprechen), Reflexion über Sprache (Grammatik), Texte schreiben (Aufsatzunterricht, Schreiben schulischer Textsorten) und Rechtschreiben / Orthografie. Für die ersten zwei Schuljahre kommt noch der »Anfangsunterricht im Lesen und Schreiben« hinzu. Zentrale Bezugswissenschaften der Didaktik der deutschen Sprache sind die linguistischen Disziplinen Phonologie, Graphematik, Morphologie, Syntax, Semantik und Textlinguistik sowie die Erst- und Zweitsprachenerwerbsforschung.
Literatur- und Mediendidaktik
Im Sinne einer eigenständigen und transdisziplinären Reflexions- und Handlungswissenschaft befasst sich Literatur- und Mediendidaktik mit der kulturellen Praxis des Umgangs mit Literatur und Medien in institutionellen Kontexten. Sie schafft Grundlagen für eine theoriegeleitete Literatur- und Medienvermittlung und für professionellen Literatur- und Medienunterricht.
Im Mittelpunkt steht die Rezeption von Literatur und Medien in unterschiedlichsten Formen, mithin von Texten, Hypertexten, von Film, Hörspiel, Theater und neuen Medienformen, die als je eigenständige, ästhetische und kulturelle Ausdrucksformen verstanden werden.
Literatur- und Mediendidaktik steht in einem produktiven Spannungsfeld von verschiedenen Bezugswissenschaften (wie Literaturwissenschaft, Medienwissenschaft, Filmwissenschaft, Theaterwissenschaft, Philosophie, Bildungswissenschaft, Sozialwissenschaft, Soziologie, Psychologie) und kulturell-institutionellen Rahmenbedingungen und Zielperspektiven von Bildungsinstanzen (Schule, Hochschule). Auf dieser Grundlage setzt sie sich mit Blick auf die Schulpraxis mit literatur- und mediendidaktischen Theorieentwürfen und Konzepten auseinander, wobei sie kritisch über bestehende Unterrichtspraxis hinausdenkt. Sie erforscht, analysiert und evaluiert die Rezeption von Literatur und Medien sowie den Literaturunterricht theoretisch und empirisch und entwickelt neue Modelle, Konzepte und Verfahren.
Die gemeinsame Zielperspektive der vielfältigen Forschungs- und Arbeitsbereiche der Literatur- und Mediendidaktik besteht in der beständigen Optimierung von Lehr- und Lernprozessen, in denen Subjektbezug (d. h. der Blick auf den Lernprozess der lernenden Subjekte) und Gegenstandsbezug (d. h. ‚Literatur’ und ‚Medien’) grundsätzlich zusammen gesehen werden.
Das Ziel des Studienangebots besteht darin, Studierende mit den verschiedenen Arbeits- und Forschungsfeldern von Literatur- und Mediendidaktik bekannt zu machen und sie mittel- und langfristig dazu zu befähigen, fachdidaktische Konzepte und Modelle kritisch zu erörtern sowie fachwissenschaftliche Inhalte, didaktische Konzepte und konkrete Anwendungsmöglichkeiten sinnvoll miteinander in Beziehung zu setzen.
Neuerscheinungen
TOP-Adressen
- Centrum für Rhetorik, Kommunikation und Theaterpraxis (CfR)
- Schreib-Lese-Zentrum (SLZ)
- Centrum Sprache und Interaktion (CeSI)
- Zentrum für Lehrerbildung (ZfL)
- Promotionskolleg Sprachwissenschaft
- Graduate School "Practices of Literature"
- Promotionskolleg "Literaturtheorie als Theorie der Gesellschaft"
- Fachbereich 09: Philologie

