Universitätsprofessorin Dr. Martina Wagner-Egelhaaf
Projekt: Weibliche Rede - Rhetorik der Weiblichkeit
Das Projekt verbindet Geschlechterforschung und Rhetorik und eröffnet damit für den deutschsprachigen Forschungskontext wissenschaftliches Neuland. Zum einen wird der Ort der Frau im System der Rhetorik, dem über Jahrhunderte hinweg wirkmächtigsten abendländichen Bildungsparadigma, und in der Geschichte der öffentlichen Rede untersucht ("Weibliche Rede"). Zum anderen richtet sich der Blick auf die rhetorische Konstitution von Weiblichkeit ("Rhetorik der Weiblichkeit"). Beide Frageperspektiven sind eng miteinander verbunden, weil die diskursive Repräsentation von Weiblichkeit jeweils den Rahmen setzt für die konkreten Möglichkeiten der Wortergreifung von Frauen in privaten und öffentlichen Kontexten. Damit werden die Bedingungen politischer Repräsentation als rhetorische beleuchtet und ihre Abhängigkeit von Konstruktionen der Geschlechterdifferenz aufgewiesen. Neben einer wissenschaftlichen beansprucht das Projekt also auch eine politische Relevanz: "Eine Stimme haben" beschreibt nicht nur die Prämisse rhetorischer, sondern gleichermaßen die Grundlage politischer Partizipation. Die Berücksichtigung der Kategorie 'Geschlecht' erfordert einen neuen und weitgefaßten Rhetorik-Begriff. Das Projekt greift auf Ansätze und Theoreme der 'New Rhetoric' zurück, die eine Renaissance der Rhetorik unter kulturwissenschaftlicher Perspektive eingeleitet haben. Historische Schwerpunkte sind: Rhetorik und Frauen/Weiblichkeit in der Antike, das 'Ende' der Rhetorik im 17./18. Jahrhundert und die Herausbildung der bürgerlichen Geschlechtscharaktere, Frauenbewegung und Rhetorizität um 1900, Geschlechterdifferenz und Performanz in der Gegenwart. Darüberhinaus sammeln wir Material zu folgenden Gesichtspunkten:
- Rhetorikausbildung und Geschlechterdifferenz
- Rednerinnen: historische und gegenwärtige Beispiele
- Reden von Frauen (z.B. Frauenrechtlerinnen, Frauen in öffentlichen Ämtern)
- Künstlerische und literarische Beispiele zur Geschlechterrhetorik
- Allegorie und Geschlechterdifferenz (z.B. Darstellungen der Rhetorica)
- Linguistische Forschungen zum Kommunikationsverhalten der Geschlechter
- Quellen zur gesellschaftlichen und politischen Repräsentation von Frauen
- Forschungsliteratur zu Rhetorik und Geschlechterdifferenz
- Körperrhetorik

Abbildung aus: Die Tarocchi. Zwei italienische Kupferstichfolgen aus dem XV. Jahrhundert (Cassirer, 1910: Berlin), Mantegna zugeschrieben.
Einige Texte zum Thema
- Conway, Kathryn
"Woman Suffrage and the History of Rhetoric at the Seven Sisters Colleges, 1865-1919", in: Reclaiming Rhetorica. Women in the Rhetorical Tradition, hg. v. Andrea A. Lunsford, Pittsburgh: Univ. of Pittsburgh Press 1995, 203–226. Abstract - Donawerth, Jane
"The Politics of Renaissance Rhetorical Theory by Women", in: Political Rhetoric, Power, and Renaissance Woman, hg. v. Carole Levin und Patricia Sullivan, Albany: State Univ. of NY Press 1995, 257–272. Abstract - Dyck, Joachim
"Männerherrschaft als Sprachherrschaft? Eine Kritik der feministischen Linguistik", in: Rhetorik 8 (1989), 95–105. Abstract - Fay, Elizabeth A.
Eminent Rhetoric: Language, Gender, and Cultural Tropes, Westport/Conn.: Bergin & Garvey 1994. Abstract - Gersbacher, Ursula
Körper-Rhetorik für eigen-mächtige Frauen. Die lautlose Beredsamkeit, Bonn: Verlag Beste Unternehmensführung 1989. Abstract - Grieshaber-Weninger, Christl
"Harsdörffers 'Frauenzimmer Gesprächspiele' als geschlechts-spezifische Verhaltensfibel: Ein Vergleich mit heutigen Kommunikationsstrukturen" , in: Women in German Yearbook 9 (1993), 49–70. Abstract - Hess, Ursula
"Lateinischer Dialog und gelehrte Partnerschaft. Frauen als humanistische Leitbilder in Deutschland (1500-1550)", in: Deutsche Literatur von Frauen. Vom Mittelalter bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, hg. v. Gisela Brinker-Gabler, Bd. 1, München: Beck 1988, 113–148. Abstract - Jarratt, Susan, Ong, Rory
"Aspasia: Rhetoric, Gender, and Colonial Ideology", in: Reclaiming Rhetorica. Women in the Rhetorical Tradition, hg. v. Andrea A. Lunsford, Pittsburgh: Univ. of Pittsburgh Press 1995, 9–24. Abstract - Kapp, Volker
"Zum Begriffspaar männlich/weiblich in Rhetorik und Kunsttheorie", in: Rhetorik-Forschungen. Rhetorik zwischen den Wissenschaften. Geschichte, System, Praxis als Probleme des 'Historischen Wörterbuchs der Rhetorik', hg. v. Gert Ueding, Bd. 1, Tübingen: Niemeyer 1991, 195–205. Abstract - Kotthoff, Helga
"Geschlecht als Interaktionsritual?", in: Erving Goffman: Interaktion und Geschlecht, hg. v. Hubert A. Knoblauch, Frankfurt/Main, New York: Campus 1994, 159–194. Abstract - Lunsford, Andrea A. (Hg.)
Reclaiming Rhetorica: Women in the Rhetorical Tradition, Pittsburgh: Univ. of Pittsburgh Press 1995.Abstract - Paxson, James J.
"Personification's Gender", in: Rhetorica. A Journal of the History of Rhetoric 16/2 (1998), 149–179.Abstract - Ploil, Oja
Mundwerk. Ein Handbuch der Rhetorik für Frauen, Nürnberg: Aleanor 1990. Abstract - Schade, Sigrid, Monika Wagner, Sigrid Weigel
Allegorien und Geschlechterdifferenz, Köln: Böhlau 1994. Abstract - Schoenthal, Gisela
"Feministische Rhetorik", in: Historisches Wörterbuch der Rhetorik, hg. v. Gert Ueding, Bd. 3, Tübingen: Niemeyer 1996, 238–243. Abstract - Tannen, Deborah
Du kannst mich einfach nicht verstehen. Warum Männer und Frauen aneinander vorbeireden, München: Goldmann Verlag 1993. Abstract - Wagner, Joanne
"'Intelligent Members or Restless Disturbers': Women's Rhetorical Styles, 1880-1920", in: Reclaiming Rhetorica. Women in the Rhetorical Tradition, hg. v. Andrea A. Lunsford, Pittsburgh: Univ. of Pittsburgh Press 1995, 185–202. Abstract
Tagung: "Weibliche Rede - Rhetorik der Weiblichkeit"
Münster 23.-25.07.2001
Mit dieser wissenschaftlichen Tagung war ein Austausch des Projekts mit WissenschaftlerInnen intendiert, deren Arbeiten im Feld der Gender- und Rhetorikforschung sich methodisch und thematisch an die Fragestellungen des Projekts anschließen. Eingeladen waren ReferentInnen aus verschiedenene Fachdisziplinen, deren Arbeiten innovative Impulse für die Erforschung des Zusammenhangs zwischen der Rhetorik als Disziplin, System und Diskurs einerseits und der Rhetorik der Geschlechter andererseits gaben.
Sektionen:
I. Rhetorik - Macht - Bildung
II. Figur(ation)en weiblicher Rede
III. Actio - Stimme - Körper
IV. Repräsentation
Tagungsband:
Weibliche Rede - Rhetorik der Weiblichkeit. Studien zum Verhältnis von Rhetorik und Geschlechterdifferenz, hg. v. Doerte Bischoff und Martina Wagner-Egelhaaf, Freiburg i.Br.: Rombach, 2003.

Sommerschule: Rhetorik & Geschlechterdifferenz
an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster
9. - 20. August 2004
Dr. Doerte Bischoff
Prof. Dr. Martina Wagner-Egelhaaf
Germanistisches Institut - Abteilung Neuere deutsche Literatur
Domplatz 20 - 22
48143 Münster
Tel.: 0251/83-24430
Aus der Sommerschule hervorgegangen ist der Band
- Mitsprache, Rederecht, Stimmgewalt. Gender-kritische Strategien und Transformationen der Rhetorik, hg. v. Doerte Bischoff und Martina Wagner-Egelhaaf, Heidelberg: Universitätsverlag Winter, 2006.

Aus dem Projekt hervorgegangene Publikationen
- Weibliche Rede - Rhetorik der Weiblichkeit. Studien zum Verhältnis von Rhetorik und Geschlechterdifferenz, Freiburg i. Br.: Rombach, 2003 (zus. mit Doerte Bischoff).
darin - Bischoff, D., M. Wagner-Egelhaaf, "Einleitung", 9–40.
- Wagner-Egelhaaf, M., "Rhetorik - Macht - Bildung. Einführung", in: Doerte Bischoff, M. W.-E., Weibliche Rede - Rhetorik der Weiblichkeit, 43–50.
- Bischoff, D., "Die schöne Stimme und der versehrte Körper: Ovids Philomela und die eloquentia corporis im Diskurs der Empfindsamkeit", 249–281.
- Bischoff, D., "Repräsentation", 353–364.
- Zus. m. Doerte Bischoff und Stephanie Kratz: "Weibliche Rede - Rhetorik der Weiblichkeit. Ein kulturwissenschaftliches Forschungsprojekt", in: Annette Mönnich (Hrsg.), Rhetorik zwischen Tradition und Innovation, Sprache und Sprechen Bd. 36, München, Basel: Reinhardt Verlag, 1999, 25–34.
- Mitsprache, Rederecht, Stimmgewalt. Gender-kritische Strategien und Transformationen der Rhetorik, hg. v. Doerte Bischoff und Martina Wagner-Egelhaaf, Heidelberg: Universitätsverlag Winter, 2006.
darin: - Bischoff, D., M. Wagner-Egelhaaf, "Mitsprache, Rederecht, Stimmgewalt. Genderkritische Perspektiven und Transformationen der Rhetorik. Einleitung", 9–32.
- Bischoff, D., "Legendäre Begabung, verstümmelte Geschichte: Die Heilige Katharina und die Redekunst", 255–279.
- Wagner-Egelhaaf, M., "'Deutschland, bleiche Mutter'. Ist die Nation (immer noch) eine Frau?", 231–254.
- "Sirenengesänge. Mythos und Medialität der weiblichen Stimme", in: Annette Simonis, Linda Simonis (Hgg.), Mythen in Kunst und Literatur, Köln, Weimar, Wien Böhlau 2004, 383–403.
Aktuelle Publikationen (in Vorbereitung)
- "Einspruch! Reden von Frauen" (zusammen mit Lily Tonger-Erk, erscheint 2010 im Reclam Verlag)
- Redaktion des Rhetorik-Jahrbuchs 2010 zum Thema 'Rhetorik und Gender' (zusammen mit Doerte Bischoff)
Links
Diotima - Datenbank mit Materialien zu Frauen und gender in der Antiken Welt<
Rhetorik im Internet: Linkverzeichnis des Seminars für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen

