Zielgruppennavigation: 


XII. Kongress der IVG,

Vielheit und Einheit der Germanistik weltweit

30. Juli – 07. August 2010, Warschau


 
Sektion 60: Autofiktion. Neue Verfahren literarischer Selbstdarstellung

Leitung: Wagner-Egelhaaf, Martina (Münster, Deutschland)
Ko-Leitung: Gray, Richard (University of Washington, Seattle; USA); Czajka-Cunico, Anna (Genua, Italien)

Autofiktion. Neue Verfahren literarischer Selbstdarstellung

Dass die ‚Wahrheit’ eines Lebens am besten durch ‚Dichtung’ zur Darstellung gebracht werden kann, wissen wir bereits seit Goethes Dichtung und Wahrheit (1811-1833), dem Referenztext der germanistischen Autobiographiediskussion. Auch hat die neuere Forschung gesehen, dass das Moment der Fiktion in jeder Selbstdarstellung am Werk ist, sei es in Gestalt von Idealisierungen, von Auslassungen, aber auch bereits in der Textkonstruktion als solcher, die Zusammenhänge herstellt und Deutungen vornimmt. Gleichwohl konnte sie davon ausgehen, dass ein autobiographischer Text anderen Spielregeln folgt als ein fiktionaler Text und Autobiographinnen und Autobiographen zumindest um ‚Wahrscheinlichkeit’ bemüht sind. Nun tauchen aber zunehmend Texte auf, die sich nicht mehr an den Unterschied von Autobiographie und Fiktion halten. So findet sich in autobiographischen Texten Phantastisches, offensichtlich Erfundenes und literarisch Ausgestaltetes wie umgekehrt in Romanen ganz ungebrochen Autobiographisches eingebaut wird, etwa in Form von realen Personen oder der Verwendung von Namen realer Personen. Auch sind gänzlich neue Formen autobiographischen Schreibens zu verzeichnen, die etwa auf Vermischung von Textgenres setzen. Lassen sich die neueren Entwicklungen mit dem von Serge Doubrovsky in die Diskussion gebrachten, aber in der Forschung weitergedachten Begriff der ‚Autofiktion’ fassen? Oder gilt es nicht vielmehr das Diktum von Paul de Man, entweder sei jeder Text autobiographisch oder keiner, neu zu bedenken? In der Sektion sollen ebenso Beispiele für neue autobiographische bzw. autofiktionale Verfahrensweisen diskutiert wie die Theoriedebatte über das Autobiographische weitergeführt werden. Im inter- und transnationalen Austausch sollen Kompatibilität und Differenz theoretisch-methodischer Zugänge zum Thema ‚Autobiographie’/’Autofiktion’ kritisch reflektiert werden.

ReferentInnen und Beiträge:

1. Herr Prof. Dr. Eric Achermann (Westfälische Wilhelms-Universität, Münster, Deutschland)

Auto-Kreter: Aporien der Selbstdarstellung

Wer sein Leben aufzuschreiben beabsichtigt, stellt sich einer Reihe von Entscheidungen, die sich als aporetisch entpuppen. So sieht sich der Verfasser gezwungen, zwischen einem auktorialen Ich und einem empirischen Ich, zwischen einer Zeit der Erinnerung und einer erinnerten Zeit, zwischen einer biographischen Kausierung des Autors und einer auktorialen Kausierung der Protagonisten u.v.a.m. zu unterscheiden. Der Vortrag versucht, Aporien und Bewältigungsstrategien analytisch zu erfassen und deren Potential hinsichtlich der Fiktionalität der Texte zu erwägen.


2. Frau Dr. Inge Arteel (FWO-Vlaanderen/Vrije Universität Brüssel, Belgien)

Subjektivität und Ästhetik in Gerhard Roths Autobiografie Das Alphabet der Zeit

Mit Das Alphabet der Zeit hat Gerhard Roth eine umfangreiche Autobiografie der ersten 20 Jahre seines Lebens vorgelegt. Das Buch präsentiert den Werdegang des jungen Roth als ästhetisch äußerst sensibler und aufmerksamer Person. Die Realität wird von dem Kind und dem Jugendlichen Roth stets als ästhetisch vermittelt wahrgenommen. Der Vortrag verknüpft Das Alphabet der Zeit mit den neuesten Entwicklungen der Autofiktionstheorie und mit Roths Romanzyklus Orkus.


3. Herr Stephan Berghaus M.A. (Westfälische Wilhelms-Universität, Münster, Deutschland)

Ortsbegehung. Räumliche Selbstbegründungsstrategien bei W.G. Sebald

Ausgehend von der Fiktionalität jeglichen Ich- bzw. Weltbezugs, rücken Räume/Orte als wesentliche Referenzdimension des (autofiktionalen) Subjekts ins Blickfeld. Sebalds Texte sind dabei insofern bedeutsam, als sie die Struktur der Subjektbegründung in kontinuierlichen Raumbezügen aufzulösen scheinen. Zugleich wird jedoch die Konstruktion der Räume als Verfahren der Bedeutungsgebung und Selbstverortung sichtbar gemacht.


4. Frau Dr. Lorella Bosco (Universität Bari, Italien)

„Written on the body“. Emmy Hennings und die autobiographischen Entwürfe der weiblichen Avantgarde

Bei Emmy Hennings wird Autobiographie zum Experimentierfeld eines radikalen avantgardistischen Projekts. Durch ihre vielseitige künstlerische Tätigkeit versucht E. Hennings, sich selbst neu zu entwerfen und Selbstdeutungen und Rollen zu erfinden und auszuprobieren. Autobiographische Erfahrungen werden somit zu einer Konstruktion verarbeitet, die in einem dritten Raum zwischen ‘biographischer Wahrheit’ und Fiktion angesiedelt ist. Das künstlerische Schaffen lässt sich daher als autobiographischer Gestus deuten – und umgekehrt.


5. Frau Dr. Yvonne Delhey (Radboud Universiteit Nijmegen, Niederlande)

Ilija Trojanow und das ‚self fashioning’

Ausgangspunkt ist das Werk des deutschen Autors Ilija Trojanows. Um seinen Roman Der Weltensammler entwirft er ein dichtes Netz an Themen, Erfahrungen, Wahrnehmungen und Meinungen, die in ihrer kulturellen Vielseitigkeit eine der reizvollsten Autorpositionen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur bilden.


6. Herr Prof. Dr. Yahya Elsaghe (Universität Bern, Schweiz)

Von Eugen Brecht zum „armen B.B.“

Vom armen B.B. läßt sich als Paradebeispiel geglückter Autofiktion lesen: Psychoanalytisch als Modellfall eines Freudschen ‚Familienromans’, literaturgeschichtlich als Abwehr einer anxiety of influence, mentalitätsgeschichtlich als kalkulierter Teil und Ausdruck einer Strategie, sich nach den Vorgaben eines ganz bestimmten und genau bestimmbaren Persönlichkeitsmodells zu inszenieren, wie es in den Zwanzigerjahren unter die deutschen Intellektuellen gelangte.


7. Frau Marta Famula M.A. (Universität Bamberg, Deutschland)

„Die Geschichte meiner Stoffe“. Literarische Umsetzung erkenntistheoretischer Fragen in Friedrich Dürrenmatts autobiographischem Projekt Stoffe I-IX

Mit dem 1981 und 1990 erschienenen autobiographischen Projekt Stoffe I-IX formuliert Dürrenmatt den Anspruch an das autobiographische Schreiben neu. Er präsentiert seine Denk- und Schaffensprozesse als Referenz seines Lebens und manifestiert dabei den ontologischen Charakter der Kunst im Zentrum seines ästhetischen Selbstverständnisses. Im Rahmen dieser Poetik erfährt sowohl der epistemische Anspruch literarischer Texte als auch das Wesen der Fiktion neue denkerische Dimensionen.


8. Herr Prof. Dr. Helmut Galle (Universität São Paulo, Brasilien)

Joachim Fest, Günter Grass, Martin Walser – nichts als Fiktionen?

Anhand der Autobiographien von J. Fest und G. Grass sowie des Romans Ein springender Brunnen von M. Walser soll der Frage nachgegangen werden, inwiefern Gattungsbestimmungen wie ‚Autobiographie’ und ‚Roman’ noch sinnvoll sind. Arbeitshypothese ist, dass auch in der Gegenwarts¬literatur der von Lejeune entwickelte rezeptionelle Rahmen seine Gültigkeit hat.


9. Herr Prof. Dr. Klaus F. Gille (Universität Amsterdam, Universität Leiden, Universität Utrecht, Niederlande)

Lenzens Werther

Der Beitrag untersucht die auf Goethes Werther bezüglichen autobiographischen Texte von J.R. M. Lenz als Autofiktionen. Lenz verwendet Goethes Romantext, allerdings in sehr eigenwilliger (Um)Deutung,  als Anleitung und Deutungsmuster des eigenen Handelns, mit dem Ziel für sich und seine Leser lebenspraktische Orientierung und Identitätsgewinnung zu ermöglichen. Damit klinkt sich Lenz in eine altehrwürdige Tradition der "Lektürepraktiken und literarischen Selbstkonstitution" (Christian Moser 2006) ein.


10. Prof. Dr. Wolfgang Hackl (Universität Innsbruck, Österreich) und Prof. Dr. Wolfgang Wiesmüller (Universität Innsbruck, Österreich)

Ich-Konzepte / Autofiktion in der Briefkultur des 19. Jahrhunderts. Am Beispiel des Briefwechsels von Adalbert Stifter

Im Zusammenhang mit der Kommentierung der Briefe Adalbert Stifters im Rahmen der historisch-kritischen Stifter-Ausgabe wird der Brief auch als Medium der Autofiktion in Betracht gezogen. Es wird darum gehen, den Briefschreiber Stifter mit seinen Selbststilisierungen und Rollenfixierungen – u.a. in Geschäftsbriefen an seinen Verleger, in Amtsbriefen, in Briefen über Kunst, Bildung und Gesellschaft sowie in seinen privaten „Herzens- und Freundschaftsbriefen“ – zu rekonstruieren und im Kontext der Briefkultur des 19. Jahrhunderts zu reflektieren.


11. Herr Dr. Roman Halfmann (Katholische Universität Lublin, Polen)

Darsteller, Regisseur und Kritiker: Thomas Bernhards Trias – Ein biographischer Versuch in Zeiten der Postmoderne

Thomas Bernhard etabliert bewusst eine Selbstschöpfung, durch welche das Individuum sich nachträglich entwirft und zugleich vorausdeutet. Bernhards Deutungen sind daher weniger Zeugnisse einer Verfälschung, sondern Ausdruck der Verschiebungen, die das Selbstverständnis und damit auch die Biographik im Zuge der Postmoderne erfahren haben: Autobiographie wird so zu einer selbst erfüllenden Prophezeiung und einem Theaterstück, in Darsteller, Regisseur und Kritiker zusammenfallen.


12. Frau Prof. Dr. Eriko Hirosawa-Ishida (Meiji University Tokyo / School of Commerce, Japan)

Primat der Erinnerungen – Marginalisierung des Autors. Zum Verhältnis zwischen Psychoanalyse und Autobiographie im Hinblick auf das Konzept ‚Autofiktion’

Seit Freud haben mehrere Psychoanalytiker/innen autobiographische Texte veröffentlicht. In meinem Vortrag sollen anhand einiger exemplarischer Texte der ersten Generation (Freud, Lou An-dreas-Salomé, C. G. Jung u. a.) Momente der Marginalisierung des Autors aufgearbeitet werden. Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf die Inszenierung der Erinnerungen als Fremdkörper im Ich gerichtet. Es wird diskutiert, inwieweit die Selbstdarstellungen dieser Autorinnen und Autoren hinsichtlich des Umgangs mit dem Unbewussten zur heutigen Debatte über das Konzept ‚Autofiktion’ beitragen können.


13. Herr Prof. Dr. Juris Kastins (Universität Lettlands, Riga, Lettland)

„Das märchenhafte Maskenspiel von einer alten Diva bis zum Bibelvater“. Autofiktion bei Hans Magnus Enzensberger und Günter Grass

Das Referat behandelt die Erzählung von H. M. Enzensberger Josefine und ich und die letzten zwei Romane von G. Grass Beim Häuten der Zwiebel und Die Box. Besonders interessant ist das im Titel erwähnte “Maskenspiel“ in der Figur der alten „Operndiva“ Josefine, hinter der die Ansichten des Autors über Gesellschaft, Kunst und modernes soziales Leben präsentiert werden. Das Versteckspiel zwischen der ‚Maske‘ und den offensichtlich publizistischen Gedanken von Enzensberger steht im Fokus der Analyse.


14. Herr Innokentij Kreknin M.A. (Westfälische Wilhelms-Universität, Münster, Deutschland)

Transmediale Beglaubigungen – das Internet und seine Spielorte des Autofiktionalen

An Beispielen aus der deutschen Gegenwartsliteratur soll aufgezeigt werden, inwieweit neue Medientechniken autofiktionale Textverfahren begünstigen. Autoren wie R. Goetz oder J. Lottmann setzen Elemente ein, die sowohl in literarischen als auch ‚außerliterarischen’ Kon¬texten Verwendung finden und als übergreifende ‚operative Fiktionen’ die Trennung von fiktionaler und faktualer Referenzialisierung unterlaufen. Versuche, Selbstpoetiken zu erschaffen, die sowohl in der ‚Literatur’ als auch im ‚Leben“ ihre Gültigkeit behaupten, werden im Beitrag systematisch dargestellt.


15. Frau Dr. Tatjana Kuharenoka (Universität Riga, Lettland)

Russische Erinnerungen in der Autobiografik von Lou Andreas-Salome

Der Vortrag befasst sich mit Texten von Lou Andreas-Salome, die in verschiedenen Varianten die autobiographische Problematik durchspielen. Es wird auf die Problemkomplexe des autobiographischen und des kulturellen Gedächtnisses eingegangen. Das Russland-Thema, das in unterschiedlichen Kontexten und Kombinationen Andreas-Salomes Texte  durchzieht, tritt als neue Form der Selbstthematisierung und als Versuch auf, eigene Vergangenheit sowohl zu rekonstruieren als auch zu modifizieren.


16. Herr Prof. Dr. Albert Meier (Christian-Albrechts-Universität, Kiel, Deutschland)

Fiktionalität und Persönlichkeit im Widerstreit: Pornographischer ‚Realismus’ bei Nikolai Herbst und Maxim Biller

Vielfach werden derzeit Romane zum Gegenstand juristischer Auseinandersetzungen, weil sich lebende Personen durch ihre Wiedererkennbarkeit im literarischen Medium in ihrem Persönlichkeitsrecht verletzt gesehen haben (meist im Zusammenhang des Sexualverhaltens). An Alban Nikolai Herbsts Meere und Maxim Billers Esra soll zum einen der Widerstreit von juristischem und poetologischem Diskurs reflektiert werden; zum anderen gilt es die Konsequenzen dieses Widerstreits für einen aktuellen Begriff des ‚realistischen’ Schreiben zu untersuchen.


17. Frau Prof. Dr. Jutta Müller-Tamm (Freie Universität Berlin, Deutschland)

Das bin doch nicht ich. Autofiktionale Strategien in der Gegenwartsliteratur

Der Vortrag analysiert Formen der Autofiktion, bei denen fiktionales und faktuales Erzählen nicht als entgegengesetzte Pole narrativer Möglichkeiten eingesetzt werden, sondern als sich wechselseitig bestätigende und verstärkende Spielformen eines in verschiedenen Dimensionen angesiedelten autofiktionalen Raums. Die Referenz auf Wirklichkeit wird hier zum Mittel metafiktionaler Selbstbespiegelung, mithin zum Bestandteil des Fiktionalisierungsprozesses. Derartige Strategien sollen für eine Abgrenzung der Autofiktion gegenüber dem autobiographischen Roman fruchtbar gemacht werden.


18. Frau Dr. Caroline Roeder (Westfälische Wilhelms-Universität, Münster, Deutschland)

Kindheits-Landschaften. Auf der Suche nach autobiographisch erinnerten Orten

Der Blick richtet sich auf literarisch gefasste Kindheitslandschaft(en), fokussiert auf autobiographiebasierte Schauplätze unter dem Aspekt topographisch markierter Kindheitserinnerung. Bei diesem Ortstermin wird der Bogen von allgemein- bis zu kinder- und jugendliterarischen Texten gespannt und reicht von den Berliner Kindheits-Panoramen Walter Benjamins über die kaschubischen Felder Günter Grass’ bis zu Peter Härtlings Fluchtwegen.


19. Frau Prof. Dr. Annette Runte (Universität Siegen, Deutschland)

Autofiktion oder Dekonstruktion ? Postmoderne Geschichten zum ‚Geschlechtertausch’

Die doppelte Autorschaft populärer Transsexuellen-Autobiographik verlagert das Problem der Authentizität und Referentialität derartiger Sandwich-Viten auf jenes ihrer symptomatischen Lesbarkeit. Anhand des diskurshistorischen und interkulturellen Vergleichs fingierter sowie fiktionalisierter Ego-Dokumente ‚transidentischer’ Personen mit postmodernen Parodien soll das dekonstruktive Potential von Autofiktion und deren Simulation auf narratologischer wie rhetorischer Ebene untersucht werden.


20. Frau Prof. Dr. Beatrice Sandberg (Universität Bergen, Norwegen)

Unter Einschluss der Öffentlichkeit

Das autobiographische Schreiben eröffnet Möglichkeiten reflektierend-stilistischen Spiels im Raum des Meta-Autobiographischen. Wie kommt es, dass viele Schreibende hemmungslos die Grenzen der Intimsphäre überschreiten und Privates der Öffentlichkeit preisgeben? Welche Rolle spielen Digitalisierung und Grenzverwischungen innerhalb der Gattungen auf produktionsästhetischer Seite? Welche der zeitliche Abstand oder die Unkenntnis des autobiographischen Umfelds auf der Leserseite?


21. Frau Christina Schäfer (Universität Berlin, Deutschland)

Die Autofiktion und das Einbrechen der Wirklichkeit in den Roman. Ulrich Peltzers Bryant Park (2002) und Alain Robbe-Grillets La Reprise (2001)

Hat die Autofiktion die Autobiographie zur Fiktion hin geöffnet, so fokussieren neuere Romane gerade umgekehrt die Verankerung der Fiktion in der ‚autobiographischen’ Wirklichkeit. Die Unabweisbarkeit des Realen ist diesen Texten selbst eingeschrieben: Eine Katastrophe, die dem Autor beim Schreiben widerfährt, bricht unvermittelt in die Fiktion ein, schlägt sich auf der Handlungsebene nieder. Es fragt sich, inwiefern solche Selbsteinschreibungen des Autors in den Roman spezifisch autofiktional sind.


22. Herr Dr. Klaus Schenk (Universität Konstanz, Deutschland)

Autofiktion bei Christa Wolf: Nachdenken über Christa T. und Kindheitsmuster

Die literarische Erinnerungsarbeit, wie sie Christa Wolf bereits in Nachdenken über Christa T. und später in Kindheitsmuster inszeniert, trägt deutlich autofiktionale Züge. Vor allem in Kindheitsmuster wird eine Erinnerungskonzeption als Maskenspiel entworfen, die in ihrer autofiktionalen Dimension eine Fremdheit der Kindheit als Anderem gegenüber offen legt. In folgendem Beitrag sollen literarisch-ästhetische, aber auch historisch-politische Aspekte von Autofiktion in der Erzählweise von Christa Wolf untersucht werden.


23. Herr Dr. Christoph Schmitt-Maass (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Deutschland)

„Verwörterung“ – „Zeitgenossenschaft“ – „Lebensschreibung“: Die Geburt der Autofiktion aus dem Geist der Ethnopoesie bei Hubert Fichte, Hans Christoph Buch und Michael Roes

Welche Relevanz eignet dem Subjektdiskurs in ethnopoetischen Texten der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur? Handelt es sich um eigenmotivierte Fremdforschung oder werden mit Hilfe des erschriebenen Subjekts die Risiken eines Misslingens der „Ich-Findung“ inszenierbar? In der Analyse erweist sich die Schrift Hubert Fichtes, Hans Christoph Buchs und Michael Roes’ als determiniert durch die jeweils erforschte Kultur: Synkretismus, Kreolismus und Hybridität kreisen um ein „centre vide“ (Roland Barthes).


24. Frau Dr. Julia Schöll (Universität Bamberg, Deutschland)

Vorlesungen des Ich. Die Poetikprofessur als neue autofiktionale Gattung

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts avanciert die Poetikprofessur zur neuen autofiktio¬nalen Gattung und zu einem zentralen Medium des auktorialen Self-fashioning. Dieser Entwicklung geht der Vortrag anhand dreier Generationen von Autorinnen und Autoren nach: Von Ingeborg Bachmann, die als erste deutsche Poetikprofessorin bewusst vom Autobiographischen abstra¬hiert, über die folgende Generation (u.a. Adolf Muschg, Elisabeth Borchers, Uwe Timm), die Autorschaft auf autofiktionalem Wege als auctoritas rehabilitiert, bis hin zur jüngsten Generation, etwa Andreas Meier oder Daniel Kehlmann, die das auktoriale Ich im Sinne des Poststrukturalismus selbstironisch inszeniert und dekonstruiert.


25. Herr Dr. Hamid Tafazoli (University of Washington, Seattle, USA)

Erinnerung und kollektives Gedächtnis in Grass’ autobiographischen Schriften

Gedächtnis und Erinnerung sind in der Autobiographik von besonderer Bedeutung. Beim Sich-Erinnern führt das Subjekt von der Gegenwart aus das Vergangene vor Augen. Der Vorgang des Erinnerns stellt im Erzählen einen Willensakt dar, der selbst von dem mechanischen Vermögen des Gedächtnisses abhängt. Am Beispiel Grass’ ist zu fragen, inwieweit sich das kollektive Gedächtnis in autobiographischen Schriften widerspiegelt und auf welche Weise Erinnerung betrieben wird.


26. Frau Jeanine Tuschling (University of Warwick, Warwick, Großbritannien)

„Ruhe. Jetzt spreche ICH“. Autofiktionale Erzählstrategien in Elfriede Jelineks Internetroman Neid
Jelinek zeigt den Autor im Zeitalter der Medien als eine Ware, die sein Ich in widersprüchliche Biografeme auflöst, ihn aber als soziale Fiktion der Celebrity gleichzeitig vergrößert. Der Vortrag soll mit Hilfe von literatursoziologischen und autobiografietheoretischen Ansätzen eruieren, inwiefern man Jelineks Schreibstrategie als Tendenz in der Gegenwartsliteratur sehen kann und welche Schlussfolgerungen sich daraus für den Autobiografiediskurs ziehen lassen.


27. Frau Alexandra Wagner M.A. (HU Berlin, Deutschland)

Genre matters – Zur Bedeutung des Genrebegriffs für die Autobiographieforschung
Ein funktionaler Genrebegriff und die Beschäftigung mit gattungstypischen Sprechpositionen und Autorisierungsstrategien sind für autobiographische Erzähler und die Theorie des Genres relevant. Wenn also die narrative Darstellung und Verhandlung gelebten Lebens genrespezifisch ist und historisch variable Erzählkonventionen als Rahmen für Produktion und Organisation von Wissen dienen, ist nach dem Verhältnis von Erzählen und Wissen unter diesen genrespezifischen Bedingungen zu fragen.


28. Herr PD Dr. Daniel Weidner (Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, Berlin, Deutschland)

Authentische Fiktion und fingierte Authentizität. Autofiktion bei Uwe Johnson und Walter Kempowski

Gegenwärtig ist Autorschaft zu einer postmodernen Maske geworden, hat aber nach wie vor eine zentrale Funktion auf dem literarischen Markt. Der Beitrag untersucht die Auseinandersetzung der Gegenwartsliteratur mit dieser Situation anhand der Selbstfiktionalisierungen in Uwe Johnsons späten Texten und des Spiels mit der Authentizitätserwartung in Walter Kempowskis veröffentlichten Tagebüchern.


29. Herr Prof. Dr. Markus Winkler (Universität Genf, Schweiz)

Beim Häuten der Zwiebel: zu Günter Grass’ autobiographischer Verfahrensweise

Grass akzentuiert den Anteil des Fiktiven an der autobiographischen Verfahrensweise. Diesem Zweck dienen die metaphorische Leitvorstellung des Häutens der Zwiebel, die Betonung der Schwierigkeit, Sequenzen der eigenen Biographie von ihrer Verarbeitung in der Blechtrommel zu unterscheiden, die Profilierung literarischer Modelle und die Märchen-Parodie in der Darstellung des Durchbruchs zum literarischen Erfolg. Mit solchen Mitteln wird jedoch nicht nur die autobiographische Erinnerung problematisiert, sondern auch der Weg zur Positionierung im literarischen Feld reflektiert.

Weitere Informationen unter: http://www.ivg.uw.edu.pl/

Ablaufplan der Sektion 60:

 



Impressum | © 2009 Germanistisches Institut
Germanistisches Institut
Hindenburgplatz 34 · D-48143 Münster
Tel.: +49 251 83-24639 o. 83-24621 · Fax: +49 251 83-24600
E-Mail: