Universitätsprofessorin Dr. Martina Wagner-Egelhaaf
Projekt: Autorschaft als Skandal
Ein Projekt im Rahmen des Exzellenzclusters "Religion und Politik in den Kulturen der Moderne und der Vormoderne".
Das Projekt ist Teil der 'AG Autorschaft' im Exzellenzcluster
Mitarbeiter/innen:
Carina Wobbe
Dr. Christian Sieg
Matthias Schaffrick
Innokentij Kreknin
Projektbeschreibung
Das Projekt geht von der Beobachtung aus, dass Literaten in der Gegenwart häufig dann in das öffentliche Bewusstsein bzw. die Aufmerksamkeit der Medien geraten, wenn sie im Mittelpunkt eines Skandals stehen. Zu erinnern ist an die Todesdrohung islamistischer Fundamentalisten gegen Salman Rushdie nach der Veröffentlichung seines Buches Die satanischen Verse (1988), den Skandal um Martin Walser im Rahmen der Walser-Bubis-Debatte Ende der 1990-er Jahre, die geplante Verleihung des Heine-Preises an Peter Handke, der mit seiner Verteidigung des serbischen Präsidenten Miloševics Anstoß erregt hatte, oder aber Günter Grass' spätes Eingeständnis in seiner Autobiographie Beim Häuten der Zwiebel (2006), als Jugendlicher einer Einheit der Waffen-SS angehört zu haben.
Die Reihe dieser Literaturskandale, die durch andere Beispiele ergänzt werden könnte, ruft die Frage nach der politisch-gesellschaftlichen Funktion des Autors in der Gegenwart, aber auch in zurückliegenden Epochen auf. In der Antike, der Renaissance sowie im Zeitalter der Klassik und der Romanik war Autorschaft mit dem Index des Göttlichen belegt: Als von den Göttern inspirierter Seher und Prophet, dessen (an die Grenzen des Wahnsinns reichendes) Genie ihn als anderen Regionen als denen der gewöhnlichen Sterblichen zugehörig auswies, machte den Autor bis in die Urheberrechtsdiskussion hinein zu einem dem göttlichen Schöpfer nachempfundenen 'Schöpfer' eigenen Rechts - bis die poststrukturalistische Theoriebildung ihn in den 60-er Jahren gleichsam entthronte. Roland Barthes' Essay "La mort de l'auteur" (1968) depotenziert den Autor zugunsten des Textes, der im Zeichen der 'Schrift' (Jacques Derida) die alte religiöse Dimension des Autors zu beerben scheint. Trotz der poststrukturalistischen Toterklärung ist der Autor nicht von der Bildfläche verschwunden. So hat man in den 90-er Jahren von einer Wiederkehr, ja gar der Wiederauferstehung des Autors gesprochen. Und ganz offensichtlich braucht auch der literarische Markt den Autor. Dicherlesungen, Interviews und Portraits im Feuilleton, Fotos vom Autor auf dem Buchcover helfen nach wir vor, Bücher zu verkaufen und deren Inhalt an eine Person rückzubinden. Die anhaltende Präsenz des Autors als Instanz ist im übrigen kein Wiederspruch zur von Barthes und Michel Foucault vorgetragenen Autorkritik, vielmehr wird sie mit ihren Erklärungsansätzen analysier- und in ihrer gesellschaftlich-politischen Funktion verstehbar.
Vor diesem Hintergrund fragt das Projekt 'Autorschaft als Skandal' nach den Funktionen, die Autorschaft in der Gegenwart erfüllt, einer Zeit, in der die Literatur massive Konkurrenz durch andere Medien erhalten hat. In diesem Zusammenhang kommt den Skandalen um Autoren und Autorinnen besondere Bedeutung zu. Skandale sind (meist schnell vorübergehende) Störungen der Ordnung, in denen etwas aufbricht, das gleichsam die Restabilisierung der Ordnung ermöglicht. Das Projekt geht der Frage nach, welcher Art diese Störungen sind. Handelt es sich vor allem um Störungen des politisch-gesellschaftlichen Betriebs oder spielt dabei auch die religiöse Dimension, die das Autorbild jahrhundertelang geprägt hat, eine verborgene Rolle? Die Hypothese des Projekts lautet, dass über den Skandal der Autorschaft das in der kulturellen Autorinstanz abgelagerte, dem modernen Bewusstsein in der Regel nicht mehr präsente religiöse Potenzial aufbricht und seine subkutane politische Virulenz ausspielt. Dieser These arbeitet die Wortgeschichte des 'Skandals' zu, die das Substantiv 'skandalon' (ursprünglich, 'Stellholz in der Tierfalle') erstmals in der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, der Septuaginta bezeugt (Ps. 119, 165; Ps. 140, 6; 1. Samuel 18, 21, u.a.), wo es für den 'Abfall von Gott' gebraucht wird. In der Bedeutung 'Hindernis auf dem Weg', 'Anstoß' wird es in spätrömischer Zeit zum künstlerischen Merkmal der sog. 'skandalistes', komische Bühnenfiguren, Theater-Akrobaten, Zauberkünstler, die einander durch Beinstellen oder andere Tricks zu Fall bringen. Neutestamentlich wird aus dem 'Stein des Anstoßes' der 'Eckstein' des Glaubens (z.B. Gal. 5,11), der Kreuzestod Christi, der als skandalon des Christentums den "Abfall von Gott" rückgängig macht.
Das Projekt versucht, schwerpunktmäßig literarische Skandale der Gegenwart im Hinblick auf das in ihnen wirksame Zusammenspiel von (verkappter) religiöser und zumeist offen liegender politisch-gesellschaftlichen Dimension zu analysieren. Zwei miteinander verbundene Untersuchungsinteressen sind projektleitend: Erforscht wird zum einen die diskurskritische Rolle und Funktion des Autors in der gegenwärtigen Medienkultur insbesondere im Hinblick auf das der Autorinstanz zugrunde liegende Zusammenspiel politischer und religiöser Aspekte. Im Modellfall des um einen Autor zentrierten Skandals wird zum anderen jene gesellschaftliche Ordnung, die der Skandal stört und wieder einsetzt , und die offensichtlich exponierte Personen braucht, in ihrer religiösen und politischen Fundierung kritisch in den Blick genommen. Dass diese exponierten Personen, wenn sie Opfer eines Skandals werden, leicht in die Position des Märtyrers geraten, unterstreicht einmal mehr ihre religiöse Imago. Das Thema wird auch unter der Perspektive der Geschlechterdifferenz diskutiert, denn das Bild der Autorin ist ein anderes als das des Autors, zumindest bildet es sich phasenverschoben heraus. Nicht ohne Grund haben sich Feministinnen gegen den 'Tod des Autors' gewehrt, weil er zu einem Zeitpunkt proklamiert wurde, zu dem die Literaturgeschichte und -theorie 'die Autorin' allererst entdeckte. Der sich um Christa Wolf rankende sog. 'deutsch-deutsche Literaturstreit' ist ein Beispiel, in dem eine Autorin im Skandal-Zentrum steht, eine Autorin, die sich mit der Figur der Seherin Kassandra ein - so hat es zumindest die Literaturkritik gesehen - literarisches alter ego geschaffen hat. Da Skandale ebenso wie das Autorbild in der Öffentlichkeit von ihrer Inszenierung leben, erhalten die medialen Inszenierungsaspekte des Autorschaftsskandals besondere Aufmerksamkeit in der Projektarbeit.