Paläontologische Forschung am Lehrstuhl
für Paläontologie der Westfälischen Wilhelms-Universität
Münster
Die Paläontologie
behandelt die Evolution des Lebens von der Frühphase der Erde bis
heute, sie ist damit eine biologische Disziplin. Im Gegensatz zu den alleine
auf das Heute bezogenen biologischen Disziplinen untersucht die Paläontologie
aber auf dem Pfeil der Zeit die Lebensgeschichte, die Geschichte der Biosphäre.
Diese jedoch stand und steht in steter Wechselwirkung mit der Entwicklung
der Lithosphäre, Hydrosphäre und Atmosphäre. Deren jeweiliger
Zustand in Vergangenheit und Gegenwart ist also ohne Einbezug der Lebensgeschichte nicht zu verstehen. Von der
Plattentektonik bis zur Zusammensetzung der Atmosphäre liefert die
Paläontologie wichtige Beiträge zu ihrer Interpretation. Da zudem
die direkten Zeugen des Lebens der Vergangenheit in den Sedimenten der
Lithosphäre zu suchen sind, deren stratigraphische Stempel sie diesen
aufprägen, ist die Paläontologie engstens mit der Geologie zu
einer Einheit verwoben und damit auch geowissenschaftliche Disziplin. Sie
ist damit verbindendes Scharnier zwischen Geo- und Biowissenschaften.
 Schema A (Zum Vergrößern bitte auf die Abbildung klicken!)
Die Paläontologie ist damit längst aus ihrer vorwiegend deskriptiven Rolle der Vergangenheit
herausgetreten und zu einer modernen analysierenden Disziplin geworden.
Damit haben sich aber auch die Aufgaben und Schwerpunkte der Forschung
verschoben. Während sie früher vorrangig der Geologie durch die
Biostratigraphie die zeitliche Gliederung und der neontologischen Biologie
die konkreten Belege der Evolution durch die Erforschung der Stammeslinien
gab, sind heute die Fragen nach den Umweltbedingungen, die sich aus den
jeweiligen Floren- und Faunenbildern ergeben, gestellt, denn die Biota
der Vergangenheit sind mit ihren Anspruchsspektren die empfindlichsten
Parameter paläoökologischer Aussagen und damit Schlüssel
beispielsweise zur paläoklimatischen und paläogeographischen
Rekonstruktion. So steht heute nicht mehr so sehr die Erforschung der Evolution
einzelner Stammeslinien, sondern vielmehr die der Lebensgemeinschaften
und ihrer Wechselbeziehungen zum Lebensraum im Vordergrund, also die Analyse
der Entwicklung der Biozönosen und daraus die der Ökossysteme
der Erde.
So steht heute die
Frage nach den steuernden Faktoren der Evolution der Biosphäre im
Vordergrund, wie es das Forschungsschema des Lehrstuhles darstellt. Es
soll erarbeitet werden, wie sich die einzelnen Faktoren bzw. Faktorenkomplexe
auswirkten, welche steuernden Faktoren tragend wurden und wie sich Störungen
bis hin zur ökologischen Katastrophe, gleich ob sie sich schleichend
oder abrupt einstellte, auswirkten, welche Reparaturprozesse abliefen,
wie sich neue Gleichgewichte einpendelten, ja welche Rolle Floren- und
Faunenschnitte im Laufe der Erd- und Lebensgeschichte spielen. Aus diesem
Wissen und diesen Erfahrungen der Vergangenheit kann die Paläontologie
mögliche Szenarien der Zukunft aufzeigen und beurteilen, das heißt,
die Paläontologie wird so zu einer zukunfts- und gesellschaftsrelevanten
Disziplin.
 Schema B (Zum Vergrößern bitte auf die Abbildung klicken!)
Hier sind vom Lehrstuhl
Paläontologie verschiedene Ansätze erfolgt (vgl. Schema A). Nach
der Inventarisierung der Biota der erdgeschichtlichen Vergangenheit (systematisch-taxonomische
Arbeiten ab Devon, weitere Schwerpunkte Karbon, Jura, Kreide und vor allem
Tertiär) wurde und wird versucht, wichtige Lebensgemeinschaften in
Abhängigkeit von den Umweltfaktoren (Faziestrends, Klimaanpassung)
und ihre Stellungen im Gesamtsystem der verschiedenen Biome des festländischen,
limnischen und vor allem marinen Raumes zu erfassen. Hieraus ergeben sich
wichtige Parameter beispielsweise für die Entwicklung der Paläogeographie
des Känozoikums der Nordhemispäre oder beispielsweise die Frage
nach den klimatischen Gegebenheiten, die zu den ersten Vereisungen führten.
Hierzu werden alle möglichen Hilfsquellen von der Elektronenmikroskopie
bis zur Isotopengeochemie oder der Datenverarbeitung erschlossen. Durch
das Verhalten, die Klimaadaptation und Migration neogener mariner Organismen
z.B. können die präglazialen Situationen im nordatlantisch-skandischen
und Nordseeraum erfaßt werden. Durch Anwendung von Rechenmodellen
unter Verwendung der erarbeiteten Daten war es u.a. möglich, die Verteilung
der Niederschläge auf der Nordhemisphäre und damit bei Abkühlung
die entsprechenden zur Vereisungen führenden Akkumulationen von Schneefällen
zu erfassen. Das solche Untersuchungen nur in Kooperation mit Wissenschaftlern
anderer Disziplinen möglich sind, liegt auf der Hand (z.B. Mitarbeiter
in der Arbeitsgruppe aus der Meteorologie, Biologie etc.), ebenso auch
die Tatsache, daß die Mitarbeiter in der Regel mit einer breiten
Wissensbasis in den Beruf gehen.
Gerade für das
Känozoikum wird daher die Umweltentwicklung anhand verschiedener Organismengruppen
untersucht, wobei der Schwerpunkt bei den Mollusken liegt. Aber auch Foraminiferen,
Korallen, Brachiopoden, Crustaceen (bes. Ostrakoden), Echinodermen und
Vertebraten (Fische, Reptilien, Säuger) werden herangezogen. Dabei
werden Faunen aus folgenden Regionen zur Zeit bearbeitet: Nordrhein-Westfalen,
Hessen, Mecklenburg, Sachsen-Anhalt und Sachsen; im europäischen Ausland
Schwerpunkte in Griechenland, Albanien, Italien, Rußland (Samland),
Island, Frankreich (Pariser Becken), Spanien (Keltiberikum von Altkastilien);
im ozeanischen Bereich besonders im Nordatlantik, in Übersee in Südamerika
(Frage der Entwicklung von Faunengemeinschaften in gleichbleibend tropischen
Bereichen ohne klimatische Steuerung) und China (Paläoökologie
triassischer mariner Faunen). Floristische Untersuchungen an Blättern,
Früchten und Samen, aber auch Pollen und fossilen Hölzern des
Paläogens und des Neogens (Griechenland, Albanien, Samland, Island,
Mitteldeutsche Braunkohle) ergänzen diese Untersuchungen mit dem Ziel,
die steuernden paläoökologischen Faktoren des Klimas und der
Paläogeographie zu erfassen.
Helfend wird hierzu
die Analytik der stabilen Isotope des Kohlenstoffs (bes. Paläosalinitäten)
und des Sauerstoffs (Paläotemperaturen) herangezogen. Aus diesen Untersuchungen
beispielsweise ging das Lehrbuch des leider 1997 verstorbenen Assistenten
Dr. Attendorn und Prof. Bowen (England; letzterer als einer von mehreren
Gastprofessoren seit den achtziger Jahren am Lehrstuhl) hervor: Radioactive
and Stable Isotopes in Geology 1997. Aber auch mit Hilfe der Datenverarbeitung
wird versucht, aus den fossilen Biota der ozeanischen Bohrungen die klimatische
und paläogeographische Entwicklung der Ozeane seit dem Neogen zu erfassen.
Hierzu ist keine eigene Geländearbeit notwendig, wohl aber wird eine
enge Kooperation im Rahmen eines IGC-Projektes mit Wissenschaftlern der
Südhemisphäre betrieben.
Neben Arbeiten im Känozoikum
laufen auch punktuell solche im Mesozoikum. So stehen zur Zeit taphonomische,
systematische und paläoökologische Arbeiten in der Kreide des
Münsterlandes an. Weitere Forschungsgebiete sind Ichnofossilien und
deren Rolle vor allem bei der Frage der Bioerosion von Riffen und deren
Ökologie (bes. oberjurassische Vorkommen). Aus der germanischen Trias
werden Wirbeltierreste und die Paläoökologie und Paläobiologie
der endemischen Crinoiden untersucht, aus der Mitteltrias SW-Chinas wird
eine reiche wichtige Fauna in stratigraphisch herausragender Position taxonomisch
und paläoökologisch analysiert.
Bei allen Arbeiten
haben Mitarbeiter die Chance, ihre eigenen Interessen zum Tragen zu bringen,
wenn sie sich dem dargestellten Konzept sinnvoll einfügen lassen.
Dabei ist Kreativität und Ideenreichtum von jedem gefragt, welche
in gemeinsamer Diskussion und Kooperation zum Erfolg führen sollen.
Das daraus resultierende Spektrum der Arbeiten reicht so von rein theoretischen
Abhandlungen bis hin zur Tektonik oder zur angewandten Geologie. In den
letzten 20 Jahren sind reiche Drittmittelquellen erschlossen worden, erfolgreiche
Arbeiten wurden durch Ehrungen und Preise ausgezeichnet. Der Anfang der
achtziger Jahre geplante SFB scheiterte am Kooperationswillen innerhalb
der Geowissenschaften, die von der DFG angeregte Forschergruppe fand nicht
die Zustimmung der WWU. Dennoch zeigen die folgenden Publikationen der
letzten fünf Jahre die Arbeitsbreite der Mitarbeiter im Bereich des
Lehrstuhles (ohne Dissertationen, für die im Bereich der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen
Fakultät der WWU kein Publikationszwang besteht).
Forschungsschwerpunkte am Lehrstuhl für Paläontologie der WWU Münster
1. Marine Tertiär-Faunen der Niederrheinischen Bucht
2. Marine Tertiär-Faunen des weiteren Nordseebeckens und des Skandik/Nordatlantiks
3. Land- und Süßwasser-Biota des Känozoikums in den Randbereichen
des Nordsee-Skandik-Beckens
4. Die Biota der tertiären Paratethys und Tethys im süddeutschen
bis ostmediterranen Raum
5.Paläoklimatologische Untersuchungen
6. Migration und Anpassung aufgrund der paläogeographischen Entwicklung
in der Zeit
7. Mesozoische Projekte innerhalb und außerhalb des Landes
8. Paläozoische Projekte im Bereich des Rheinischen Schiefergebirges
9. Grundsätzliches und Methodisches zur Paläoökologie und
Sedimentologie
10. Übergeordnete paläontologische, paläobiologische und
phylogenetische Projekte
11. Ausreißer in nicht-paläontologische Bereiche
12. Paläontologie als Schlüsselwissenschaft für Fragen in
der Ur- und Frühgeschichte und der Archäologie
13. Wissenschaftspolitische Schriften
14. Bücher und Buchbeiträge aus dem Bereich des Lehrstuhls für
Paläontologie
15. Auszug aus einer Liste von ca. 150 publizierten Beiträgen verschiedener
Art (bes. Berichte über wissenschaftliche Tagungen sowie Ereignisse,
Situationen und Entwicklungen in den Geowissenschaften, Stellungnahmen,
Tagungs-, Kongreß- und Messeeröffnungen - soweit veröffentlicht
-, Ehrungen und Nekrologen etc.)
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