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Brandkatastrophe in der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar

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Kurz vor dem Umzug der Bestände in das neu gebaute Tiefenmagazin ist am Donnerstag Abend im Dachstuhl des Grünen Schlosses ein Feuer ausgebrochen. Das Grüne Schloss mit dem weltberühmten Rokokosaal bildet das historische Kernstück der Herzogin Anna-Amalia-Bibliothek, auch wenn hier nur ein kleiner Teil der heutigen Bestände aufbewahrt wurde. Diese sind nun, wo sie nicht dem Feuer zum Opfer fielen, zu großen Teilen durch Rauch und Löschwasser beschädigt. Während letztere geborgen wurden und durch gezielte Maßnahmen "gerettet" werden können, wird der Verlust der ersteren von Fachleuten mit einem Hirninfarkt verglichen.

Zur Rettung dessen, "was noch zu retten ist", werden Kosten in zweistelliger Millionenhöhe erwartet! Die Bundesregierung sagte bereits kurz nach dem Brand Sondermittel in Höhe von 4 Mio. € zu, und auch der J. Paul Getty Trust hat inzwischen seine Bereitschaft erklärt, den Wiederaufbau der Bibliothek mit finanziellen Mitteln und Fachkompetenz zu unterstützen! Das Getty Conservation Institute war in den letzten Jahren ganz erheblich am wissenschaftlichen Fortschritt der Konservierung, Restaurierung und Denkmalpflege beteiligt.
Am 9.9. hat außerdem der TASCHEN-Verlag den Entschluß bekanntgegeben, sich mit einer Solidaritätsaktion zu beteiligen und von jedem jetzt zu verkaufenden Faksimile der aus dem Brand noch geretteten Luther-Bibel von 1534 (herausgegeben von Stephan Füssel im Jahr 2002) 5 Euro zu spenden. Es wird mit einer Gesamtspende von mehreren tausend Euro gerechnet.

Das Forum Bestandserhaltung möchte an dieser Stelle einerseits den Spendenaufruf der Stiftung unterstützen, andererseits aber auch einen Überblick über die aktuelle Berichterstattung mit weiterführenden Fachinformationen zum Thema Brandschutz verbinden. Denn auch diese Katastrophe wirft wieder Fragen nach der geeigneten oder gar optimalen Prävention auf.

Inzwischen wurde auch durch die Stiftung Weimarer Klassik eine eigene Brandinformationsseite aufgebaut. Es sei daher für zukünftige Aktualisierungen auf diese Seite verwiesen.

 

Aktuelles

Günter Müller:
Fünf Jahre nach dem Brand der HAAB Weimar
(VI) – Fachlicher Austausch: Neue Restaurierungstechnologie zur Rettung der Weimarer Aschebücher
[Erschienen in: Journal of PaperConservation Vol. 11 (2010) - No. 3, S. 16-18]

(VII) - Transparenz, Öffentlichkeit und Vernetzung: Bilanz zur Halbzeit der Buchrestaurierung (S. 20-23)
[Erschienen in: Journal of PaperConservation Vol. 11 (2010) - No. 4, S. 20-23]

 
 
Katja Lorenz, Johannes Mangei:
Ersatzbeschaffung für Brandverluste der Herzogin Anna Amalia Bibliothek – Routinebetrieb und innovative Verfahren
[Erschienen in: Bibliotheksdienst 43. Jg. (2009), H. 10, S. 978-989]
http://www.zlb.de/aktivitaeten/bd_neu/heftinhalte2009/Bibliotheken021009_BD.pdf

 
 
Tyll Gerats, Claudia Kleinbub:
Pro Helvetica in Weimar - eine Schweizer Initiative. Fünf Jahre nach dem Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar IV (2010)
[Erschienen in: Journal of PaperConservation Vol. 11 (2010) - No. 1, S. 13-17]
Broschüre "Pro Helvetica in Weimar":
http://www.doelle-kultur.ch/images/stories/0906_dossier-weimar-gzD.pdf

 
 
Der folgende Dokumentarfilm steht online zur Verfügung:
Werkstatt für brandgeschädigtes Schriftgut der HAAB Klassik Stiftung Weimar:
Die Rettung der Weimarer Aschebücher
http://www.youtube.com/watch?v=Lk60cnQILI0

 

 

Berichterstattung aus der regionalen Presse:

Mitteldeutschen Zeitung (mz-web.de):
Brandschäden sind höher als vermutet (10.9.2004)
Weltkulturerbe in Thüringen: Nach Brand wurden 50 000 historische Bücher gerettet (5.9.2004)
Großfeuer in Weimar vernichtet viele wertvolle Bücher (2.9.2004)

 

Berichterstattung aus der überregionalen Presse:

Auch die Eröffnung des "Tag des deutschen Denkmals" stand unter dem Eindruck des Brandes:
Netzeitung vom 12.9.2004:
http://www.netzeitung.de/voiceofgermany/kulturnews/304659.html

Welt am Sonntag vom 11.9.2004:
Wer ist schuld am Brand von Weimar?

Die Zeit vom 9.9.2004:
Christof Siemes: Die Asche von Weimar

Welt am Sonntag vom 5.9.2004:
Heike Vowinkel: Mozart gerettet, Goethe verbrannt: Drei Tage nach dem Brand der Anna Amalia Bibliothek wird das Ausmaß der Schäden deutlich

FAZ vom 4.9.2004:
Heinrich Wefing: Bibliotheksbrand: Der Weltgedächtnisverlust

 

Eine aktuelle Information der PAL Preservation Academy GmbH Leipzig zur Rettung der geschädigten Bücher und Handschriften:

Hoffnung auch für schwerst geschädigte Bücher und Handschriften

 

Auch die Frage nach verbesserter Prävention ist in der Presse dokumentiert:

Feuer in Bibliothek in Weimar: Stiftungsdirektor: Es gibt keinen allumfassenden Schutz: Der halleschen Marienbibliothek fehlt ein Brandschutzsystem (3.9.2004)

Nicht nur die Bestände wurden zerstört - auch ein wichtiges Dokument deutscher Bau- und Bibliotheksgeschichte wurde durch den Brand vernichtet. Der Rokokosaal entstand unter Anna Amalia im Geiste der deutschen Aufklärung als Schaubibliothek. Er sollte das enzyklopädische Ideal der fürstlichen Universalbibliothek verkörpern und repräsentiert damit auch die Anfänge einer modernen Wissensgesellschaft, wie sie sich um 1800 durch die zunehmende "Salonreife" naturwissenschaftlicher Erkenntnisse zu zeigen begann. Goethe selbst thematisierte in den berühmten Weimarer Salons immer wieder wissenschaftliche Fragestellungen. Leider war der Rokokosaal, ganz im Geiste seiner Zeit, ein eher provisorisches Bauwerk, dessen Pracht durch gezielt gesetztes Blendwerk statt durch stabile Bauweise und die Verwendung hochwertiger Materialien begründet war. Es ist tragisch, dass er diesem provisorischen Charakter so kurz vor Beginn der geplanten Sanierung zum Opfer fiel.

Auch für den verlorenen Buchbestand hat sich die Kombination aus Brandschutzvorkehrungen als fatal erwiesen.

Dennoch kann die Entscheidung, einen historisch gewachsenen Buchbestand in seiner historischen Aufstellung zu erhalten, nicht grundsätzlich in Frage gestellt werden. Es sollten vielmehr gezielte Maßnahmen zur Anpassung der Präventionsmaßnahmen an die Art und den Erhaltungszustand der Bausubstanz erfolgen. Das Forum möchte aus gegebenem Anlaß einige Seiten vorstellen, die sich gezielt mit Brandschutzvorkehrungen an historischer Altbausubstanz befassen. Diese dienen zur Ergänzung des bereits bestehenden Informationsangebotes zum Thema Brandschutz.

 
Umfassende technische und rechtliche Informationen zum Brandschutz an historischer Bauten bieten diese Seiten:

Altbau und Denkmalpflege Informationen
http://www.konrad-fischer-info.de/6kabat.htm

Protection of Historical Buildings & Archives from Fire
http://www.sustainable-design.ie/fire/phbf.htm

 
Dieser Beitrag beschreibt die versicherungsseitige Evaluierung des Brandrisikos in historischen Altbauten:
Tomáš Horyna: Risk Assessment as a Tool to Protect Historical Buildings
http://www.arcchip.cz/w04/w04_horyna.pdf

Schließlich stellt sich vielen sicher auch die Frage nach Möglichkeiten für die Restaurierung brandgeschädigter Bücher. Um für jedes Buch die geeignete Methode zu ermitteln, müssen die Bestände nach der Bergung und Gefriertrocknung zunächst nach Schadensart und Schädigungsgrad klassifiziert werden. Dabei ist grob nach Brand-, Rauch- und Löschschäden zu unterscheiden. Bei letzteren handelt es sich um mit einer vorübergehenden Schwächung der Materialsubstanz verbundene Wasserschäden - diese können bei der Bergung zu mechanischen Beschädigungen führen, die nach der Gefriertrocknung zu beheben sind. Bei Rauchschäden liegt eine starke Verrußung der Objekte vor - hier ist nach der Trocknung eine Reinigung vorzunehmen. Schließlich bleiben die Brandschäden, bei denen ein Teil der organischen Materialsubstanz schlicht irreversibel verkohlt ist. Ist noch genug der ursprünglichen Informationen erhalten, erfolgt die Erhaltung durch partielle oder flächige Stabilisierung der betroffenen Blattpartien, bspw. durch Übervliesen oder Spalten der Blätter. Um die verbrannten Einzelseiten anschließend wieder in das Buchgefüge einbinden zu können, erfolgt eine Ergänzung der verkohlte Blattränder auf das Originalformat, meist durch Anfasern, die etwa im selben Arbeitsgang mit dem Übervliesen erfolgen kann. Einen Überblick über Anbieter für die genannten Verfahren gibt auch unsere Dienstleisterdatenbank. Unter anderem ist auch die PAL Preservation Academy GmbH Leipzig zu nennen.

 

 

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