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Notfallverbund Berlin
Ein Beitrag von Dr. Rainer Hofmann, Koblenz

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Durch das Hochwasser der Oder wurden 1997 zahlreiche Archive und Bibliotheken in Polen überflutet. Die dortigen Kollegen sind unvorbereitet von der Katastrophe getroffen worden; demzufolge gab es erhebliche organisatorische und technische Defizite bei der Bergung der geschädigten Archivalien und Bücher und bei den anschließenden Maßnahmen zur Schadensbehebung bzw. -begrenzung.

Das Bundesarchiv hat daraus - zunächst für Berlin-Lichterfelde und Hoppegarten - die Lehre gezogen, in begrenztem Maße Vorbereitungen für den Notfall zu treffen. Dabei muss es sich durchaus nicht vorrangig um die Vorbereitung auf eine große Katastrophe handeln, vielmehr sind ganz bewusst die "kleinen" Notfälle inbegriffen - z. B. Wasserrohrbrüche, Heizungsdefekte, begrenzte Brände usw. - , deren Eintreffen um einiges wahrscheinlicher ist als das Eintreten einer echten Katastrophe.

Es wäre weder arbeitsökonomisch noch wirtschaftlich sinnvoll, diese Überlegungen und Vorbereitungen alleine zu betreiben, solange es verwandte Institutionen vor Ort gibt, die grundsätzlich vor der gleichen Notwendigkeit einer Vorbereitung stehen. Ungeachtet der ohnedies bestehenden Pflicht zur Amtshilfe wurde daher zunächst Kontakt zum Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, zum Geheimen Staatsarchiv Preußischen Kulturbesitz, zum Landesarchiv Berlin und - etwas später - zum Brandenburgischen Landeshauptarchiv aufgenommen. Auf Anregung des Bundesarchivs entwickelte sich daraus eine Arbeitsgruppe, die mittlerweile seit Dezember 1997 fünfmal getagt hat.

Es wird davon ausgegangen, daß die Arbeit der Archive in einer Notfallsituation erst dann beginnt, wenn die der professionellen Einsatzkräfte beendet ist, also z.B. wenn die Feuerwehr den Brandort freigegeben hat. Danach - zu einem Zeitpunkt, zu dem Gefahr für Leib und Leben der Mitarbeiter ausgeschlossen ist - setzt die Phase der Bergung des Archivguts ein. Ist es naß oder feucht geworden - z.B. durch Löschwasser - muß es in Folie eingeschweißt und schnellstmöglich tiefgefroren werden. Danach beginnt die Gefriertrocknung, bei der das Wasser aus den Archivalien entfernt wird, ohne seinen schädigenden nassen Aggregatzustand zu erreichen (Übergang von Eis in Dampf). Wiederum danach folgen die manuellen Restaurierungsmaßnahmen, die bei Brand- oder Explosionsschäden ohne Wassereinfluß oder bei Vandalismus sogleich einzusetzen haben. Die Einlagerung schließlich mit neuer Verpackung in wiederhergestellten oder neuen Magazinen bildet den vorläufigen Schlußstein in den bestandserhaltenden Maßnahmen.

Für all diese Arbeiten werden viele Hände benötigt, mehr als eine einzelne Institution alleine normalerweise aufbieten kann. Es sollten aber nicht nur zahlreiche Kräfte sein, die dabei zusammenwirken, es sollten auch geübte und erfahrene Kräfte sein, die es gewohnt sind, mit Archivgut, mit Kulturgut täglich umzugehen. Es ist daher sinnvoll, wenn im Notfall vor allem die Magazinarbeiter und die Restauratoren der am Notfallverbund beteiligten Institutionen zusammen die Arbeiten angehen.

Die notwendigen Arbeitsschritte und Arbeitsabläufe müssen jedoch vorher geübt sein, die Menschen, die zusammenarbeiten sollen, sich vorher kennenlernen, die Örtlichkeiten wenigstens im Grundsatz vertraut sein.

Der erste, über die erwähnte Arbeitsgruppe hinausgehende Schritt ist daher ein Austausch von Magazinarbeitern für einen, höchstens zwei Tage, damit Lokalitäten und Menschen, auch andere Arbeitsweisen und -methoden bekannt werden. Damit wurde im Februar 1999 begonnen.

Als zweiter Schritt ist ein "work-shop" der Restauratoren von vielleicht zwei Tagen in Lichterfelde im Herbst d.J. geplant, in dem diese die erforderlichen restauratorischen Notfallmaßnahmen besprechen und an praktischen Beispielen üben.

Beim dritten Schritt, einem wohl eintägigen "work-shop" für die Magazinarbeiter im Frühjahr 2000 sollen die Restauratoren den Arbeitern beibringen, worauf aus restauratorischer Sicht bei der Bergung und beim Transport besonders zu achten sein wird.

Diese personalbezogenen Maßnahmen werden begleitet und unterstützt von einer Reihe sachbezogener Maßnahmen.

So stellt z.B. das Geheime Staatsarchiv einen Lastwagen und ca. 2000 gefriersichere Kunststoffkisten einschließlich der Paletten für den Transport des Archivguts vom Schadensort zu einem Kühlhaus und für die dortige Lagerung zur Verfügung, für kleinere Schäden offeriert das Bundesarchiv die Tiefkühlmöglichkeiten in Lichterfelde, fast alle beteiligten Institutionen tragen Haushaltsmittel bei, um eine gemeinsame, in Lichterfelde aufzustellende Gefriertrocknungsanlage anzukaufen, Ausweichmagazine für Zwischenlagerungen werden offeriert, Kleingerät und Verpackungsmaterial im Bedarfsfall wechselseitig angeboten.

Alle Beteiligten sind sich darüber im Klaren, daß sie sich auf etwas vorbereiten, von dem sie hoffen, daß es nicht eintreten wird. Diese Paradoxie wird jedoch dadurch gemildert, daß der personelle Austausch, auch wenn er nur von kurzer Dauer ist, noch mehr aber die gemeinsamen Übungen Fortbildungsmaßnahmen für die Mitarbeiter darstellen, auch für diejenigen, für die sonst mangels entsprechender Angebote kaum derartige Möglichkeiten offeriert werden können. Zudem sollte bedacht werden, daß die sachgerechte Behandlung nasser Archivalien auch ohne Notfall oder Katastrophe eine immer wiederkehrende Aufgabe der einschlägigen Restaurierungswerkstätten darstellt; sich hier und in anderen restauratorischen Fachfragen mit Kolleginnen und Kollegen austauschen und künftig zusammenarbeiten zu können, wird ein wünschenswertes Beiwerk der gemeinsamen Notfallvorsorge sein.
 

 

Zum Autor:
Dr. Rainer Hofmann, Referatsleiter Bestandserhaltung beim Bundesarchiv in Koblenz
E-mail: r.hofmann@barch.bund.de
Zum Artikel:
Stand: März 2002
Geschäftsstelle:
Universitäts- und Landesbibliothek Münster
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