Forum Bestandserhaltung
Home
Das Forum Grundlagen Konservierung und Restaurierung Konversion Notfall Dienstleister

Konversion

Allgemeines
Faksimile und Reprint
Mikroverfilmung
Richtlinien und Normen
Filmmaterial
Qualitätskontrolle
Lagerung von Mikroformen
Dienstleister
Masterverzeichnung / EROMM
Digitalisierung
Der Mikrofilm im Archiv – Bestandsaufnahme und Zukunft
Ein Beitrag von Prof. Dr. Hartmut Weber, Koblenz

Diesen Beitrag: drucken  
 

I. Einsatzzwecke des Mikrofilms im Archiv

Der Gedanke, die Möglichkeiten der Photographie zu nutzen, um der wissenschaftlichen Forschung den Zugang insbesondere zu der Überlieferung mit Unikatcharakter zu erleichtern, ist mehr als hundert Jahre alt. Bei der französischen Nationalbibliothek wurde bereits 1877 ein Photoatelier zur Reproduktion von Handschriften eingerichtet, elf Jahre später finden wir ein solches beim Neubau des Hauptstaatsarchivs in Dresden. Eine breitere Diskussion dieses Themas entfachte aber erst ein Internationaler Kongress für die Reproduktion von Handschriften, Münzen und Siegel, der 1905 in Lüttich stattfand - fünf Jahre, bevor sich der 10. Deutsche Archivtag im Jahre 1910 erstmals mit diesem Thema beschäftigte. Beim Lütticher Kongress hob der damalige Konservator des Lütticher Staatsarchivs als einen der wesentlichen Vorteile der damals noch in den Kinderschuhen steckenden Dokumentenphotographie hervor, dass die Photographie die sonst zu fertigenden und zu beglaubigenden Abschriften ersetzen könnte und dass damit der Archivar der Verantwortung für die korrekte Entzifferung zweifelhafter Textstellen enthoben sei. Eine frühe Form von Kundenorientierung also.

Die Umsetzung dieser guten Gedanken ging dann aber keineswegs sehr flott voran. Zum einen war die Einrichtung der Photoateliers in Archiven in der Regel an Neubauprojekte gebunden, zum anderen waren die beiden Weltkriege und die Zwischenkriegszeit für derartige Investitionen nicht förderlich. Ob bei der Zurückhaltung, die Photographie im Archiv zu nutzen auch eine gewisse Befürchtung der Archivare eine Rolle spielte, den Charakter des Einzigartigen einzubüßen, wenn Archivgut über Photographien verbreitet und genutzt werden kann, wie dies der Münchner Byzantinist Karl Krumbacher unterstellte, kann dahingestellt bleiben. Die Mikrographie jedenfalls, zusammen mit der Photographie bereits 1839 erfunden und im,Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 auf französischer Seite erstmals breiter eingesetzt, findet sich zur Schriftgutsicherung in Deutschland erst im zweiten Weltkrieg. Seit den sechziger Jahren spielt diese besonders wirtschaftliche Ausprägung unter den photographischen Techniken in den Archiven zunehmend eine größere Rolle, sowohl bei den nach außen wirkenden Leistungsangeboten der Archive, als auch bei der Erledigung strategischer Fachaufgaben. Seit mehr als einem Jahrzehnt wird die baldige Ablösung der 150 Jahre alten und bewährten Technik prophezeit.

Dieses Internationale Archivsymposion hat sich am gestrigen Tage mit den modernen digitalen Techniken beschäftigt, welche angetreten sind, die analogen Informationsspeicher wie Papier und Mikrofilm zu verdrängen. So ist es zweifellos ebenso sinnvoll wie reizvoll, den heutigen Stellenwert der Mikrographie im Archiv zu beschreiben und eine Prognose für die Zukunft zu wagen.

Im ersten Teil meiner Ausführungen werde ich die Einsatzzwecke des Mikrofilms im Archiv darstellen, denn von seiner funktionalen Einordnung in die archivischen Aufgaben lassen sich die Anforderungen an die Funktionalität konkurrierender Systeme ableiten. Sodann werde ich den Stand und Tendenzen der technischen Entwicklung beleuchten. Im dritten und letzten Teil werde ich Ihnen Gedanken zu einem Systemvergleich zwischen der Mikrographie und Systemen der digitalen Bildspeicherung vortragen.

Die meisten möglichen und tatsächlichen Einsatzzwecke der Mikrographie im Archiv werden schon in der Diskussion zum Anfang unseres Jahrhunderts genannt. Allen ist gemeinsam, dass sie darauf abzielen, von einer unikalen Überlieferung möglichst originalgetreue und vollständige Abbildungen herzustellen, welche die Originalvorlage für bestimmte Zwecke in der Lage sind zu ersetzen. Eine wesentliche Anwendung war um die Jahrhundertwende in ihrer Notwendigkeit kaum vorstellbar und ist unter dem Eindruck der Archivalienverluste insbesondere durch den Zweiten Weltkrieg entstanden. Ich meine die Sicherungsverfilmung, mit der ich beginnen möchte.

Archivalien sollen durch die Sicherungsverfilmung (security microfilming) vor einem Totalverlust durch Katastrophen einschließlich kriegerischer Ereignisse bewahrt werden. Präventiv und rechtzeitig soll das Archivgut in hinreichender Wiedergabequalität verfilmt werden. Die alterungsbeständig hergestellten Filme werden getrennt von den verfilmten Archivalien sicher verwahrt und sollen im Falle des Verlustes der Originale wenigstens vollständige Bildinformationen der untergegangenen Originale überliefern.

Während bei der Sicherungsverfilmung das verfilmte Archivgut weiterhin im Original benutzt wird und die Filme erst benutzt werden sollen, wenn das Original nicht mehr vorhanden ist, zielt die Schutzverfilmung (preservation microfilming) darauf ab, das Original vor Benutzungsschäden zu schützen. Statt des gefährdeten Originals werden im Regelfall die Filme zur Benutzung bereitgestellt.

Verfilmungen auf Veranlassung und auf Rechnung des Benutzers sollen diesem eine Nutzung der Bildwiedergabe von Archivalien ortsunabhängig und unabhängig von Öffnungszeiten der Lesesäle ermöglichen. Die Nutzerverfilmung oder auch Auftragsverfilmung verkürzt so die mitunter kostspieligen Archivreisen und die Verweilzeiten eines Nutzers im Lesesaal, wenn sie Archivbesuche nicht sogar völlig überflüssig macht.

Die Ergänzungsverfilmung (acquisition microfilming) verfolgt das Ziel, eigene Bestände durch Filme von Archivalien, die aus welchen Gründen auch immer, anderswo verwahrt werden, sinnvoll zu ergänzen. Damit soll zusammengehörendes zusammengeführt und an jeweils einer Stelle zur Erleichterung der Forschung benutzt werden können.

Wie eine Edition von Archivalien aber in einem höheren Grad der Annäherung an die Originale und zugleich unter Vermeidung des mit Editionen verbundenen Aufwand soll die Publikationsverfilmung (publication microfilming) häufig nachgefragte Bestände oder Teilbestände verbreiten. Der potentielle Nutzer kann sich auf diese Weise einen Bestand als Mikroform erwerben und ihn auswerten, ohne das verwahrende Archiv zu besuchen.

Die Ersatzverfilmung (disposal microfilming) schließlich zielt darauf ab, dass die Filme unmittelbar nach der Verfilmung und Kontrolle die Originale ersetzen sollen, deren Vernichtung bewusst veranlasst oder deren Untergang zumindest in Kauf genommen wird. Die Ersatzverfilmung - für viele Archivare ein Reizwort - wurde vor allem in den sechziger Jahren im Zusammenhang mit der Frage diskutiert, ob es wirtschaftlicher sei, Archivraum für die Originallagerung zur Verfügung zu stellen oder einen Bruchteil der Flächen für die Mikrofilme der Originalunterlagen. Heute spielt die Ersatzverfilmung zur Lösung des Massenproblems des endogenen Papierzerfalls eine neue Rolle und tritt unter der Bezeichnung "Erhaltungsverfilmung" auch unter neuem positiven Klang auf.

Auf einige der genannten Einsatzzwecke möchte ich noch weiter eingehen. Im Schwarzwald befindet sich der Stollen Barbara eines früheren Zinkbergwerks im Schauinsland bei Freiburg, einem bekannten Aussichtsberg. Tief drin in diesem Berg, 250 m von Gneis überdeckt, befindet sich ein Magazin mit erstaunlicher Speicherkapazität. Hier lagern die Sicherungsfilme von ca. 70.000 lfdm. Archivgut aus Deutschland, insgesamt derzeit ungefähr 600 Millionen Aufnahmen und jedes Jahr kommen 15 Millionen dazu. Die Sicherungsverfilmung erfolgt in Deutschland wie in vielen Ländern der Welt im Rahmen des vorbeugenden Kulturgutschutzes nach der Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten aus dem Jahre 1954. Verfilmt wird in einem bundesweiten Programm nach einheitlichen Richtlinien. Die Länder führen die Sicherungsverfilmung im Auftrag des Bundes durch, welcher auch die Kosten trägt.

Die alterungsbeständigen Polyester-Filme lagern nach einem relativ aufwendigen Einlagerungsverfahren in hermetisch verschlossenen Edelstahlbehältern in einem für die Filmlagerung idealen Mikroklima. Die Mikrofilme 35 mm werden auf Großrollen gespult, mit Ultraschall gereinigt und in einer Klimakammer, die von Luftschadstoffen frei gehalten wird, in die Edelstahlbehälter eingebracht. Der zusätzliche Vorteil dieser Maßnahme für die Archive neben dem Sicherungseffekt ist der, dass sie vor der Einlagerung vom Aufnahmefilm eine Kopie für eigene Zwecke ebenfalls auf haltbarem Silberhalogenidfilm ziehen dürfen. So hat die Sicherungsverfilmung im Rahmen des Kulturgutschutzes, auch wenn ihre eigentliche Sinnhaftigkeit von Politik und Presse in Abhängigkeit von der Einschätzung der Sicherheitslage insbesondere seit dem Ende des Kalten Krieges alle paar Jahre in Frage gestellt wird, einen handfesten Nutzen für die Archive:

Die Stärke des Mikrofilms ist seine Wirtschaftlichkeit, die wesentlich durch kostengünstige Vervielfältigung bestimmt wird. Aus einer einmaligen Verfilmung kann und soll nämlich ein mehrfacher Nutzen gezogen werden. Das Duplikat eines Aufnahmefilms kann dem die Originale verwahrenden Archiv zugleich als Schutzfilm dienen, ein weiteres Duplikat einem anderen Archiv als willkommene Bestandsergänzung, weitere Kopien können dem Nutzer die Nutzung rationeller gestalten oder die Zugänglichkeit verbessern oder gar erst ermöglichen.

Technisch ist dies kein Problem. Vom Aufnahmefilm, der ansonsten nicht genutzt wird, wird ein hochwertiger Ausgangsfilm für weitere Duplikate (daher auch duplicating master) auf polaritätsgleichem Silberhalogenidfilm hergestellt Dieser bietet den Ausgangspunkt für eine beliebige Zahl von Schutz- und Nutzungsduplikaten, für optische Umzeichnungen auf Mikrofiche oder für digitale Konversionsformen vom Film. Auf diese Weise gestaltet sich die Verfilmung besonders wirtschaftlich.

Daher ist es selbstverständlich, dass die Sicherungsverfilmung auch für die Erhaltung von Archivgut nutzbar gemacht wird. Im Zeitalter des als Massenproblem erkannten Papierzerfalls haben Expertengremien neben Maßnahmen der Originalerhaltung auch die Konversion empfohlen und damit insbesondere die Verfilmung gemeint. Konversionsmaßnahmen werden in Ergänzung mit oder als Alternative zu originalerhaltenden Maßnahmen eingesetzt. Die graphische Darstellung soll den strategischen Ansatz für die Konversion in der Bestandserhaltung erläutern. Die in Archiven verwahrten Objekte bestehen fast ausschließlich aus Materialien, die aus endogenen oder exogenen Gründen vom Zerfall bedroht sind. Wie auf der Graphik vereinfacht dargestellt, geht beispielsweise beim Informationsträger Papier die Ausgangsfestigkeit im Laufe der Zeit zurück, erreicht früher oder später die Benutzbarkeitsgrenze und wird dann unbenutzbar, nimmt man nicht die sichere mechanische Zerstörung in Kauf. Schließlich zerfällt Papier mit dem weiteren Verlust der Festigkeit ohne weiteres Zutun. Erhöhte Beanspruchung der Objekte auf der Klimaschaukel zwischen Magazin und Lesesaal beschleunigen die Festigkeitsabnahme und häufige mechanische Beanspruchung, mitunter aber auch nur eine unachtsame Handlung einer Nutzerin oder eines Nutzers, möglicherweise gar eines Archivars, lassen die Zukunftserwartungen des Objekts in unbeschädigtem Zustand rapide sinken.

Hier setzt die Konversion zum Zwecke der Erhaltung ein: Möglichst frühzeitig und dadurch so vollständig wie möglich soll die Bildinformation auf einem Sekundärmedium gespeichert werden, das in der Lage ist, diese über möglichst lange Zeiträume zu stabilisieren und möglicherweise auch dann noch für die Nutzung zugänglich zu halten, wenn das Original unbenutzbar oder gar untergegangen ist. Die Konversion soll aber nicht nur die Verfügbarkeit der vollständigen Bildinformation langfristig sicherstellen, sondern zugleich alle oder weitere nutzungsbedingte Schäden vom Original abwenden, indem im Regelfall nicht mehr das Original, sondern die Konversionsform der Nutzung zugänglich gemacht wird. Das gefährdete Objekt wird im geschützten Magazinbereich einen Gewinn an Haltbarkeitserwartung haben.

Der Schutzzweck der Verfilmung ist als wirtschaftliche und wirksame Maßnahme der Bestandserhaltung akzeptiert und eingeführt. Weniger genutzt wird bisher die Chance, mit dem Schutzzweck und geringem Mehraufwand die Verbesserung der Zugänglichkeit zu verbinden, d. h. Nutzungsduplikate nicht nur im verwahrenden Archiv, sondern auch in anderen Institutionen freizügig zur Verfügung zu stellen oder gar auszuleihen. Damit könnte für die Notwendigkeit, dass dem Benutzer das Original vorenthalten bleibt, eine größere Akzeptanz erreicht werden.

Weniger durchgesetzt hat sich bisher die Verfilmung als Alternative zur Erhaltung des geschädigten oder gefährdeten Originals. Im Hinblick auf die massenhaft vorliegenden Schäden und das Fehlen einer wirtschaftlich vertretbaren Behandlungsmethode für Papiere, deren Festigkeit bereits merklich zurückgegangen ist, wird die Haltung der Archivare zur Frage der Erhaltungsverfilmung keine große Rolle spielen. Bestenfalls, nämlich in den Fällen, in denen eine Schutzverfilmung vorliegt, wird diese mit dem schleichenden Zerfall der Vorlagen in eine Erhaltungsverfilmung übergehen. In den anderen Fällen wird die Alternative zur Verfilmung nichts sein: es werden eines Tages weder die Originale noch Filmaufnahmen davon existieren.

Es gilt daher, sich rechtzeitig mit der Frage des intrinsischen Wertes von Archivgut auseinander zu setzen, der darüber entscheidet, in welchen Fällen es ausreicht, den bildlichen Informationswert von Archivgut dauerhaft zu erhalten und in welchen Fällen das überlieferungsbedingte, äußerlich formale Erscheinungsbild von Archivgut eine Erhaltung des Originals auch bei hohen Kosten erforderlich macht, da auch ein noch so qualitätsvolles Bild davon nicht ausreicht, der Nachwelt einen zutreffenden Eindruck zu erhalten.

Die Auseinandersetzung mit Kriterien für den intrinsischen Wert und damit mit der fachlichen Frage, in welchen Fällen der Film das Original ersetzen kann und in welchen anderen Fällen das Original auch nach der Schutzverfilmung erhalten werden muss, ist im Hinblick auf die typischen Kosten von Verfahren der Massenkonservierung und Mengenrestaurierung geboten. Nachdem die Verfilmung in den meisten Fällen kostengünstiger ist als originalerhaltende Maßnahmen, besteht die Gefahr, dass allein nach Kosten entschieden wird, wenn keine überzeugenden Fachkonzepte vorgelegt werden.

Nicht zuletzt aus Kostengründen, aber auch, da der Mikrofilm in Archiven und Bibliotheken ein eingeführtes Medium ist, das als ausgereift gilt und für das national wie international eine dichte Normung vorliegen, spielt der Mikrofilm in der Bestandserhaltung eine große Rolle. In Abhängigkeit von den Materialeigenschaften der Archivalien und vom Schadensfortschritt kann der Mikrofilm ergänzend oder alternativ zu originalerhaltenden Verfahren eingesetzt werden. Nicht ohne Grund hat die Bund-Länder-Arbeitsgruppe "Papierzerfall" in ihren Empfehlungen von 1992 die Verfilmung in ihrer Effektivität über die der Massenentsäuerung gestellt. Die Empfehlungen der Kultusministerkonferenz zur Rettung der vom Papierzerfall bedrohten Archivbestände von 1995 lauten entsprechend und die bisher aus der Taufe gehobenen nationalen Bestandserhaltungsprogramme der Deutschen Forschungsgemeinschaft sind im Anschluß an amerikanische Vorbilder Verfilmungsprogramme.

Mikrofilm erfüllt die Anforderungen, die an Konversionsverfahren auf dem Felde der Bestandserhaltung gestellt werden, wie kein anderes Medium: Mikrofilm ist in der Lage, die Bildinformation einer Vorlage vollständig und in hoher Qualität zu speichern, Mikrofilm wahrt den Kontext bei der Aufnahme nahezu automatisch, fast ohne zusätzlichen Aufwand, ist allgemein akzeptiert, die auf ihm gespeicherten Bildinformationen sind über lange Zeiträume zugänglich, notfalls mit Hilfe von Tageslicht und einer Lupe lesbar, und Mikrofilm ist wirtschaftlich.

 

II. Stand der Entwicklung - Tendenzen

Im zweiten Teil meiner Ausführungen möchte ich eine relativ kurze Bemerkung zum Stand der Entwicklung machen und einige Tendenzen aufzeichnen. Die Mikrofilmtechnik ist hochentwickelt. Die Geräte, insbesondere die Aufnahmegeräte haben am technischen Fortschritt teilgenommen, sind zunehmend mit Schrittmotoren und relativ einfachen mechanischen Komponenten ausgestattet, die von Mikroprozessoren angesteuert werden. Ähnliches gilt für Reader-Printer, die zunehmend mit digitalen Druckwerken ausgestattet sind. In den Funktionsprinzipien von Schrittkameras, Lesegeräten, Reader-Printer oder Entwicklungsgeräten hat sich nichts geändert.

Wichtige Entwicklungen sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten aber dadurch eingeleitet worden, dass die Archive und Bibliotheken zunehmend ein wichtigerer Markt insbesondere für die Kamerahersteller geworden sind. Die Hersteller haben dem Rechnung getragen durch eine höhere Flexibilität ihrer Geräte, frei wählbare Verkleinerungsfaktoren, drehbare Kameraköpfe für unterschiedliche Bildlagen, konsequente Vorlagenpositionierung an der Vorderkante des Aufnahmetischs und automatische Belichtungsregelung. Die wichtigsten Entwicklungen waren aber Elemente, die der Schonung der Vorlagen bei der Aufnahme dienten. So wurde die Wärmeabstrahlung durch Kaltlichtlampen, die Lichtbelastung durch gedimmtes Einstelllicht reduziert. Vor allem aber wurden spezielle Aufnahmenvorrichtungen zur Schonung von Büchern und Bänden bei der Aufnahme entwickelt. Großzügig zum Blättern nach oben aufgehende Glasplatten sind hier zu nennen, aber auch geteilte Anpressplatten bei Buchwippen zur Schonung der Buchrücken.

Für die Aufnahme von problematisch gebundenen oder gehefteten Bänden wurden Vorrichtungen entwickelt, mit deren Hilfe ein nur 90 geöffnetes Buch Seite für Seite schonend verfilmt werden kann. Oder man konstruierte, wie hier zu sehen, eine Prismenkamera, mit deren Hilfe es möglich ist, ein nur 60 geöffnetes Buch beidseitig zu verfilmen, da die optischen Gesetze des Prismas für die Kamera das Buch 180 aufgeschlagen erscheinen lassen.

Weiterentwicklungen sind auch im Bereich der Filmorganisation und Aufnahmedokumentation zu verzeichnen, die besonders beim Rollfilm über die Akzeptanz durch den Nutzer entscheidet. Eine Aufnahmeleiste mit automatischen Aufnahmezählwerken, die bei der Verfilmung mit aufgenommen wird, erleichtert die Erschließung der Filme, den Zugriff auf die einzelnen verfilmten Archivalieneinheiten und damit die Benutzung wesentlich. In Verbindung mit einer jedem Bild zugeordneten Bildmarken, die inzwischen auch für den 35mm Film standardisiert sind, lässt sich der Film nicht nur in Computer gestützte Retrieval-Systeme integrieren, sondern auch rationell weiterverarbeiten, etwa zu Mikrofiche konvertieren oder digitalisieren.

Zum gängigen panchromatischen schwarz weiß Mikrofilm, der eine kontraststeigernde Bildübertragungscharakteristik besitzt, was bei Dokumenten aller Art durchaus gewollt ist, hat sich ein hochauflösender Halbtonfilm (Kodak 2438) gesellt, mit dem es möglich ist, beispielsweise Sammlungen von Photographien mit einer einmaligen Verfilmungsaktion zu sichern, die Originale zu schützen und sie zugleich dem Benutzer besser zugänglich zu machen.

Dieser Halbtonfilm ermöglicht auch die rationelle Sicherung zu Photoglasplatten. Diese mussten bisher in aufwendigeren reprographischen Verfahren dupliziert werden. Nun können sie, auf einen Durchlichtkasten gelegt, mit Hilfe einer der geschilderten flexiblen Schrittkameras, welche mit einem Halbtonfilm bestückt wird, auf diesen polaritätsumkehrenden Film gesichert und von diesem Nutzungskopien, wie hier vorliegend, angefertigt werden. Auf diese Weise können Bestände der Nutzung zugänglich gemacht werden, die bisher aus Konservierungsgründen unter strengem Verschluss blieben.

Wie hoch dieser Halbtonfilm auflöst, zeigt sich auch bei dieser Umzeichnung von einem Luftbildfilm. Diese 26 x 26 cm großen Planfilme von systematischen Befliegungen waren bisher auch nur mit relativ großem Aufwand zu benutzen. Nun hat der Benutzer die Möglichkeit, Rollfilme mit jeweils 500 Luftbildern sich im Lesegerät auch vergrößert anzusehen.

Als gelöst kann auch eine objektgerechte Wiedergabe farbiger Bildinformationen gelten. Seit 15 Jahren steht mit dem Cibachrome/Ilfochrome Micrographic Film ein Farbmikrofilm zur Verfügung, der chromogene Filme wie Ektachrome oder Agfachrome an Auflösungsvermögen, Farbstabilität und Haltbarkeit teils um die Faktoren 5 bis 8 übertrifft. Dieser Film eignet sich ganz hervorragend für die Wiedergabe von Archiv- oder Bibliotheksgut. Er gibt sogar, was bei Farbfilmen selten ist, die Farbe "Gold" wieder. Die Auflösung dieses Films ist so gut, dass er sich auch für die Wiedergabe detailreicher Großformate wie Karten und Pläne eignet. Er kann als Rollfilm 35mm oder als Planfilm DIN A 6 verarbeitet werden. Ein Benutzer, dem ein Mikrofiche auf diesem Farbmikrofilm aufgenommenes Lehenbuch aus dem 15. Jahrhundert statt des gefährdeten Originals vorgelegt wird, wird dies gerne akzeptieren. Selbstverständlich handelt es sich auch dabei nicht um den Aufnahmefilm, sondern um ein Duplikat.

Die hochauflösenden Halbton- und Farbmikrofilme haben die Entwicklung einer neuen Mikroform möglich gemacht, mit deren Hilfe großformatige Karten und Pläne aufgenommen und dem Nutzer präsentiert werden können. Es ist dies das sog. Makrofiche, ein DIN A6 Planfilm mit einer Beschriftungsleiste wie beim Mikrofiche. Im Gegensatz zum Mikrofiche ist beim Makrofiche das ganze Bildformat für nur eine Aufnahme vorgesehen. Dieses Makrofiche wird mit speziellen Kameras, die von der 105 mm breiten Filmrolle arbeiten, rationell und in Serien aufgenommen. Selbstverständlich eignet sich das Makrofiche auch für großformatige Stammtafeln. Für die Benutzung des Makrofiche gibt es ein spezielles Projektionslesegerät, welches das Bild im Großformat bis ca. 80 x 100 cm auf eine helle Tischplatte projiziert. Bei Karten oder Plänen hat dies den Vorteil, dass der Benutzer ein Papier auflegen und die Bildinformation übertragen kann. So hat der Mikrofilm heute nicht nur im Massengeschäft der schwarz weiß Aufnahme von Schriftgut seinen Platz, sondern bietet auch bei speziellen Aufgabenstellungen spezielle Lösungen, die zwar etwas teurer sind, als die Mengenverfilmung, aber immer billiger als reprographische oder photographische Methoden, und die sich in die vorhandene Infrastruktur der Mikrofilmbenutzung integrieren lassen.

Diese mikrographischen Spezialitäten unterstützen die Bereitschaft, sich mit der Frage auseinander zusetzen, ob man denn in der eigenen Verfilmungsstelle alle Leistungen noch selbst erbringen kann oder soll, oder ob man aus Kapazitätsgründen, aus Kostengründen oder aus Gründen der Wirtschaftlichkeit für bestimmte Leistungen Servicebetriebe in Anspruch nehmen soll. Oftmals ist dieses Outsourcing heute auch politisch gewünscht.

Zweifellos ist es von vornherein zweckmäßig, alle Arbeiten in den Service zu geben, die mit der Weiterverarbeitung des vorhandenen Aufnahmefilms verbunden sind, wie Duplizierarbeiten, Konversion vom Rollfilm zum Mikrofiche oder Konfektionierarbeiten. Darüber hinaus wird in den meisten Fällen kostspielige Spezialausrüstung etwa für Farbmikroverfilmung in einer Verfilmungsstelle nicht wirtschaftlich auszulasten oder das notwendige Know how nicht aufzubauen sein. Auch dann ist eine Vergabe sinnvoll. Zur Entlastung der eigenen Verfilmungskapazitäten kann es sogar zweckmäßig sein, einfach strukturierte gleichförmige Unterlagen wie Zeitungs- oder Amtsbuchserien, welche in gutem Erhaltungszustand sind, in einem Servicebetrieb nach vorgegebenen Standards verfilmen zu lassen. Beim Mikrofilmeinsatz im Archiv sollte man daher die Zusammenarbeit mit leistungsfähigen Servicebetrieben als willkommene Ergänzung eigener Kapazitäten, wenn nicht gar als notwendigen Ersatz für nicht vorhandene Möglichkeiten betrachten.

 

III. Zukunft - Mikrofilm in der digitalen Welt

Der Übergang von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit ist erfolgt, weil durch Schriftlichkeit Information stabilisiert werden kann. Mikrofilm mit einem Abbild des Schriftstücks unterstützt das Bemühen der Stabilisierung von Information mit einem zusätzlichen Maß an Fälschungssicherheit, die den Informationsträger Papier übertrifft. Die elektronische Datenverarbeitung mit ihren digitalen Systemen hat ihre Stärke nicht in der Stabilisierung von Information, sondern in der schnellen Verknüpfung und Veränderung von Information. Des Mikrofilms hat sich die elektronische Datenverarbeitung schon seit mehr als zwanzig Jahren bedient, wenn es darum ging, flüchtige Information zu stabilisieren. Mit dem COM- Verfahren (Computer Output on Microfilm) konnten und können große Datenmengen unmittelbar in menschenlesbaren Zeichen auf Film ausgegeben werden.

Seit nun aber die Speicherkosten in der EDV eine rasante Talfahrt angetreten haben und mit den optoelektronischen Speichermedien wie WORM, CD-ROM und CD-R und neuerdings DVD preiswerte Medien hoher Kapazität zur Verfügung stehen, ist es wirtschaftlich vertretbar, die relativ großen Datenmengen, die ein digitales Bild benötigt, zu speichern. Die Dokumente oder Bilder werden mit Scannern digitalisiert, d. h. in einzelne Bildpunkte zerlegt.

Während eine normgerechte Mikrofilmaufnahme als solche bereits Qualitätsreserven für eine Vielzahl von Verwendungswecken und das Gütesiegel der Alterungsbeständigkeit besitzt, ohne dass dies mit signifikanten Mehrkosten verbunden ist, besteht bei der Digitalisierung zwischen Wiedergabequalität und Kostenaufwand ein direkter Zusammenhang. Höhere Qualität erfordert höhere Auflösung, wobei in Bezug auf Archivalien mindestens eine Auflösung von 400 dpi empfohlen wird, in Abhängigkeit von der Vorlage kann bei Archivgut selten bitonal, d.h. nur schwarze oder keine Bilpunkte digitalisiert werden. In der Regel sind 16 oder 256 Graustufen notwendig und bei farbigen Vorlagen selbstverständlich Farbe. Sie sehen, welche Auswirkungen die Qualitätsanforderungen auf den Speicherplatz haben. Die Dateigrößen wirken sich kostenmäßig ja nicht nur beim Digitalisieren selbst, sondern auch bei der Datensicherung, bei der Verwaltung, beim Laden am Bildschirm und bei der Bereitstellung in netzen aus. Dieser Farbmikrofilm repräsentiert bei der vorliegenden Qualität eine Speicherkapazität von mindestens 120 MB. In allen Fällen überschreitet das Auflösungsvermögen von Mikrofilmen, das im Bereich der Größe der Silbermoleküle liegt, die vernünftig mögliche digitale Auflösung. Der normale schwarz weiß Dokumentenfilm gibt mehr als 16 Graustufen wieder und der Halbton-Mikrofilm weit mehr als 256 Graustufen, so wie auch der Farbmikrofilm deutlich mehr als 3 x 256 Farben wiedergibt. Die Wiedergabequalität eines Mikrofilms ist bei objektgerechter Aufnahme beim heutigen Stand der Technik der eines digitalisierten Bildes überlegen.

Bei der Digitalisierung wird oft die Notwendigkeit übersehen, den Kontext der Vorlage, sofern es sich nicht um ein Einzelblatt handelt, durch technisch-organisatorische Maßnahmen zu stabilisieren. Bei der Verfilmung ist der Zusammenhang der Vorlage bereits durch das Medium selbst und durch die Aufnahmefolge dauerhaft fixiert. Man kann auf einem Rollfilm ohne weiteren Strukturierungs- oder Erschließungsaufwand "blättern" und sich zurechtfinden. Bei der Digitalisierung zerfällt ein Buch von 400 Seiten im Wortsinn in 400 Bilddateien. Sinnvoller Weise werden diese vom Dienstleister zumindest mit Dateinamen mit entsprechend aufsteigenden Ziffern versehen. Will man nicht die Seiten einzeln beim Namen aufrufen, muss bereits der Komfort des Vor- und Rückblätterns zusätzlich zur Digitalisierungsleistung als gesonderter Erfassungs- und ggf. Programmieraufwand bezahlt werden. Der Sinn der Präsentation digitaler Konversionsformen liegt aber in zusätzlichen Erschließungsleistungen in der Regel auf Schriftstück- oder Einzelbildebene. Der attraktive "Mehrwert" zusätzlicher Erschließung, Strukturierung und Organisation ist aber zugleich der wesentliche Kostenfaktor der Digitalisierung: Bei vorsichtiger Schätzung kann man davon unterstellen, dass bei Verfilmungsprojekten die Verfilmung selbst 70-80% des Gesamtaufwands ausmacht. Bei Digitalisierungsprojekten ist die Digitalisierung selbst allenfalls mit 20-30% der Gesamtkosten zu veranschlagen, 70-80% gehen zu Lasten der objekt- und mediengerechten Aufbereitung, Präsentation und Zugänglichkeit.

Der höhere Kostenaufwand für die Digitalisierung ergibt sich aber auch noch durch einen zusätzlichen, bisher kaum zu quantifizierenden Kostenfaktor: die Aufwendungen für die Langzeitverfügbarkeit der digitalen Konversionsformen. Betrachtet man verschiedene analoge und digitale, menschenlesbare und maschinenlesbare Speichermedien im Vergleich, mit denen die Archive mehr oder weniger lange und ausgeprägte Erfahrung haben, ergibt sich folgendes Bild.

Die Verfügbarkeit und Zugänglichkeit zu digitalen Konversionsformen ist, wie bei allen maschinenlesbaren Daten, weniger eine Frage der Dauerhaftigkeit der Speichermedien, als der längerfristigen Kompatibilität von Hardware, Software und Aufzeichnungsformaten. Nichts veraltet so schnell wie ein High-Tech-System, so paradox dies auch klingen mag. Im Prinzip gilt dies auch für die Speichersysteme der Zukunft. Auch zur Nutzung holographischer Speicher oder von codierten Iridium-Nadeln braucht es kompatibler Geräte und passender Software.

Soll oder wird die digitale Konversionsform (längerfristig) an die Stelle der Originalvorlagen treten, müssen mehr oder weniger aufwendige technische und/oder organisatorische Vorkehrungen für die Langzeitverfügbarkeit getroffen werden. Möglich aus heutiger Sicht erscheinen drei Methoden: Migration, Emulation oder Konversion. Durch die Migration soll erreicht werden, dass die Bilddateien mit ihren Kontext- und Erschließungsinformationen über sehr lange Zeiträume im Umfeld der jeweils zeitbezogenen Hard- und Softwareumgebungen verfügbar und lesbar bleiben.

Dies geschieht einerseits durch Auffrischung der Signale, andererseits durch kontinuierliche Formatanpassung (refreshment and reformatting). Eine solches planmäßiges Migrationskonzept könnte so aussehen, dass erstens eine Sicherung auf zwei gegeneinander und mit der Datenquelle geprüften zuverlässigen und nicht löschbaren Datenträger vorgenommen wird und zweitens, rechtzeitig vor einem Systemwechsel, eine Parallelinstallation der beiden Systemgenerationen erfolgt, bis der Schritt der Datensicherung im Umfeld der neuen Systemgeneration erreicht ist. Dass ein solches Konzept keine Innovationszyklen auslassen darf, dass es hohe Kosten verursacht und dass sich seine wirtschaftliche Berechtigung vor allem von der Zugriffshäufigkeit her beantwortet, versteht sich von selbst.

Im Gegensatz zur Migration, welche auf die Anpassung digitaler Information an Systeme der Zukunft abzielt, ist der strategische Ansatz der Emulation von der Zukunft in die Vergangenheit gerichtet. Künftigen Systemen soll es möglich gemacht werden, die Systemvergangenheit zu emulieren, eine nicht mehr vorhandene Hardware- und Betriebssystemumgebung nachzuahmen, um die digitale Information in ihrer ursprünglichen Softwareumgebung zugänglich zu machen und zu halten. Dazu ist es erforderlich, neben den digitalen Konversionsformen die digitalen Kontextinformationen, die Anwendungssoftware und die Betriebssystemsoftware, auf denen diese Software lief, zusammen mit einer ausreichenden Dokumentation der Hardware und des Betriebssystems, einer Beschreibung der Anwendungssoftware und einer Beschreibung, wie alle Komponenten zusammenspielen, dauerhaft mit Hilfe der periodischen Auffrischung der digitalen Informationen und Speicherung auf jeweils gängige Informationsträger zu stabilisieren. Mit Hilfe der Dokumentation und zweifellos nicht ohne erheblichen Aufwand sollte man mit dieser Methode Anwendungen der Vergangenheit mit eingebetteten digitalen Konversionsformen auf Systemen nächster und übernächster Generationen zum Laufen bringen, so wenigstens die Vorstellung. Der unbestreitbare Vorteil der Emulation gegenüber einer Migration wäre, dass die langfristige Zugänglichkeit vom jeweiligen Bedarf abhängig gewährleistet werden könnte und nicht digitale Informationen unabhängig vom Bedarf von Generation zu Generation transformiert werden müssten.

Die dritte Möglichkeit, die Langzeitverfügbarkeit digitaler Information sicherzustellen, ist die Konversion, oder die Rekonversion, die Umwandlung digitaler Information in analoge, menschenlesbare Form und die Speicherung auf einem alterungsbeständigen Informationsträger wie entsprechendem Papier oder Mikrofilm. Damit kann die Information zwar langfristig stabilisiert werden, verliert aber die Eigenschaft der automatisierbaren Veränderbarkeit und Verknüpfbarkeit mit anderen Informationen.

Wer verantwortungsbewusst über Digitalisierung nachdenkt, muss auch die Notwendigkeit und den Aufwand der Migration, Emulation oder Konversion in seine Überlegungen und Planungen sowie in sein Budget einbeziehen, es sei denn, er hat in der verständlichen Begeisterung über die neuen Möglichkeiten der digitalen Welt bewährte Errungenschaften der analogen Informationsspeicherung und Informationsverteilung wie den guten alten Mikrofilm nicht schon total abgeschrieben. Warum soll man sich nicht der Vorteile der analogen und digitalen Welt in einem System bedienen können, einem hybriden System, das Mikrofilm und digitale Konversions- und Zugriffsformen nutzt?

Digitale Konversionsformen sind flexibel, lassen sich in fast jede Systemumgebung integrieren, sind ubiquitär nutzbar, über Leitungen transportierbar, lassen sich verändern, von Maschinen verwalten und sind für mehrdimensionale Zugriffe adressierbar. Die digitale Welt hat ihre Stärke in der Veränderbarkeit, in der Dynamik. Mikroformen gehören der analogen Welt an, in der Aufzeichnungen dazu dienen, zu stabilisieren. Mikrofilme haben von digitalen Systemen bisher nicht erreichte Qualitätseigenschaften in der Bildwiedergabe, sind durch dichte Normung zukunftssicher, sind bei korrekter Verarbeitung und nicht einmal aufwendiger Lagerung alterungsbeständig, sind notfalls mit Lupe und Sonnenlicht lesbar und sind, wie alle analogen Medien, aufwärtskompatibel, d. h. auch künftige maschinenlesbare Systeme werden, solange sie dem Menschen nützen sollen, zwangsläufig Schnittstellen für analoge Informationen haben. Daher liegt es nahe, die Vorteile des Mikrofilms als wirtschaftlichem Langzeitspeichermedium mit den Vorteilen digitaler Konversionsformen als attraktive n Zugriffs- und Nutzungsmedien zu kombinieren.

Für alle Mikroformen sind Geräte und Verfahren verfügbar, um mehr oder weniger rationell, in jedem Fall aber rationeller und kostengünstiger als vom Original, vom Film zu scannen. Am wirtschaftlichsten, weil weitgehend automatisch, ist dies vom 35 mm Rollfilm möglich. Je nach Ausgangsfilm kann vom Film bitonal, in Graustufen oder in Farbe gescannt werden. Da im Falle einer Ersatzkonversion regelmäßig der Mikrofilm als Langzeitspeicher eintritt, muss vom Film immer nur für die Präsentation in zweckgerechter Qualität digitalisiert werden, nie in unnötig hoher. Die Digitalisierung muss nicht auf Verdacht erfolgen, sondern bei Bedarf, und ändern sich Bedarf oder Anforderungen, lässt sich erneut vom Film digitalisieren, ohne die Originalvorlage erneut strapazieren zu müssen. Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass auch Gründe der Bestandserhaltung für ein Digitalisieren vom Mikrofilm sprechen; gegenüber der Verfilmung ist die Lichtbelastung beim Digitalisieren durchgängig höher, ganz zu schweigen von der mechanischen Belastung. Nur ein Hersteller bietet für seinen Kamerascanner ähnlich vorlagenschonende Systeme an, wie dies für die Verfilmung Gang und Gäbe ist.

Ein solches Hybridsystem aus analogem Langzeitspeicher, von dem durchaus zusätzlich Arbeits- und Verteilungsduplikate gezogen werden können, und davon gewonnenen digitalen Konversionsformen für den attraktiven Zugriff passt sich den Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft zweifellos flexibler an als heute für Quasi-Standard gehaltene Umgebungen der elektronischen Datenverarbeitung. Darüber hinaus scheint ein solches System nicht nur im Hinblick auf die Migrationsproblematik oder Emulationsproblematik die wirtschaftlichere Alternative, da Erschließungs-, Verwaltungs- und Zugriffsinformationen, die zweckmäßigerweise weiterhin digital vorgehalten werden müssen, im Vergleich mit digitalen Bilddateien relativ geringe Ansprüche an Speicherkapazität haben.

Vergleicht man heute die marktüblichen Preise für Digitalisierungsleistungen vom Original mit denen der Digitalisierung vom Mikrofilm, stellt man fest, dass es nicht nur vorteilhaft ist, vorhandene Filme statt der Originale selbst zu digitalisieren, sondern dass die Neuverfilmung und anschließende Digitalisierung vom Film in den meisten Fällen kostengünstiger ist als die Digitalisierung vom Original.

Das vorgeschlagene Hybridsystem aus Langzeitspeicher Film und Zugriffsmedium digitale Form geht zunächst davon aus, dass vom Film digitalisiert wird. Dieser Weg ist bewährt und liefert bei normgerecht hergestellten Filmen gute Ergebnisse.

Als Beispiel für eine solche Hybridanwendung möchte ich Ihnen eine Internet-Präsentation einer Augenscheinkarte von 1575 aus dem Bestand Reichskammergericht des Hauptstaatsarchivs Stuttgart zeigen. Diese Anwendung entstand im Rahmen eines Projekts der Deutschen Forschungsgemeinschaft zur Untersuchung der Möglichkeiten, die Zugänglichkeit zu Archivgut zu verbessern und zugleich etwas für die Bestandserhaltung zu tun. Ausgangspunkt für die Digitalisierung war dieses Makrofiche mit der Aufnahme der handgezeichneten Karte.

Digitalisiert wurde diese Karte im TIFF- Format mit etwa 300 dpi und dann für die Darbietung im Internet im JPEG-Format komprimiert, um vernünftige Ladezeiten zu erreichen. In der Präsentation im world wide web hat die Karte dieses Erscheinungsbild.

Durch ein Anklicken der Ortsansichten kann man diese vergrößert betrachten. Auch dafür hat das Makrofiche und die davon hergestellte TIFF-Datei ausgereicht. Ich kann Sie nur einladen, sich diese Präsentation im Angebot der Landesarchivdirektion Baden-Württemberg zu betrachten.

Auch die Legende der Karte, deren komprimierte Präsentationsdatei in entsprechender Weise vom Film hergestellt wurde, ist einwandfrei lesbar. Die Digitalisierung wird im übrigen konsequent an leistungsfähige Servicefirmen vergeben. Auch dies ein Vorteil der Digitaliserung vom Mikrofilm: nur die Filme, nicht die Originale müssen das Haus verlassen. Hinweis auf Lesehilfe.

Untersuchenswert erscheint indes auch die Kompatibilität in die andere Richtung, von der digitalen Form zum Film. In recht erstaunlicher Aufzeichnungsqualität, aber nur bitonal ist es möglich mit sog. COM-Anlagen (Computer Output on Microfilm) bitmaps auf Mikrofilm auszugeben.

Mit diesem Diapositiv erleben sie so etwas wie eine kleine Premiere, es ist im Rahmen des DFG- Projekts entstanden, erst ein paar Wochen alt und wurde öffentlich noch nie gezeigt: es ist die Ausgabe von digitalen Bilddaten auf Film mit Hilfe eines Laser-Belichters. Das bisher mit erheblichem Aufwand erzielbare Ergebnis ist mit rund 230 dpi ausgegeben und gut lesbar, aber weit von einer erneuten Digitalisierbarkeit entfernt. Wenn der weitere technische Fortschritt uns eine volle Kompatibilität vom Film über digitale Form zum Film oder von der digitalen Form über Film zur digitalen Form beschert, wäre sozusagen das informationstechnische perpetuum mobile erfunden, das den Archiven - auch im Hinblick auf das Thema von gestern - neue Möglichkeiten eröffnen könnte. Bei aller Aufgeschlossenheit für den zweckentsprechenden Einsatz digitaler Formen dort, wo sie hingehören und ihre Stärke ausspielen können, sei es mir erlaubt, für die Langzeitspeicherung auf alterungsbeständiges Papier oder auf Mikrofilm zu setzen. Meiner dem archivarischen Berufsstand eigenen konservatorischen Grundhaltung entspricht es, für Lösungen einzutreten, deren Effekt sich mit den menschlichen Sinnesorganen wahrnehmen lässt - und dies erst recht, wenn es um die Erhaltung unserer Kulturtradition geht.

 

 

Zum Autor:
Prof. Dr. Hartmut Weber, Präsident des Bundesarchivs in Koblenz
Zum Artikel:
Dieser Beitrag wurde erstmals als Vortrag beim deutsch- niederländisch- belgischen Archivarstreffen im Herbst 1998 in Bastogne vorgetragen.
Geschäftsstelle:
Universitäts- und Landesbibliothek Münster
Krummer Timpen 3-5, 48143 Münster
E-mail: office@forum-bestandserhaltung.de