Forum Bestandserhaltung
Home
Das Forum Grundlagen Konservierung und Restaurierung Konversion Notfall Dienstleister

Konversion

Allgemeines
Faksimile und Reprint
Mikroverfilmung
Digitalisierung
Bewertung, Konservierung und Konversion
Strategien zur Sicherung der langfristigen Zugänglichkeit zur archivalischen Überlieferung
Ein Beitrag von Prof. Dr. Hartmut Weber, Koblenz

Diesen Beitrag: drucken  
 

Wenn die Sicherung der langfristigen Zugänglichkeit unseres kulturellen Erbe nun aus der Sicht der Archive beleuchtet werden soll, bedarf es eingangs einer grundsätzlichen Feststellung: trotz unterschiedlicher archivarischer und bibliothekarischer Zielsetzungen und Methoden bei der Überlieferungsbildung und Erschließung eint die Bibliotheken und Archive das gemeinsame Problem der Erhaltung der Bestände. Und da diese Bestände aus identischen Materialien sind, hier wie dort der endogene Papierzerfall schleichend und unaufhaltsam Kulturgut aufzehrt, wäre es verantwortungslos und töricht, die synergetischen Effekte abgestimmten Handelns nicht auszunutzen. Gerade auf dem Arbeitsfeld der Bestandserhaltung gibt es mehr gemeinsames als trennendes zwischen den Archiven und Bibliotheken.

Die Archive, hier soll in erster Linie von den öffentlichen Archiven in Deutschland die Rede sein, von den Archiven des Bundes, der Länder, der Gemeinden und der Gebietskörperschaften wie der Landkreise, - die Archive verwahren, in Deutschland aufgrund flächendeckender gesetzlicher Regelungen die viele Jahrhunderte zurückreichende historische Überlieferung des jeweiligen Archivträgers, des Bundes, eines Landes, einer Stadt, einer Gemeinde oder eines Landkreises. Sie erfassen die bei den genannten Stellen für die Aufgabenerfüllung entbehrlich gewordenen Unterlagen, bewerten diese und übernehmen die Unterlagen von bleibendem Wert als Archivgut. Die Archive erhalten Archivgut auf Dauer und machen es nutzbar, d. h. erschließen es und machen Archivgut der Forschung wie dem interessierten Bürger zugänglich.

In einem demokratischen Staatswesen haben die Archive den gesellschaftlichen Stellenwert als eine Art Fenster der Verwaltung [1]. Sie machen Verwaltungstätigkeit und Entscheidungsprozesse in Behörden, Gerichten oder Selbstverwaltungsgremien transparent, indem sie die Tätigkeitsspuren solcher Stellen für eine Sekundärnutzung aufbereiten. Neben anderen Kernaufgaben der Archive sind die Aufgaben der Erhaltung und der Bereitstellung zur Nutzung an jedermann, der ein berechtigtes Interesse hat, gesetzlich postuliert.

Gegenstand der Erhaltung und Zugänglichkeit sind nicht etwa Informationen, sondern an seine Materialität gebundenes Archivgut. Zu diesen authentischen Dokumenten müssen die Archive über einen unbegrenzten Zeitraum hinweg die Zugänglichkeit sicherstellen. In seinem Entstehungszusammenhang hält Archivgut Verwaltungshandeln und Entscheidungsprozesse über die Gegenwart hinaus evident, oder weist Rechtsverhältnisse langfristig nach.

Neben den Bibliotheken bieten die Archive Gewähr dafür, dass Wissen, Denken und zeitbedingte Erfahrungen ganzer Epochen der Menschheit für Forschung, Lehre und Bildung, aber auch für die Staatsorgane langfristig zugänglich gehalten werden. Sie tragen damit dazu bei, die Kontinuität von Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtsprechung, die auf die archivierte Verwaltungsdokumentation angewiesen sind, sicherzustellen. Nicht zuletzt werden in den Archiven Eigentums- und Rechtsverhältnisse langfristig authentisch nachgewiesen und damit wichtige Voraussetzungen für die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes geschaffen. Wie wichtig gerade diese Leistung der Archive ist, ist nur zu ermessen, wenn man, wie nach der Wiedervereinigung Deutschlands, diese authentische Rechtsdokumentation schmerzlich vermisst. Dieser Mangel hat sich vielfach in einer Lähmung der wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse niedergeschlagen. Werden die Archive nicht in die Lage versetzt, ihren gesetzlichen Pflichten nachzukommen, geht Archivgut unter, so bekommt das Gedächtnis der Verwaltung, ja das Gedächtnis einer Kulturnation irreparable Lücken. Stehen der Geschichtsforschung keine authentische Quellenbasis zur Verfügung, so sind Fälschungen und Verfälschungen Tür und Tor geöffnet.

Dieses Problem ist kein akademisches, sondern ein durchaus praktisches. 60 bis 70% der Archivgutbestände sind nach den Feststellungen der Bund-Länder-Arbeitsgruppe "Papierzerfall" in Deutschland durch den schleichend voranschreitenden Zerfall säurehaltiger und/oder holzschliffhaltiger Papiere der letzten 150 Jahre bedroht. Allein im Bereich der Archive des Bundes, der Länder und der Kommunen sind überschlägig 1.500.000 laufende Meter Archivgut oder mehr als 75 Millionen Archivalieneinheiten vom endogenen Zerfall betroffen. Bereits geschädigt oder akut gefährdet sind 20% der Archivbestände oder 440.000 laufende Meter ( über 22 Millionen Archivalieneinheiten). In vielen Fällen fördert unzureichende Lagerung oder Verpackung den Zerfallsprozess ebenso wie der an sich erfreuliche Anstieg der Nutzung der Archive oder die rege Ausstellungstätigkeit der letzten beiden Jahrzehnte. Massenhaft vergilbt Papier, verliert seine ursprüngliche Flexibilität, wird spröde und zerbröselt.

Ursachen und Folgen des Papierzerfalls sind in Bibliotheken und Archiven nahezu identisch. Ein Problem verschärft allerdings die Lage in den Archiven. Während die Bibliotheken Bücher aus der Verlagsproduktion in aller Regel sozusagen druckfrisch erwerben, übernehmen die Archive die Aktenüberlieferung von bleibendem Wert aus der Verwaltung in mehr oder weniger stark gebrauchtem, um nicht zu sagen verbrauchten Zustand. Von der Entstehung von Dokumenten oder Akten dauert es 10 bis 30 Jahre, manchmal noch länger, bis diese ins Archiv gelangen. Die Überlieferung der Archive ist in den für die Lebenserwartung entscheidenden ersten Jahrzehnten besonderer Beanspruchung ausgesetzt. Sie wird in den Dienstzimmern oder Behördenregistraturen unter keineswegs idealen Klimabedingungen aufbewahrt. Die Akten werden in der Tagesarbeit der Behörden ohne Rücksicht auf ihren späteren langen Lebensabschnitt im Archiv strapaziert, wandern von Schreibtisch zu Schreibtisch und haben, je interessanter, je öfter, den sorglosen Umgang der Bearbeiter zu erleiden, dessen Interesse in aller Regel erlischt, wenn die Akten seinen Schreibtisch verlassen haben. So kommen oftmals gerade die hochinteressanten Aktenbestände, mit denen in der Verwaltung intensiv gearbeitet wurde, bereits in schlechtem Erhaltungszustand in die Archive.

Aus kulturpolitischen wie aus staatspolitischen Gründen sind Maßnahmen gegen den Papierzerfall erforderlich, die rasch Wirkung zeigen. Dies ist ohne erheblichen finanziellen Aufwand nicht zu machen. Entsprechende Forderungen an die Unterhaltsträger werden jedoch, zumal in unserer Zeit, eher Unverständnis oder Entsetzen auslösen, als Gehör finden. So wären für die Massenentsäuerung der bedrohten Archivbestände in Deutschland über 2,7 Milliarden DM aufzubringen, für die Verfilmung je nach Verfahren zwischen 900 Millionen und 4 Milliarden DM. Beschränkt man sich nur auf die Teilmenge der bereits geschädigten oder akut gefährdeten Bestände, so wären in absehbarer Zeit zwischen 264 Millionen und 1,2 Milliarden DM für eine Verfilmung erforderlich. Eine Massenentsäuerung, die sich auf 792 Millionen DM belaufen würde, käme bei diesem Schadensfortschritt ohnehin nicht mehr in Betracht; um dieses Kulturgut im Original zu erhalten, wären rationelle Restaurierungsverfahren wie der Einsatz des Papierspaltverfahrens erforderlich. Dafür wären mindestens 15 Milliarden DM zu veranschlagen. Man könnte einwenden, dass sich die genannten Kostengrößenordnungen reduzieren würden, wenn die Leistungen in größerem Umfang nachgefragt würden. Das ist sicher richtig. Die Einsparungen würden aber durch die Nebenkosten der Selektion, der Transporte und der Rücksortierungen, die in den genannten Zahlen nicht berücksichtigt sind, zumindest aufgewogen.

Das dargestellte Mengengerüst zwingt zu strategischen Ansätzen, um mit dem Erreichbaren möglichst viel Wirkung zu erzielen, zwingt zu Gesamtkonzepten, um die Investitionen langfristig abzusichern. Zweifellos sind in erster Linie die Finanzmittel erforderlich, aber es bedarf zuvor Konzeptionen, denn ohne überzeugende Konzeptionen gibt es zu Recht kein Geld.

Schlaglichtartig möchte ich nun wesentliche Aspekte einer solchen Konzeption darstellen.

 

I. Reduktion durch Bewertung

Für die Bekämpfung des Zerfalls unseres kulturellen Erbes gibt es kein Allheilmittel. In der Bestandserhaltung müssen viele Instrumente der Schadensprävention, der Schadensbegrenzung und der Behandlung eingetretener Schäden zusammenspielen.

Die wichtigsten, die wirkungsvollsten und zugleich die wirtschaftlichsten sind die vorbeugenden Maßnahmen. Diese müssen in allen Fällen des endogenen Zerfalls früher oder später durch rationelle Verfahren zur Erhaltung der Originale oder zu deren Konversion auf alterungsbeständige Informationsträger, soweit diese Substitution fachlich vertretbar ist, ergänzt werden.

Noch ein weiterer wichtiger Arbeitsschritt entscheidet aber bei den Archiven über den Aufwand, der mit der Erhaltung einerseits verbunden ist, gleichzeitig aber Qualität und Nutzen des Archivguts bestimmt: die Bewertung, die damit zum Steuerungsinstrument wird.

Zum Wesen archivischer Tätigkeit gehört es, aus der großen Menge der bei Behörden, Gerichten oder sonstigen Stellen entstandenen Archivguts nur solches von bleibendem Wert zu übernehmen, zu erhalten und zugänglich zu machen. Die Bewertung ist somit das fachwissenschaftlich-kreative und konstitutive Gestaltungselement der Überlieferungsbildung mit dem Ziel, die Dienstleistungsfunktion der Archive langfristig abzusichern. Diese weitreichenden und irreversiblen Entscheidungen über die Überlieferungsbildung begründen zugleich die spezifische archivarische Fachkompetenz [2]: Die Bewertung stellt im Kreise der archivarischen Fachaufgaben eine wesentliche Herausforderung dar, der sich die Archivare zu stellen haben, auch weil sie auf diesem Feld konkurrenzlos kompetent sind; eine Übernahme unbewerteter Unterlagen würde die Zwecksetzung des Archivs verfehlen. Die Bewertung an der Schwelle des Archivs trennt nicht nur sozusagen die Spreu vom Weizen, sondern verfolgt das Ziel der Verdichtung; möglichst wenig übernommenes Archivgut soll für möglichst vielfältige Zwecke nutzbar und aussagekräftig sein.

Auf die Entwicklung der Bewertungstheorie und der Bewertungspraxis, die im zentralen Blickpunkt archivwissenschaftlicher Betrachtungsweisen stehen, möchte ich aus Zeitgründen nicht näher eingehen [3]. Nur soviel: die Bewertung, weniger an Inhalten orientiert als an Kompetenz und Aufgabe der abliefernden Behörde, wird als produktiver und kreativer Arbeitsprozess angesehen, der für Archivtätigkeit unumgänglich ist. Denn aus abgelegtem Altpapier wird durch Ordnung und Verzeichnung allein noch kein Archivgut. Erst die gezielte Vernichtung von überflüssigem Ballast macht die Archivierung vollständig [4].

In diesem traditionellen unverzichtbaren Arbeitsschritt der Bewertung finden wir zwanglos das Motto vorweggenommen, unter das Heimo Reinitzer seinen Bericht über die Bellagio-Konferenz der Commission on Preservation and Access stellte, der in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschien unter der Überschrift: "Kein sinnvolles Bewahren ohne Preisgeben" [5].

Unter dem Titel Appraisal: Destruction for Preservation ist Angelika Menne-Haritz, die Leiterin der zentralen archivischen Ausbildungseinrichtung in Deutschland, in einem in Oslo gehaltenen Vortrag dafür eingetreten, mit dem Ziel der Vernichtung des Ballastes zu bewerten anstatt für die Aufbewahrung auszuwählen. Dieser Ansatz berücksichtigt, dass nur ein relativ kleiner Teil der Unterlagen erhalten werden kann, und ist insofern realistisch. Er ist aber auch in anderer Beziehung bemerkenswert: Hat man früher das Provenienzprinzip allein als Ordnungsprinzip gesehen und seine Anwendbarkeit auf andere Arbeitsbereiche wie auch Bewertung abgelehnt, so hat mit der neuen Bewertungsdiskussion ein Paradigmenwechsel stattgefunden, der als ganzheitliches Konzept alle archivischen Tätigkeiten auf ein Ziel, nämlich die Bildung und Erhaltung authentischer Überlieferung orientiert [6]. Ähnliche Gedanken zu den Sachzwängen einer strengen Kassation hat jüngst Helen Forde vom Public Record Office in London in einem Vortrag mit dem Titel "Selection for Preservation" anlässlich einer europäischen Archivkonferenz vertreten [7].

Choosing to preserve. Auf was könnte das Motto dieser Leipziger Konferenz besser aufsetzen als auf die bereits vorhandene archivische Bewertungstheorie und Bewertungspraxis? In der Tat aber muss das Schwergewicht auf verantwortungsvoller Kassation liegen, auf Vernichtung von Ballast, um eine stark verdichtete offene, mehrdimensionale Überlieferung, die unbestimmbaren Fragestellungen zugänglich ist und damit den gegenwärtigen und künftigen Erwartungen der Nutzer am ehesten Rechnung trägt, erhalten und nutzbar machen zu können.

Stärker als bisher muss die archivische Bewertung, traditionell unter dem Zwang notorischer Raumnot der Archive stehend, den Aspekten der Erhaltung und langfristiger Zugänglichkeit Rechnung tragen. Dies ist nicht nur ein Gebot der Wirtschaftlichkeit, sondern auch des Funktionsnutzens von Archivgut. Redundante Überlieferung führt auch beim Nutzer zu höherem Aufwand und weniger Akzeptanz.

Aktuelle Ansätze in der aktuellen Bewertungsdiskussion wie Samplebildung oder vertikale Bewertung weisen in die richtige Richtung. Der relativ schwerfällige Prozess, in Bund, Ländern und Gemeinden die Aspekte der Bestandserhaltung in die Bewertungspraxis einzubeziehen, könnte und sollte durch die gezielte Förderung entsprechender Untersuchungsprojekte mit Modellcharakter beschleunigt werden. Dabei müssen Hausinteressen zurückstehen: Effektive Bewertung darf nicht an der Tür der eigenen Institution Halt machen. Nachdrücklich ist die Forderung von Bodo Uhl zu unterstreichen, wonach Mehrfachüberlieferung nicht nur im eigenen Haus, sondern auch in Bezug auf andere Institutionen zu prüfen ist [8]. Schließlich darf auch die nachträgliche Kassation übernommener Bestände kein Tabu sein.

Bei hohem Wirkungsgrad für die Qualität der Überlieferung wie für die Begrenzung der Folgekosten ist die Bewertung selbst bezogen auf die positiv wie negativ bewerteten Unterlagen relativ wenig aufwendig. Auf die Einheit umgelegt erfordert die Bewertung deutlich weniger Personalaufwand als andere Fachaufgaben, insbesondere im Vergleich zu den Kernaufgaben Erschließung oder Erhaltung [9]. Diese Erkenntnis muss dazu führen, die Effektivität dieser Aufgabe im Interesse der Bestandserhaltung wie aller Folgeaufwendungen dadurch zu steigern, dass diesem Bereich verstärkte Aufmerksamkeit auch durch verstärkten Personaleinsatz geschenkt wird. Der niedersächsische Archivar Carl Haase hat bereits vor mehr als zwanzig Jahren den Schluss gezogen, dass "einerseits die Kassation, und andererseits die Restaurierung und Konservierung heute für den wissenschaftlichen Archivar wichtigere Themen" seien "als die Ordnung, Verzeichnung und Erschließung des übernommenen Schriftgutes" [10]. Haase hat damit vor frühzeitig die Überlieferungsbildung und die Bestandserhaltung als die elementaren archivarischen Kernaufgaben erkannt, ohne die die übrigen Fachaufgaben im engeren Sinne auf Dauer obsolet werden.

Selbst die kulturellen Zusatzleistungen der Archive und der Archivare wie Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit laufen ins leere, wenn die eng aufeinander bezogenen archivarischen Kernaufgaben der Bewertung, der Erhaltung und der Erschließung vernachlässigt werden, welche die Voraussetzung für langfristige Zugänglichkeit bilden.

 

II. Konservierung

Schadensvermeidung ist die wirtschaftlichste und wirkungsvollste Maßnahme der Bestandserhaltung und zudem die Maßnahme, die im Ergebnis fachlich am ehesten befriedigt. Nicht umsonst hat die Bund-Länder-Gruppe "Papierzerfall" die künftige Vermeidung dieses Phänomens durch Einsatz alterungsbeständiger Papiere auch im Behördenbereich gefordert. Die Archive bemühen sich seit Jahren darum, dieser Forderung Geltung zu verschaffen und vor allem den Einsatz von holzschliffhaltigem Recyclingpapier zurückzudämmen. Dieser wird vor allem aus abfallpolitischen Gründen propagiert. Hier wird es noch weiterer Anstrengungen der Archive bedürfen, um einen Ausgleich zwischen abfallpolitischen und kulturpolitischen Interessen in einer zweckgerecht differenzierten Papierverwendung herbeizuführen. Der Schlüssel dazu liegt wiederum in der archivschen Bewertung: was nicht von bleibendem Wert und nicht langfristig zugänglich sein muss, braucht auch nicht auf alterungsbeständiges Papier geschrieben oder gedruckt sein. Sehr hilfreich bei der Bewältigung dieses Zielkonflikts ist die Tatsache, dass Deutschland jüngst die internationale Haltbarkeitsnorm für Papier, die ISO 9706 in die nationale Normung übernommen hat.

In ein Gesamtkonzept zur Schadensprävention gehören Archivbau, zweckmäßige Einrichtung insbesondere der Magazine, objektgerechte Klimatisierung, Lagerung und Verpackung des Archivguts, Notfallvorsorge sowie Schutzmaßnahmen bei der Nutzung und beim sonstigen Umgang mit dem in den Archiven verwahrten Kulturgut, dessen Erhaltungsproblematik sich auch daraus ergibt, dass dieses Kulturgut in die Hand genommen wird. Alle lebensverlängernden Maßnahmen müssen aufeinander abgestimmt sein und zusammenwirken. Das Ergebnis dieses koordinierten Zusammenspiels wird allerdings vom schwächsten Glied in der Kette der Vorkehrungen und Maßnahmen bestimmt. Dem Bestandserhaltungsmanagement kommt daher eine zentrale Bedeutung zu. Einem kreativ gehandhabten Bestandserhaltungsmanagement muss es gelingen, Bestandserhaltung wirkungsvoll in die bestehenden Fachaufgaben zu integrieren und klarzumachen, dass die Erhaltung von Kulturgut keine neue Aufgabe ist, sondern dass jeder an seiner Position die Sorgfalt walten lassen muss, die zur Schadensprävention erforderlich ist. Bestandserhaltungsmanagement sollte aber nicht auf Theorien, sondern auf die Praxis, auf Durchführung und Kontrolle bestandserhaltender Maßnahmen abzielen. Eine wirklich gute Idee ist bekanntlich nur die, die durchgeführt wird - und durchgeführt bleibt.

Bei der präventiven Bestandserhaltung kommt es weniger darauf an, dass das, was getan wird, richtig getan wird, sondern dass das richtige getan wird. Wirkung, Effektivität ist in erster Linie gefragt und dann erst Effizienz. Bei knapper werdenden Ressourcen müssen alle Maßnahmen an ihrer Wirkung gemessen werden. Optimale Wirkung mit minimalem Einsatz zu erzielen ist ein Gebot, das dem Massenproblem Rechnung trägt. Das ökonomische Prinzip muss auch bei der Bestandserhaltung zum Tragen kommen. Es geht darum, mit den gegebenen personellen und finanziellen Rahmenbedingungen so wirtschaftlich wie möglich umzugehen und optimale Wirkung zu erreichen. Gerade bei begrenzten Ressourcen gilt es genau zu überlegen, mit welchen Maßnahmen am meisten für die Erhaltung der Bestände zu erreichen ist. Aufbauend auf fachlich abgesicherten Grundlagen der Bestandserhaltung muss der Schritt getan werden zur am Effekt orientierten, rationellen Bestandserhaltung, der Schritt sozusagen zur Lean Preservation.

Die Wirkung begrenzter Ressourcen muss durch konsequente Zielorientierung und ein Mehr an Kreativität und wohlüberlegtem Handeln auf dem Weg dorthin gesteigert werden. Diesen Herausforderungen ist nur zu begegnen, wenn die Bestandserhaltung als anspruchsvolle archivarische Fach- und Führungsaufgabe weiterentwickelt wird. Den Weg dazu hat die Kultusministerkonferenz in ihrem Beschluss vom 16. Februar 1995 mit der Empfehlung gewiesen, Bestandserhaltung in der archivarischen Fachausbildung als prüfungsrelevantes Pflichtfach auszuweisen und entsprechende Veranstaltungen zur Anpassungsfortbildung anzubieten.

An erfolgversprechenden Ansätzen im Sinne einer lean preservation sei beispielhaft das deutsche Forschungsprojekt "Kaltlagerung" genannt, das optimale Klimabedingungen bei Lagerung und Nutzung von Archiv- und Bibliotheksgut bei möglichst kostengünstiger Klimatisierung anstrebt. Aber auch Verbesserungen in kleinen Schritten wie die Entwicklung sachgerechter und rationeller Verpackungsmethoden von Archivgut bei reduziertem Kostenaufwand durch koordinierte Beschaffungsaktionen einer größeren Zahl von Archiven könnte als Beispiel für lean preservation ebenso angeführt werden wie die Einbindung des Nutzers in die Schadensvermeidung und Schadenserfassung oder ein differenziertes Maßnahmenkonzept zur Behandlung von Schimmelschäden [11].

Wie die Präventivmaßnahmen müssen auch die konservierenden Maßnahmen an ihrer Wirkung und an ihrer Wirtschaftlichkeit gemessen werden. In erster Linie ist also die Frage zu stellen, ob und in welchem Maße sie einen Beitrag zu Zielerreichung leisten. Das Ziel besteht bekanntlich darin, die langfristige Zugänglichkeit von Kulturgut sicherzustellen. Die weitere Frage bezieht sich auf den Grad der Wirtschaftlichkeit.

Erhaltung und Zugänglichkeit von Kulturgut, preservation und access, stehen in enger Beziehung (nur was erhalten wird, ist zugänglich, nur die Zugänglichkeit rechtfertigt die Erhaltung). Erhaltung und Zugänglichkeit schließen sich aber auch gegenseitig aus: wenn Objekte bestmöglich erhalten werden sollen, dürfen sie nicht zugänglich sein, wenn Objekte optimal zugänglich sein sollen, können sie nicht erhalten werden. Konservierungsmaßnahmen oder Maßnahmen der Restaurierung dienen in erster Linie der Erhaltung der Originale und nicht der Zugänglichkeit. Denn aus fachlichen wie wirtschaftlichen Gründen wäre es nicht zu verantworten, aufwendig stabilisierte Objekte weiterhin in der Regelnutzung verbrauchen zu lassen.

Betrachtet man die rationellste Methode der Konservierung der vom Papierzerfall bedrohten Originalüberlieferung, die Massenentsäuerung unter dem Aspekt der Zielorientierung, so stellt man fest: Massenentsäuerung, in aller Regel bisher mit keinem nennenswerten Verfestigungseffekt verbunden, dient nicht der Zugänglichkeit, zumindest nicht bei bereits zurückgegangener Papierfestigkeit. Sie dient allenfalls der Verlängerung einer sich dem Ende zuneigenden Restlebenszeit eines Originals. Dieses Original aber muss zur Sicherung der nicht unbeträchtlichen Investitionen in seinen Lebenserhalt der Benutzung entzogen bleiben. Denn eine weitere Vorlage im Lesesaal oder die Herstellung von Kopien würde eine unvertretbare Gefährdung darstellen. Das Ziel der Zugänglichkeit lässt sich durch Massenentsäuerung allein nicht erreichen; die Zugänglichkeit wird nur gewährleistet, wenn Massenentsäuerung gleichzeitig mit Verfilmung verbunden wird [12]. Eine solche Schutzverfilmung dient der Erhaltung und der Zugänglichkeit gleichermaßen. Das gefährdete Objekt bleibt in aller Regel geschützt im Magazin. Die Nutzung und vor allem die Kopierung als beliebte Nutzungsform kann über Film erfolgen. Die Zugänglichkeit wird durch Verfilmung nicht nur gesichert, sondern zugleich verbessert. In einer Vielzahl von Fällen wird dann aber auch die Frage erlaubt sein, warum man in die Originalbehandlung noch investiert, wenn das Objekt verfilmt, und damit die langfristige Zugänglichkeit sichergestellt ist.

 

III. Konversion

Sowohl die Bund-Länder Arbeitsgruppe "Papierzerfall" als auch die Kultusministerkonferenz hat als Maßnahme höchster Priorität die Verfilmung von gefährdeten Beständen empfohlen. Die Konversion geschädigter oder vom endogenen Zerfall bedrohter Papiere auf den alterungsbeständigen Informationsträger Mikrofilm ist eine wirkungsvolle und wirtschaftliche Erhaltungsmaßnahme, die verschiedenen Zwecken zugleich dient. Als präventive Maßnahme trägt sie zum Schutz der gefährdeten Originale bei. In vielen Fällen kann aber auch die Substitution des Archivguts im Wege einer Ersatz- oder Erhaltungsverfilmung in Betracht kommen, wenn, auch hier wiederum, eine Art fachlicher Bewertung vorausgeht. Archivgut ist ja nicht nur Material, aber auch nicht nur Inhaltsinformation. In Abhängigkeit vom intrinsischen Wert von Archivgut, vom äußerlichen, formalen überlieferungsbedingten Erscheinungsbild wird die qualitativ hochwertige bildliche Übertragung auf einen alterungsbeständigen Informationsträger wie den Mikrofilm dem Charakter des Archivguts am ehesten gerecht.

Die bisherige eher emotional begründete Zurückhaltung der Archivare, sich mit dieser Frage ernstlich auseinander zusetzen, wird sicherlich mit Hilfe einer von der Deutschen Forschungsgemeinschaft in Auftrag gegebenen Untersuchung zum intrinsischen Wert von Archiv- und Bibliotheksgut und daraus abzuleitenden Entscheidungskriterien für Verfilmung oder Originalerhaltung aufgebrochen werden. Gegnern der Verfilmung muss klar sein: die Alternative zur Überlieferung auf Film ist eine Originalüberlieferung, die eines Tages mit Besen, Schaufel und Schubkarren aus dem Magazin transportiert werden muss, wie dies der badische Volksschriftsteller Heinrich Hansjakob bereits vor mehr als hundert Jahren vorausgesagt hat [13].

Die unproblematische, höchst genügsame, alterungsbeständige, wirtschaftliche und aufwärtskompatible Aufnahme- und Speicherform für Konversionen bleibt der Mikrofilm, und zwar für Archiv- und Bibliotheksgut der Rollfilm 35mm. Er ist nicht nur Ausgangspunkt für Nutzungsduplikate oder Umzeichnungen auf Mikrofiche, sondern auch hervorragend geeigneter Zwischenträger für die Herstellung digitalisierter Sekundärformen. Das analoge, dem menschlichen Auge unmittelbar zugängliche Medium Mikrofilm garantiert in einer Umgebung, in der nichts so schnell veraltet wie High-Tech-Systeme die Aufwärtskompatibilität. Die Möglichkeit, vom vorhandenen Film besonders rationell zu digitalisieren, die derzeit von einer durch den Unterausschuss Bestandserhaltung der Deutschen Forschungsgemeinschaft angeregten Arbeitsgruppe näher untersucht wird, sichert die Investitionen in die Verfilmung in alle Zukunft. Noch einmal, mit der digitalen Konversion kann man den Papierzerfall nicht überwinden, denn digitale Unterlagen sind, wie Jeff Rothenberg festgestellt hat, brüchiger als Papier [14], während die Alterungsbeständigkeit eines Polyesterfilms mit der von Pergament zu vergleichen ist.

Mit der wirtschaftlichen und zukunftssicheren Speicherform des Mikrofilms auf der sicheren Seite, sollen sich Archive aber auch der digitalen Welt nicht verschließen. Sekundäre Konversionen in digitalisierter Form können vollkommen neue Qualitäten der Zugänglichkeit bieten und damit neue Benutzerkreise ansprechen. Dies gilt aber unter zwei Voraussetzungen: erstens, digitale Zugriffs- und Nutzungsformen von Archivgut müssen mit zusätzlichem Personalaufwand auf dem Dokumentenlevel erschlossen werden, um tatsächlich für die neue Qualität eines automatischen Retrievals oder für Hypertext-Anwendungen zugänglich, sozusagen "clickable" zu sein. Die zweite Voraussetzung ist, dass sich der Nutzer nicht zu den digitalen Sekundärformen bemühen muss, sondern dass digitales Archivgut zum Nutzer kommt, d. h. über Netze wie Internet verbreitet werden kann.

Digitale Sekundärformen werden ein kurzatmiger Gag, ohne Wirkung bleiben, wenn ein System digitalen Zugriffs an der Tür des Archivs oder der Bibliothek endet. Ein Nutzer solcher Systeme würde sich wie in einem Schauspielhaus fühlen, in dem ihm statt des erwarteten Schauspiels ein Video vorgeführt wird. Das Video einer Schauspielaufführung akzeptiert man aber allenfalls zu hause, nicht aber im Theater.

Bewertung, Konservierung, Konversion. Niemand kann heutzutage behaupten, gegen den Papierzerfall sei kein Kraut gewachsen. In einer Zeit, in der wachsenden Aufgaben stagnierende oder abnehmende Ressourcen gegenüberstehen, darf sich keine Resignation einstellen. Auch auf die kleinen Schritte kommt es an. Hans Rütimann hat in einem Vortrag anlässlich der Eröffnung des baden-württembergischen Instituts für Erhaltung von Archiv- und Bibliotheksgut in Ludwigsburg im November letzten Jahres einen deutschen Bibliothekar mit der resignierenden Feststellung zum Papierzerfall zitiert "Man gewöhnt sich daran, genauso wie man sich an das Waldsterben gewöhnt hat" [15]. Diese Haltung verkennt jedoch, dass Aktenzerfall und Büchersterben eine völlig andere Qualität haben: denn im Gegensatz zum Wald wächst zerstörtes Kulturgut nicht nach.

 

 
Anmerkungen
[1] Angelika Menne-Haritz: Die Bestandserhaltung in der archivarischen Aus- und Fortbildung, in: Hartmut Weber (Hrsg.): Bestandserhaltung. Herausforderungen und Chancen, Stuttgart 1996 (im Druck) zum Text
[2] vgl. dazu Hartmut Weber: Der Archivar und die Technik im Archiv. Berufsbild und Konsequenzen für die Fachausbildung im Zeitalter von Papierzerfall und modernen Informationstechnologien, In: Der Archivar 47, 1994, Sp. 260f. zum Text
[3] Dazu ausführlich Bodo Uhl: Die Geschichte der Bewertungsdiskussion: Wann gab es neue Fragestellungen und warum? In: Andrea Wettmann (Hrsg.): Bilanz und Perspektiven archivischer Bewertung. Beiträge eines Archivwissenschaftlichen Kolloquiums, Marburg 1994, S. 11ff. zum Text
[4] Adolf Brennecke: Archivkunde. Ein Beitrag zur Geschichte und Theorie des Archivwesens, bearbeitet von Wolfgang Leesch, Leipzig 1953, S. 43 zum Text
[5] Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14.09.1993, S. 35 zum Text
[6] Angelika Menne-Haritz: Appraisal or Sellection. Can a Content Oriented Appraisal be Harmonized with the Principle of Provenance? in: Kerstin Abukhanfusa ans Jan Sydbeck (Hrsg.): The Principle of Provenance, Stockholm 1994, S. 109ff. zum Text
[7] Helen Forde: Selection for preservation, in: Janus, Jg. 1995, Heft 1, S. 30ff. zum Text
[8] Bodo Uhl: Der Wandel in der archivischen Bewertungsdiskussion, in: Der Archivar 43 (1990), Sp. 536 zum Text
[9] Wilfried Schöntag, Hermann Bannasch und Hartmut Weber: Perspektivplan für die Staatliche Archivverwaltung in Baden-Württemberg, Stuttgart 1979, S. 67f. zum Text
[10] Carl Haase: Kassation - eine Überlebensfrage für die Archive, in: Der Archivar 26 (1973), Sp. 397. zum Text
[11] Anna Haberditzl: Was tun mit schimmelbefallenen Archivalien und Büchern? Betrachtungen zum "Allheilmittel" Desinfektion, in: Hartmut Weber (Hrsg.): Bestandserhaltung. Herausforderungen und Chancen, Stuttgart 1996 (im Druck) zum Text
[12] Hartmut Weber: Die Verfilmung als Baustein im badenwürttembergischen Konzept der Bestandserhaltung, in: Werner Schwartz (Hrsg.): Bestandserhalt durch Konversion. Mikroverfilmung und alternative Technologien, Göttingen 1995, S. 31ff. zum Text
[13] Gregor Richter: Damit nicht "Registraturen mit dem Besen hinausgefegt werden müssen". Bemühungen um alterungsbeständiges Papier seit 150 Jahren, in: Hartmut Weber (Hrsg.): Bestandserhaltung in Archiven und Bibliotheken, Stuttgart 1992, S. 20 zum Text
[14] Jeff Rothenberg in Scinetific American, Jan 1995, zitiert nach Hans Rütimann: Ein Anwalt für bedrohte Bücher und Archivalien. Die weltweite Arbeit der Commission on Preservation and Access, in: Hartmut Weber (Hrsg.): Bestandserhaltung. Herausforderungen und Chancen, Stuttgart 1996 (im Druck) zum Text
[15] Hans Rütimann, a.a.O. zum Text

 

 
Zum Autor:
Prof. Dr. Hartmut Weber
Präsident des Bundesarchivs in Koblenz
Zum Artikel:
Dieser Beitrag wurde erstmals als Vortrag bei der Internationalen Konferenz "Choosing to Preserve" 1996 in Leipzig, organisiert von der "European Commission on Preservation and Access" (ECPA), vorgetragen.

Geschäftsstelle:
Universitäts- und Landesbibliothek Münster
Krummer Timpen 3-5, 48143 Münster
E-mail: office@forum-bestandserhaltung.de