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Rettung von Wissen und damit von Kultur durch den Einsatz von Ersatzmedien:
Reprint, Mikroverfilmung oder Digitalisierung
Ein Beitrag von Dr. Eberhard Mertens, Hildesheim

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Die Verlage Olms und Weidmann fühlen sich dieser Aufgabe schon seit längerer Zeit verpflichtet. Der Georg Olms Verlag als einer der ältesten und größten Reprint-Verlage in internationaler Hinsicht, der Verlag Weidmann als einer der ältesten geisteswissenschaftlichen Verlage: immerhin 1680 gegründet und dann über viele Jahrzehnte hier in Leipzig zu Hause.

Wie Sie aus meinem Thema ersehen, bemühen wir uns schon seit vielen Jahren um diese Ersatzmedien, und zwar unabhängig voneinander: durch fotomechanischen Nachdruck, also den Reprint, durch umfangreiche Mikroverfilmungseditionen und neuerdings auch durch die Digitalisierung bedeutender Kulturquellen. Das bedeutet, daß wir auch schon lange in Korrespondenz mit den bedeutenden Bibliotheken und mit den Bibliotheksorganisationen in Deutschland und darüber hinaus in Europa stehen, die ihrerseits auch seit vielen Jahren die Problematik der Bestandserhaltung analysieren und zu lösen versuchen.

In der jüngsten Erklärung der Bundesvereinigung deutscher Bibliotheksverbände heißt es: "Auch auf längere Sicht werden Printmedien eine wesentliche Rolle spielen. Aufgabe ist daher, die hybride Bibliothek zu organisieren. Das trägt dazu bei, die bisherigen Investitionen in den Bibliotheken weiter zu nutzen. Auch die gedruckten Medien müssen erhalten und besser zugänglich gemacht werden, um die enthaltenen Informationen für die Zukunft zu bewahren." Das sind auch die Prämissen, die wir bei unserer Editionsplanung in den Verlagen Olms und Weidmann zum Ziel gesetzt haben. Dieter E. Zimmer hat dieses auch in seiner aufsehenerregenden Studie "Die Bibliothek der Zukunft. Text und Schrift in den Zeiten des Internets" uns gegenüber attestiert. Ich zitiere: "Nachdrucke viel benutzter historischer Standardwerke sind natürlich nichts Neues. Es gibt Verlage (in Deutschland vor allem Olms in Hildesheim), die jahrzehntelang darauf spezialisiert sind."

Ausgehend von einer sehr breiten Produktion und Edition von Reprintwerken bedeutender Standardwerke zur Geistesgeschichte in den verschiedenen Fachbereichen entwickelte sich dann in den 70er Jahren das Programm Olms Mikroform. Als ich diese Konzeption erarbeitete, habe ich lange gezögert, ob der Rollfilm oder der Mikrofiche das zukunftsweisende Medium sein würde.
Die Entscheidung für den Mikroplanfilm / die Mikrofiches war dann die richtige und hat dieses Programm auch zu einem Erfolg werden lassen. Der Mikrofiche hat, wie Sie alle wissen, den Vorzug der mit unbewaffnetem Auge zu lesenden Suchkriterien in den Kopfzeilen, verbunden mit dem darunter verfilmten Volltext. Die Gestaltung dieses Programms Olms Mikroform war stets ebenfalls von zwei Prämissen geleitet: einmal natürlich vom wissenschaftlichen Halbwert und darüber hinaus vom Aspekt der Gefährdung der Originale. Das Gefährdungsprinzip war vor allem maßgebend bei der Verfilmung der Dokumentation zum deutschen Parlamentarismus: Protokolle der deutschen Bundesversammlung, die Stenographischen Berichte der deutschen konstituierenden Nationalversammlung in Frankfurt, und vor allem die umfangreichen Stenographischen Berichte über die Verhandlungen des Deutschen Reichstages von 1867 bis 1933. Das gleiche gilt für die entsprechenden Protokolle des Österreichischen Reichsrates, des Herrenhauses, wie auch der Abgeordnetenversammlung, und später dann des Österreichischen Nationalrates und des Bundesrates.

Erwähnen möchte ich auch die zahlreichen Katalogverfilmungen in ganz Europa, von Kopenhagen bis Bern. Auch hier ist aufgrund des Trägermaterials bei den Katalogen schon oft eine Gefährdung angezeigt gewesen. Das Ersatzmedium, der Mikrofiche, macht auch diese Kataloge heute wieder benutzbar und vor allem auch kopierbar.
Das Stichwort "kopierbar" möchte ich hier noch einmal herausstellen. Das heißt, daß wir auch mit den Mikroverfilmungen bzw. Mikrofiches wieder ein Kopiermedium schaffen, da die Originalbände durch wiederholten Kopieren oft sehr stark in ihrem buchbinderischen Bestand gefährdet sind. Das gilt als Beispiel für die Göttingischen Gelehrten-Anzeigen, die wir nun in Gänze auch verfilmt vorgelegt haben bzw. vorlegen werden, von 1739 bis 1892. Dieses wichtige Referate-Organ mit unwahrscheinlich vielen Besprechungen ist ein beliebtes Opfer der studentischen Kopierwut.
Zum Teil gefährdet, aber nun wieder im Bestand benutzbar, sind über 600 Zeitschriften in Mikroedition des Programms Zeitschriften des 18. und 19. Jahrhunderts, die ich hier nur am Rande erwähnen will. Ein Rezensent hat dieses Unternehmen als "editorische Großtat der letzten Jahrzehnte" bezeichnet.
Wichtige Primärquellen werden durch eine Verfilmung der Amtsblätter der Königlichen Regierungen von Königsberg im Osten bis Stettin, Stralsund und Frankfurt/Oder gerettet. Im wesentlichen deckt also diese Verfilmung, die durch die Staatsbibliothek, Preußischer Kulturbesitz in Berlin durchgeführt wird, die ehemaligen Ostgebiete ab.
Wir haben die Verbreitung und den Vertrieb übernommen. Alle unsere Mikroeditionen, die ich hier nur bruchstückhaft habe aufführen können, werden in zwei Kopievarianten geboten, einmal die Diazo-Kopie als Fiche für die tägliche und häufige Benutzung, und die etwas teuere Silber-Kopie für die Langzeitarchivierung und die schonende Benutzung.
Auch der Generaldirektor Dr. Hermann Leskien geht in seiner Analyse, die unter dem Titel "Bestandserhaltung, Archivierung und Aussonderung als Managementaufgabe" im Berichtsband des 98. Deutschen Bibliothekar-Tages in Freiburg 1999 erschienen ist, davon aus, daß die Mikroform im Augenblick die preiswerteste und günstigste Sekundärform darstellt. Er geht bei seiner Preisfestsetzung von einem Standardbuch mit 300 Seiten zu je 4.000 Zeichen aus: danach kostet die Sekundärform in Mikroform 121,-- DM, die Papierkopie 161,-- DM, das Image-Scanning 511,-- DM und die Volltextkonservation 3.900,-- DM. Diese Volltextkonservation ist natürlich nur möglich, wenn es sich um maschinenlesbare Daten handelt, und bei der so häufigen Frakturtype des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts läßt sich diese Version überhaupt nicht realisieren.
Auch Dieter E. Zimmer bescheinigt dem Mikrofilm auf Polyesterbasis mit Silberhalogenid-Beschichtung bei rücksichtsvoller Lagerung eine Haltbarkeit von 500 bis 1000 Jahren. Das ist eine Haltbarkeit, wie wir sie eigentlich nur beim Pergament kennen. Hoffen wir also, daß auch in 1000 Jahren diese Mikroeditionen noch benutzt werden können, so wie wir heute als Historiker die Ottonen-Urkunden lesen und auswerten können; in Magdeburg sind ja derzeit Teile davon ausgestellt.

Auch in dem dritten Bereich, den ich bereits im Titel nannte, in der Digitalisierung, haben wir uns bereits versucht und eingearbeitet. Immerhin hat unser Verlag 1988 in Deutschland die erste wissenschaftliche CD-ROM, nämlich den Katalog der Universität Bielefeld, vorgelegt.
CD-ROM wurde auch im Bereich des retrospektiven, bestandserhaltenden Edierens älterer Texte als digitale Dimension eingesetzt. Diese ist bei der Erzeugung, der Verbreitung, der Verwaltung der Informationen, wie aber auch beim Zugriff sehr verschieden vom Reprint und den Mikrofiches, die im Ganzen ja als Printmedien zu bezeichnen sind. Bei der CD-ROM-Edition wurden zunächst die Zeitschriften des 18. und 19. Jahrhunderts gescannt, da nur das Seitenimage bei Frakturschrift digital zu erfassen ist. Verbunden mit einem unabhängig davon produzierten Index, der durch Autopsie der Originalzeitschriften erstellt worden ist. So ist quasi eine simulierte Volltextrecherche möglich.

Dieser Programmteil unseres Hauses nennt sich Die digitale Bibliothek und ist im Moment in kleineren Segmenten im Erscheinen begriffen. Es werden nur thematisch besonders abgeschlossene Zeitschrifteneditionen des genannten Zeitraums auf CD-ROM vorgelegt.
Eine eventuelle Verbreitung im Internet ist ebenfalls vorgesehen. Voraussetzung ist aber, daß die Abrechnungsmethoden abgesichert und für den Verbreiter auch kostendeckend sind. Wir versagen uns hier keineswegs diesem neuen Weg, sind uns aber seiner derzeitigen Problematik durchaus bewußt.

Kehren wir noch einmal zu der Kernkompetenz der Verlage Olms und Weidmann zurück, zum Nachdruck, zum Reprint, zum Buch. Mit dem Zentrum für Bucherhaltung hier in Leipzig entwickelten wir das Projekt Preservation Reprint; das erste große Vorhaben ist die Schaffung von Zweitbenutzungsexemplaren für hoch gefährdete Originale, die aufgrund bestimmter Vorgegebenheiten auch in der Ersatzform des Papiers und des Buches wieder vorgelegt werden sollten. Dieses gilt vor allem für größere Serien, in denen die physische Gefährdung des Originals nur teilweise zu konstatieren ist. Ich nenne hier ein besonderes Projekt, nämlich die Stenographischen Berichte der Verhandlungen des Hauses der Abgeordneten des Preußischen Landtages. Überraschenderweise sind gerade in diesem Fall von den über 300 Protokollbän-den genau 160 gefährdet, in einer eigenartig regelmäßigen Folge jeder zweite Band. Hier ist es natürlich angezeigt, nicht alle 300 Exemplare wieder vorzulegen, sondern genau die auf dem holzhaltigen und chlorgebleichten Papier in einem speziellen Nachdruckverfahren die Benutzungskopien zu erstellen. Diese Preservation Reprints werden in einem neuen Druckverfahren hergestellt, das den Bibliotheken höchste Langlebigkeit garantiert. Das Druckbild und die verwendeten Materialien sind in jahrelangen Tests durch künstliche Alterung geprüft worden. Es ist bei normalen Archivbedingungen von einer Haltbarkeit von über 500 Jahren auszugehen. Eine ISO-Norm soll diesen Standard künftig für die Anwendung dokumentieren. Von diesem Großprojekt sind die ersten Bände ausgeliefert und stehen den Bibliotheken zur Verfügung. Die Ersatzexemplare sind mit den Originalbänden benutzbar.

Auch das weitere Verlagsprogramm "Historia Scientiarum" hat sich zur Aufgabe gemacht, wichtige Wissenschaftswerke des 18. und 19. Jahrhunderts durch Faksimile- bzw. Nachdrucke wieder zugänglich zu machen. Hier treten an die Stelle der gefährdeten Bände die neuen Benutzungsexemplare.

Darüber hinaus reift im Verlag eine weitere Edition zur Erhaltung des Informationsgutes unter dem Titel Bewahrte Kultur. Hier wird mit Abstimmung der entsprechenden Fachgelehrten und den Bibliotheken, die die geschädigten Bände melden, ein gemeinsames Programm erarbeitet. Der Verlag kann natürlich dieses nicht ohne eine öffentliche Förderung allein tragen und sieht hier einer entsprechenden Unterstützung entgegen. Eine Förderung ist durch die Kulturstiftung der Länder signalisiert.
Angesichts des großen Umfangs der Schädigung in den Bibliotheken sind dieses nur Ansätze, aber, wie ich hoffe dargestellt zu haben, auch realistische Beiträge zur Bestandserhaltung und Bestandspflege. Wir werden uns diesem wichtigen Bereich verlegerisch weiter verstärkt widmen.

 

 

Zum Autor:
Dr. Eberhard Mertens
Verlagsdirektor des Georg Olms Verlages in Hildesheim
Zum Artikel:
Dieser Beitrag wurde erstmals anläßlich der "Scripta 2001"-Tagung in Leipzig im Oktober 2001 vorgetragen.
Stand: Oktober 2001
Geschäftsstelle:
Universitäts- und Landesbibliothek Münster
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