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Sechs Thesen die zu einer Umorientierung in der Politik der Bestandserhaltung führen sollten
Ein Beitrag von Dr. Helmut Bansa, München

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Wer lange in der Praxis der Bestandserhaltung, das heißt in ihrem täglichen Geschäft tätig war, dem fallen an der derzeitigen Aktivität für sie auf der Management- und der politischen Ebene einige Aspekte auf, von denen zu fürchten ist, daß sie längerfristig zu einer Fehlentwicklung führen. Diese Aspekte lassen sich, in der Form einprägsamer Thesen, folgendermaßen beschreiben:
 

Es trifft nicht zu, daß Papier, benutzt als Datenträger in Archiv und Bibliothek, "zu Staub zerfällt".

Papier, das im sauren Bereich unter Zusatz von Aluminiumsulfat oder sogar Schwefelsäure hergestellt wurde, was eine Zeitlang in der Papierindustrie üblich war, zerfällt nicht; es wird vielmehr brüchig. Auch im finalen Abbauzustand ist es noch ein Blatt. Man kann es bewegen, man kann es kopieren, man kann die auf ihm enthaltene Information scannen - freilich nur unter besonderer Vorsicht und mit größerem Aufwand an Zeit.
 

Es lagern in den Magazinen der Bibliotheken unzählige Bücher und andere Objekte, die nie benutzt werden.

Angesichts der Masse ist eine pauschale, generelle und noch dazu rasche Behandlung zur Entsäuerung aller von der säurekatalysierten Hydrolyse der Cellulose betroffenen Bücher unmöglich. Rasch sollte die Behandlung deshalb sein, weil mit jedem Tag der Verfall weiter fortschreitet und weil frühzeitige Behandlung das Papier vielleicht noch in einem Zustand erreicht, in dem es direkt und ohne weitere Maßnahme benutzt werden kann. Potentiell betroffen ist fast die gesamte Buchproduktion einer bestimmten Epoche, der Epoche zwischen - nun ja, etwa der Mitte des 19. und - auch das Ende ist nicht genau zu beschreiben - dem letzten Viertel des 20. Jahrhunderts. Alles zu entsäuern ist wie gesagt nicht möglich, noch viel weniger alle Bücher zu restaurieren oder zu kopieren, die für den normalen Bibliotheksbetrieb bereits unbrauchbar geworden sind. Nach den beiden obigen Thesen ist es auch nicht nötig.
 

In unserer Zeit der exzessiven Erzeugung und Verbreitung von Informationen in Schrift und Bild ist jede Information vielfach und in vielfacher Gestalt vorhanden. Geht die eine verloren, sind immer noch vielfach andere da.

Das Wissen der Welt geht nicht verloren durch die säurekatalysierten Hydrolyse der Cellulose. Es wird vielmehr der Betrieb in der Bibliothek erheblich gestört. Angesichts der apokalyptischen Vision vom Verlorenen Weltwissen muß man sogar einräumen: es wird "nur" der Betrieb in der Bibliothek gestört. Es gilt nicht, mit gewaltigem Aufwand in großangelegten Aktionen die Welt zu retten, sondern es gilt ein Umdenken, Umorientieren und Umorganisieren der täglichen Arbeit in der Bibliothek.
 

Die Bedingungen der Behandlung und Aufbewahrung der Bücher haben für ihre langfristige Erhaltung die gleiche Bedeutung wie die Bedingungen ihrer Herstellung.

Für biologische Schäden, konkret: für Schäden durch Schimmel, die in Berichten und Anträgen zur Bestandserhaltung mit den chemischen Schäden oft in einem Atemzug genannt werden, gilt sogar, daß sie ausschließlich und vollständig durch die Schaffung geeigneter Lagerbedingungen zu bekämpfen sind, verbunden mit einer mühsamen Reinigung. Auch die säurekatalysierte Hydrolyse läuft entschieden, vielleicht entscheidend langsamer bei kühler Lagerung ab als in einem geheizten Magazin. Und ein brüchiges Blatt bricht nur, wenn es entsprechend hart behandelt wird.
 

Jede konservatorische Behandlung eines Buches bedeutet eine Veränderung seiner materiellen Gestalt, und je stärker diese Behandlung mechanisierte Abläufe beinhaltet, desto stärker ist die Veränderung.

Diese These gilt dem "seltenen und wertvollen Buch", wobei zu betonen ist, daß die Charakterisierung als "selten und wertvoll" potentiell auf jedes Buch zutreffen kann. Wenn man den eingeführten Begriff - abgeleitet vom Englischen "Rare and Precious Book" - näher und zutreffender beschreiben will, kann man vielleicht sagen: es geht um Bücher, die in ihrer überlieferten materiellen Form für die Zeit und für die Umstände zeugen, in denen sie entstanden sind. Dem haftet ein Hauch von Reliquienkult an. Zu dem soll man sich durchaus bekennen: kulturgeschichtliche Erscheinungen, die wir hauptsächlich in der Übertreibung und Entartung einer bestimmten Epoche kennen und belächeln, sind in Eigenschaften und Bedürfnissen des Menschen verwurzelt und haben damit immer auch ihre Berechtigung.
 

Zur Wahrnehmung der bibliothekarischen Aufgabe Bestandserhaltung gehören Kenntnisse, Fähigkeiten und eine Mentalität, die sich vielfach von denen unterscheiden, die zur Wahrnehmung herkömmlicher bibliothekarischer Aufgaben und herkömmlichen bibliothekarischen Managements nötig sind.

Jedes Buch potentiell ein seltenes und wertvolles, aber welche wenigen aus der unübersehbaren Masse tatsächlich, im spezifischen Kontext der eigenen Bibliothek? Jede konservatorische Behandlung eine Veränderung der materiellen Gestalt: welche darf man in einem bestimmten einzelnen Fall in Kauf nehmen, welche muß man vermeiden, auch dies zu beurteilen im spezifischen Kontext einer bestimmten Bibliothek?. Welcher Servicepartner führt die in einem bestimmten einzelnen Fall anzuwenden Maßnahmen am besten durch? Sind diese Maßnahmen in einem bestimmten einzelnen Fall optimal durchgeführt worden oder muß um Nachbesserung, muß eventuell um Änderung der Behandlungstechnik ersucht werden? Das sind Fragen, die sich täglich denen stellen, die die Aufgabe der Bestandserhaltung auf Seiten der Bibliothek als Partner der technischen Seite wahrnehmen. Hierfür kann die Bibliotheksausbildung nicht vorbereiten; hierzu ist eine konservatorisch-restauratorische erforderlich. Sie allein ist aber ebensowenig ausreichend: es ist eine Kooperation, ein echtes Zusammenwirken dieser beiden Seiten erforderlich.

Dies zu erreichen, im Rahmen einer durchgreifenden Umorientierung und Änderung der Art und Weise, das konservatorische Problem zu betrachten und anzugehen, es als ein Problem primär der zu ändernden Mentalität und erst dann der zu beschaffenden Mittel anzusehen: das ist der Zweck dieser Sechs Thesen.

 

Zum Autor:
Dr. Helmut Bansa, Herausgeber der Zeitschrift RESTAURATOR, ehemaliger Leiter des IBR (Institut für Handschriften- und Buchrestaurierung) und der Staatlichen Fachakademie zur Ausbildung von Restauratoren in München, langjähriges Mitglied der DBI-Kommission für Bestandserhaltung.
E-mail: Bansa-hul@arcor.de
Zum Artikel:
Stand: April 2004
Geschäftsstelle:
Universitäts- und Landesbibliothek Münster
Krummer Timpen 3-5, 48143 Münster
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